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Textdaten
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Autor: Hermann Schults
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Titel: Der erste Stich in’s Herz
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 29, S. 472
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[472]
Der erste Stich in’s Herz.

Es hat gar oft ein ernst Gesicht
Gewiesen mir schon früh das Leben:
Ich käm’ so bald zu Ende nicht,
Wollt’ ich davon Bericht euch geben.
Gar oft um mich stieg hoch die Fluth;
Gar oft umfing mich Nacht und Grauen,
Doch blieb, gottlob, mir frischer Muth
Trotz alledem und Gottvertrauen.

Jedoch zur Sache! – Laßt euch nur
Erzählen heut, wie mir’s im Leben
Durch’s Herz zum ersten Male fuhr,
Wie’s mir den ersten Stich gegeben.
Mag Mancher drum sentimental
Mich schelten: sei’s! – Ich fühl’ die Wunde
Noch heut nach Jahren jedes Mal,
Wenn ich gedenk’ an jene Stunde. –

Der Vater war seit Jahren todt,[1]
Und wiederum war nun gekommen
In unser Haus des Todes Noth
Und hat die Mutter mitgenommen.
Uns Kindern ließ ein neues Glück
In neuem Heim die Liebe finden –
Der alte Hausrath Stück für Stück,
Der ging, verkauft, nach allen Winden.

Den Bücherhaufen unterm Arm,
Grad’ aus der Schule kam ich eben.
Vor unserm Haus ein Menschenschwarm –
Was geht da vor? Was hat’s gegeben?
Ei ja, Verkauf sollt’ heute sein!
Mir war’s um’s Herz so weh und eigen,
Und doch zog mich’s mit Macht hinein;
Ich will hinan die Treppe steigen.

Da plötzlich steh’ ich wie gebannt;
Ein Weib tritt eben aus der Thüre
Mit unserm Schlitten in der Hand –
Mir war’s, als ob der Schlag mich rühre.
Mit unserm Schlitten! (Heute noch
Seh’ ich ihn nach so vielen Jahren.)
Was scheert das Weib der Schlitten doch?
Just der, drauf wir so oft gefahren?

Vor den – das Schwesterlein darauf –
Ich mit dem Bruder oft mich spannte:
Hei! wie dahin in raschem Lauf
Das Paar der muth’gen Renner rannte!
Mit dem wir in den tiefen Schnee
Gepurzelt oft und umgeschlagen;
Den einmal gar beinah – o weh! –
Uns ein Gensd’arm davongetragen!

Den Schlitten kannt’ ich zu genau,
Er war es, unser grüner Schlitten –
Nun trug ihn fort die fremde Frau – –
Wie das mir durch das Herz geschnitten!
Wie das die Brust mir eingepreßt! –
Sie haben später mich gefunden
Hinstarrend nach der Ecke fest,
Wo Schlitten längst und Frau verschwunden.

Dann ging ich – doch in’s Haus hinein,
In’s alte, bin ich nicht gegangen.
Im neuen Heim, wo Sonnenschein
Der warmen Liebe mich umfangen,
Vergaß ich allgemach den Schmerz,
Doch sah den Schlitten ich im Traume. –
Das war – wer lächelt? – für mein Herz
Der erste Stich. Ein Reif im März
Auf meines Lebens jungem Baume.

Hermann Schults.

  1. Der bekannte Wupperthaler Dichter Adolf Schults (vergl. „Gartenlaube“ 1858, Nr. 34).
    D. Red.