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Textdaten
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Autor: unbekannt
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Titel: Der einäugige Erzengel der Cultur
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 3, S. 40-42
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[42]
Der einäugige Erzengel der Cultur.
Deutsches Industriebild.

„Es ist schwerer, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr gehe, als daß ein Reicher in’s Himmelreich komme,“ heißt es schon in der Bibel, im neuen Testamente. Demnach hat es schon vor zwei Jahrtausenden Nadeln gegeben. Da aber schon Adam und Eva, nachdem sie in den verbotenen Apfel gebissen, es etwas kühl im Paradiese fanden und das Eva-Costüm zu leicht, so daß sie sich Kleider machten, sind wahrscheinlich auch schon die ersten Menschen die ersten Nadler geworden. Ich vermuthe, daß Eva, welcher jedenfalls die meiste Arbeit bei Anschaffung der ersten Kleider zufiel, auch die ersten Nadeln erfand. Ihre Nadel mag freilich weder eine englische, noch eine Aachener gewesen sein. In der That ist die Nähnadel, obgleich unstreitig eines der ersten und unentbehrlichsten Werkzeuge in Menschenhand, dennoch als vollkommener Fabrikationsartikel einer der neuesten. Bis vor etwa fünfzig Jahren wurden die Nähnadeln mühselig und theuer und verhältnißmäßig unvollkommen vom Handwerker, vom zunftmäßigen Nadler, gemacht. Erst seit jener Zeit bemächtigte sich allmählich das zauberhafte Rad der Maschine und die allmächtige Triebkraft des Dampfes dieses kleinen, glatten, spitzigen, einäugigen Erzengels aller Cultur.

Die Fortschrittsbahnen der Menschheit sind spärlich mit Rosen, sehr zahlreich mit zerbrochenen und zerschossenen Waffen und Menschengliedern, am dichtesten aber mit zerbrochenen Näh- und verbogenen oder kopflosen Stecknadeln bestreut. Je mehr von letzteren Helden fallen, desto steigender und rascher die Civilisation. Sie fallen meist blos als Opfer ihrer Dienste, obgleich auch viele von Busen und Aermeln der manchmal dicht damit besteckten [43] Frauen und Töchter im Hause verloren gehen; aber als Regel kann man annehmen, daß nicht sowohl die Consumtion der Seife, wie Pückler-Muskau sagte, als vielmehr der Verbrauch der Näh- und Stecknadeln (wie überhaupt der Metalle zu productiven, nicht militärischen, Werkzeugen) den Culturmesser oder, um ein neues Wort dafür zu riskiren, „Civilisationometer“ eines Volkes abgiebt. Leider schließen die Statistiker, wahrscheinlich aus Furcht vor den ungeheueren Zahlen, die sich mit den Nadeln selbst in’s Maßlose und Unendliche verlieren, den Nadelverbrauch von ihren Tabellen aus, so daß man bis jetzt kein Volk mit dieser meiner Culturelle messen kann.

Daß ein so unentbehrlicher und täglich gebrauchter Artikel, wie die Nähnadel, überall in civilisirten Ländern fabricirt wird, versteht sich von selbst. Die Haupterzeugungsorte sind aber England und Deutschland geworden und geblieben. Jede Frau weisß daß die besten Nähnadeln aus Aachen oder aus Redditch in England kommen, nur daß die meisten noch sich beim Einkauf von dem Aberglauben bestimmen lassen, wirklich gute Nadeln könnten nur in einer englischen Etikette stecken. Dies ist einer von den vielen industriellen Irrthümern, durch welche sich Deutschland nicht nur selbst entwürdigt, sondern auch materiell um unendliche Summen Geldes selbst betrügt, insofern, nach Goethe, Niemand betrogen wird, sondern Jeder dies selbst besorgt, um mit diesen Opfern die Molochs der Unwissenheit oder des Vorurtheils zu mästen, Ungeheuer, die mehr kosten, als die Erziehung zweier Kinder in jeder Familie, wo sie eben herrschen.

Im Allgemeinen kann man nach dem Urtheil Sachverständiger annehmen, daß trotz der neueren Nadelfabriken in Frankreich, Oesterreich, Belgien, Rußland und in Deutschland zu Iserlohn, Altena, Schwabach, Nürnberg u. s. w. doch ziemlich neun Zehntel aller Nadeln aus den Fabriken Aachens und Englands bezogen werden. Der deutsche Irrthum liegt hier besonders in dem Wahne, daß englische Nadeln doch immer noch besser seien, als Aachener, während es längst eine ausgemachte Sache ist, daß Aachen gleich gute Nadeln zu viel niedrigeren Preisen liefert, als England, so daß es die Concurrenz des letzteren in fast allen Welttheilen viel weiter überwunden hat, als just im Vaterlande, wo einheimische Nadeln noch immer das Schicksal einheimischer Propheten haben.

Und wenn’s Nadeln allein wären! Das kostspielige Vorurtheil herrscht in Deutschland durch eine ganze Menge von Verbrauchs- und Luxusartikeln mit einer Macht und Hartnäckigkeit, daß einheimische Artikel entweder mit einer ausländischen, besonders englischen, Firma und Etikette versehen oder thatsächlich erst in’s Ausland geschickt werden, um sich, durch doppelte Fracht und Zoll und Veranschlagung des Vorurtheils doppelt vertheuert, als ausländische Waare importiren zu lassen. Letzteres geschieht seit längerer Zeit mit Aachener Nadeln, so daß man sie als englische mindestens doppelt so theuer bezahlt, wie dieselbe Nummer, dieselbe Qualität, genau die Zwillingsschwester, als Aachener. In England werden jetzt jährlich Hunderttausende von Groß Faber-Bleistifte (Groß = zwölf Dutzend) ohne irgend eine Signatur eingeführt, dort mit dem Zeichen einer englischen Firma gestempelt, und als englische in England für den drei- bis fünffachen Preis verkauft, weil man im national-eiteln England glaubt, englische Waare sei besser, als ausländische. Dieselben englisirten Faber-Bleistifte müssen aber auch dem deutschen Vorurtheil dienen und werden hier das Stück zu fünf Silbergroschen verkauft, während genau derselbe Bleistift als ehrlicher Faber überall für einen Silbergroschen zu haben ist.

Doch bleiben wir bei den Nadeln. Die Vorzüge der Aachener und anderen deutschen Nadeln beruhen auf ganz bestimmten Vervollkommnungen in der ziemlich umständlichen und verwickelten Fabrikation. So einfach die Nadel aussieht, muß sie doch durch eine Menge Processe und Fegfeuer hindurch, von denen wir kaum eine Vorstellung haben. Etwas davon wird uns bei Schildernung der neueren Vervollkommnungen klar werden. Die Nadeln sind ursprünglich Stückchen Draht (meist von Gußstahl). Dieser wird zuerst in schweren Ringen gewunden, dann gerade gerichtet und geschnitten. Letzteres geschah, wie jetzt noch in England, mit Richtkandeln, Richthaspeln und Handscheeren, also mit der Hand. Diese wird jetzt in Aachen (und in andern Fabriken Deutschlands) durch eine einfache, praktische Richt- und Schneidemaschine ersetzt und wohl fünffach übertroffen. Die Maschine arbeitet mehr als vier Handscheeren, zu denen vier Hände gehörten. Außerdem kann ein einziger Arbeiter gleichzeitig drei Schneide- und Richtmaschinen bedienen, die alle selbst arbeiten, und zwar mit mathematischer Genauigkeit, welche von der menschlichen Hand nicht erreicht wird.

Die geschnittenen Drahtstückchen (Schaften) werden im Feuer gerichtet, d. h. zu je Tausenden in je zwei Eisenringe gespannt, geglüht und unter schweren Gewichten so lange gerollt, bis sie durch gegenseitige Reibung und Pressung alle schnurgerade geworden sind.

Nun kommen die Schaften in die zweite deutsche Erfindung für diese Fabrikation, in die Schleifmaschine, die außer bedeutender Ersparung von Menschenarbeit noch den großen gesundheitlichen Vortheil hat, daß sie den furchtbaren Schleifstaub nur je einem Arbeiter in weit geringerer Gefahr etwas nahe bringt, wo früher vier Arbeiter mitten darin sitzen mussten. Ein einziger Mann beaufsichtigt jetzt drei bis vier Schleifmaschinen, die er also nicht immer dicht vor Augen und Nase zu haben braucht, während früher Menschenhände die Arbeit der Maschine verrichten mußten.

Aus dieser Maschine gebhn aus beiden Seiten spitzgeschliffene Schaften hervor, jeder von doppelter Länge der künftigen Nadel. Diese Schaften werden nun in der Stampfmaschine geprägt. Dieselbe preßt ihnen Buchstaben, Firma, Zeichen, besonders aber die Furche oder Fohre ein, innerhalb welcher hernach das Auge oder Ohr (Oehr) eingestochen werden soll, und verdünnt zugleich den Punkt für diese Durchstechung, wodurch letztere Operation sehr erleichtert wird. Nun wird den blinden Nadeln vermittelst der Stechmaschine (von unten nach oben durchgetriebenen Stiften) der Staar gestochen. Sie haben damit Augen, aber noch uncultivirte, die noch einer sorgfältigen Feile und Abrundung bedürfen. Erst aber müssen die durch Prägen entstandenen Rauhheiten vermittelst der ebenfalls deutschen Erfinding der Feilmaschine beseitigt werden. Diese ist noch ziemlich neu und noch das Eigenthum weniger Fabriken. Sie thut mit mehreren hundert Nadeln auf einmal und rasch und leicht, was ohne sie Menschenhände langsam, zeitraubend und ungenauer besorgen. Die Maschine besteht wesentlich aus einer Zange und einem dampfgetriebenen Schleifsteine, über welchen die in die Zange gespannte große Menge Nadeln nur eben leicht hinstreicht, um sich von ihren Rauhheiten befreien zu lassen.

Bisher sind die so behandelten Schaften noch Doppelnadeln, an ihren stumpfen Seiten zusammenhängend, aber an der zu durchbrechenden Stelle beim Stampfen schon eingedünnt, so daß sie sich leicht mit der Hand jede in zwei gleiche Nadeln zerbrechen lassen. Die Rauhheiten des Bruches werden durch Handfeilen geglättet und gerundet. Jetzt gilt es, die noch weichen Stahlstückchen zu härten. Dies geschieht in einem Härtekasten über einem ruhigen Feuer, wo sie bis zu einem gewissen Grade geglüht und dann rasch in Oel oder Thran abgekühlt werden. Um sie nun auch elastisch zu machen (die wesentliche gute Eigenschaft), werden sie meist in Thran gesotten. Nach so vielen Fegfeuern der Stoffveredelung haben wir immer noch eine völlig unbrauchbare, rauhe, schmutzige Nadel, die noch einer gründlichen Wäsche und Politur bedarf. So wichtig und zeitraubend dies ist, muß sie doch diesen Läuterungsproceß nach dem Grundsatze: „eine Hand wäscht die andere“, wesentlich selbst collegialisch besorgen und zwar in sogenannten Scheuermaschinen. Man bindet zu diesem Zweck je mehrere hunderttausend Stück zusammen, schichtet sie zwischen kleinen Kieselsteinen, Schmirgel, Oel, Seife u. s. w. auf bankartigen Maschinen über und neben einander und rollt sie zwischen schweren Platten ununterbrochen in kurzen Bewegungen nach vor- und rückwärts. Dies dauert in der Regel mindestens acht Tage, indem man mit jedem Morgen die Bündel öffnet, die Nadelmassen in Seifenlauge von allem losgescheuerten Schmutz reinigt, sie wieder zu neuen Bündeln vereinigt und die Operationen mit immer feiner werdendem Putzmaterial wiederholt, bis sie glänzend und glatt aus dieser langen, gründlichen Wäsche hervorgehen. Die Nadeln sind dann endlich fertig. Gute und feine Sorten werden aber auch dann noch vielfach verfeinert und verbessert; namentlich wird auch der sogenannte Kopf auf einem zarten Schleifsteine abgeglättet, das Auge glatt ausgerundet und die ganze Politur auf ledernen, mit Polirstoff bestrichenen Spindeln vollendet, resp. gebläut. Noch bessere Sorten werden wohl auch um die Köpfe herum elektrisch vergoldet, oder durch leichtes Umglühen bronzirt, wobei die Grube unter dem Auge eine hübsche, tiefblaue Färbung annimmt.

Da nun aber jeder Handelsartikel, besonders für Damen, billiger Weise in ein lockendes Kaufgewand gekleidet werden muß, [44] ist schließlich noch die ziemlich mühselige Arbeit der Verpackung und Etikettirung nöthig. Gelenkige Finger nehmen blitzschnell je fünf Nadeln auf die Zählbreter, von wo sie in die „Briefe“ fallen, die mit bestimmten Mengen gefüllt nun ebenso gelenkig und flink gefaltet werden. Die Briefe bedürfen dann der Adresse und Etikette, deren oft drei auf einen einzigen Brief geklebt werden. Hierauf müssen die sorgfältig getrockneten Briefe in buntfarbige Umschläge verschönernd eingemantelt und noch einzeln und mit mehreren andern in größere Pakete gebunden werden, um sie endlich in alle Welt zu senden und in Millionen größeren und kleineren Läden überall in der Welt zu allen möglichen Preisen und Größen der nähenden, stickenden, flickenden, ausbessernden, schneidernden und Putz machenden Menschheit, auch dem Junggesellenthum, das sich selbst Knöpfe annähen will, bereit und feil zu halten.

Aus dieser ganz im Allgemeinen gehaltenen, nur die wesentlichsten Processe berührenden Veranschaulichung der Nadelfabrikation ersehen wir soviel, daß sie in Deutschland neuerdings durch Erfindung und Einführung von Maschinen ungemein vervollkommnet worden ist. Wo aber außer der Maschine die flinke, fleißige, geschickte Hand noch so viel helfen und vollenden muß, da hat Deutschland immer vermöge seiner ganzen Anlage und Erziehung einen Vorzug in allen industriellen Operationen. Wir bemerken hier, daß jede Nähnadel trotz der vielen Hülfsmaschinen doch immer noch sechszig bis siebzig Mal durch die veredelnde und vollendende Menschenhand gehen muß, ehe sie als fixe und fertige einfache Nähemaschine für ihre Bestimmung reif wird. Erwägen wir dazu die Thatsache, daß die Aachener Fabrikationsgegend allein, außer fabelhaften X-Unzähligkeiten von Stecknadeln, wöchentlich etwa vierzig Millionen größtentheils bessere Sorten von Nähnadeln liefert; daß jede Nähnadel durch eine Menge Maschinen und sechszig bis siebzig Mal durch die Hand des Arbeiters gehen muß, so wird man die Behauptung nicht für übertrieben halten, daß diese Fabrikation trotz ihrer Kleinigkeitskrämerei zu der großartigsten und deutschesten Industrie gerechnet werden muß.

Freilich ist sie auch eine der demüthigendsten für uns, weil man die meisten dieser Nadeln entweder als ehrliche deutsche oder auch unter ausländischer Verpackung vom Auslande verbraucht und die Deutschen sich immer noch von dem Aberglauben an die Vorzüge der englischen tyrannisiren und bestimmen lassen. Gegen festgewurzelte Irrthümer kämpfen zwar selbst Götter vergebens. Die Gartenlaube rechnet sich aber nicht zu jenen höheren Wesen über uns, sondern da sie sich menschlich mit Menschen des Vertrauens ihrer holden Leserinnen erfreuen darf, glaubt sie sich auch nicht zu täuschen, wenn sie hiermit die Hoffnung ausspricht, daß sie auf Grund dieses Artikels, dessen Material aus sachverständigem Munde stammt, viele Leserinnen, und die Männer dazu, zum Ankauf von deutschen Nadeln bestimmen werde.

Wir bemerken noch, daß in Berlin ein Großverkauf-Nadelgeschäft besteht, welches es sich zur Aufgabe gemacht hat, deutsches Fabrikat und deutsche Etiketten („Germania-Nadeln“ u. v. a.) zur Anerkennung zu bringen. Es kämpft dabei freilich noch außer mit dem allgemeinen Vorurtheil auch mit den sogenannten Zwischenhändlern, die vielfach mit deutschen Waaren unter ausländischer Etikette (nicht blos in Nadeln) betrügerische, aber sehr gewinnreiche Geschäfte machen. Sie nehmen die wohlfeilste und schlechteste Waare des Inlandes, die, mit einer bestechenden Firma des Auslandes beklebt, nun auch von dem deutschen Abnehmer gut und gern mit dem vier- bis fünffachen Preise bezahlt wird. Bietet der Zwischenhändler dagegen deutsche Waare mit der ehrlichen deutschen Marke, wobei auch Qualität und Werth genau bezeichnet sind, so muß er sich in der Regel mit der üblichen Provision begnügen. Damit sind ihm dann die Hände für gewinnreichen Betrug gebunden, freilich zum Vortheil des Publicums, dem dieser allein zukommt, weil weder Nadeln noch andere Industrieartikel unredlicher Bereicherung der Zwischenhändler wegen fabricirt werden, sondern um der ganzen kaufenden und verbrauchenden Menschheit willen. Man sorge für zollfreie englische Baumwollenstoffe, nähe sie aber mit Aachener und sonstigen deutschen Nadeln.