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Textdaten
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Autor: Emil Frischauer
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Titel: Der berühmte Sohn eines berühmten Vaters
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 32, S. 539–540
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der berühmte Sohn eines berühmten Vaters.


Der Name Garibaldi ist allen Zungen geläufig; er ist mit der Idee unseres Jahrhunderts, welches die Einigung der Völker nach Nationalitäten bedeutet, auf das Innigste verknüpft und wird im Andenken der Menschheit geachtet, ja verehrt fortleben, so lange wahre Seelengröße der Anerkennung sicher ist. Mag auch mancher Schatten auf diesem geweihten, blendenden Namen sich dem Auge des kritischen Beobachters offenbaren – als schmachvolle Flecken werden solche dunkle Punkte nie und nimmer angesehen werden können. Garibaldi’s Irrthümer sind die Verirrungen einer reinen, von keinen egoistischen Motiven geleiteten Seele, seine Fehler das Unglück eines bedeutenden, edlen Mannes, dessen Unkenntniß der Verhältnisse, dessen begeisterte Freiheitsliebe von fanatischen Agitatoren oder gewissenlosen „Freunden“ ausgebeutet worden. Die deutsche Nation, die alle Ursache hätte, sich über die Fehler und Verirrungen Garibaldi’s zu beklagen, hat „dem Helden zweier Welten“ längst verziehen. Die schönste Tugend der Deutschen ist ihre Größe im Vergessen, und vergessen sind die schnöden Pamphlete, die im Jahre 1870 dem italienischen Helden gegen Deutschland in die Feder dictirt wurden, vergessen die Kugeln aus dem Umkreise Belforts, die so manchem deutschen Leben den Tod brachten. Garibaldi erfreut sich in Deutschland der allgemeinen Achtung und Sympathie, und sicherlich wird sich das deutsche Volk nicht weigern, diese Sympathie von dem Vater auf den Sohn zu übertragen, auf einen Sohn, dem nicht blos der Name seines Erzeugers, sondern auch dessen Tugend zu Theil wurde, ohne daß er Etwas von seinen Fehlern geerbt hätte.

Menotti Garibaldi ist eine der beachtenswerthesten Persönlichkeiten der italienischen Gesellschaft, und der berühmte Name, dessen Träger er ist, verleiht ihm nahezu eine kosmopolitische Bedeutung; er ist der Stolz, der Liebling seines Vaters, und deshalb auch der Liebling des italienischen Volkes, für das er schon oft sein Leben in die Schanze geschlagen. Der alte Garibaldi, den das Glück in seiner politischen und militärischen Laufbahn so entschieden begünstigte, hatte in seinem Familienleben das schwerste Mißgeschick zu erdulden. Er mußte sehen, wie seine geliebte Gattin Anita, die an seiner Seite werkthätig bei der Vertheidigung Roms gegen die Franzosen mitgearbeitet hatte, auf dem abenteuerlichen Fluchtversuche hülflos in Ravenna dahinstarb; er mußte das Leid einer unglücklichen Ehe erfahren, als er sich nach zwölfjährigem Wittwerstande im Jahre 1860 mit der unwürdigen Gräfin Raimondi, deren courtisanenartige Schlauheit ihn getäuscht hatte, vermählte – und seine Kinder bereiteten ihm, mit Ausnahme Menotti’s, wenig Freude. Das eine, die Gattin des genuesischen Kaufmannes Cunzio, befand und befindet sich noch in wenig günstigen Verhältnissen. Wohl sind die Nachrichten von der Noth der Tochter Garibaldi’s, die mitunter die Runde durch die europäischen Blätter machen, übertrieben, allein die Vermögensverhältnisse Cunzio’s sind nicht derart, daß er im Stande wäre, seiner großen Familie eine sorgenfreie Existenz zu sichern. Und zudem störten nicht selten politische Differenzen das freundliche Einvernehmen zwischen dem Generale und seinem Schwiegersohne. Ricciotti, der Bruder Menotti’s, jedoch hat dem Vater den schwersten Kummer bereitet. Der geniale, feurige Jüngling hat einen unglückseligen Hang zum Leichtsinn, und öfters schon schwebte Garibaldi in Gefahr, seinen Namen auf den Pranger der Anklagebank gestellt zu sehen. Der leichtfertige Bursche führte Streiche aus, die das Strafgesetz hart streiften. Um seiner ausschweifenden Lebenslust fröhnen zu können, ging er Schulden über Schulden ein, ja mißbrauchte sogar den Namen seines [540] Vaters. Garibaldi verkaufte seine ganze Habe, die kostbaren Geschenke, die ihm aus aller Welt zugegangen waren, nicht ausgenommen, um seinen Sohn vor Schande zu bewahren – er gab Ricciotti sein Vermögen, Menotti jedoch schenkte er sein Herz, und der wackere Sohn ist eifrig bemüht, diesen Schatz zu hüten.

Menotti Garibaldi steht jetzt im Beginn der Dreißiger; allein trotz seiner jungen Jahre hat er schon eine ganze Geschichte hinter sich. Unter eigenthümlichen Verhältnissen geboren, mußte er schon frühzeitig die Last des Lebens fühlen. Die Tage seiner Kindheit sind in traurige Schatten gehüllt. Der alte Garibaldi lebte damals das Leben eines von allen Mitteln entblößten Flüchtlings in Südamerika, und Entbehrungen aller Art mußte seine Familie erfahren. Die ersten Jahre Menotti’s waren solchergestalt sehr öde; das Kind hatte keine Heimath, keinen Spielgenossen, und mußte auf die unschuldigsten Vergnügungen seiner Altersgenossen verzichten. Nur die zarte Fürsorge seiner Mutter, der wackeren Anita, erhellte die traurig-ernste Kindheit Menotti’s. Allein auch dieser Stern versank bald für immer. Die brave Gattin Garibaldi’s starb, nachdem sie kaum das Heimathland ihres Gemahls betreten hatte, und Menotti, ein Knabe von kaum sieben Jahren, war auf sich selbst angewiesen. Der Ernst des Lebens ließ ihn den Jahren rasch voran eilen; er war bereits ein Mann, da die Genossen seines Alters kaum in die Jünglingsjahre eingetreten. Noch hatte er nicht den ersten Anflug eines Bartes, und schon wurde er in ganz Italien, und weit darüber hinaus, als ein Held, seines Vaters würdig, gefeiert. Er war dem General Garibaldi auf dem merkwürdigen Zuge nach Sicilien gefolgt und hatte bei Marsala und in zahlreichen anderen Gefechten so viel Muth und Einsicht bewiesen, daß er selbst in der begeisterten Schaar der berühmten Tausend als leuchtendes Muster hervorragte. Italien feierte den Jüngling in großartiger Weise, und alsbald zählte Menotti zu den populärsten Männern der Halbinsel.

Die liberale monarchische Partei, welcher Garibaldi durch seine Sympathien für Mazzini gefährlich schien, bewarb sich um Menotti’s Gunst; Ratazzi ließ sich mit ihm in Unterhandlungen wegen Errichtung eines Freischaarencorps zur Befreiung Italiens ein, damit er nicht bei dem alten Republikaner Garibaldi darum ansuchen müßte. Und Menotti zeigte sich auch willig. Der Sohn hat nicht die starren republikanischen Principien des Vaters, der außer der Republik blos Fäulniß und Entartung kennt, sondern glaubt vielmehr, daß Freiheit und Völkerglück auch mit der Monarchie vereinbar sei. Er ehrt wohl die Ueberzeugungen des alten Vaters, ist aber unermüdlich in seinen Versuchen, denselben von seinem einseitigen Standpunkte abzubringen, und die Wandlung, die sich jüngst in dem Wesen des Generals Garibaldi vollzog, ist zum nicht geringsten Theile von Menotti vorbereitet.

Menotti stellte sich deshalb auch vorbehaltlos dem monarchischen Italien zur Verfügung; doch der Einfluß Frankreichs widersetzte sich dem Plane Ratazzi’s, mit Menotti Garibaldi an der Spitze die Ewige Stadt einzunehmen, und Italien schien einstweilen auf seine natürliche Hauptstadt verzichten zu wollen. Der alte Garibaldi kehrte sich aber bekanntlich wenig an den Wunsch des officiellen Italiens; er stellte sich an die Spitze der von seinem Sohne gesammelten Schaaren – und Aspromonte bezeichnet den Weg, den er einschlug. Selbstverständlich ließ Menotti auch auf diesem traurigen Zuge seinen Vater nicht im Stiche; er kämpfte an seiner Seite mit Todesverachtung, obgleich er von der Unersprießlichkeit der Bemühungen überzeugt war, und vermehrte sein Ansehen und seine Popularität um ein Bedeutendes. Auch bei der zweiten römischen Expedition Garibaldi’s, die mit Mentana endete, war Menotti eine bedeutende Rolle zugefallen; er bewährte seinen Ruhm, da er ihn nicht mehr vermehren konnte, und galt für den zweiten Soldaten der Armee – ist doch Giuseppe Garibaldi selbst der erste.

Mit Mentana hatte Menotti’s militärische Laufbahn im Dienste des Vaterlandes ihren Abschluß erreicht, und hoffentlich wird er nicht mehr gezwungen sein, dieselbe aufzunehmen, um italienisches Land dem Besitze von Usurpatoren zu entreißen. Man bot ihm Stellen und Reichthümer an, um seine Verdienste um die Allgemeinheit zu belohnen, allein bescheiden und uneigennützig, wie sein Vater, lehnte er Alles ab. Da er durch das unstäte Leben seiner Jugend keine Fachkenntnisse in irgend einem Erwerbszweige sich aneignen konnte, war es ihm schwer, sich eine sichere Existenz zu gründen. Allein Ernst und Energie ließen ihn bald die Schwierigkeiten überwinden, und heute steht Menotti einem, wenn auch nicht besonders großen, so doch immerhin gesicherten Speditionsgeschäfte in Rom vor.

Sein Geschäft hindert ihn nicht, sich mit den öffentlichen Interessen, der Politik insbesondere, zu befassen; er hält sich stets vor Augen, was er seinem Namen schuldig ist, und wenn er bisher noch nicht öffentlich in die politische Arena trat, ist dies blos dem Gegensatze, der zwischen seinen und seines Vaters Ansichten herrscht, zuzuschreiben. Menotti Garibaldi ist ein ernster, ruhiger Politiker, der in manchen Dingen weit klarer sieht, als der alte General selbst; er besitzt weder das aufbrausende Temperament seines Vaters, noch ist er phrasenhaften Einflüsterungen und Schmeicheleien so zugänglich wie dieser; er nimmt die Dinge, wie sie sind, während sein Vater sie willig durch jene Brillen betrachtet, die man ihm mit Complimenten zur Verfügung stellt. Wäre Menotti stets in der Umgebung des alten Garibaldi gewesen, es würden dem ehrwürdigen Manne viele Vorwürfe erspart geblieben sein. Mancher tolle Streich, den die Leidenschaftlichkeit des Greises verursacht, wäre im Entstehen unterdrückt, mancher Brief des Generals, der seinen erhabenen Namen der Lächerlichkeit preisgab, nicht geschrieben worden. Menotti übt auf seinen Vater einen maßgebenden Einfluß; er versteht es, ihn mit Klugheit zu leiten, und indem er sich scheinbar dem Willen des Generals unterordnet, beherrscht er ihn vollends.

Die vielen demokratischen Gesellschaften Italiens, deren Ehrenpräsident General Garibaldi ist, betrachten Menotti als dessen Stellvertreter, und übertragen die Sympathien vom Vater auf den Sohn. Fast täglich empfängt er in seinem schlichten Speditionsbüreau Deputationen von Arbeitern und anderen Demokraten, die über Dieses und Jenes vom General Auskunft wünschen. Allein auch andere politische Parteien zollen Menotti ihre Achtung, und gesellschaftlich spielt er eine Rolle, wie kaum Einer in der Ewigen Stadt. Menotti hat auch bedeutende gesellschaftliche Vorzüge, die seinem Vater vollends abgehen: er besitzt die Gabe der Erzählung in hohem Grade und hat Etwas von dem feinen Schliff der höheren Stände, den man in der Regel blos in aristokratischen Erziehungshäusern sich aneignet. Seine Statur ist kräftig, dabei jedoch elegant, sein Gesicht energisch geformt, aber wohlwollend, seine Haltung ruhig vornehm. Man könnte unmöglich in dieser eleganten Gestalt den Sohn Garibaldi’s vermuthen, wenn einzelne Partien des Antlitzes nicht den Verräther spielten. Stirn und Nase erinnern lebhaft an den Vater, und der lange, wohlgepflegte Bart trägt deutlich jenes unverfälschte Rothblond zur Schau, das dem Generale eigenthümlich war, bevor die Macht der Jahre sein Haar bleichte.

Auch die seltene Charakterfestigkeit Garibaldi’s besitzt Menotti, allerdings ohne jene starre Unbeugsamkeit, die nicht selten in Eigensinn ausartet; er ist mild und gutmüthig von Natur, zu heftigem Hasse kaum fähig. Das südliche Blut, das in seinen Adern wallt, verleugnet er in Benehmen und Auftreten fast vollständig. Wie sein Aeußeres ließe auch sein ruhiges, gemessenes Auftreten, seine Leidenschaftslosigkeit und Vorsicht eher auf einen Nordländer, als auf einen Sohn des feurigen Südens schließen, und der kalte Ernst, mit dem er das Leben auffaßt, würde dieser Annahme nicht widerstreben. Das sprüchwörtlich gewordene süße Nichtsthun seiner Landsleute ist ihm fremd, wie er denn auch Nichts von der lebensfrohen Heiterkeit seiner Landsleute besitzt. Ein ernster, fast schwermüthiger Hauch umweht Menotti. Es scheint, als könne er die düstere Freudlosigkeit seiner Jugend nicht vergessen.

Eine große Zukunft harrt des noch jungen Mannes, der bereits eine bedeutende Vergangenheit hinter sich hat. Ganz Italien sieht in Menotti den Erben der Pflichten des edlen Garibaldi, da es ihm schon die Rechte desselben eingeräumt hat, und wenn der alte General einst die Augen zum ewigen Schlafe schließt, wird es Sache Menotti’s sein, den edlen Namen, dessen Träger er ist, rein und unbefleckt zu erhalten. Es wird ihm gelingen – dafür bürgen sein bisheriger Wandel, seine Fähigkeiten, sein Eifer und sein Streben; er wird das Zutrauen seines Landes nicht täuschen und den Gedanken seines berühmten Vaters in Ehren halten.
Emil Frischauer.