Der böse Nachbar

Textdaten
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Autor: Levin Schücking
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Titel: Der böse Nachbar
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aus: Die Gartenlaube, Heft 40–45, S. 625–628;641–644;658–660; 673–676;689–692;705–708
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1864
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[625]
Der böse Nachbar.
Erzählung von Levin Schücking.
1.

Ein junger Mann schritt unfern der Weser durch eine waldreiche Gegend, in welcher die wenig erhobenen Hügelrücken dichtes Laubholz trugen, während die schmalen Thaleinsenkungen dazwischen von saftig grünen Wiesenflächen eingenommen waren. Der Weg des Wanderers, ein gewundener Fußpfad, hielt sich fast immer in wohlthuendem Schatten, und einen anmuthigeren Weg für eine Fußwanderung konnte es nicht geben. Bald durch die grünen Waldeshallen, in welche die Nachmittagssonne schräg ihre Lichter warf; bald an den klaren, hier und da über ein Wehr rauschenden Bächen entlang, welche die Wiesenflächen durchliefen; auch zuweilen über kleine Brücken und Stege, über welche die breiten Aeste sich wölbten wie hohe Lauben. Im Walde pfiff die Goldamsel, und anderes Gevögel zwitscherte und sang in den Zweigen; den starren Waldbäumen, die sich nicht regen und bewegen können, ist ja das beweglichste und beschwingteste Volk in der ganzen Schöpfung zu Gesellen gegeben. Wo die Sonne einen größeren Fleck des Weges beschien, schlängelte sich auch wohl eine behende Eidechse und verschwand raschelnd im vorjährigen Laube. Sonst war alles still. Menschen schienen in dieser romantischen Waldgegend nicht zu hausen, oder, wenn sie da waren, die Hut ihrer Wiesen dem lieben Gott überlassen zu haben, den sie, in grober Holzarbeit ausgeschnitzelt, an braune, neben dem Wege aufgerichtete Kreuze gehangen hatten.

Die Gartenlaube (1864) b 625.jpg

Schloß Falkenrieth.

Der junge Mann, welcher durch diese Gegend schritt, sah am meisten einem wandernden Studenten ähnlich – dann aber jedenfalls einem, der über den Büchern nicht die frische und kecke Lebenszuversicht verloren. Er blickte aus den dunklen Augen sehr scharf und fast herrisch um sich; die Züge waren gebräunt, unter der feingeschnittenen Nase hatte sich ein respectabler blonder Schnurbart entwickelt; blond auch war trotz der dunkelbraunen Augen das lockig gekräuselte Haupthaar; hoch und stark entwickelt die Stirn, auf der ein österreichisches Militärkäppchen mit dem gerade vorstehenden Lederschirm thronte.

Das letztere deutete nun freilich nicht gerade auf den Studenten; aber das Aeußere des jungen Mannes that es, der bestaubte Kittel, der kleine leichte Tornister und, mehr als das, etwas Keckes, Selbstbewußtes und doch Gedankenvolles in seinen Zügen.

Noch einen von Wald überschatteten Hügel hatte unser Wanderer hinter sich und war eben an ein Drehkreuz am Ausgange des Gehölzes gekommen, als er überrascht plötzlich von der Seite her vor diesem Drehkreuze ein lebendes Wesen Halt machen sah, das freilich nicht hindurchkonnte und nun ungeduldig den Kopf aufwarf, sich streckte und heftig schüttelte und dann aus Leibeskräften ungestüm um sich schlug, um das Fliegen- und Bremsenzeug abzuwehren, das sich über ihm versammelt hatte.

Dies neu auftauchende Wesen war ein schönes, kräftig gebautes braunes Pferd, das auf seinem Rücken ein Paar Gurte [626] und unter seinem Bauche einen nicht mehr neuen, nach alter Art construirten Damensattel trug, dessen kurzer Bügel nachschleppte und jeden Augenblick die Hinterhufe des Thieres einzufangen drohte.

Unser junger Mann nahte dem Flüchtling mit möglichst ruhigen Bewegungen; das Pferd blickte ihn mit vorgestrecktem Hals durch die weitgeöffneten Nüstern schnaubend an; in dem Augenblick, wo der Wanderer mit raschem Griff den herabhängenden Zügel faßte, schnellte es den Kopf in die Höhe und wollte die Flucht ergreifen; aber es war zu spät – es war gefangen!

Der junge Mann klopfte und streichelte dem Thiere den Hals, und sprach ihm mit einer weichen eigenthümlich wohllautend klingenden Stimme zu; dann knüpfte er die zerrissenen Zügel aneinander, und nachdem er diese fest um das Drehkreuz geschlungen, begann er den Sattel loszuschnallen und wieder in seine richtige Lage zu bringen. Dies gelang ihm, indem er seine Thätigkeit häufig unterbrach, um die Bremsen abzuwehren, welche augenscheinlich das arme Thier in die Aufregung gebracht, in der es seine leichtsinnige Escapade gemacht hatte. Als er damit zu Stande gekommen und die Zügel wieder gelöst hatte, führte er es eine Strecke weit auf dem Fußpfade hinter sich. Der Weg lief jetzt zwischen dem Gehölz links und einer schmalen Wiesenfläche rechts; die tief in den weichen Wiesengrund eingeschlagenen Hufspuren zeigten, daß das flüchtige Thier von dieser Seite gekommen war. Nach einer Weile blieb der junge Mann stehen, warf dem Pferde die Zügel über den Hals, trat an seine Seite und schwang sich mit großer Leichtigkeit, ohne des fehlenden hülfreichen Männer-Bügels zu bedürfen, auf den Rücken des Pferdes, auf dem er sich leicht und sicher wie eine Dame festsetzte und nun das Thier völlig in seiner Gewalt zeigte.

War unser Wanderer ein Student, so mußte er mit vielem Erfolg, das sah man, die Universitätsreitbahn besucht haben und jedenfalls war er „in allen Sätteln gerecht“.

Der Pfad, dem der Reiter folgte, verließ jetzt das schmale Wiesenthal, zog sich rechts über einen kleinen mit Buchenwald bedeckten Rücken, der eine Verbindung zwischen zwei höheren rechts und links sich erhebenden Waldbergen bildete, und führte, leise niedersteigend, an der anderen Seite des Rückens hinab bis an eine Stelle, wo der Fremde durch ein von den Buchenzweigen gewölbtes dunkles Thor ein von der Sonne grell beschienenes reizendes kleines Landschaftsbild erblickte, welches das Waldthor auf’s schönste umrahmte.


2.

Es war eine Scenerie ganz eigenthümlicher Art. Ein kleines rundumher abgeschlossenes Thal, umgeben von grünen, dicht mit Laubholz bestandenen Bergen, an deren Fuß Wald und Wiese sich um den Raum stritten und in diesem Kampfe kleine Buchten hervorgebracht hatten, jenachdem das eine oder das andere in das Gebiet des Grenznachbars eingedrungen. In der Mitte ein großer ovaler Weiher, dunkel, spiegelglatt, reich besäet mit träumerischen weißen Seerosen und belebt von einer Schaar weißer Enten, und inmitten des Wassers, von seiner Fläche klar gespiegelt, auf starken Grundmauern sich erhebend, ein kleiner eigenthümlicher Schloßbau, über einer Terrasse mit vier kleinen Eckpavillons aufsteigend, gelbgrau, verfallen, aber reizend wie ein Märchenbild, wie ein Traum, wie ein Luftschloß, das eine Poetenphantasie sich baut.

Das braune Damenpferd wieherte, als es des kleinen Schlosses ansichtig ward, und hob sich aus eigenem Antrieb zu einem kurzen Galopp, der den Reiter nach wenigen Augenblicken, an einer verfallenen Gartenmauer entlang, zu einem Wirthschaftsgebäude brachte, in welchem eine offenstehende Thür in einen Stall blicken ließ. Da der Braune vor dieser Thür hielt, so schloß der Fremde daraus, daß das Pferd sich hier heimisch fühle, und sprang auf den Boden. Keine Menschenseele ließ sich blicken. Er rief. Niemand kam. So führte er das Thier selbst in den Stall. An einem Ring in der Krippe hing das Stück des Zaums, das der Flüchtling abgerissen hatte.

„Also von hier aus,“ sagte der Fremde, „hast Du den kleinen Ausflug unternommen, mein Brauner … nun, es war ja auch Niemand da, der Dich hütete, und wenn die Stallthüren so leichtsinnig offen gelassen werden, kommen die Bremsen herein, die so abscheulich stechen, daß ein geduldigerer Gast, als Du bist, darüber den Koller bekommen könnte! Und jetzt erhole Dich,“ setzte er hinzu, nachdem er das Thier auf’s Neue angebunden hatte und indem er ihm einen Schlag auf die Kruppe gab … „und nun will ich sehen, wo wohl Deine Herrin steckt und ob mir denn Niemand dankt, daß ich Dich eingefangen!“

Er schritt, nachdem er die Stallthür hinter sich geschlossen, an dem kleinen Wirtschaftsgebäude entlang einer steinernen Brücke zu, welche mit einer zierlichen auf kleinen Sandsteinsäulen ruhenden Balustrade versehen war. Die Brücke mündete auf die breite mit Steinplatten belegte Terrasse, die ringsumher mit einer gleichen Balustrade versehen war. Dem Ende der Brücke gegenüber stand die Thür, die in das Innere des Gebäudes führte, halb offen.

Das kleine Schloß war ein Bau von einer Hauptetage, mit einem Entresolstock, den runde Fenster, sogenannte Oeils de boeuf andeuteten, darüber; dann kam ein Mansardendach mit schwarzer Schieferbedeckung und hohen breiten Essen; in der Mitte über dem Portal aber sprang aus dem Entresolstock ein Balcon vor, unter welchem in weißer Stuckarbeit ein von mächtigen Sonnenstrahlen umwobenes Phöbushaupt auf die Eintretenden niederblickte; an den Wandflächen zwischen den Fenstern rechts und links waren Jagdtrophäen in Sandstein angebracht; an beiden Seiten des Baues aber erhoben sich zwei schlanke viereckige Thürme mit kleinen Kuppeln und Laternen darauf. Alle Verhältnisse waren edel und schön, das Ganze hätte man in der That kokett nennen mögen, wenn ein Gebäude kokett sein kann … und weshalb sollte es das nicht, wenn es zu gefallen und zu bestricken sucht durch ganz besondere Mittel und … doch von demselben Stein ist wie das Herz einer koketten Frau!

Der junge Mann schritt von der Terrasse durch die halbgeöffnete Glasthür, die ohne Treppenstufe oder Schwellenerhöhung in das Innere führte, und betrat einen ovalen Salon, der in vollkommenster Harmonie mit dem Aeußeren des Gebäudes stand. Er war kunstreich parkettirt, während an der Decke ein großes mythologisches Gemälde prangte, aus dem nackte Amouretten und halbnackte Nymphen Blumen auf den Eintretenden niederwarfen; über den Thüren Süpporten mit Schäferscenen, die Wandfelder von reichen Stuckzierrathen umrahmt – Alles das gehörte einem und demselben Geschmack an und war sehr hübsch, wenn es auch sehr zerfallen und vom Zahn der Zeit benagt war, der mit so leichten Werkzeugen wie Staub und Spinneweben und feuchtem Dunst Steine zerbricht und Wände umwirft.

An den beiden entgegengesetzten Enden befanden sich zwei Nischen angebracht; die eine war mit allerlei Muschelwerk ausgelegt, und oben auf einer kleinen Stufenpyramide stand hier mit hochaufgerecktem Schnabel ein stolzer Schwan, bestimmt das Wasser auszusprudeln, das einst in Cascatellen die Stufen niedergeströmt war; aber leider war der Schwan todt, das Wasser sprudelte, die Cascatellen rauschten nicht mehr … des Fremden Auge flog von der todten staubgeschwärzten Muschelnische der gegenüberliegenden Nische am andern Ende des ovalen Raumes, zu, und hier traf es auf einen Schwan, der lebendig war und athmete.

Der athmete und zwar sehr überrascht hoch auf athmete; ein hochgewachsenes, schlankes junges Mädchen, das auf dem Sockel einer Statue des Meleager saß und bisher in eine Lecture versunken gewesen war – das Buch, welches sie gehalten, entsank ihrer Hand, als sie jetzt auffahrend ein leises: Ah! der Überraschung ausstieß.

Sie war gekleidet in eine weiße Blouse und einen langen dunkelgrünen Reitrock; ihr Reithut mit weißer Feder, Handschuhe und Gerte lagen neben ihr zu Füßen des Meleager, der die zweite Nische ausfüllte.

Der Fremde nahte sich ihr rasch und hob das Buch auf, das sie hatte fallen lassen. Er überreichte es ihr mit einer Verbeugung, nachdem er einen Blick auf den blauen Umschlag geworfen.

„Sie lesen da ein reizendes Buch, mein gnädiges Fräulein,“ sagte er dabei mit einer gemüthlichen Unbefangenheit, als ob er eine längst Bekannte anrede, ‚das Pferd des Phidias‘,[1] ich freue mich zu sehen, daß es bis in diese Waldgebirge gedrungen, es kann nichts Geistreicheres und Hübscheres geben, als diese Plaudereien à propos d’un cheval – aber man darf nicht ganz das eigene darüber vergessen und in den Wald durchgehen lassen …“

Die junge Dame, die etwa zwei- bis vierundzwanzig Jahre haben konnte und deren feine vornehme Züge sich mit hellem Roth bedeckt hatten, während der Fremde, der ihre völlige Einsamkeit so unvermuthet unterbrochen, sie angeredet, blickte ihn jetzt mit einem [627] Ausdruck an, worin etwas von zurückweisender Kälte lag. Wer zugleich war sie augenscheinlich verlegen und verwirrt durch diese plötzliche Erscheinung, und sie fragte ein wenig stotternd: „Ich verstehe Sie nicht … mein Pferd ist doch nicht …“

„Ist aus Verzweiflung über die Vernachlässigung von Seiten seiner Herrin aus dem Stalle gelaufen und durchgegangen.“

Die Dame sprang auf und machte einen hastigen Schritt der Thür zu.

„Beruhigen Sie sich, mein gnädiges Fräulein, ich habe es eine Viertelstunde von hier im Walde aufgefangen und zurückgebracht. Es steht jetzt an seiner Krippe so ruhig wie das Pferd des Phidias an seinem Fries.“

„Dann muß ich Ihnen in der That dankbar sein,“ sagte die Dame leise und langsam, den Fremden jetzt ruhiger musternd und ein wenig widerstrebend, einem unbekannten Menschen danken zu müssen … „ich hoffe es ist unverletzt?“

„Es ist Alles unverletzt daran bis auf die Zügel, die ich wieder zusammengeknotet habe.“

„Nun, in der That, ich bin Ihnen sehr verbunden,“ wiederholte das junge Mädchen mit einer kurzen Verbeugung und nahm den Hut und die Handschuhe auf, um zu gehen.

„Darf ich Sie nicht bitten, mir eine Auskunft über dies kleine Schloß zu geben?“ fragte der junge Mann, während sie den Hut auf ihren blonden Locken befestigte. „Ich bin fremd hier, fremd geworden wenigstens…“

„Das Schloß heißt Falkenrieth und war ursprünglich ein Jagdhaus der Fürsten von W. Man sagt, einer der Fürsten habe es zur Sommerfrische für seine …“

Das junge Mädchen zog, während sie dies sagte, langsam ihre Handschuhe an und schien bei den letzten Worten plötzlich auf eine Schwierigkeit dabei zu stoßen, so daß sie über dem heftigen Niederstreichen des widerspenstigen gelben Leders vergaß, was sie sagen wollte.

„Falkenrieth? der Name lautet hübsch!“ bemerkte der Fremde.

„Es gehört jetzt zur Concursmasse der gräflichen Familie von Wasenstein, und die sucht es zu verkaufen, weil es nur Erhaltungskosten macht und der kleine Waldbering, der ringsumher dazu gehört, sehr wenig einbringt in dieser entlegenen Gegend …“

„Es ist ganz allerliebst und eine würdige Schöpfung einer verliebten Fürstenphantasie,“ versetzte der junge Mann. „Man sollte es allen Neuvermählten im Lande für ihre Flitterwochen einräumen, wie die Thurmstube auf dem Stephansthurm zu Mainz. Kann man die übrigen Räume sehen?“

„O ja,“ fiel die junge Dame, gesprächiger werdend, ein; und als ob es ihr eine Befriedigung gewähre, die kleine Schöpfung Jemandem, der ein Auge für seine Schönheit verrieth, zu zeigen, ging sie lebhaften Schritts der nächsten Flügelthür zu und öffnete sie.

Der Fremde blickte in ein kleineres, weiß und rosaroth decorirtes Zimmer, dessen Farben sich besser erhalten hatten, als die des ovalen Saales.

„Das reinste Rococo, das man sehen kann,“ bemerkte er; „man kann den Styl Louis Quinze nicht geschmackvoller durchgeführt finden! Es ist nur schade, daß alle Einrichtung fehlt. Welch’ schöne Marmortische auf vergoldeten Löwenklauen und Bockfüßen, welche prächtigen eingelegten Schränke und Boule-Arbeiten würden wir sonst sehen!“

„Das ist Alles längst fortgeschleppt,“ antwortete die Dame, „das Gebäude steht schon lange vollständig leer … Sie sind wohl Künstler?“ wandte sie sich dann plötzlich an den jungen Mann.

„Künstler? … nun ja; aber wer darf sich so nennen? Wer darf von sich sagen, in dem, was seine Hände stümpern, sei von ihm ein Strahl der ewigen Schönheit eingefangen?“

„Ich sah es, weil Sie ein Auge für diese Sachen haben,“ fuhr die junge Dame jetzt, seitdem sie den Fremden in eine bestimmte Lebensstellung eingerückt erblickte, mit weit größerer Unbefangenheit fort. „Sie werden Studien in unserer Waldgegend machen wollen, und es freut mich, daß Sie dies vorhaben. Wir haben so wundervolle Partieen, und doch ist es so selten, daß sich hierher ein Künstler verirrt!“

„Leider komm’ auch ich nicht zu solchen Studien hierher, ich bin, wie gesagt, nicht anmaßend genug mich Künstler zu nennen, und mein Dilettiren beschränkt sich auf Kneten von Thon und Bosseln von Stein – ich pfusche in die Plastik!“

„Plastik?“ wiederholte die junge Dame; „ein seltenes Talent, das am höchsten stehen soll, obwohl ich in seine Geheimnisse nicht recht einzudringen verstehe, die Plastik hat und behält etwas Todtes, Kaltes für mich …“

„Trotz Ihrer Lectüre?“ fragte der Fremde, indem er auf das zu den Füßen des Meleager liegen gebliebene Buch deutete.

„Trotz des Pferdes des Phidias und alles Geistvollen, was darin über die plastische Darstellung eines atheniensischen Gaules gesagt ist … ich bin hier in der romantischen Waldeinsamkeit groß geworden, zwischen einfachen Scenerien, die nur durch Linien und Farben wirken – die Romantik soll sich mit der Plastik nicht vertragen …“

„Sind Sie musikalisch?“

„Auch das nicht!“

„Dann sind Sie für die Plastik nicht verloren!“

„Sonst wäre ich es?“ fiel sie lächelnd ein – „aber,“ sagte sie sich wendend, „der atheniensische Gaul hat mich an den meinen erinnert; es wird Zeit, daß ich heimkehre. Wollen Sie sich noch umschauen in dem Gebäude, so thuen Sie es, aber schließen Sie die Thür und geben Sie den Schlüssel drüben im Wirthschaftsgebäude bei den Wärtersleuten ab.“

„Ich habe genug für heut’ und werde später wohl zurückkehren,“ sagte der Fremde … „ich hätte große Lust, das hübsche Schlößchen zu kaufen. Was wird es kosten?“

„Sie? kaufen?“ rief die junge Dame mit einem Tone wie unangenehme Ueberraschung aus, und mit einer Miene, aus der alle Heiterkeit verschwunden war, zu ihm zurückblickend. Der Blick auf seine äußere Erscheinung aber schien sie zu beruhigen.

„Man fordert mehr als zehntausend Thaler dafür,“ fuhr sie fort, indem sie durch die Thür des Salons schritt und, nachdem der Fremde ihr nachgekommen, zu schließen versuchte, eine Mühe, bei welcher der junge Mann ihr zuvorkam.

Sie gingen schweigend über die Brücke. Am Ende deutete die Dame auf eine kleinere Thür im Wirtschaftsgebäude und sagte: „Geben Sie da den Schlüssel ab. Adieu, mein Herr!“

Sie wandte sich mit einem halb freundlichen, halb stolzen Nicken des Hauptes von ihm ab und ging zu ihrem Pferde. Der junge Mann öffnete die ihm bezeichnete Thür und trat in eine kleine Küche; es war Niemand darin, auch in der hinterliegenden Kammer nicht. Er legte deshalb den Schlüssel auf den Tisch und kehrte zurück.

„Es ist Niemand da,“ sagte er, der Dame nacheilend, „Niemand, der Ihnen behülflich sein kann, und Sie müssen sich deshalb schon meine Dienste gefallen lassen.“

Ohne ihre Einwilligung abzuwarten, holte er das Pferd aus dem Stalle, zog die Sattelgurte an und führte das Thier an einen daliegenden kurzen Holzblock, der das Aufsteigen erleichtern konnte. Die Dame sprang darauf, aber bevor sie aufstieg, untersuchte sie die kleine Satteltasche.

„Mein Gott, nun ist das Tuch und das Taschenbuch, das ich hineingesteckt hatte, verloren!“ rief sie klagend aus.

„Wenn Sie es darin gelassen haben, so ist es freilich herausgefallen, der Sattel hing unter dem Bauch des Thieres … hatte das Taschenbuch Werth für Sie?“

„Gewiß, großen … ich möchte es um Vieles nicht missen –“

„So will ich suchen, den Spuren des Pferdes nach, die es bei seinem Ausbrechen hinterlassen hat …“

„O nein, nein, nein, das sollen Sie nicht,“ fiel die Dame geängstigt und erschrocken vor dieser neuen Verpflichtung gegen den Fremden ein.

„Aber wenn es Werth für Sie hat … und da Niemand anders da ist …“

„Doch, doch, da kommt schon Jemand!“

In der That hörte man Schritte, die Schritte eines eilig Laufenden; im nächsten Augenblick kam ein Bauernbursche von etwa fünfzehn Jahren um die Ecke des Wirthschaftsgebäudes gelaufen, über dessen geröthetes Gesicht die hellen Tropfen Schweißes niederperlten. Er hielt ein feines gesticktes Taschentuch und das Buch in der Hand.

„Gnädiges Fräulein, ist das Ihres?“ rief er athemlos aus.

„Ja, ja,“ sagte sie hocherfreut, „das ist brav von Dir, mein Junge!“

„Ich fand es auf der Wiese drüben im Sundern,“ sagte der Junge luftschöpfend … „und da dacht’ ich’s gleich, daß es [628] Ihr’s sein müsse, und gab mich auf den Lauf, um’s Ihnen zu bringen, weil ich Sie nach Tisch hatte auf Falkenrieth zureiten sehen …“

„Ich danke Dir in der That … wie heißt Du?“

„Ich bin des Waldkaspars Franz … geben Sie mir etwas, gnädiges Fräulein!“

Das gnädige Fräulein griff in eine Falte ihres Reitrockes, und roth werdend zog sie die Hand leer wieder heraus, einen verlegenen Seitenblick auf den Fremden werfend.

„Wir sind so arm,“ sagte der Junge, sich zu dem fremden Herrn wendend.

Der Fremde zog eine Börse hervor, öffnete sie und mit einem unbefangenen Lächeln sagte er: „Mein Junge, ich habe nicht einen rothen Pfennig!“

Die junge Dame sah mit einem Blick, worin etwas von Verwunderung und etwas von Schadenfreude lag, den Käufer von Schloß Falkenrieth an; dann sagte sie mit spöttischem Ton: „Nun, Sie werden Falkenrieth wohl nicht theurer machen.“ Und zu dem Jungen sich wendend: „Mein guter Bursche, willst Du morgen Nachmittag wieder hier sein? Dann werd’ ich Dir einen Gulden mitbringen, hörst Du?“

„Es ist gut!“ sagte der Bursche ein wenig verdrossen und ging, um hinter der Ecke des Gebäudes wieder zu verschwinden.

Sie schwang sich jetzt in den Sattel, während der Fremde das Pferd hielt. Als sie die Zügel genommen hatte, blickte sie auf den jungen Mann mit einer Miene herab, in welcher sich jetzt ein Ausdruck verlegenen Zweifels malte, sie bewegte die Lippe, als ob sie sprechen wolle, und schwieg doch und erröthete dann, als ob sie etwas gesagt, was sie verlegen mache, endlich sagte sie halblaut: „Wie werden Sie denn weiterreisen können, wenn …“

„Wenn Sie Ihren letzten Groschen schon vor zwei Stunden einem Bettler geschenkt haben?“ fiel der junge Mann ein, da sie sich unterbrach; „ich danke Ihnen für Ihre Sorge, mein gnädiges Fräulein; in einer Stunde werde ich daheim sein!“

„Dann leben Sie wohl, ich danke Ihnen für Alles, was Sie an mir und meinem Pferde gethan!“

Mit einem huldvollen Lächeln neigte sie den Kopf und ritt davon. Der Fremde schaute ihr eine Weile nach, als ob seine Blicke ihr magnetisch angezogen folgten; dann, wie aus einem Traum erwachend, sagte er: „Was mag sie von mir denken – keinen Pfennig Geld in der Tasche und große Reden führen – Schloß Falkenrieth kaufen! Welch ein Renommist! Wie boshaft sie mir’s vorwarf! Wie sarkastisch!– Es war abscheulich!“ Er lachte auf, dann fuhr er mit einem tiefen Seufzer sehr ernst fort: „Ach, es ist oft sehr hart, keinen Pfennig zu haben … wir kennen das ja!“

Er schritt voran, den Fußsteig, den er gekommen, nach rechts hin weiter verfolgend, während die Dame einen Fahrweg nach links eingeschlagen hatte. Bevor sie hinter den Waldbäumen, die sie jetzt erreicht hatte, verschwand, blickte sie noch einmal nach dem Wandernden um; er grüßte lebhaft winkend und erröthete dann über das, was er gethan.


3.

Der Weg, den der junge Mann verfolgte, führte aus den Bergen heraus in ebnere Gegend, worin der Anban vorherrschte. Hier und da lagen kleine Gehöfte; nach einer halben Stunde hatte er einen Weiler erreicht, und durch die einzige breite Gasse desselben schreitend, kam er an ein altes verfallenes eisernes Gitterthor, hinter welchem eine dunkle Ulmenallee auf einen hohen stattlichen Edelhof zuleitete. Das Gitterthor war verschlossen, aber die kleineren Einlässe rechts und links daneben standen offen, und unser Wanderer schritt durch einen derselben und dann unter den dunkeln Wipfeln der Allee dahin. Am Ende derselben lagen zwei kleine Gebäude, achteckig, mit schindelbedeckten Kuppeln versehen; eine brusthohe Mauer verband sie und schloß so einen Hof ab, in dessen Hintergrunde ein altes Herrenhaus mit doppelfluchtiger Treppe und großem Portal sich erhob.

Als der junge Mann durch das Staketthor in jener Mauer den Hof betreten hatte, hielt er seine Schritte an und überschaute mit einem ernsten, sinnenden Blick die Scene. Sein Auge glitt über das Ganze, als ob er längst Gesehenes wiederzuerkennen suche, oder als ob seine Erinnerung den abendstillen, verlassenen Hof mit entschwundenen Gestalten bevölkern wollte. Dann trat er an eines der achteckigen Gebäude und blickte durch ein vergittertes Fenster in das Innere. Es war zu einer Kapelle eingerichtet; sein Auge haftete auf dem im Schatten liegenden Altar, auf den Stufen, wie das eines Mannes, der die Stelle erblickt, wo er vor Jahren gekniet und die ersten Gebete seiner kindlich gläubigen und reinen Seele gesprochen. Dann wandte er sich ab und näherte sich dem Herrenhause. Aus dem Portal trat eine Magd und kam ihm die Treppe niedersteigend entgegen; hinter ihr aus der geöffneten Hausthüre stürzte ein großer Hühnerhund hervor und bellte den Fremdling an.

Die Magd hatte Mühe, das Thier zu besänftigen, und die Frage des Fremdlings nach dem Herrn Administrator beantwortete sie dahin, der Herr sei nicht daheim, auf den Feldern irgendwo, aber er werde gleich heimkehren, da es Zeit zum Abendessen sei.

„Ich will auf ihn warten,“ sagte der junge Mann und schritt in’s Innere des Hauses. In dem Corridor, der ihn umfing, öffnete das Mädchen eine Seitenthür, die in das Empfangzimmer des Herrn führte.

Der Fremde warf seinen leichten Tornister vom Rücken und auf den runden Tisch inmitten des Zimmers; dann setzte er sich auf ein hartes Roßhaarkanapee und überblickte die Einrichtung des Gemachs: altfränkische Möbel, schlechte Lithographien in schwarzen Rahmen an den Wänden und schäbige werthlose Nippsachen auf der geschweiften Commode unter einem großen venetianischen Spiegel. Nachdem der junge Mann eine Weile ausgeruht, sprang er, wie unruhig bewegt, wieder auf. Er suchte aus einem Bündel Cigarren, das auf der Commode lag, die bestgearbeitete heraus, entzündete sie mit dem Feuerzeug, das daneben stand und ging dann hinaus, um im gegenüberliegenden Raume das Mädchen wieder aufzusuchen, das darin verschwunden war; es war eine große dunkle Küche, die er betrat, das Mädchen stand neben einem andern am Heerd und hantirte mit Teller und Schüsseln.

„Du kannst auf einen Gast mehr zählen,“ sagte er zu der ländlichen Schönen, „aber jetzt komm mit mir und schließ mir den oberen Stock auf, ich will die herrschaftlichen Zimmer sehen.“

Das Mädchen warf ihm einen erstaunten, ihrer Küchencollegin einen fragenden Blick zu; in der Annahme, daß der Fremde, der so befehlend auftrat, ein genauer Freund des Herrn sei, gehorchte sie jedoch. Sie nahm ein Schlüsselbund von der Wand und schritt voran.

[641] Am Ende des Corridors führte eine breite schöne Steintreppe mit kunstreichem Eisengeländer in die Höhe. Oben auf dem Vorplatze schloß das Mädchen eine hohe Flügelthür auf, und der Fremde trat in einen Vorsaal, in welchem offenstehende Thüren nach rechts wie nach links in eine Enfilade von dunkelnden, schon von der anbrechenden Dämmerung erfüllten Gemächern blicken ließen. Sie waren meublirt, wie die Wohnräume einer wohlhabenden Adelsfamilie zu sein pflegen, Alles ein wenig veraltet und noch mehr bestäubt, verschossen, vernachlässigt. An den Wänden hingen Oelbilder, Portraits, Landschaften; am Ende der Reihe rechts befand sich ein die ganze Breite des Gebäudes einnehmender Saal mit Fenstern nach zwei Seiten, mit Krystalllüstre und krystallenen Wandleuchtern, in der Mitte der dunkelrothen Wandflächen mit Statuetten geschmückt, die sich weißleuchtend von dem dunklen Grunde abhoben; auch die Decke war mit weißen Stuckfiguren verziert – der Raum war augenscheinlich der Festsaal des Hauses.

Der junge Mann schritt quer durch den Raum auf die Nische zu, welche in der der Eingangsthür gegenüberliegenden Längenwand angebracht war, auf die weißleuchtende Statue, welche in dieser Nische auf kniehohem Postamente von dunklem Marmor stand … er blieb vor ihr stehen und stieß ein leises unwilliges „Ah!“ aus, es schien ihn etwas in hohem Grade betroffen zu machen. Er streckte den Arm aus und fuhr mit der Hand über die Schulter der Statue … dann stieß er mit der Fußspitze an den Sockel; dieser klapperte – der dunkle Marmor war nur hohles Holz. Mit einem Tone zorniger Entrüstung rief der Fremde dem Mädchen, das ihm gefolgt war, über die Schulter zu:

„Wo ist die Statue? Das hier ist ja ein elender Gypsabguß … wo ist die Statue hingekommen …?“

„Ich habe nie etwas Anderes hier gesehen!“ versetzte das Mädchen verwundert.

„Nie etwas Anderes gesehen? So mögen alle Wetter drein schlagen!“ rief der junge Mann im höchsten Zorne aus … „an die Stelle des wundervollen Marmorbildes dieses schäbige Ding … reiß’ das nächste Fenster auf … das Fenster auf, sag’ ich … zum Teufel mit dem Plunder!“

Das Mädchen stand tief erschrocken vor dem plötzlichen grenzenlosen Zorn des Fremden; sie sah regungslos, wie er das Bild mit beiden Händen an den Armen ergriff, es zum nächsten Fenster schleppte und dieses aufriß. Dann stieß sie einen Schrei aus und stürzte, wie um Hülfe herbeizurufen, davon, quer durch den Saal und die nächsten Gemächer … wie wildzornig der Fremde das Bild durch das Fenster warf, sah sie nicht mehr, aber sie hörte den heftigen Krach, mit welchem es draußen an der Seite des Gebäudes unten aus dem Boden ankam und in tausend Stücke zerschellte.

Zornige Verwünschungen zwischen den Zähnen murmelnd, ging der junge Mann zurück; er schritt durch die Zimmerreihe, durch welche er gekommen; vom Treppenvorplatz her hörte er eilige schwere Schritte ihm entgegenkommen, und als er in die nächste Thür trat, stand ein großgewachsener, breitschultriger Mann in einem grauen Jagdrock und mit einem Strohhut auf dem Kopfe vor ihm, der ihn mit einem Tone, in welchem Betroffenheit und Zorn sich in eigenthümlicher Weise mischten, anschrie: „Herr, wer sind Sie, was machen Sie denn hier?“

„Wer ich bin, können Sie sich ungefähr vorstellen,“ sagte der junge Mann hochmüthig und scharf – „Sie sind der Administrator?“

„Der bin ich, und Sie sind der Baron Horst?“

Der Baron Horst beantwortete diese Frage nicht, er versetzte nur: „Folgen Sie mir in die Zimmer meines Vaters … lassen Sie Lichter dahin bringen, wir werden länger miteinander zu reden haben.“

Er schritt voran in die andere Zimmerreihe links von dem Treppenvorraum, und hier warf er sich bequem in einen Lehnstuhl, der neben einem großen Tische mit dunkler Marmorplatte stand.

„Erklären Sie mir vor allen Dingen.“ sagte er hier, „wo ist die kostbare Marmorstatue der Flora?“

Der Administrator stand vor ihm – der Mann mit dem kräftig geschnittenen, aber gewinnenden, intelligenten Gesicht, das ein dunkler Vollbart umrahmte, sah mit gerunzelten Brauen scharf auf ihn nieder; dann glätteten sich diese Brauen, er nahm ruhig in einem gegenüberstehenden Stuhle Platz und sagte: „Herr Baron, ich fürchte, wenn wir in diesem Tone einsetzen, so kommen wir nicht zu einer ordentlichen Harmonie, die doch Ihnen ebenso wünschenswerth sein möchte, wie mir. Schlagen wir die Stimmgabel deshalb noch einmal an. Ich heiße Sie herzlich willkommen im Hause Ihrer Väter, auf Ihrem Erbe, das ich Ihnen selbst zu überliefern habe. Ich habe es von dem Augenblicke an, wo es Ihr Vormundschaftsgericht mir übergab, als ehrlicher Mann nach bestem Wissen und Gewissen verwaltet. Als Sie nach Ihrer Eltern Tode in ein österreichisches Cadetteninstitut gegeben wurden und die Behörde mich zum Administrator Ihres ganz verschuldeten und sequestrirten Erbes einsetzte, da glaubte man, daß es kaum jemals in Ihre Hände kommen und daß es mehr als ein Menschenalter [642] dauern würde, bis die Schulden abgetragen seien. Seitdem sind achtzehn Jahre verflossen … Sie waren damals acht Jahre und zählen jetzt sechsundzwanzig …“

„Es ist wahr,“ sagte der junge Baron milder und wie einem überlegenen Wesen sich beugend, „ich war in der That sehr überrascht durch die unverhoffte Nachricht des Gerichts, daß ich kommen und mein Erbe übernehmen könne …“

„Ohne die Rentenablösungen, die uns so viel Geld brachten, und ohne die unerwartete Erbschaft von Ihrem Vetter in Schlesien wäre es freilich nicht möglich gewesen … aber trotzdem,“ fuhr der Administrator selbstbewußt fort, „darf ich sagen, daß ohne meine ehrliche, umsichtige und rastlose Ausbeutung der Hülfsquellen, welche Ihre Besitzungen darboten, das Ziel nicht so rasch erreicht worden wäre, und so habe ich denn freilich einigen Anspruch – nicht auf Ihren Dank, Herr Baron, den ich nicht verlange, aber auf eine andere Art des Verkehrs!“

Der junge Mann sah den Redenden groß und offen an; er schien zu fühlen, daß er mit dem Tone, den er angeschlagen, ein Unrecht begangen, und ganz bereit, es gut zu machen, entgegnete er: „Ich bin aber durchaus nicht gewillt, mich dem Danke zu entziehen, mein lieber Herr! Glauben Sie das nicht – ich weiß auch sehr wohl, daß ich, ohne Ihre fortdauernde Hülfe bei der Verwaltung meiner Herrschaft zu finden, für die nächste Zeit in großer Verlegenheit sein würde. Aber ich gestehe Ihnen, daß der erste Eintritt in mein Vaterhaus mir einen unangenehmen Eindruck gemacht hat. Ich bin etwas von einem Kunst-Dilettanten … ich habe meines Vaters Interesse für die Plastik geerbt, und so war mir lebhaft in der Erinnerung der große Werth geblieben, den mein Vater auf seine farnesische Flora setzte, auf die Marmorstatue, die er einst in Italien erstanden, die er hütete wie seinen Augapfel. Wenn ich in den langen Jahren, die ich in der Fremde zubrachte, mich meiner Heimath erinnerte, so trat mir dies weißglänzende schöne Bild entgegen wie eine Art von waltender Hausgottheit, wie ein schützender Genius des Orts – Sie wissen, welche Rolle in unserer Seele solch’ ein Ding, das sich tief der kindlichen Phantasie eingeprägt hat, spielen kann – und nun ist das schöne Bild verschwunden, ich finde einen wahren Plunder an seiner Stelle… wo ist es? wohin ist es gerathen?“

Wäre die Dämmerung nicht schon so stark eingebrochen, Baron Horst, der bei diesen Worten in die Züge des Mannes vor ihm blickte, hatte wahrnehmen müssen, daß diese Züge sich leise verfärbt hatten, während er sprach, daß sich wieder tiefe Falten in die Stirn des Administrators gruben und seine Blicke einen etwas scheuen und unsteten Ausdruck einnahmen.

„Wenn ich nicht irre,“ versetzte er ein wenig zögernd und mit dem Tone eines Mannes, der sein Gedächtniß anstrengt, „wenn ich nicht irre, ist das Bild verkauft, schon vor Jahren, Sie wissen vielleicht nicht, daß das Gericht für gut befunden hat, manches Werthvolle, was nicht zum Fideicommiß gehörte, z. B. das Silberzeug Ihrer Eltern, verkaufen zu lassen; die Statue wird mit verkauft sein … es wird sich bei den alten Rechnungen eine Notiz darüber finden … es war mir unbekannt, daß Sie so großen Werth darauf legten … daß Sie selbst die Kunst treiben … und ich meine,“ setzte er lächelnd hinzu, „Sie können ja jetzt solche alte Kunstsachen wieder kaufen, so viel Sie wollen … von der Erbschaft des Vetters in Schlesien und den Renten des letzten halben Jahres, die schon Ihnen zu gute kommen, liegt eine ganz hübsche Summe für Sie bei Gericht deponirt … Sie brauchen sich nur zu melden, um sie ausgeantwortet zu bekommen, sie muß etwas wie dreißigtausend Thaler sein …“

„Mit Geld allein sind solche Kunstschätze nicht zu erlangen, mein lieber Administrator,“ fiel Horst ein … „daß die Flora mir geraubt, vielleicht für einen Spottpreis an irgend einen Althändler losgeschlagen ist, bleibt mir ein bitterer Tropfen in die Freude dieses Tages, der ein so wichtiger und bedeutungsvoller in meinem Leben ist … sehen Sie ja die Rechnungen nach, damit ich erfahre, wohin die Statue gekommen ist!“

„Gern, Herr Baron.“

„Schon morgen, ich bitte darum …“

„Wollen Sie sich jetzt nicht gefallen lassen, eine Erfrischung unten bei mir einzunehmen, bis das Abendessen bereitet ist…?“

„Das will ich mit Vergnügen,“ sagte Horst, „ich habe, wie Sie sagen, dreißigtausend Thaler auf dem Gericht liegen und bin doch so hungrig und durstig, wie ein armer Student … ich habe mein letztes Geldstück am Thor der Stadt, wo ich zu Mittag gegessen, an einen Bettler gegeben und bin eingezogen in die Pforten meines Ahnensitzes ohne einen Heller in der Tasche!“

Der Administrator lachte und entgegnete: „Mein Gott, weshalb schrieben Sie mir nicht?“

„Weil ich Sie nicht kannte, nicht wußte, ob ich Geld fordern könne … so mußt’ ich die ganze Reise mit den Ersparnissen meiner österreichischen Oberlieutenantsgage machen.“

„Ich kann Ihnen den Inhalt der ganzen Rentcasse zur Disposition stellen,“ sagte der Rentmeister.

Beide erhoben sich nun und begaben sich nach unten in das Wohnzimmer des Administrators.

„Und nun,“ sagte Horst, indem er sich hier auf dem harten Roßhaarkanapee lang ausstreckte, „müssen Sie mir vor allen Dingen von einer bezaubernden jungen Dame erzählen, welche ich in Schloß Falkenrieth gesehen und gesprochen habe.“

Allmer, so hieß der Administrator, wandte bei diesen Worten sehr lebhaft sein Gesicht dem jungen Manne zu, ohne zu antworten.

„So viel ich mich entsinne,“ fuhr Horst fort, „lebt nur eine Gutsbesitzerfamilie hier in der Nähe, ein Herr von Schollbeck … ist es nicht so?“

Allmer wandte sich ab und trat an den Klingelzug in der Ecke, um nach Licht zu schellen.

„Hat Herr von Schollbeck Töchter, so war die schöne Dame ohne Zweifel ein Fräulein von Schollbeck … sie ist bildhübsch, gescheidt, beredt, ich war ganz bezaubert von ihrer Erscheinung, als ich sie völlig unvermuthet in dem Salon auf Falkenrieth vor mir erblickte.“

„Also Fräulein Eugenie hat bereits Ihre Eroberung gemacht?“ versetzte jetzt Allmer mit einem Tone kühlen Spotts.

„Erzählen Sie mir von ihr …“

„Ich will Ihre Illusionen nicht stören, Herr Baron – hier kommt Speise und Trank, und dem sollen Sie sich jetzt in völliger Gemüthsruhe hingeben.“


4.

Es waren einige Tage verflossen, die Horst dazu angewandt hatte, sich in seinem großen und schönen Besitzthum zu orientiren, das ihm, dem armen Oberlieutenant, so unvermutheter Weise zurückgegeben war, während er es vielleicht noch für ein halbes Jahrhundert hinaus sich entzogen geglaubt und demgemäß sich in seinen fernen steierischen und italienischen Standquartieren nicht das Allermindeste darum gekümmert hatte.

Wir finden ihn wieder in der nächsten Stadt, welche der Sitz eines Kreisgerichts ist, und eben neben seinem Administrator die Stufen des Gerichtsgebäudes niederschreitend, einem offenen leichten Jagdwagen zu, der, mit zwei hübschen Braunen bespannt, vor dem Gebäude hält. Ein Diener trägt ihnen schwere graue Leinensäcke nach, die hinten im Wagen niedergelegt werden.

„Seltsam,“ sagt der junge Mann, „daß sich auch da oben in den Gerichtsacten keine Notiz über den Verkauf der Flora findet.“

„Es sind noch viele ältere reponirte Acten da,“ versetzte der Administrator, „wenn Sie befehlen, werde ich darum einmal eine besondere Reise hierher machen und einen ganzen Tag daran wenden, in den alten Papieren nachzusuchen.“

„Thun Sie das ja, Herr Allmer,“ entgegnete der junge Mann, „und jetzt kommen Sie mit mir zum Notar …“

„Dahin müssen Sie schon allein gehen, Herr Baron,“ antwortete der Administrator ein wenig barsch, „ich bleibe bei den Geldsäcken zurück.“

„Die Geldsäcke werden schon gehütet werden von Kutscher und Knecht … bei der Verhandlung mit dem Notar habe ich Sie nöthig …“

Allmer schüttelte den Kopf. „Sie werden schon fertig werden, Sie geben einfach Ihr Gebot, und damit ist die Sache abgemacht; alles Andere ordnet der Notar.“

„Aber wenn man in solchen Geschäften so unerfahren ist…“

„Ich kann Ihnen nicht helfen … ich gehe vom Wagen nicht fort,“ versetzte Allmer mit einer fast groben Bestimmtheit und sich abwendend.

„Mißbilligen Sie vielleicht meine Absicht?“

„Nicht im geringsten … ich hab’s Ihnen ja gesagt, Herr [643] Baron, daß Sie die Gelegenheit, Falkenrieth zu bekommen, nicht fahren lassen dürften … der Wald, der dazu gehört, arrondirt Ihre Herrschaft zu gut… und da drüben das Haus mit den Glasscherben im grauen Bewurf ist das des Notars … es sind also nur zwei Schritte … Sie werden den Herrn zu Hause finden.“

Baron Horst wandte sich dem bezeichneten Hause zu; während er quer über den Platz schritt, blickte ihm Allmer mit einem Gesichte nach, in welchem etwas wie Spott und schadenfrohe Befriedigung lag, es war ein flüchtiges Mienenspiel, das rasch wieder verschwand und dem gewöhnlichen sehr ernsten Ausdruck des männlich schönen Gesichtes Platz machte.

Der junge Mann hatte unterdeß das Haus erreicht und stand nach wenigen Augenblicken im Bureau des Rechtsanwalts und Notars, eines durch seine goldene Brille ihn mit scharfen Blicken fixirenden Herrn, der auch fortfuhr, ihn schweigend zu fixiren, als Horst ihm gesagt hatte, daß er zu ihm komme, weil der Herr Rechtsanwalt mit dem Verkauf des Schlößchens Falkenrieth und seines Zubehörs beauftragt sei.

Der Rechtsmann wandte sich endlich und holte ein Actenfascikel herbei.

„Kommen Sie in eigenem Namen oder im Auftrag?“ fragte er dann.

„In eigenem Namen, und dieser Name ist Baron Horst.“

Der Anwalt betrachtete den jungen Mann noch einmal und diesmal über seine Brille her noch schärfer als zuvor. Es war, als ob er mit dem mißtrauischen Spürsinn, womit Kleinstädter Leute ansehen, die in ihre Nachbarschaft gerathen, fragen wollte: Weß Geistes Kind bist Du, und wie wirst Du Dich zu uns stellen, und wirst Du Deine Herrschaft dahin bringen, wohin Dein schuldenmachender Herr Papa sie gebracht hat, oder ein ordentlicher Wirth sein?

„Ich bin mit dem Verkauf beauftragt, und hier ist die Liste der Bedingungen … die Summe, unter welche ich nicht hinabgehen soll, ist 12,000 Thaler … 10,000 sind von anderer Seite geboten.“

„Darf ich mir den Katasterauszug erbitten, um die Morgenzahl zu sehen?“ versetzte Horst, über das Heft der Bedingungen gleichgültig wegblickend.

Der Anwalt suchte das Blatt, welches den Katasterauszug enthielt, und Horst sagte nun: „Ich gebe 12,000 Thaler … ich werde Ihnen das Geld sogleich bringen!“

Der Anwalt blickte ihn noch einmal an, diesmal, als wolle er sagen: „Du bist auf dem rechten Wege, in den Fußstapfen des Papas!“ Er erwiderte mit einem etwas kaustischen Ton lakonisch: „So werde ich den Vertrag niederschreiben; setzen sich der Herr Baron!“

Dann zog er die Klingel und befahl der eintretenden Magd: „Ruf’ Sie zwei Zeugen herbei.“

Der Rechtsanwalt begann nun zu schreiben, die Zeugen traten ein. Horst verließ das Haus, um von seinem Wagen die Summe von 12,000 Thalern wieder abpacken und durch den Diener zum Notar hinübertransportiren zu lassen. Nach einer halben Stunde war die Sache so weit gediehen, daß der Baron seine Unterschrift unter den Act setzen konnte…

„In einigen Tagen,“ sagte der Rechtsmann, „werde ich Ihnen eine Ausfertigung sammt allen nöthigen Beilagen übersenden.“

Horst ging … Falkenrieth war sein. Er fühlte eine große Befriedigung bei dem Gedanken, daß die hübsche Schöpfung im stillen Gebirgsthal ihm gehöre, und eine noch größere bei dem, daß er der jungen Daine, die er dort gesehen, sagen könne, es sei sein – als Antwort auf ihr spöttisches: „Sie werden Falkenrieth auch nicht theurer machen!“

„Ich will morgen zu Schollbeck’s hinüberreiten und dort meinen Besuch machen,“ sprach er, als er neben dem Administrator auf dem Jagdwagen saß und mit ihm wieder heimfuhr.

Allmer machte ein eigenthümliches Gesicht.

„Wollen Sie es wagen?“ sagte er kalt lächelnd.

„Wagen? Weshalb nicht? Der alte Baron hat mich sicherlich längst erwartet!“

„Schwerlich,“ versetzte Allmer gedehnt; „oder wenn er es hat, so hat er auch schon eine Ausflucht erdacht, sich Ihrem Besuche zu entziehen. Er liebt keine fremden Gesichter, am wenigsten die von jungen Herren.“

„Und was stößt ihn ab in den Gesichtern junger Herren?“

„Die Möglichkeit seiner Tochter zu gefallen. Jedenfalls wird er seine Tochter eingesperrt halten, wenn Sie kommen. An der Thür werden Sie den spitzbübischen Vetter finden, der Sie zum Hause wieder hinauscomplimentirt – ich würde mir den Weg ersparen an Ihrer Stelle!“

„Das werde ich nicht … ich interessire mich, ganz aufrichtig gesagt, sehr lebhaft für seine Tochter Eugenie …“

„In dem Fräulein würden Sie nichts finden als eine wilde und sehr hochmüthige Hummel; Sie würden dem Vetter, der von Kindesbeinen an mit ihr verlobt ist, viel Glück zu der Partie wünschen…“

„Vielleicht … vielleicht auch nicht! Also dieser Vetter, den Sie als einen so spitzbübischen Menschen schildern, soll Eugenie Schollbeck durchaus heirathen, und jeder andere junge Mann …“

„Wird unerbittlich ferngehalten, weil der alte Griesgram nicht will, daß seine Tochter Gefallen finde an einem Manne, welcher sie dem Vater entführen würde; Fräulein Eugenie ist dazu verurtheilt, bei dem alten Manne ihr Leben lang auszuhalten, und der Vetter ist deshalb als ihr Bräutigam auserkoren, weil er sich diese Bedingung, für immer im Hause und unter dem Commando des alten Bösewichts zu bleiben, gefallen läßt … was ließe der sich nicht gefallen!“

„Ich bin doch sehr gespannt auf die ganze Familie,“ sagte Horst und ließ dann das Gespräch fallen. Das, was Allmer ihm von der Unzugänglichkeit seiner Gutsnachbarn gesagt, hatte natürlich sein Verlangen, das junge Mädchen, das ihm einen so tiefen Eindruck bei der ersten Begegnung gemacht, wiederzusehen, nur gesteigert. Er versank in Sinnen und Träumen.

„Und was treibt denn der alte eigensinnige Mann in seiner Einsamkeit?“ fragte er nach einer langen Zeit aus seinen Träumen auffahrend.

„Was er treibt? … er hockt bei seinen Alterthümern, seinen Kunstsachen und schreibt gutes Papier zu Schanden mit Abhandlungen über alte Römerstraßen, Heidenwälle, Hünenringe und dergleichen Unsinn …“

„Also Kunstsammlungen besitzt er … in der That, ich besinne mich, als Kind in seinem Hause curiose alte Töpfe gesehen zu haben, in merkwürdigen altfränkischen Schränken, auch alte Bilder…“

„Es ist altes Gerümpel, Alles, was er hat, und dennoch hat er viel Geld dafür weggeworfen, so viel, daß er in Schulden steckt und die ganze Wirthschaft den Krebsgang geht…“

„Altes Gerümpel?“ dachte Horst bei diesen Worten seines Administrators, „es thut nichts, wenn der Mann Kunstsinn hat, so werde ich ihn mir schon zugänglich machen!“

Nach einer Stunde raschen Fahrens hielt der Jagdwagen auf dem Hofe von Haus Horst; der junge Baron sprang leicht und behende hinaus, während Allmer langsamer folgte.

„In die Rentcasse mit dem Gelde,“ sagte Horst; „wenn Sie es weggeschlossen haben, Allmer, so kommen Sie zu mir herauf. Da mir nun gerichtlich meine Herrschaft übergeben ist, so wollen wir gleich den Contract niederschreiben, wonach Sie noch für die nächsten Jahre meine Verwaltung fortführen.“

„Für heute Abend hab’ ich nicht Zeit dazu,“ versetzte Allmer, sich mit den Geldsäcken hinten im Wagen beschäftigend, „ich muß sogleich in’s Feld hinausreiten und nachsehen, wie weit die Leute mit dem Getreidemähen gekommen sind.“

„Das hat Zeit…“

„Wenn ich nicht heute Abend nachsehe, wie viel sie vor sich gebracht haben, so thun sie morgen den geschlagenen langen Tag nichts!“

„Nun, wie Sie wollen,“ versetzte Horst, die Treppe hinaufschreitend, und fügte bei sich hinzu: „Der Mann hat einen fürchterlichen Diensteifer … es scheint eine Perle von einem Administrator zu sein, aber ich möchte wissen, ob er gegen alle Leute so grob ist, oder nur seinen Herrn auf diese Weise auszeichnet!“

Er betrat die Zimmer, die er seit seiner Ankunft für sich herrichten lassen, in denen er seine unterdeß angelangten Sachen untergebracht hatte und wo er sich jetzt ermüdet in einem Sessel ausstreckte. Nach einer Weile fand er das Alleinsein in den leeren Gemächern ziemlich drückend. Er ließ sich Erfrischungen bringen, und als er etwas davon zu sich genommen, sprang er auf und sagte:

[644] „Werde ich denn den Winter hindurch hier bleiben können?

… Es wäre grauenhaft, diese Einsamkeit! Ich werde nach Wien gehen müssen und dort recht ernstlich Kunststudien treiben, modelliren, Thon kneten – und … das alte Junggesellen- und Wirthshausleben weiter treiben! Als ob ich nicht auch das so recht herzlich satt hätte! Es ist seltsam, aber seit ich in diesem alten Hause bin, mein’ ich, ich habe just Alles, Alles in der Welt recht herzlich satt … es fehlt mir etwas – der Himmel weiß was – am Ende ist es die Statue, die schöne Flora, die man mir geraubt hat, obwohl ich nicht weiß, warum ich in diesem Augenblick solch’ eine marmorne Schönheit sehr amüsant finden sollte, eine lebendige wäre mir lieber … ja, eine lebendige Schönheit, die mir zum Herzen redete wie eine marmorne, nur mit rothen Lippen und warmem Odem … eine Schönheit, wie dieses Mädchen von Falkenrieth, diese Eugenie, die mir’s angethan hat … und das so gründlich wie es möglich ist!“

Er verschränkte die Arme auf der Brust und blickte eine Weile in Gedanken verloren auf den Boden. Dann nahm er Hut und Handschuhe wieder und ging hinaus, um sich das Pferd satteln zu lassen, das er sich zu seinem Gebrauch ausgesucht, bis er ein besseres zu erwerben Gelegenheit gefunden, und bestieg es, um Allmer zu folgen.

Allmer war bisher seine einzige Gesellschaft gewesen, der ruhige gesetzte Mann, der so wenig Zuvorkommendes gegen ihn hatte, zog ihn doch an. Er hatte begonnen sich an ihn zu gewöhnen, sich von ihm leiten zu lassen in seinen Geschäftsangelegenheiten; wie magnetisch von der Aussicht auf Unterhaltung mit Allmer gezogen ritt er ihm nach.

Als er das kleine Dorf, welches zu seiner Besitzung gehörte, hinter sich gelassen hatte, sah er rechts weithin ausgedehnt die Getreideflur liegen, auf welcher in der Entfernung Schnitter mit Mähen und Weiber mit Garbenbinden beschäftigt waren. Er ritt langsam über die Stoppelfelder, bis er die Gruppen erreicht hatte. Allmer war nicht bei ihnen.

„Er war eben hier,“ gab einer der Arbeiter auf Horst’s Frage nach ihm Bescheid, „aber er ist gleich dort hinaus weiter, geritten, auf Schollbeck zu.“

„Nach Haus Schollbeck?“ wiederholte Horst ein wenig überrascht. Dann setzte er hinzu: „Wohinaus der Weg dahin?“

Der Arbeiter beschrieb den Weg, und Horst ließ sein Pferd demselben folgen. Nach kurzer Zeit hatte er die Ackerflur hinter sich und kam an das Ufer eines kleinen Bergflusses, der einen schmalen dünnen Wasserfaden durch ein breites trockenes Felsbett rinnen ließ, im Winter und Frühjahr wahrscheinlich ein wilder rauschender Gesell, jetzt, in den trockenen Sommermonaten dem Anschein nach kaum tief genug, um eine tüchtige Forelle zu verbergen. Rechts und links stiegen niedrige Hügelwände auf, die mit Lärchentannen bedeckt waren.

Forellen mußte das Gewässer aber doch ernähren, oder wenigstens irgend eine andere des Nachstellens werthe Fischart, denn Horst sah nach einer Weile einen jungen Mann in Hemdsärmeln mit einer langen Angelruthe am Ufer sitzen. Freilich war da, wo der junge Mann saß, ein kleiner Mühlteich angelegt; drüben am andern Ufer, das mit einer nackten niedrigen Felswand hier ein wenig zurücktrat, war die Mühle errichtet, ein dunkles kleines Bauwerk aus braungrauem Stein mit einem schwarzen Schieferdach darauf; dunkle Tannen, die auf der Höhe drüben standen, lugten dem Müller in den Schornstein.

[658] Der Fischer saß auf einem Steine am Ufer und blickte sehr gedankenvoll in’s Wasser. Horst hielt neben ihm und sah, daß der junge Mann den bessern Ständen angehören mußte, nach seiner Kleidung und dem feinen, ein wenig blassen, aus großen hellblauen Augen sehr ruhig dreinschauenden Gesichte. Er war schlank, groß und mager.

„Ist Allmer dieses Weges geritten?“ fragte Horst den Angler nach einem leichten Gruße.

Der junge Mann erhob sich und höflich die kleine Lederkappe, die er trug, ziehend, sagte er: „Allmer … dieses Weges? … ich weiß es nicht … ich sah ihn nicht. Meinen Sie, daß er dieses Weges geritten sei?“ Der junge Mann fragte dies in einem Tone, in welchem etwas wie Sorge oder Aengstlichkeit durchklang.

„Ob ich es meine? Man sagte es mir. Aber ich bedaure, daß Sie sich durch mich haben stören lassen, es war nicht meine Absicht. .“

„Das thut durchaus nichts,“ versetzte der junge Mann, zerstreuten und scheuen Auges den Weg hinauf- und hinabblickend, als ob er fürchte, Allmer unten oder oben um die nächste Bergecke kommen zu sehen, „ich will ohnehin aufhören, ich habe wenig Glück heute; wir müssen anderes Wetter bekommen! Sie sind wohl Baron Horst?“

Horst machte eine leichte Verbeugung. „Und Sie?“ sagte er dabei.

„Ich heiße Florens von Ambotten, ich bin der Vetter von Herrn von Schollbeck.“

„Der Vetter von Herrn von Schollbeck?“ fragte Horst ein wenig überrascht, und nachdem er sich den „spitzbübischen“ Jüngling noch einmal angesehen, setzte er rasch entschlossen hinzu: „es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen; wenn Sie heimgehen wollen, erlauben Sie mir wohl, daß ich Sie eine Strecke begleite?“

„O, Sie sind gar gütig,“ versetzte der Vetter, und seinen im Grase liegenden Rock anziehend, seine Anglergeräthschaft zusammenpackend, machte er sich auf den Heimweg thalaufwärts, während Horst, der abgestiegen war, sein Pferd hinter sich führend neben ihm blieb.

„Sie sind der Verlobte von Fräulein von Schollbeck?“ eröffnete Horst ein wenig brüsk die Unterhaltung.

„Der Verlobte … ja,“ antwortete der junge Mensch mit seiner merkwürdig sanften Stimme und ein wenig erröthend, „ja, Herr von Schollbeck sagt es wohl mal, aber Fräulein Eugenie spricht nie davon, und so kann ich es auch nicht glauben, daß …“

„Nun,“ fiel Horst, ihn betroffen ansehend und dann merkwürdig erleichtert aufathmend, ein, „Fräulein Eugenie erwartet wohl, daß Sie davon zu sprechen beginnen …“

Der Vetter seufzte. „Ach,“ sagte er, „wenn Sie das Fräulein kennten, würden Sie einsehen, daß bei ihr davon zu beginnen nicht leicht ist, und zudem …“

„Zudem?“

„Bin ich auch gar nicht des Vetters Ansicht,“ fuhr der junge Mann fort, „daß ich Eugenie glücklich machen kann, wenn ich ihr Mann werde und ewig mit ihr bei ihm auf Haus Schollbeck sitzen bleibe, was doch die Folge wäre, da ich arm bin … Eugenie gehört in die Welt, in eine große glänzende Welt, da würde sie erst an ihrer Stelle sein – denn sie hat Geist, viel Geist, und hat viel gelernt, viel, viel mehr als andere Damen, und dabei ist sie so überaus schön. Soll sie nun ihr Leben lang in dem einsamen alten Hause bleiben?“

„Das ist ebenso einsichtig als selbstverleugnend von Ihnen bemerkt,“ sagte Horst immer mehr erstaunt über den jungen Mann.

„Nicht wahr, Sie geben mir auch Recht?“ fiel der Vetter sehr lebhaft ein.

„Gewiß,“ versetzte Horst.

„Wann werden Sie zu uns kommen?“ fuhr der junge Mann fort.

„Ich beabsichtigte Ihnen morgen meinen Besuch zu machen, aber Herr Allmer sagte mir, daß Ihr Vetter so wenig eine Störung seiner Einsamkeit liebe, daß ich schon auf die Hoffnung verzichtete, empfangen zu werden …“

„O,“ versetzte Florens von Ambotten mit einem Tone der Verwunderung. „Allmer sagte das? Nun, Allmer weiß es vielleicht … ich meine, der Vetter hätte Sie mit Spannung erwartet, da Sie doch unser nächster und einziger Nachbar hier sind. Eugenie hat sich auch auf Ihr Kommen gefreut, als wir hörten, daß Sie da seien, und Eugenie sich sagen mußte, daß Sie es gewesen, den sie in Falkenrieth getroffen …“

„In der That? – Und Herr von Schollbeck ist durchaus nicht so abgeschlossen?“

„O gewiß nicht … wir haben manchmal Fremde aus der Stadt, und Eugenie wird sich sicherlich freuen, wenn Sie zu uns kommen …“

„Nun, ich bin herzlich erfreut, das zu hören; so hat Allmer mich verkehrt berichtet und umsonst besorgt gemacht!“

„Ja, Allmer!“ sagte der Vetter mit einem eigenthümlichen Tone, dessen Bedeutung Horst völlig entging.

Sie waren an eine Stelle gekommen, wo der Fluß und das Thal mit ihm eine starke Biegung nach links machten. Das Thal zeigte sich nun bedeutend verbreitert; der kleine Fluß zweigte sich in zwei Arme auseinander; und weiter hinauf zwischen diesen Armen, vor einer Reihe hoher Baumwipfel, stand Haus Schollbeck, ein weißübertünchtes großes Gebäude mit grünen Jalousien und einem hoch hinan mit Epheu bewachsenen Eckthurm, der rechts an den Bau stieß, während links unten eine lange Holzbrücke über den einen Flußarm führte. Neben dem Aufgang zur Brücke stand an der einen Seite eine Gruppe Trauerweiden, an der andern ein Pförtnerhaus. Das Terrain vor dem Gebäude bis in die Spitze des Flußdeltas hinein war mit wohlgepflegten Gartenanlagen bedeckt. Das Ganze bildete ein hübsches Landschaftsbild und sah weit freundlicher und wohlerhaltener aus, als Horst’s Residenz. Als der Letztere seine Blicke darüber schweifen ließ, sagte der Vetter:

„Da kommt Allmer!“

„Allmer? Sie haben in der That ein gutes Auge, Herr von Ambotten!“ versetzte Horst den Reiter fixirend, der eben über die Brücke von Haus Schollbeck kam, „ich hätte ihn nicht so weit erkannt … aber er ist es!“

„Nun werden Sie wohl mit ihm heimreiten,“ fuhr Florens von Ambotten in einer Weise zu reden fort, welche offenbar eine gewisse Aufregung verrieth, in die er gekommen war … „und morgen werden wir Sie sehen … wann werden Sie kommen, damit ich sicherlich zu Hause bin?“

„Etwa um elf Uhr, wenn Ihnen die Stunde genehm ist?“

„O gewiß … ich werde Sie auf elf dem Vetter und Eugenien ankündigen – sie werden sich sehr freuen, Sie zu sehen, zweifeln Sie nicht daran.“

Der junge Mann zog sein Lederkäppchen und eilte nun mit langen Schritten davon, als ob er brenne, von Horst los und heim zu kommen. Die Angelruthe schwankte auf seiner Schulter wie ein langes Schilfrohr. Als er Allmer erreicht hatte, sprachen beide zusammen … nicht lange, denn Allmer setzte gleich darauf sein Pferd in Trab und erreichte in wenig Augenblicken seinen Gebieter, der sich unterdeß wieder in den Sattel geschwungen hatte.

„Sie in Schollbeck?“ sagte Horst mit einem Tone der Verwunderung, während Allmer ihn begrüßte und an seine linke Seite ritt.

„Ich bin hingeritten, um dem Schlingel von Wirthschafts-Inspector meine Meinung zu sagen,“ rief Allmer in einem hitzigen Aerger aus. „Es ist eine verrottete Wirthschaft in diesem Schollbeck … ein Schlagbaum zwischen ihrer Weide da drüben und unsern jungen Eichenschlägen ist morsch und zerbrochen, und so sind uns ihre Rinder in das junge Holz gedrungen und haben für mehr als zwanzig Thaler Schaden angerichtet; ich habe dem Inspector gesagt, wenn nicht noch in dieser Nacht der Schlagbaum wieder hergestellt würde, verklagt’ ich ihn morgen am Tage und seine Rinder ließ ich ihm ohne Gnade und Barmherzigkeit pfänden.“

„Sie gehen ja gewaltig scharf mit unsern Nachbarn in’s Gericht.“

„Das muß man leider, das werden Sie bald selbst einsehen lernen, es ist gar kein Auskommen sonst mit diesen Leuten… da heißt es: wie der Herr, so der Knecht …“

[659] „Den Herrn haben Sie mir aber doch wohl in etwas zu dunklen Farben geschildert … den Vetter Florens von Ambotten, der mir ganz und gar nicht wie ein durchtriebener Spitzbube, sondern als die kindlichste und harmloseste Seele von der Welt vorkommt …“

„In der That?“ fiel Allmer mit einem offenbar sehr spöttischen Lächeln ein.

„In der That,“ versetzte Horst nachdrücklich und fast geärgert, „dieser Vetter hat mich versichert, daß mein Besuch in Schollbeck erwartet würde, daß der alte Herr sich freuen werde, mich zu sehen, daß man keineswegs dort so abgeschlossen sei …“

„Dieser Vetter!“ sagte Allmer just mit demselben nicht näher zu deutenden Tone, womit der Vetter früher gesagt hatte: ‚O Allmer!‘ „Nun, es ist ja möglich,“ fuhr er dann kaustisch fort, „daß man in Schollbeck sich gegen Sie anders zeigen wird, als gegen Andere; daß der Alte Ihnen gegenüber seinen Menschenhaß und seine Grämlichkeit ablegt; daß der Vetter seine Eifersucht auf Fräulein Eugenie und seine Neigung zu bösen Streichen und Tücken Ihnen gegenüber verleugnet …“

„Halten Sie ein, Allmer,“ rief hier Horst lachend aus … „dieser Florens von Ambotten sollte Neigung zu Tücken und bösen Streichen hegen, das ist ja ganz unglaublich!“

„Wir werden sehen!“ sagte Allmer ruhig.

Horst schüttelte schweigend den Kopf.

„Es ist unglaublich!“ sägte er noch einmal und ritt dann schweigend neben Allmer her, der diesen Abend die entschiedenste Wortkargheit an den Tag legte.


5.

Es war am andern Tage zwischen elf und Mittag, als Horst, einen zum Groom beförderten Knecht hinter sich, auf die Brücke zuritt, welche den Zugang zum Haus Schollbeck bildete. Als sein Pferd den ersten Schritt auf die Brücke setzte, kam ein großgewachsener Mann, der vor dem Pförtnerhause auf einer Steinbank gesessen und sich mit dem Verfertigen von Krammetsvogeldohnen beschäftigt hatte, herangeschritten, mit der ziemlich barschen Frage: „Wohin wollen Sie?“

„Ich wünsche Herrn von Schollbeck zu sehen!“

„Herr von Schollbeck ist nicht daheim.“

„Nicht daheim?“ wiederholte Horst überrascht.

„Dann wünsche ich dem gnädigen Fräulein gemeldet zu werden.“

„Das gnädige Fräulein ist mit dem gnädigen Herrn … auch nicht daheim!“

„Auch nicht daheim? das ist seltsam; ich habe mich gestern ansagen lassen … gehen Sie doch, um zu sehen, ob sie nicht doch daheim ist, melden Sie Baron Alfred Horst … und wenn das Fräulein wirklich nicht da ist, so melden Sie mich bei Herrn von Ambotten an.“

„Herr von Ambotten ist schon vor einer Stunde mit der Angelruthe ausgegangen …“

„Herr von Ambotten ist mit der Angelruthe ausgegangen?“ rief Horst aus und warf sein Pferd herum .. . „wahrhaftig, das ist ein wenig überraschend für mich!“

Ein helles Roth des Zornes färbte seine Züge, als er sich zum Heimkehren wendete.

„Gröber,“ sagte er für sich, „kann man freilich nicht abgewiesen werden – wenn man sich ausdrücklich angekündigt hat! Wenn man eingeladen ist, zu kommen! Das Wetter soll diesem heimtückischen, falschen Menschen von Vetter auf den Kopf fahren … so Recht hatte also Allmer, als er mich vor den Leuten warnte und diesen Vetter einen Schelm nannte!“

Horst war in tiefster Seele gekränkt. Es war nicht allein die beleidigende Weise, wie man sein Entgegenkommen aufgenommen, es war mehr als das, es war eine unsägliche Bitterkeit in ihm, daß er von Eugenie’s Schwelle so hochmüthig zurückgewiesen war. Seit er das Mädchen gesehen, hatte er nicht aufgehört, an sie zu denken, er hatte sich in glückliche Träume verloren bei dem Gedanken an sie … er hatte ja ganz allein ihretwegen das kleine Schloß Falkenrieth gekauft, ihretwegen, weil sie seiner gespottet hatte, und noch mehr, weil er sie dort gesehen, weil es für ihn ein auf immer mit dem Gedanken an sie verbundener Gegenstand war. Und jetzt … sagte man ihm bei der ersten Annäherung mit einer fast naiven Rücksichtslosigkeit und Grobheit, daß man ihn nicht sehen und nichts von ihm wissen wolle … es war in der That eine Beleidigung, die sich kaum so ohne Weiteres hinnehmen ließ; es war mehr, als was ein Edelmann vertrug. Horst murmelte einen leisen Fluch zwischen den Zähnen und gelobte sich, wenn er diesem Vetter wieder begegne – nein, er beschloß, diesem Vetter lieber gleich, sobald er zu Hause angekommen, eine Herausfordernng zu schicken, auf der Stelle ihm zu zeigen, daß er sich nicht höhnen lasse; und mit der ihm eigenen Raschheit, in der Hitze der Aufregung stachelte er sein Pferd zum Galopp, um nur möglichst bald heimzukommen und seinen Vorsatz ausführen zu können. - -

Eine Stunde später saß die Familie von Schollbeck im Schatten des alten epheuumrankten Thurmes um einen runden Sandsteintisch, umgeben von den blühenden Gesträuchen der Anlagen, die den alten Seitenthurm des Hauses umfingen. Der menschenfeindliche alte Herr von Schollbeck, ein Mann von etwa sechszig Jahren, lag in einem Schaukelstuhl aus leichtem Rohrgeflecht und sah mit gerunzelter Stirn auf seine Tochter Eugenie, die auf einer Bank von Gußeisen Platz genommen hatte und gedankenvoll das Haupt auf den Arm stützte, der auf der Lehne der Bank ruhte. Der Vetter saß ihr gegenüber und zeichnete, wie es schien, eben so nachdenklich mit einer Gerte Figuren in den Sand zu seinen Füßen.

„Du blickst seit einer Viertelstunde vor Dich nieder, Eugenie, und sagst nichts,“ bemerkte der kleine, ziemlich starke und aus seinen hellen Augen unter dichten grauen Branen her so verdrießliche Blicke werfende alte Herr endlich.

„Was kann ich sagen?“ versetzte Eugenie mit einem traurigen Blicke ihren Vater streifend. „Es ist schlimm, einen bösen Menschen zum Nachbar zu haben … aber was kann man anders thun, als ihm ausweichen? Die Statue ihm ohne Weiteres zurücksenden willst Du nicht …“

„Nein, nein, nein!“ rief Herr von Schollbeck heftig den Kopf schüttelnd aus, „das nicht, das ist unmöglich. Ich bin Allmer schuldig, Alles zu thun, damit Horst nicht erfährt, daß die Statue unter meinen Sammlungen ist … ein Mensch wie er würde Allmer das größte Verbrechen daraus machen, daß er die Statue weggegeben, er würde ihn als ungetreuen Verwalter der Unterschlagung anklagen … ich darf nicht, ich darf nicht!“

Eugenie schwieg. Auf dem Gesichte des Vetters war deutlich zu lesen, daß irgend ein Gedanke in ihm arbeitete, den er nicht aussprach, vielleicht in der Sorge, entschiedenes Fiasco damit zu machen.

„Was willst Du sagen, Florens?“ fragte Eugenie ihn nach einer Pause, in der sie die Züge des Vetters beobachtet hatte.

„Ich meine,“ sagte er jetzt, ein wenig scheu in die Züge des alten Herrn blickend, „wenn wir es heimlich machten …“

„Heimlich – was?“

„Wenn wir heimlich die Statue in Horst’s Haus auf ihre alte Stelle zurückbringen ließen … dann würde er ja zufrieden sein und …“

„Du bist ein Thor, Florens!“ fiel hier Herr von Schollbeck ein; „heimlich … ein Edelmann thut nichts heimlich, und zudem würde das ihn erst recht anstacheln, Nachforschungen anzustellen, und würde Allmer deshalb gefährden!“

„Ja, Allmer!“ sagte der Vetter wieder mit einem ganz eigenthümlichen Tone.

Eugenie legte mit einem freundlichen Lächeln die Hand auf Florens’ Schulter und sah ihn mit einem Blicke an, dessen Sprache der Vetter nicht im geringsten verstand und die in klaren Worten nichts anderes sagte, als: Du Guter, wie wenig ahnst Du, daß die Hauptsache die ist, daß mein Vater lieber sein Leben ließe, als das kostbare Marmorbild, die Perle seiner Kunstschätze oder dessen, was er so nennt!

„Es handelt sich ja auch nicht allein um die Statue,“ fuhr Herr von Schollbeck ärgerlich fort, „es handelt sich um einen Nachbar, der ein böser Mensch ist, der mit Allmer, statt ihm bis an sein Lebensende für das zu danken, was er für die verschuldete Herrschaft gethan, im ersten Zusammentreffen Streit gesucht hat; der dann, sobald er vernommen, daß es Eugeniens und auch mein Lebenswunsch war, Falkenrieth, das unmittelbar an unser Gut stößt, zu erwerben, es uns vor der Nase weggekauft, und der uns endlich um eines Paars verlaufener Rinder willen mit allen möglichen gerichtlichen Chicanen bedroht … um all’ den Verdruß, der uns noch von ihm bevorsteht, handelt es sich…“

[660] „Und mit etwas wie einem neuen kann ich aufwarten,“ sagte in diesem Augenblick die Stimme eines Mannes, der eben um einen Jasminstrauch trat und der Gesellschaft eine leichte Verbeugung machte. Es war Allmer. „Hier,“ fuhr er zu Florens von Ambotten gewendet fort, „lesen Sie das, dies Billetdoux hier!“

Florens nahm mit einem mißtrauisch scheuen Blick das Billet, das Allmer ihm reichte, und erbrach es. Seine Züge verfärbten sich, während er las.

„Um Gott,“ stammelte er, wie hülfeflehend zu Herrn von Schollbeck und zu Eugenien aufblickend, „er hat mich gefordert!“

„Er … Horst?“ fragte Eugenie.

„Horst!“

„Und weshalb?“ rief Herr von Schollbeck aus.

„Weil … weil mein Betragen beleidigend gegen ihn gewesen … da lesen Sie selbst … gefordert auf Pistolen!“

„Das ist ja ein wahrer Türke!“ sagte Herr von Schollbeck.

„Armer Florens!“ flüsterte Eugenie mit einem Blick des Mitleids, wie man ihn auf ein geängstigtes Kind wirft.

Florens war aufgesprungen. Florens von Ambotten war, was selten zu geschehen pflegte, in Aufregung gekommen; er war zornig geworden, … aber sein Zorn äußerte sich in unendlich sanft vorgebrachten Vorwürfen gegen Herrn von Schollbeck.

„Es war aber auch unrecht von Ihnen,“ sagte er, „daß Sie mir nicht früher erklärten, daß Sie ihn nicht empfangen, daß Sie seinen Besuch abweisen und auch mir befehlen würden, ihn abzuweisen. Ich konnte es ja gestern Abend nicht wissen … und jetzt, jetzt hat er mich gefordert…“

„Da machst Du mir sehr ungerechte Vorwürfe,“ unterbrach ihn Herr von Schollbeck ärgerlich, „es wurde ja erst gestern Abend spät beschlossen, daß wir ihn abweisen wollten, nachdem Allmer dagewesen und uns den Kauf von Falkenrieth und seine Drohungen mitgetheilt hatte. …“

„Ja, Allmer!“ rief Florens wieder aus, diesmal mit dem Tone entschiedenen Verdrusses.

„Was willst Du thun? Willst Du Dich mit ihm schießen?“ fragte Herr von Schollbeck.

„Ich, schießen … o mein Gott, das wäre ja fürchterlich! Muß ich das denn?“

„Ich sehe nicht, wie Du ihm ausweichen willst!“

„Was meinst Du, Eugenie?“ sagte der Vetter, wie in der Erwartung, Hülfe in seiner Noth bei dem jungen Mädchen zu finden.

Eugenie sah zu Boden, ohne zu antworten. „Ich, ich würde mich mit ihm schießen,“ sagte sie dann, plötzlich den Kopf erhebend, mit geröthetem Gesichte und zornig die Worte zwischen den Zähnen murmelnd.

„Aber Sie können es nicht, Fräulein Eugenie,“ fiel hier Allmer ein, „und Herr von Ambotten ist zu ungeübt in den Waffen, um es zu können. Ueberlassen Sie mir, den heftigen jungen Mann für den Verdruß zu strafen, den er Ihnen gemacht hat!“

Allmer blickte bei diesen Worten das junge Mädchen mit einem der sprechenden, wie schwer auf ihrem Gegenstande lastenden Blicke aus seinen dunklen Augen an, die sie seit seinem ersten Kommen nicht verlassen hatten.

„Sie wollten …“ fiel Herr von Schollbeck hier ein, „für Florens …?“

„Lassen Sie Herrn von Ambotten erwidern,“ entgegnete langsam und bestimmt Allmer, „er sei ungeübt im Pistolenschießen, es sei wider seine Grundsätze sich zu schlagen, oder was er für gut findet, und statt seiner werde ich die verlangte Genugthuung geben …

„Aber bei dem Verhältnisse, in welchem Sie zu ihm stehen?“ unterbrach ihn Florens.

„Dies Verhältniß wird bald abgebrochen sein – noch heute. Ich habe nicht die geringste Lust, es nur noch einen Tag lang fortzusetzen. Zudem habe ich für mein eigenes Gut zu sorgen. Sie wissen, daß ich in Unterhandlungen wegen des Ankaufs des Ritterguts zu Flursheim stand – dasselbe ist seit voriger Woche mein!“

„So wünsche ich Glück, von Herzen Glück dazu!“ sagte Herr von Schollbeck.

„Ich danke Ihnen, Herr von Schollbeck,“ versetzte Allmer, immer in derselben Ruhe, welche einen so eigenthümlichen Contrast mit der inneren Aufgeregtheit der Anderen bildete; „ich danke Ihnen, wenn ich auch das Glück – sein Auge lag bei diesen Worten wieder auf Eugenie – nicht von Umständen erwarte, die immer nur die Grundlage für ein darauf zu bauendes Glück bilden können ! Aber zur Sache … werden Sie den Brief schreiben, werden Sie mich zu Ihrem Stellvertreter annehmen, Herr von Ambotten?“

Florens von Ambotten schien in seinem sanften Gemüth am wenigsten für Allmer die Gefühle zu hegen, die ihn geneigt machten, von ihm einen solchen Freundschaftsdienst anzunehmen. Mit einer gewissen Aengstlichkeit hatte er die auf Eugenien liegenden Blicke Allmer’s bewacht. Auf der anderen Seite hatte er noch weniger Lust, sich den Kugeln des bösen Menschen, der ihn zu erschießen drohte, zu stellen, und so sah er mit einem eigenthümlichen Blicke von Rathlosigkeit und Verlegenheit zu Herrn von Schollbeck und Eugenie auf.

„Ist es denn zulässig, kann man denn einem Andern überlassen, eine Ehrensache auszufechten, die uns persönlich angeht?“ sagte er schwankend.

„Herr von Horst verlangt eine Satisfaction,“ fiel Eugenie hier ein, „wenn sie ihm wird, so ist es einerlei, wer sie ihm giebt, ob Du oder ein Freund an Deiner Statt, Florens - – laß sie deshalb ruhig Allmer ihm geben. Ich hoffe, die Belehrung, die dieser böse Mensch dann erhält, wird um so gründlicher sein … es ist wahrhaftig abscheulich, ein, nimm mir’s nicht übel, ein harmloses Kind wie Dich auf Pistolen zu fordern… es gehört so entsetzlich wenig Muth zu dieser Heldenthat … es ist erbärmlich, verächtlich … wenn Allmer ihm entgegentritt, wird er vielleicht Gelegenheit es zu bereuen bekommen!“

„Wenn Du es so auffassest!“ sagte Florens, der bei der Heftigkeit, womit Eugenie gesprochen, gar nicht wagte, gegen die kindliche Harmlosigkeit zu protestiren, die ihm seine Cousine zuschrieb und die ihn doch so verletzte, daß er einen vorwurfsvollen Blick auf Herrn von Schollbeck warf, als ob er sagen wollte: „Du siehst, wie sie mit mir umgeht!“ Dann stand er auf und fügte hinzu: „So will ich gehen und eine solche Antwort an Horst schreiben!“

Damit verließ er die Gesellschaft. Diese letztere blieb eine Weile stumm und schweigend; Eugenie nahm eine Stickerei zu Händen, ihr Vater blickte gedankenvoll auf die nächste grüne Rasenfläche hinaus. Nach einer Weile erhob auch er sich.

„Ich muß doch gehen und schauen, was Florens schreibt … ob er sich in der gehörigen Weise ausdrückt!“ sagte er und ließ Eugenie und Allmer allein.

Eugenie wechselte leicht die Farbe; es zuckte etwas über ihr Gesicht, als sie ihrem Vater nachblickte, und die Finger, womit sie in einem kleinen, auf Papierunterlage genähten Stücke weißen Zeuges Stiche machte, begannen von diesem Augenblicke an zu zittern. Allmer entging diese Bewegung nicht. Er beobachtete sie eine Weile schweigend; dann sagte er: „Fräulein Eugenie, Ihre Hand zittert ein wenig…“

„Sie irren,“ entgegnete sie halblaut; in der That die Finger hatten von diesem Augenblicke an ihre ganze Festigkeit wieder erhalten.

„Ich bewundere die Kraft, welche Sie über sich besitzen. Sie haben eine seltene Gewalt sich zu beherrschen…“

„Sich beherrschen können ist der Anfang aller Weisheit…“

„Und aller Anfang ist schwer, wie bekannt.“

„Man muß nur den Willen haben!“

„Den Willen! Was ist der Wille! Es giebt viel in uns, was den Willen unterjocht, ihn unter die Füße tritt, oder ihn zum Spielzeug macht!“

„Das sagt ein Mann?“

„Ja, ein Mann, ein Mann von starkem, nicht leicht zu beugendem Willen sagt Ihnen, daß sein Wille nichts werden kann als eine Seifenblase, die der Hauch der Leidenschaft schaukelt und hinbläst wohin sie mag.“

„Welch’ kläglicher Wille!“ fiel Eugenie mit spottendem und doch offenbar ängstlichem Tone ein, indem sie einen scheuen Blick in Allmer’s dunkel auf sie niederglühende Augen warf und dann die ihren rasch wieder auf ihre Arbeit senkte.

[673] Allmer seufzte. „Sagen Sie es immerhin, mein Fräulein,“ sprach er dann … „ja wohl, es ist ein kläglicher Wille, dieser Wille, den ich hatte, Ihnen zu gehorchen, Ihnen durch meine leidenschaftlichen Bewerbungen nicht lästig zu fallen, Ihnen Zeit zu lassen, sich über Ihre Gefühle klar zu werden, mir die Zeit, durch stille Ergebenheit Ihre Gunst zu erringen … die Leidenschaft ist stärker, die Leidenschaft, die mich während dieses Harrens, während dieser furchtbaren Ungewißheit verzehrt, martert, auf eine unsägliche Folter spannt, die mich tödtet … Eugenie, seien Sie barmherzig … jetzt, wo ich in einen Kampf, in eine Gefahr um Ihretwillen gehen will, nur um den Verdruß zu rächen, der Ihnen angethan wurde – jetzt sprechen Sie endlich ein Ja, das diesen Zustand in ein grenzenloses Glück verkehrt, oder ein Nein, das mich zur Raserei treibt, das mich fähig macht, zu tödten und zu vernichten, die Welt in Flammen zu setzen, das entsetzlich, ganz entsetzlich wäre…“

Allmer sprach diese Worte mit einer Heftigkeit, mit einer Gluth aus, die nur allzu deutlich von der furchtbaren Leidenschaft zeugte, der dieser Mann sich hingegeben fühlte und die seinem Willen in der That vollständig sich dienstbar gemacht zu haben schien.

„O mein Gott!“ sagte Eugenie tief erschrocken und vollständig darauf verzichtend, die Zeichen dieses Erschrockenseins durch ihre Selbstbeherrschung zu unterdrücken . .. „wie darf ich denn zu einem Manne sprechen, der sich so von seiner Leidenschaft bewältigen läßt, der mich zwingen will, der meinen Willen durch Schrecken zu unterjochen sucht … Sie sind fürchterlich!“

Eugenie war todtenblaß geworden, sie hatte ihre Arbeit fallen lassen und sah Allmer mit weit aufgerissenen Augen, in denen sich eine wirkliche Seelenangst spiegelte, an.

„Haben Sie Erbarmen mit mir,“ fuhr Allmer fort, „und verdammen Sie diese Leidenschaft nicht .. . Sie, Sie haben sie erweckt, und was sie stachelt, das ist ein Gedanke, der mich nicht verläßt, der mich rasend macht. Ich glaube, daß Sie mir Ihre Hand geben, daß Sie ohne Widerstreben die Meine werden würden, wenn nicht das Einzige zwischen uns stände, das ganz allein, daß ich ein Bürgerlicher bin, ein Mann ohne Namen und Titel, daß ich mir meine Stellung, mein Vermögen nicht habe schenken, vermachen, vererben lassen, sondern daß ich durch eigene Anstrengung, durch Arbeit und Mühe es errungen habe … Ihr denkt ja so, Ihr Alle, Sclaven des unsinnigsten Vorurtheils, die Ihr seid, und daß Sie, Sie Eugenie, die ich liebe, die ich anbete, so denken, daß auch Ihr Verstand von diesem Wahnsinn umnebelt ist und daß darunter all mein Lebensglück zu Grunde gehen soll – das eben, die Verzweiflung darüber ist es, was mich so leidenschaftlich macht!“

„Sie kennen mich genug, ich habe Ihnen auch gesagt, daß Sie sich darüber täuschen, daß ich solche Vorurtheile nicht hege, daß ich vollaus den Muth und die männliche Kraft anerkenne, mit der Sie Ihr Schicksal sich selbst gegründet haben.“

„Nun, dann begreife ich nicht, Eugenie, weshalb Sie mich meiner Folter überlassen; Sie wissen, daß ich mit Ihrem Vater geredet habe, daß er nicht wider meine Wünsche ist, daß er das Verhältniß zu Ihrem Vetter nicht als Etwas betrachtet, was Ihren Neigungen ernstlich in den Weg treten kann.“

„Aber mein Gott, habe ich Ihnen denn nicht gesagt, daß ich frei, ganz frei meine Entschlüsse . .“

Zu Eugeniens unaussprechlicher Erleichterung wurde sie hier unterbrochen; ihr Vater trat, aus dem Hause zurückkehrend, um die Thurmecke. Allmer wandte ihm sein hochgeröthetes Gesicht mit einem Ausdruck unverkennbaren Aergers zu, Eugenie aber sprang auf, raffte ihre Arbeit zusammen und eilte davon. Auf Allmer’s Lippen schwebte ein leiser, kaum unterdrückter Fluch, als er ihr mit flammendem Auge nachblickte.

„Da ist der Brief von Florens,“ sagte Herr von Schollbeck, „wollen Sie seine Besorgung übernehmen?“

„Ich will ihn Horst übersenden und meinen eigenen Absagebrief beilegen!“ versetzte Allmer und verabschiedete sich dann rasch von dem alten Herrn.




6.

Es war spät Abends geworden. Die Bewohner von Haus Schollbeck hatten sich zur Ruhe auf ihre Zimmer zurückgezogen. Aber vielleicht der alte Herr allein hatte sich wirklich zur Ruhe gelegt. Aus den Fenstern Eugeniens schimmerte das Licht der Lampe weit hinaus und beleuchtete das grüne Laubgezweige der nächsten Bäume, welche den Hintergrund von Haus Schollbeck bildeten. Die Zimmer Eugeniens lagen nach hinten hinaus; ihr Wohnzimmer hatte eine Glasthür, die auf einen Altan führte, der, an der einen Seite von dem vorspringenden alten Thurme abgeschnitten, mit leichtem Lattenwerk überbaut und mit Reben überkleidet war, so daß er eine allerliebste, in der Höhe des ersten Stockwerks angebrachte Veranda bildete.

Die Thür stand offen und ließ das Licht der großen Lampe [674] ungehindert hinausfallen und sich mit dem Schimmer des Mondes vermischen, der hell und voll am Nachthimmel schwebte und sein bläuliches Licht außen über die Veranda ergoß, während das gelblichere der Lampe sie innen erfüllte.

Eugenie ging unruhig bewegt in ihrem Zimmer umher. Bald trat sie auf die Schwelle der Glasthür und blickte sinnend in die Sommernacht hinaus; dann wandelte sie in ihrem Zimmer auf und ab, dann setzte sie sich an den runden Tisch in der Mitte und stützte die Stirn auf ihre Hand. Schwere und beängstigende Gedanken arbeiteten unter dieser Stirn und ließen ihre Brust unter rascheren Pulsschlägen wogen. Sie dachte an Allmer … sie suchte nach voller Klarheit über ihr Gefühl für diesen Mann, der seit einer Reihe von Monaten um sie warb; der es verstanden hatte, ihres Vaters stillschweigende Genehmigung für diese Bewerbung zu erlangen; der sich mehr als die Rechte eines Nachbars in ihrem Familienkreise errungen; der von dem Tage an, wo er des Alten Herz durch die Statue gewonnen, sich mit seinem Umgang, mit seinem Rath in Haus Schollbeck unentbehrlich gemacht; den sie wegen seiner männlichen Eigenschaften, seiner Energie, seiner Kenntnisse achtete; dessen gehaltenes Wesen sie anziehend gefunden und den sie zuletzt … lieben? nein, fürchten gelernt!

Fürchten … das war es; sie fürchtete ihn, seine Nähe hatte eine magische Gewalt für sie, die Luft wurde ihr schwer und drückend wie eine Gewitterluft, wenn er kam, und wenn sie seine Blicke auf sich gerichtet wußte, war es ihr, als ob sie diese Blicke fühlen könne wie eine beängstigende Last. Und niemals war sie sich über dies Gefühl bewußter geworden, als seit einigen Tagen, seit ihre Gedanken sich mit dem jungen Manne beschäftigt hatten, den sie im Schloß Falkenrieth gesehen, mit dem sie sich so viel beschäftigt hatten, dem sie mit lebhafter Sorge gefolgt waren auf seiner leichtsinnigen geldlosen Künstlerfahrt … und als Eugenie dann von der Ankunft Horst’s vernommen und ihr klar geworden, daß ihr Künstler von Falkenrieth und der junge Baron eine und dieselbe Person sei – wie theilnehmend hatte sie da an den armen, alleinstehenden, in ein verlassenes, verödetes Hans zurückkehrenden jungen Mann gedacht, den keine Seele, die ihm nahe stehe, umgab, kein freundlicher Gruß an der Schwelle seines Vaterhauses willkommen heiße, und wie sehr. hatte sie verlangt, ihn wiederzusehen, um ihm sagen zu können, daß man in Schollbeck des neuen Nachbars sich freue, daß man so herzlich bereitwillig sei, ihm ein Asyl gegen die Vereinsamung zu bieten; wie hatte sie sich auf das neubelebende Element gefreut, welches in ihr ländlich stilles Dasein kommen werde! Und … für all diese freundliche Beschäftigung mit ihm – wie hatte dieser junge Mann sie belohnt? Wie ein böser Dämon mit lauter Feindschaft und Tücke; es war, als habe er nichts Eifrigeres zu thun gehabt, als alle drei Bewohner von Schollbeck an der empfindlichsten Seite zu verwunden und zu kränken – den Vater bedrohte er durch seine eigensinnigen Nachforschungen nach der Statue, die Allmer dem alten Henn auf sein Andringen schon vor ein paar Jahren, freilich ohne besondere Befugniß, für eine ganz geringe Summe verkauft hatte und die seitdem des Vaters Augapfel geworden, die der alte von der Sammelwuth besessene Mann nicht zurückgeben konnte, ohne sein Herz dabei brechen zu fühlen; dann hatte Horst Eugenien gekränkt, indem er ihr Falkenrieth geraubt … es war Eugeniens heißester Wunsch, Falkenrieth zu besitzen, sie hatte das ganze Capital, welches sie selbst persönlich aus der Erbschaft ihrer Mutter besaß – zehntausend Thaler – dafür längst geboten und die sichere Hoffnung gehegt, daß, da kein anderer Käufer sich gemeldet, es ihr für diese Summe zugeschlagen würde! Und nun hatte dieser Horst nichts Eiligeres zu thun gehabt, als es ihr für immer und ewig zu entreißen, diese unvergleichliche Perle von einem kleinen Besitzthum, das sie längst als ihr gehörend in Gedanken in Besitz genommen. Und endlich diese letzte abscheuliche Grausamkeit, den armen harmlosen Vetter Florens, diesen unschuldigen Mann mit der Seele eines Kindes, auf Pistolen zu fordern … es war wahrhaft abscheulich. Eugenie war in tiefster Seele empört, sie zürnte diesem Horst nicht, nein, sie haßte, sie verabscheute ihn, und – dachte den ganzen Tag an ihn, vom Morgen bis in die Nacht; sie hätte Alles thun können, um sich an ihm zu rächen, ihn zu bestrafen – sie hätte Allmer ihre Hand reichen können, wenn sie gewußt, daß ihn das ärgere, stachele – aber ach, das, gerade das hätte ihn gewiß am wenigsten geärgert!

Sie stand wieder auf; sie trat auf die Schwelle der Glasthür und dann unter die Veranda, und hier lehnte sie sich auf das Geländer und sah in den dunklen Park hinaus. Nach einer Weile wurde Eugenie in ihren Gedanken durch ein Geräusch unterbrochen, das sie unten zu vernehmen glaubte; es war wie ein leiser Schritt und das Knicken eines Zweiges im Gesträuch. Gleich darauf war Alles wieder still.

Aber nein, nur eine kleine Pause hindurch, während welcher sich Eugenie beruhigt gesagt hatte, daß irgend ein Thier, ein Nachtvogel das Geräusch gemacht, war es still, dann tönte der leise Schritt wieder … er kam näher und näher, wurde lauter und fester… Eugenie blickte ängstlich gespannt in das Dunkel der Gebüsche hinunter – eine Gestalt löste sich aus dem Schatten los, es war ein Mann, der geraden Wegs und eilig auf Eugeniens Veranda zuschritt … nun stehen blieb und sich umsah … nun näher kam und Eugenie endlich den Ausruf entlockte: „Florens, bist Du es? Was treibst Du so spät da?“

„Ich bin’s, Eugenie – darf ich zu Dir heraufkommen? Ich möchte Dir etwas sagen.“

„Du darfst kommen … ich will Dir öffnen!“

Sie ging in ihr Zimmer zurück und schloß die Thür wieder auf, die sie für die Nacht schon verriegelt hatte; dann ging sie, die offenstehende Thür, welche in ihr Schlafzimmer führte, anzuziehen. Nach kurzer Weile kam mit möglichst leisen Schritten Florens herein. Als er in den Lichtkreis der Lampe trat, nahm Eugenie wahr, daß er blaß und aufgeregt aussah.

„Was hast Du, Florens, was ist, daß Du so spät da unten umherschweifst?“

„Ich habe ihn gesehen … er stand …“

„Ihn … wen hast Du gesehen?“

„Wen anders, als Horst!“

„Horst?“

„Ja, ihn, soeben!“

„Das ist seltsam,“ fiel Eugenie eigenthümlich erregt von dieser Nachricht ein.

„Er stand wohl eine Viertelstunde und starrte nach Deiner Veranda hinauf. Du lehntest Dich über die Brüstung und blicktest so in derselben Richtung hinaus, daß man hätte darauf schwören können, Du sähest ihn wieder an!“

„Gott weiß, ich hatte keine Ahnung …“

„Ich glaub’ es; er stand ganz im Schatten. Ich weiß auch, weshalb er sich da umtrieb … ich habe ihn schon vor mehreren Stunden beobachtet; er war den Abend gegen Sonnenuntergang drüben auf dem andern Flußufer, auf der Höhe, wo Du die Rasenbank hast anlegen lassen; da saß er, Büchse und Waidtasche neben sich, aber in der Hand hielt er ein Taschenperspectiv und durch das blickte er unverwandt hierher.“

„Hierher, nach unserm Hause?“

„Nach unserm Hause, und in unserm Hause, gerade an der Westseite, ihm gegenüber, standen alle Fenster auf, daß die niedergehende Sonne voll und glänzend hineinschien … just in den Saal, worin Deines Vaters Sammlungen aufgestellt sind.“

„Du meinst doch nicht …“

„Er müßte blind gewesen sein, wenn er sie nicht gesehen hätte, und blind war er nicht, wahrhaftig nicht, und zudem hatte er ein Perspectiv, das er gar nicht vom Auge brachte!“

„O mein Gott,“ sagte Eugenie erschrocken, „dann hat er gewiß, ganz gewiß die Flora gesehen, und wir sind in seinen Augen auf’s Fürchterlichste bloßgestellt!“

„Das sind wir,“ sagte Florens seufzend.

„Das ist schrecklich!“

„Und schrecklich wird der Lärm sein, den dieser böse Mensch nun erheben wird,“ fuhr Florens fort, „er wird eineu Scandal machen, der Allmer ruinirt und auf Deinen Vater das übelste Licht wirft!“

„Es ist ganz entsetzlich!“ rief Eugenie aus, vor Aufregung außer sich.

„Wenn nur Dein Vater an der unseligen Statue nicht so sehr hinge …“

„Dann sollte man sie in den Fluß schleudern, wo er am tiefsten ist.“

„In der That, ich gäbe viel darum, wenn sie da läge,“ sagte Florens.

„Aber wozu ist er jetzt eben in unserm Park so dicht an unserm Hause gewesen? … kannst Du Dir das deuten, Florens?“

[675] „O gewiß! Als die Sonne gesunken war und die Dämmerung eintrat, stand er auf, steckte das Perspectiv in die Waidtasche, warf die Büchse über und ging in den Wald hinein, wie um da zu bürschen – es ist ja jetzt sein Gehege, der Wald gehört schon zu Falkenrieth – und so verschwand er. Ich wollte es Euch sagen, aber ich besann mich, daß es besser sei, Deinen Vater nicht damit zu erschrecken, bis ich mit Dir gesprochen. Und nun vorhin ging ich aus, den Fluß aufwärts, weil ich da oben in der Wiese Asche ausgestreut habe, um die Aale zu fangen, wenn sie aus dem Wasser gehen und auf’s Land kommen; ich sitze da und gebe Acht, ob keines von den Thieren sich in den Mondschein herauswagt – da seh’ ich ihn von oben her den Fußpfad, der durch die Wiesen läuft, daherkommen, er muß über die obere Brücke gegangen sein, und so stehe ich auf und gehe ihm leise im Schatten der Gebüsche nach. Er schreitet langsam schlendernd vor mir her, bis er in der Nähe des Hauses ist; da blickt er sich um, geht eine Weile hin und her, wie ungewiß, wie etwas suchend; endlich geht er an der westlichen Wand entlang, blickt zu den Fenstern auf, kommt dann zur hintern Fronte zurück und schleicht da in den Schatten der Gebüsche, wo er regungslos stehen bleibt und zu Dir – Du warst unterdeß auf die Veranda herausgetreten – hinaufstarrt.“

„Seltsam … und wohin wandte er sich dann?“ fragte Eugenie ängstlich ausathmend.

„Dann verschwand er nach der Brücke zu…“

„Und Du hast eine Ahnung, was er gewollt, einen Schlüssel dazu?“

„Gewiß … er hat irgend einen schlimmen Anschlag vor … er hat die Lage des Hauses ausspionirt … er will mit Gewalt seine Flora zurückholen … vielleicht hat er gehofft, auf irgend Jemanden von unseren Leuten zu stoßen, ihn ausholen, bestechen zu können … solch’ ein böser Mensch rastet und ruht ja nicht … und ein böser Mensch, der gar Recht hat oder Recht zu haben glaubt…“

„In der That,“ sagte Eugenie, im höchsten Grad bewegt, „und dem muß ein Ende gemacht werden, er darf, nein, er darf nicht Recht zu haben glauben wider uns; der Gedanke ist mehr, als ich ertragen kann!“

Sie warf sich in ihren Sessel und stützte die Stirn in die Hand.

„Eugenie,“ sagte nach einer Pause schüchtern Florens von Ambotten.

„Was willst Du sagen?“ fragte sie in zerstreutem Tone, ohne ihre Stellung zu ändern.

„Wenn Du mit Allmer redetest … wenn Du … Allmer hat ja so viel Einfluß, so viel Macht über Dich …“

„Macht? Allmer Macht über mich?“ rief Eugenie auffahrend aus … „und das hast Du – Du bemerkt, Florens?“

Sie war auf’s Schwerste betroffen von diesen Worten des Vetters. Also übte in der That schon, jener Mann, den sie fürchtete, eine „Macht“ über sie aus, eine so große, daß es sogar dem harmlosen Vetter sichtbar geworden?

„Nun ja, das ist doch wohl zu merken,“ erwiderte Florens, „er blickt ja immer nur auf Dich, und wenn er spricht, so ist Niemand, der so gespannt auf das, was er sagt, lauscht, als Du, und …“

„Sprich weiter!“

„Und so mein’ ich, müßtest auch Du etwas über ihn vermögen … Du müßtest ihn zu dem bringen können, was die einzige ehrliche Art und Weise ist, aus dieser Sache zu kommen. Du müßtest ihn dazu bringen, daß er offen zu Horst spricht: ,Vor Jahren, als ich nicht daran dachte, daß Sie Ihre Herrschaft jemals überantwortet erhalten würden, habe ich das Kunstkleinod, auf welches Sie so großen Werth legen, verkauft. Herr von Schollbeck wünschte es zu besitzen und bot eine Summe dafür, welche ich annahm, weil ich es im Interesse des Guts, das ich zu verwalten hatte, geboten hielt, sie anzunehmen. Die Summe hat dazu gedient, die Lage Ihrer verschuldeten Herrschaft zu verbessern. Sind Sie nun unzufrieden mit dem Geschehenen, so bieten Sie in friedlicher Weise Herrn von Schollbeck den Ersatz der Summe an, und als Ehrenmann wird er sich nicht weigern, Ihnen die Statue zurückzusenden! “

„Wird Allmer das thun? Er war nicht befugt ohne Einwilligung der Gerichtsbehörde zu verkaufen.“

„Er muß also selbst wünschen, auf friedliche Weise aus dem Handel zu kommen!“

„Wenn er das wünschte, hätte er nicht gleich bei der ersten Frage Horst’s nach der Statue so gesprochen?“

Florens zuckte die Achseln.

„Ich kann mir denken, weshalb er es nicht that; er wollte Deinen Vater nicht um seinen Schatz bringen, er wollte vor allen Dingen sich die Gunst und Gnade Deines Vaters erhalten, und weshalb er das will, das,“ setzte Florens mit einem fast bitteren Tone hinzu, „ist mir nicht räthselhaft!“

Eugenie sah ihm groß und voll in’s Gesicht.

„Du hast Recht,“ sagte sie plötzlich bewegt und zornig aufspringend, „und gerade deshalb rede mir nie mehr davon, daß ich mich mit einer Bitte an diesen Allmer wenden soll … nie … niemals!“

„Und sollen wir es denn ruhig darauf ankommen lassen, was dieser Horst wider uns beginnt? Gerichtliche Verfolgungen, die Schmach gezwungen zu werden … das Gespötte der Welt … ich glaube, Dein Vater mit seinem reizbaren Ehrgefühle überlebte es nicht.“

„O mein Gott!“ rief händeringend Eugenie aus, deren Verzweiflung noch gemehrt wurde durch den Gedanken, daß er, er, dieser Horst, jetzt einen innerlichen Triumph über sie Alle hege, sie fühlte sich in einer ganz trostlosen Lage … Allmer um etwas bitten, mit ihm gemeinschaftlich handeln, nein, nimmermehr! und dem bösen Nachbar sein Recht lassen – der Gedanke war gleich fürchterlich!


7.

Sehen wir uns jetzt nach unserem jungen Freunde, nach dem bösen Nachbar um, der Nachts die Häuser seiner Feinde umschleicht, um sie zu verderben.

Horst war in einer schwer zu beschreibenden Stimmung. Die zornige Gereiztheit, in welcher er sich befunden, als er den Brief an Florens von Ambotten geschrieben, war verschwunden. Statt Andere anzuklagen, klagte er jetzt nur noch sich an. Diese Wandlung war durch nichts Anderes hervorgebracht, als durch einen Brief Allmer’s, den er am Nachmittage dieses Tages erhalten und worin Allmer ihm zweierlei Mittheilungen machte: zuerst die, daß er, Allmer, die Verwaltung seiner Herrschaft weiterzuführen nicht beabsichtige und das Verhältniß von dem Tage an, an welchem die gerichtliche Uebergabe und Rechnungablage erfolgt sei, als gelöst betrachte; sodann, daß er die von Florens von Ambotten gewünschte Genugthuung an dessen Statt zu geben bereit sei. Horst ließ das Blatt vor Ueberraschung aus den Händen fallen.

„Nun erhältst du auch von dem einen Absagebrief!“ sagte er sich. „Bist du unter einem bösen Bann hier! Oder hast du selbst verschuldet, daß du jetzt so jammervoll verlassen und rathlos allein dastehst? Zum Verzweifeln rathlos! Was beginnen ohne diesen Allmer? Alle Welt nennt ihn einen Menschen von seltener Tüchtigkeit. Alle Welt sagt, du habest die größte Verpflichtung gegen ihn für das, was er an deinem Eigenthum gethan, für das, was er in den wenigen Jahren geleistet! Und nun kündigt er dir an, daß er nichts mehr mit dir zu schaffen haben[WS 1] wolle! Welche Gründe hat der Mann? Bist du ein thörichter, unverträglicher Mensch, mit dem nicht zu hausen ist? Zu rasch und vorschnell haben dich deine Freunde immer genannt! Du mußt ihn dadurch verletzt haben, du mußt ihm zu sehr den Herrn und Gebieter gezeigt … er muß keinen Charakter in dir erkannt haben, mit dem er länger Hand in Hand gehen mag!“

Horst nahm zerknirscht eine wahre Gcwissensprüfung mit sich vor. Es fiel ihm jetzt schwer seine Forderung an Florens auf’s Herz; das, ja, das ganz gewiß, war eine nicht zu rechtfertigende Voreiligkeit, eine Handlung der Hitze gewesen, die sich nicht entschuldigen ließ. Mit der Pistole in der Hand zurückkommen, wenn unser Besuch abgewiesen wird, es war thöricht, kindisch. Horst ärgerte sich jetzt gründlich über diese Unbesonnenheit, und weniger darüber, weil sie seine Stellung in seiner neuen Heimath gründlich verschlechtern mußte, als weil er ihr, ihr, die bei allem diesem der Mittelpunkt seiner Gedanken blieb, dadurch absurd vorkommen mußte, oder gar gehässig, oder vollends lächerlich! Und dies wurmte ihn so fürchterlich, daß er hätte darüber weinen können, wie sich seiner denn überhaupt bald eine Stimmung so tragischer Art bemächtigte, wie er sie nie empfunden. Er kam sich so allein, so verlassen, so von Allen zurückgestoßen vor, daß er etwas wie ein vollständiges Mitleid mit sich selber empfand. Die Zimmer, das [676] Haus, in welchem er sich befand, wurden ihm mit ihrer todten Oede so unheimlich, so unaussprechlich drückend, daß er es nicht in ihnen aushielt. Er machte Pläne, durchzugehen, sich zu flüchten aus dieser Welt, die ihn zurückwies, seine Herrschaft dem Zufalle zu überlassen, sie zu Grunde gehen zu lassen, wenn sie zu Grunde gehen wollte, nur um fortzukommen! Und dann … dann hielt ihn doch etwas hier; dann war doch etwas da, was ihn fesselte an diese stille, für ihn so freundlose Gegend … etwas, das er selber sich nicht nannte und das ihn doch zog, in die Wälder hinauszuschweifen, durch seine Wälder und zuletzt durch den Wald, der zu Falkenrieth gehörte.

So war er an die Stelle über dem Flusse, wo Eugenie die Rasenbank anlegen lassen, wo man Haus Schollbeck nur ein paar Büchsenschüsse entfernt unter sich daliegen sah, gekommen. Er hatte sich da niedergelassen, hatte das Haus, die Gärten mit seinem Perspectiv überschaut und hatte geharrt, ob er nicht Eugenie vielleicht erscheinen sehe… er hätte sie so gern einmal noch gesehen, ehe er sich zum Scheiden rüste! Und dann war es dunkel geworden, ohne daß er sie gesehen, und er hatte sich wieder in die Wälder verloren mit dem schmerzlichen Gefühl einer verlorenen Hoffnung, eines zusammengebrochenen Lebensplans. Ein lasciate ogni speranza stand in seiner Seele … und doch war die Hoffnung so schön gewesen, dies Mädchen so bezaubernd, und daß man so feindlich ihn zurückwies, hatte das Verlangen nach ihr, das schon durch seine Einsamkeit so genährt worden, so unermeßlich gesteigert!

Er hatte sich wieder in die Wälder verloren, und ohne sich um Bürsch und Wild zu kümmern, hatte er ein entlegenes Forsthaus erreicht, und sein Förster hatte sich nicht nehmen lassen, ihm eine Abendmahlzeit aufzutragen, von der er nichts genoß. Und dann war er heimgekehrt, ohne die Begleitung des Försters anzunehmen, den nächsten Weg, durch das Flußthal, durch die Wiesenniederungen, durch die Grundstücke, die zu Haus Schollbeck gehörten, und so war er in den Park dicht am Hause gerathen, und im Schatten der Parkgebüsche, als er betroffen und scheu einen Ausweg gesucht, der ihn weiter führe, ohne ihn von Augen erblicken zu lassen, die in Haus Schollbeck noch wach sein konnten, im Schatten der Parkgebüsche umherirrend, hatte er Eugenie erblickt, zuerst auf und abschreitend in ihrem Zimmer, an den erleuchteten Fenstern vorüber; dann ihre ganze schlanke, reizende Gestalt, wie sie an die Brüstung ihrer Veranda trat, und die Lampe im Innern des Hauses und der helle Vollmond draußen wetteiferten, sie mit einem eigenthümlichen Lichte zu übergießen, in welchem sie zehnmal hinreißender, verführerischer erschien. Und dann, nach langem Hinüberstarren, war er wie aus einem wachen Traume auffahrend geflohen, viel, viel Schmerz und Verzweiflung in der Seele! Und am andern Tage, in den Morgenstunden nach einer unruhigen, langsam hinschleichenden Nacht, hatte er seine Auswanderungspläne wieder aufgenommen. Er wollte fort. Ja, er hatte es beschlossen. Er war es sich schuldig. Es litt ihn nicht hier. Er wollte nicht verkommen in der Einsamkeit, lächerlich in seinen eigenen Augen, zehrend an einem unseligen Gedanken, über dem er, das fühlte er lebendig, zum Thoren, zum Wahnwitzigen werden konnte!

[689] Es mochte zehn Uhr sein, als er Allmer zu sich bescheiden ließ, um sich mit ihm zu verständigen. War Allmer entschlossen, ihn zu verlassen, wie es nach der Annahme der Herausforderung von seiner Seite allerdings schien, so wollte Horst sich von ihm einen andern tüchtigen Mann vorschlagen lassen, dem er die Verwaltung seiner Besitzung übertragen konnte. Allmer war nicht daheim. Horst befahl nun, sein Pferd zu satteln. Er war von einer eigenthümlichen Unruhe besessen, die ihn daheim nicht rasten ließ. Er ritt durch’s Dorf … draußen lenkte er sein Thier auf den Weg nach Falkenrieth. Es war eine Beschäftigung, Falkenrieth einmal wiederzusehen. Ein gutes Stück des Tages ließ sich hinbringen mit Untersuchungen, welche Wiederherstellungen die zunächst nöthigen sein würden. In lässigem Schritt trug ihn der schwerknochige Rappe hin.

Als er angekommen war, fand sich das Haus des Wärters vor der Brücke so leer wie damals, als Horst zum ersten Male hier gewesen. Er mußte für seinen Klepper selbst sorgen, und so führte er das Thier der Stallthür zu, hinter welcher er damals Eugeniens flüchtigen Fuchs untergebracht. Als er die Stallthür geöffnet, stieß er einen leisen Schrei der Ueberraschung aus. An der alten Stelle, mit demselben Damensattel auf dem Rücken, stand der Fuchs Eugeniens an der Krippe und kaute widerwillig an einigen daliegenden Strohhalmen.

Horst fühlte alles Blut zu seinem Herzen schießen. „Sie da!“ sagte er sich athemlos … aber zugleich faßte er sich zu einem kühnen Entschlusse.

Er wollte dies Zusammentreffen benutzen; er fühlte, daß es ein unermeßliches Glück für ihn sei, sich gegen sie aussprechen zu können … Aug’ in Auge mit ihr mußte er ja eine Brücke zu einem ruhigen, freundlichen Verständniß wenigstens finden, und das schien ihm schon ein unsägliches Glück zu sein. Schnell führte er seinen Klepper in den Stall und befestigte ihn in einer Weise, die für ein friedliches Verträgniß mit dem muthwilligen Fuchs Gewährschaft leistete, und dann eilte er davon, über die Brücke, dem Portal des kleinen Schlosses zu.

Die Portalthür, welche von der Terrasse unmittelbar in den ovalen Salon führte, stand halbgeöffnet, aber der Salon war leer. Horst sah sich flüchtig darin um; dabei entdeckte er, daß die Thür nach dem weiß und rosaroth decorirten Nebensalon nur angelehnt war. Er eilte hastigen Schrittes – die Schritte klangen in dem leeren Gebäude und auf dem knarrenden Parket laut hallend wieder – auf diese Thür zu. In dem Augenblicke aber, wo er sie öffnete und sah, daß auch dieser Raum leer war, vernahm er das rasche und, wie es schien, heftige Aufreißen einer Thür in einiger Entfernung, einige Zimmer vor ihm, wie am Ende der Reihe von Gemächern, worin er sich befand.

„Bei Gott … sie flieht vor dir… sie hat dich erblickt und will dir ausweichen!“ sagte er sich mit einem Gefühl von innerer Demüthigung und Aerger und Verdruß, daß seine Wangen sich hoch und zornig rötheten … „aber es soll ihr nicht gelingen, ich will sie sehen … ich will zu ihr reden – das Haus hat nur den einen Ausgang – ziehen wir den Schlüssel ab, und sie ist gefangen!“

Er ging zurück, verschloß die Portalthür und steckte den Schlüssel zu sich. Dann kehrte er in den Raum zurück, den er verlassen hatte, schritt in den nächsten, ein ganz kleines Boudoir mit alten verblichenen Seidentapeten, in die allerlei Chinoiserien eingewebt waren; auch hier war seine Flüchtige nicht; er eilte weiter, in ein kleines, verfallenes Badezimmer, und damit war die Zimmerreihe zu Ende. Die Flüchtige war nicht da, wohin war sie verschwunden ? Keine Thür führte aus dem Raume, das Fenster ging nach hinten auf den kleinen See hinaus, an dem Falkenrieth lag; da hinaus war keine Rettung gewesen! Hatte am Ende der Eckschrank sie aufgenommen … es wäre gar zu komödienhaft gewesen! … Horst stand einen Augenblick betroffen und zögernd da, ehe er die Hand nach der schmalen dunkelgebohnten Thür des Eckschrankes ausstreckte … dann streckte er sie aus, aber die Hand zitterte, als er es that, sein Gesicht entfärbte sich dabei, und doch, er riß die Thür auf und athmete überrascht tief und wie erleichtert auf. Es war kein Wandschrank. Das Ding war auf eine Täuschung berechnet. Es war eine geheime Treppe, die, schmal, gewunden, in die Höhe führte. Also konnte die Flüchtige nicht entwischt sein, nur weiter in ein oberes Stockwerk entflohen. Horst stürmte die Stufen hinauf; er gelangte an einen Absatz, wo zu seiner Linken eine Thür in die Entresolgemächer führen mußte … jetzt, wohin sollte er sich wenden’? … hatte sie sich in diese Gemächer hineingeflüchtet oder weiter hinauf ganz nach oben, in die Mansardenzimmer, zu denen die Treppe wahrscheinlich weiter führte? Er stand einen Augenblick schwankend … dann war es ihm, als höre er oben, über seinem Kopfe, ein Geräusch, und hastig, athemlos stürmte er weiter, die gewundenen, unter seinem Fuß knirschenden Stufen hinan.

Aber nicht dahin kam er, wohin er zu kommen glaubte, auf einen Vorplatz, der zu einer Reihe Mansardenräumen führte; er [690] sah plötzlich über seinem Kopf die Decke, in dieser Decke einen viereckigen Ausschnitt, in diesem Ausschnitt eine ihn schließende Klappe, die sich eben senkte, um die Durchlaß gewährende viereckige Oeffnung zu schließen. Im Eifer, im zornigen Sturm seiner Verfolgung, fuhr er mit beiden vorgestreckten Armen wider diese Klappe an, schleuderte sie empor und stand, bevor eine Secunde vergangen, in dem obern Raum, in den die Oeffnung führte; zugleich fiel mit einem heftigen lauten Gekrach die stürmisch aufgeschleuderte schwere Klappe zurück und in den Durchlaß hinein.

Horst sah sich in einem runden, eiförmig über ihm gewölbten Raum, der sein Licht von oben erhielt; er sah vor sich Eugenie stehen und fühlte sich vor Aufregung, Verwunderung und Bestürzung völlig sprachlos. Die Verwunderung, die Bestürzung wurden verursacht von dem Anblick, den ihm das junge Mädchen darbot.

Ihr Gesicht war dunkelroth und wurde dann leichenblaß, bleich wie der Kalk an der Wand hinter ihr … sie streckte beide Arme vor, sie lallte ein paar unverständliche Worte, sie ließ dann die Hände sinken, sie schlug sie vor’s Gesicht, als ob sie einen fürchterlichen Anblick von sich abwehren wolle, sie verrieth in jeder ihrer Bewegungen einen Zustand, als ob sie sterben wolle vor Angst.

Horst stand mehrere Minuten lang stumm und ohne eine Silbe hervorbringen zu können vor diesen Symptomen einer unerklärlichen Erschütterung.

„Mein Fräulein,“ stammelte er endlich, einen kleinen Schritt näher tretend „ … finde ich Sie hier … sehe ich endlich …“

„Kommen Sie nicht näher, kommen Sie nicht näher, rühren Sie mich nicht an, oder ich sterbe!“ rief Eugenie auf mit einem herzerschütternden Tone der Verzweiflung.

„Um Gotteswillen, Sie scheinen ja eine ganz fürchterliche Angst vor mir zu haben … ich begreife nicht …“

„O, Sie sind ein fürchterlicher, ein abscheulicher, böser Mensch!“ rief sie jetzt wie im hellen auflodernden Zorn, „wie ist es möglich, daß…“

„Ich ein böser, abscheulicher Mensch? Das sind seltsame Vorwürfe, während ich Ihnen doch nur gefolgt bin, um Ihnen zu sagen …“

„Sie sollen mir nichts sagen, ich will nichts hören, nichts … keine Silbe, Sie sollen mich gehen lassen, ohne mich anzurühren!“

„Nun, mein Gott,“ versetzte Horst, der bei diesem seltsamen Benehmen, bei diesem beleidigenden Mißtrauen der jungen Dame auch ein Etwas wie plötzlichen Zorn in sich aufkochen fühlte, „ich bedaure in hohem Grade, daß Sie sich unnützer Weise so furchtbar ängstigen … Sie anzurühren ist durchaus nicht meine Absicht, wenn ich auch nicht im Entferntesten ahne, weshalb Sie zu fürchten scheinen, daß ich etwa die Pest habe und meine Berührung Sie tödten würde! Und wenn Sie gehen wollen, ohne mich angehört zu haben, mein gnädiges Fräulein, so vertrete ich, wie Sie sehen, Ihnen den Weg nicht!“

Eugenie sah ihn groß an; es schien, sie bedurfte der Zeit, seine Worte zu verstehen und sich klar zu machen. Sie athmete hoch auf. Sie machte einen Schritt der Klappe zu, die allein aus diesem Behältniß hinausführte; Horst zog sich, sie mit Blicken, in denen Zorn und Trauer lägen, messend, so weit zur Seite zurück, wie es ihm nur möglich war, er drückte sich förmlich an die Wand.

Sie hielt ihr Auge in scheuer Angst auf ihn gerichtet, während sie langsam schwankend weiter ging … es war, als ob sie eines Zusammenraffens all ihres Muthes bedürfe, bevor sie wagte, sich zu bücken, um den Ring zu fassen, mit dem man die Klappe aufhob … noch einen letzten Angstblick auf ihn, dann wagte sie es in der That; aber die Klappe hob sich nicht!

„Sie sehen,“ sagte jetzt Horst in fast spöttischem Tone, „die Klappe ist zu schwer für Sie; Sie werden am Ende doch gestatten müssen, daß ein so gefährlicher Mensch wie ich Ihnen näher tntt, um die Arbeit für Sie zu verrichten!“

Eugenie riß mit aller Kraft, mit beiden Händen an dem Ringe … aber fruchtlos. Horst sah ihr mit ironisch bitterem Lächeln zu, ohne ihr zu helfen!

„Es geht nicht,“ sagte er dann, „Sie sehen, ohne mir mit einem guten Wort eine gewisse Ehrenerklärung zu gönnen, ist keine Rettung für Sie möglich!“

Eugenie sah zu ihm aus, und plötzlich schössen ihre Augen voll Thränen; ein ganzer Strom rieselte ihre bleichen Wangen hinab.

„O mein Gott!“ rief Horst von diesem Anblick wie vollständig umgewandelt und mit einem Tone wahrer Trauer aus, „bin ich Ihnen denn wirklich eine so fürchterliche, so ganz entsetzliche Erscheinung … beruhigen Sie sich doch, Sie werden im nächsten Augenblick befreit sein und mich nie wieder sehen!“

Betroffen von diesem Tone hielt Eugenie ihre Thränen ein, in dem Blick, den sie auf ihn warf, während er jetzt rasch an den Ring herantrat und sich zu ihm niederbückte, lag etwas von zurückkehrender Beruhigung.

Aber auch dem Kraftgriff, mit dem Horst den Ring emporreißen wollte, folgte die Klappe nicht.

„Das alte Holzwerk hat sich geklemmt, die Klappe ist so heftig in die Oeffnung hineingeschlagen, daß sie nun schwer wieder herauszuziehen ist…“

Er machte noch einen vergeblichen Versuch, und blickte dann halb rathlos, halb spöttisch zu dem jungen Mädchen auf.

Eugenie begegnete diesem Blick mit einem Ausdruck von zurückkehrender grenzenloser Bestürzung.

Horst schwieg einen Augenblick.

„Sie denken,“ sagte er dann achselzuckend, „ich spiele Komödie und stelle mich nur so, als vermöchte ich die Last nicht zu heben.“

Eugenie antwortete nicht.

„Es thut mir leid,“ fuhr er fort, „aber ich kann leider nichts daran ändern. Vielleicht werden wir fertig damit, wenn es Ihnen möglich wäre, Ihre Furcht vor mir so weit loszuwerden und mir so nahe zu kommen, daß wir den Ring gemeinsam fassen … vielleicht gelingt es unseren vereinten Kräften, was ich allein mit dem besten Willen nicht zu Stande bringe!“

Der Versuch mit vereinten Kräften wurde gemacht… Eugenie trat dazu rasch und wie ein wenig beschämt über ihr bisheriges Betragen heran und zeigte auch kein Symptom von Erschrecken, als Horst’s Schulter beim Niederbeugen die ihre berührte. Nichts destoweniger mißlang der Versuch.

Horst stieß nun einen zornigen Ausruf aus, kniete mit beiden Knieen vor dem Ring und zog daran mit dem Aufgebot aller seiner Kraft, so daß die Schweißperlen über seine Stirn rannen. Nach einigen Augenblicken erhob er sich.

„Mein gnädiges Fräulein,“ sagte er, „ich bedauere Ihnen erklären zu müssen, daß wir hier in allem Ernste eingesperrt sind. In der Hast, Ihnen zu folgen, in dem stürmischen Verlangen, Sie zu sehen und die Gelegenheit, mich gegen Sie auszusprechen, um keinen Preis fahren zu lassen, habe ich eine Unbesonnenheit begangen und diese einzige Thüre in die Freiheit sich auf eine Weise hinter mir schließen lassen, die uns nun den Ausgang versperrt. Es ist das leider mein Charakterfehler, daß ich ein wenig rasch und unbesonnen bin, und hier seh ich einmal wieder, wohin das führt! Wir sind gefangen! Ich kann Ihnen nur mein Bedauern darüber aussprechen, und – das Ehrenwort eines Mannes, daß ich es bedauere! Ich habe diese Lage verschuldet … ob Sie mir glauben wollen, daß es unabsichtlich geschah, das muß ich Ihnen überlassen … große Hoffnungen hegen darf ich in dieser Beziehung freilich nicht, denn ich habe Sie von einem so seltsamen Mißtrauen, von einem solchen Schrecken vor mir erfüllt gesehen …“

„Mein Gott, o mein Gott!“ antwortete Eugenie nur, die wieder leichenblaß geworden war und sich in rathloser Angst rund umher in dem Raume umsah, ob denn nichts da sei, das ein Mittel zur Rettung aus dieser Lage werden könne.

Auch Horst untersuchte den Raum jetzt näher. Es war offenbar das Innere einer Thurmkappe, wie man ihrer zwei, in der Form kleiner Kuppeln, mit Kupfer gedeckt, außen die beiden Thürme krönen sah, welche rechts und links Schloß Falkenrieth flankirten.

Die Wände bestanden aus gekrümmten, daubenartig nebeneinander befestigten und nach oben hin immer schmaler werdenden Eichenbohlen, die um eine oben angebrachte runde, vielleicht zwei Fuß im Durchmesser haltende Oeffnung, durch welche das Licht einfiel, zusammenliefen. Ein starker Holzring wie eine Radfelge hielt sie hier zusammen. Durch die Oeffnung aber blickte man in eine kleine, die Kuppel krönende, rings offene Thurmlaterne hinein. Die Höhe der Kuppel betrug ungefähr sieben Fuß vom Boden an. Der Raum selbst war vollständig leer; er zeigte nichts als die mit weißer, stellenweise abgefallener Tünche überzogenen Wände und auf dem Boden, da wo Eugenie zuerst gestanden, ein blaubroschirtes Buch.

„Die Hülfe aus unserer Lage,“ hub Horst nach einer Pause wieder an, „kann uns nur von außen kommen. Aber sie herbeizuziehen [691] haben wir kein Mittel. Wir … in unserem gegenseitigen Verhältniß wenigstens nicht! Wär’ es anders, Fräulein Eugenie … wäre nicht dies räthselhafte Mißtrauen, dieser unverdiente Abscheu, welchen Sie mir beweisen … so wäre es vielleicht nicht so; so wäre eine Möglichkeit, daß wir uns über ein Rettungsmittel verständigten!“

Eugenie blickte ihn fragend an, mit einem wahrhaft hülfeflehenden Blick. Horst war grausam genug, diesen Blick nicht zu beachten, ihn nicht zu beantworten. Er sagte nur: „So aber kann nicht die Rede davon sein! Nehmen Sie immerhin an, daß ich zu stolz bin, nur davon zu sprechen. Wir können nichts thun, als warten, bis man unruhig um unsertwillen wird, bis man uns sucht, bis man das ganze Haus durchstreift hat und endlich auch in diesen Thurm gelangt.“

„O mein Gott, das ist ja ganz entsetzlich!“ machte Eugenie ihrem Jammer in einem wahren Angst- und Entsetzensschrei Luft.

„Wenigstens eine kleine Geduldprobe,“ sagte Horst ruhig. Dann nahm er das am Boden liegende Buch auf, blätterte darin und setzte sich bequem auf den Boden nieder, den Rücken gegen die Wand lehnend.

„Wollen Sie mir erlauben, daß ich mir mit Ihrem ‚Pferde des Phidias‘ die Zeit ein wenig vertreibe?“ sagte er.

Sie nickte leis mit dem Kopfe, offenbar überrascht und verwundert ihn anstarrend.

Horst begann anscheinend ganz ruhig zu lesen. Von Zeit zu Zeit schielte er freilich ganz unmerklich über die Blätter zu Eugenien hinüber. Sie stand, sich wie müde an die Wand lehnend, halb abgekehrt von ihm, die Arme über der Brust verschränkt, die Blicke auf den Boden geheftet. Von Zeit zu Zeit schweiften diese Blicke verstohlen zu Horst hinüber … immer fragender, immer häufiger, immer sprechender.

Horst schien immer tiefer in seine Lectüre versunken.

Nach einer langen Pause machte sie eine Bewegung, die ihn aufzufahren zwang; sie schlug die Hände zusammen, sie rief wie mit dem Tone einer zornigen Verzweiflung, wie aus tiefster Brust: „O mein Gott, ich möchte sterben!“ Und dann stieß sie mit der Stirn an die Wand, und blieb in dieser Stellung, Horst halb den Rücken zukehrend.

Der junge Mann ließ jetzt die Vorspiegelung, als ob er lese, fallen; er legte das Buch sanft in seinen Schoß und hielt die Blicke auf Eugenie geheftet. Es war, als ob er auf etwas harre … der Ausdruck gespannter Erwartung lag in seinen bewegten Zügen. Aber die Erwartung schien sich nicht erfüllen zu wollen. Eine lange Pause verging, worin Eugenie so stumm und regungslos dastand, wie es je die marmorne Statue der Flora gethan. Eine Viertelstunde verstrich so. Da endlich regte die Statue sich … sie blickte plötzlich um sich, Horst hatte kaum Zeit, das Buch wieder aufzugreifen.

„Ich begreife nicht, wie Sie so ruhig lesen können,“ sagte sie unwillig, „mir ist es nicht möglich, länger in dieser Lage auszuhalten … meine Kniee tragen mich nicht länger…“

„Lassen Sie sich nieder, wie ich es that. Was wollen Sie … man muß sich in die Nothwendigkeit zu fügen wissen! Wünschen Sie das Buch vielleicht zurück?“

„Und doch,“ versetzte Eugenie, ohne diese Frage einer Ant Wort zu würdigen, „doch sagten Sie vorhin, es gäbe ein Mittel, Hülfe herbeizurufen…“

Ueber Horst’s Züge flog ein Ausdruck von Genugthuung bei diesen Worten Eugeniens.

„Allerdings,“ versetzte er lebhaft. „Es giebt eins. Aber besorgen Sie nicht, daß ich es Ihnen vorschlagen werde!“

„Besorgen…“

„Ja,“ fuhr Horst in demselben Tone, der etwas von Vorwurf und etwas von tiefem Gekränktsein hatte, fort. „dies Mittel setzt ein freundliches Einvernehmen voraus, und Sie haben mir hinlänglich angedeutet, wie vermessen es von mir sein würde, ein solches zwischen uns je zu hoffen! Ich würde Sie beleidigen, wenn ich mein Mittel nennte, und das ist nicht im Entferntesten meine Absicht. Ich bin ohnehin zerknirscht genug, daß meine Unbesonnenheit Sie in diese Lage gebracht hat; ich werde mir meine Unvorsichtigkeit nie verzeihen!“

Eugenie sah ihn fragend und mit einem Ausdruck an, der ganz und gar nichts mehr von dem früheren, halb zornigen, halb angstvollen Gereiztsein verrieth. Es lag im Gegentheil etwas wie ein rückhaltloses Hülfeflehen darin.

„Haben Sie denn kein Erbarmen mit mir?“ sagte sie nach einer Pause leise, mit zitternder Lippe.

„Gewiß, das größte… um so mehr, da ich ganz fühle, wie entsetzlich Ihnen dies Eingeschlossensein mit einem Manne sein muß, der sich, Gott weiß weshalb, in so hohem Maße Ihre Ungnade, Ihren Haß, Ihr unbegrenztes Mißtrauen zugezogen hat. Sie haben mir das Alles aber so unverhüllt und rückhaltlos gezeigt, daß ich es als völlig fruchtlos und überflüssig betrachten muß, dagegen anzukämpfen, und statt mein Rettungsmittel zu nennen, lieber der Zeit überlasse, uns zu befreien, und unterdessen zum ‚Pferde des Phidias‘ zurückkehre.“

„Der Zeit,“ rief Eugenie aus, „aber, mein Gott, wie lange kann es währen … die Wärtersleute drüben sind daran gewöhnt, daß ich stundenlang in Falkenrieth sitze und da lese, Briefe schreibe, arbeite … vor Abend würden sie vielleicht nicht auf den Gedanken kommen, nach mir zu sehen, zu suchen!“

„So müssen wir bis Abend warten,“ sagte Horst mit einem Seufzer und legte sich ruhig auf die Seite, den Kopf auf den Arm stützend.

„Ich sehe,“ antwortete Eugenie, „Sie verlangen, ich soll Sie um Verzeihung wegen meines Betragens bitten … das ist es, was …“

„O nein, nein, nein!“ fiel Horst lebhaft, sich aus seiner Stellung erhebend, ein, „nicht das ist es, was ich verlange.“

„Und was verlangen Sie denn?“

„Nichts. Gar nichts. Die Welt, in welche ich hier gerathen bin, hat mir so wenig freundliches Entgegenkommen gezeigt, sie hat so rasch die froheste Hoffnung, mit der ich das Haus meiner Väter wiederbetrat, zerstört, daß ich beschlossen habe, sie sehr bald wieder zu verlassen. Wenn man mich zurückstößt, so bin ich zu stolz, noch einmal wiederzukommen. Ich werde dahin zurückgehen, wo ich zwar keine Beschäftigung und keinen Zweck mehr habe, aber wenigstens unter Menschen bin, die mir freundlich gesinnt sind!“

Horst ließ, nachdem er dies mit einem offenbaren Ausdruck von Trauer und Schmerz gesprochen, den Kopf wieder auf seine Hand sinken.

„Aber, mein Gott,“ sagte Eugenie mit einem Tone sehr großer Ueberraschung, „weshalb sollten Sie solche Menschen nicht auch hier finden, wenn Sie selbst ihnen in einer Weise entgegenkommen, die zeigt, daß Sie Werth auf eine solche Gesinnung legen?“

„Habe ich etwa das Gegentheil gezeigt?“

„Nun, ich meine doch … wenn Sie damit beginnen, meinen armen harmlosen Vetter erschießen zu wollen …“

„Das ist ein Vorwurf, der vielleicht mich trifft; vielleicht habe ich in dem Punkte Unrecht gehabt. Aber Sie wissen nicht, wie tief verwundet ich mich fühlte. Ich hatte seit Tagen nur noch für den einen Augenblick gelebt, wo ich Sie wiedersehen würde. Ich hatte Alles überhört, was mir mein Administrator von der Unzugänglichkeit Ihres Vaters erzählt …“

„Was Allmer Ihnen erzählt von der Unzugänglichkeit meines Vaters?“ unterbrach ihn lebhaft Eugenie.

„Nun ja,“ fuhr Horst fort, „ich glaubte zu wissen, daß Sie mich freundlich empfangen, mit Theilnahme den rückkehrenden Nachbar in seiner Heimath begrüßen würden, aus der er so lange verbannt war … ein einsames Herz, das verlassen allein steht in einer kalten, öden Welt, hat solche Hallucinationen, mein gnädiges Fräulein; und nun wurde ich in rücksichtsloser, grober Weise zurückgewiesen … und das, das empfand ich tief, sehr tief, mehr als ich es Ihnen heute sagen mag; daher ließ ich mich hinreißen zu etwas, das … nun, dessen Beurtheilung ich Ihnen preisgebe!“

Eugenie hörte Horst’s Worten zu mit einem Ausdruck der unverstelltesten Verwunderung.

„Aber um’s Himmelswillen,“ sagte sie, „wenn Sie Werth auf die Art, wie ich Sie in Ihrer Heimath begrüßte, legten, weshalb kauften Sie dann Falkenrieth?“

„Weshalb ich Falkenrieth kaufte? Nun, weil es mir gefiel … mehr noch, weil ich davon in Ihrer Gegenwart bei unserm ersten Zusammentreffen hier gesprochen und ich Ihnen nicht als ein Charakter erscheinen wollte, der unbedacht Vorsätze faßt, die er später nicht ausführt, und mehr noch aus einem Grunde, den … den ich Ihnen nicht gestehen kann …“

[692] „Aber Sie wußten ja, Herr Allmer hatte Ihnen ja gesagt, daß es mein sehnlichster Wunsch, mein seit Jahren gehegtes Verlangen sei, Falkenrieth zu besitzen, daß ich eine Summe dafür geboten, für welche es mein geworden wäre, wenn kein Anderer, wenn Sie nicht gekommen …“

„Davon weiß ich keine Silbe!“

„Allmer hatte es Ihnen nicht gesagt, Ihnen den Kauf nicht widerrathen?“

„Widerrathen? … er hat mir den Kauf gerathen … nur sich geweigert, Theil daran zu nehmen, d. h. mich bei dem wirklichen Abschluß zu unterstützen.“

„In der That?“

„So ist es!“

Eugenie schien aus einer Ueberraschung in die andere zu gerathen.

„So sind Sie allerdings gerechtfertigt in dem, was Sie wider meinen Vetter und mich unternommen – aber wider meinen Vater …“

„Auch wider Ihren Vater habe ich ein Verbrechen begangen?“ rief Horst aus.

„Sie wissen, er hat eine kindliche Freude an seinen Sammlungen, und das Juwel dieser Sammlungen …“

„Habe ich … doch nicht etwa geraubt, zerstört?!“

Eugenie antwortete nicht; sie sah ihn nur mit ihren großen, verwunderten Augen an.

„Nennen Sie es mir, das Juwel … und ich will Boten nach allen vier Weltgegenden aussenden, um es wieder herbeischaffen zu lassen und es Ihrem Vater zu ersetzen!“

„Nein … in der That … Sie sind kein böser Mensch,“ sagte Eugenie mit einem plötzlich eigenthümlich veränderten Wesen, ihre Gestalt aufrichtend, mit lächelndem Antlitz und mit Wimpern, in die Thränen schossen, und dabei Horst ihre Rechte entgegenstreckend „… wir haben Ihnen viel, viel abzubitten und ich am meisten!“

„Nichts, nichts, was ich Ihnen nicht verzieh,“ rief Horst, ihre Hand ergreifend, „nichts, was ich nicht vergäße über dem Glück dieses Augenblickes, der alle meine schönen Hoffnungen wieder aufleben läßt, die Träume, die ich hegte, nachdem ich Sie zum ersten Male hier in Falkenrieth gesehen …“

„O, lassen Sie uns nicht von Träumen reden,“ fiel hastig und dunkelroth werdend Eugenie ein, „die harte Wirklichkeit umschließt uns zu eng, uns arme Gefangene; ich hoffe, Sie denken jetzt an nichts Anderes, als an unsere Befreiung.“

„Unsere Befreiung – Sie haben Recht … soll ich Ihnen mein Mittel nennen?“

„Muß ich denn gestehen, daß ich seit einer halben Stunde brenne, es zu erfahren?“

[705] „Nun wohl… das Mittel besteht darin,“ sagte Horst, daß Sie mir behülflich sind, mich zu dem oberen Loche unsrer Thurmkappe hinauszuschwingen. Dort kann ich die Wärtersleute herbeirufen, oder, welches lebende Wesen ich zuerst erblicke. Vielleicht kann ich noch mehr thun; die Thurmkappe ruht, soviel ich von außen gesehen, auf dem viereckigen Unterbau, der mit einer Balustrade versehen ist. Man wird also umhergehen können, und es wäre wunderlich, wenn sich nicht eine Thür fände, die auf den Dachraum des Hauses führt … man muß doch einen Weg haben, auf die Thurmplattform zu kommen, für den Fall, daß Reparaturen da nöthig sind. Dann wäre uns noch rascher geholfen!“

„Aber wie wollen Sie es anstellen, sich zu der Oeffnung hinauszuschwingen?“ frug Eugenie.

„Das ist’s eben,“ versetzte Horst, „dabei bedarf ich Ihrer.“

„Ich seh’ nicht, was ich thun kann!“

„Jedenfalls mir versichern, daß Sie nicht zürnen wollen, wenn ich sage, was Sie thun können – aber was ich weit entfernt bin zu verlangen... “

„So sprechen Sie doch endlich!“

„Wenn Sie sich hier in die Mitte unter der Oeffnung aufstellen und die Hände verschränkt so halten wollen, wie es die Stallmeister machen, wenn sie einer Dame behülflich sind, zu Pferde zu steigen, dann würde ich zuerst auf Ihre Hände, sodann auf Ihre Schulter treten, dann mich zur Oeffnung hinausschnellen.“

Eugenie lachte im ersten Augenblick verlegen auf … dann zog sie ernst ihre Stirn zusammen und sagte halb beleidigt: „Das ist allerdings eine seltsame Zumuthung...“

„Ich hab’ es Ihnen vorausgesagt!“

„Das haben Sie.“

„Und es nicht etwa Ihnen vorgeschlagen, nur auf Ihr Verlangen Ihnen genannt!“

„Nun ja … und es ist das einzige Mittel?“

„Das einzige!“

„Dann,“ fiel Eugenie plötzlich entschlossen ein, „dann sei’s darum … man soll mir nicht nachsagen, ich habe aus Prüderie etwas zu thun unterlassen, was zu thun doch sehr vernünftig war. … Kommen Sie … denken wir, wir seien Kinder, die einem Vogelnest nachstellen.“

„Ich wünsche nur, daß ich mir die Leichtigkeit eines Kindes geben kann,“ erwiderte Horst und warf die Stiefel aus.

Eugenie stand mit verschränkten Händen, wie Horst es angegeben hatte; dieser legte leicht die Hand auf ihren Scheitel, trat in ihre Hände, auf ihre rechte Schulter, hatte im nächsten Augenblick beide Ellbogen auf den äußeren Rand der Oeffnung gestemmt und zog nun, während Eugenie tapfer einen seiner Füße nachschob, den Körper mit der Gewandtheit eines erfahrenen Turners nach. Eugenie brach dabei in ein lautes, herzliches Gelächter aus.

„Ich glaube, Sie lachen mich aus,“ sagte er von oben her in die Oeffnung hinabsprechend, „aber desto besser, ich sehe daraus, daß ich Ihnen nicht wehe gethan! … Und da seh’ ich auch eine Thür, die auf den Dachraum führt. Ich werde mich jetzt außen niedergleiten lassen.“

„Aber mein Gott, ist denn das nicht gefährlich?“

„Nicht im mindesten.“

„O gewiß, gewiß … wenn Sie den Thurm hinabstürzten!“

„Haben Sie keine Sorge!“

„Ich habe aber Sorge, ich ängstige mich zu Tode, wenn Sie es thun … ich will es nicht!“

„Seien Sie vernünftig, Eugenie, es ist ja da unter mir eine Balustrade…“

„Sie kann morsch sein, sie kann nachgeben, wenn Sie dagegen anprallen.“

„Ich muß aber hinunter, wenn ich Sie befreien will.“

„Nein, nein, nein, lieber bleib’ ich eingesperrt hier, als daß ich es zugebe, ich will es nun einmal nicht… Sie müssen bleiben, wo Sie sind, ich muß Sie im Auge behalten, oder ich vergehe vor Angst hier; warten wir, bis Jemand sichtbar wird, den Sie anrufen können!“

„Ich will mich Ihrem Willen fügen, wenn Sie mir eines versprechen.“

„Und was?“

„Daß Sie mich freundlich aufnehmen wollen, wenn ich morgen nach Schollbeck komme.“

„Können Sie daran zweifeln?“ versetzte sie leise, fast vorwurfsvoll.

Horst also blieb in der Thurmlaterne sitzen, wo er am Rande der runden Lichtöffnung kniete, und den Arm um einen der vier schmalen Pfeiler geschlungen hielt, welche die Laterne bildeten. Nach einer Weile sah er zu seiner Freude eine Frau dem Wärterhause zugehen, welche auf ihrem Kopfe einen in ihre blaue Schürze gepackten Armvoll frischen Klees trug. Er schrie ihr aus Leibeskräften ein „He! Holla! Hier!“ zu.

Die Frau ließ vor Verwunderung ihr Bündel fallen, als sie [706] nach dem ersten Aufstarren ihren neuen Gebieter da oben in der Thurmlaterne von Falkenrieth entdeckte. Sie lief dem Hause zu und kam im nächsten Augenblick mit ihrem Manne, dem Wärter, daraus wieder hervorgestürzt.

Als die beiden Leute auf der Terrasse vor dem Schlosse waren, rief Horst ihnen hinab, was sie thun sollten. Er warf ihnen den Schlüssel zur Portalthür, den er bei sich trug, in einem geschickten Bogenwurf zu und machte ihnen deutlich, daß sie mit einem schweren Holzstück oder einer Stange wider die Klappe über der Wendeltreppe anfahren müßten, um sie aufzusprengen. Der Mann ging zurück, um einen solchen Gegenstand aufzusuchen, und kam bald darauf mit einem langen Riegelholz wieder; nach fünf Minuten vernahm Eugenie unter ihren Füßen einen formidablen durch die ganze Thurmkappe zitternden Stoß, dann einen zweiten, und die Klappe fuhr krachend aus ihrer Klemme empor. Gleich darauf wurde sie von dem Arm des Wärters ganz aufgehoben, und der Oberkörper des Mannes tauchte durch die Oeffnung auf, um Eugenie und den jetzt von oben her aus der Laterne wieder herabvoltigirenden Horst mit dem Ausdruck höchster Verwunderung anzustarren.

Es war natürlich, daß, den fragenden Augen dieses Mannes gegenüber, Eugenie die Verlegenheit doppelt fühlte, in welche sie ohnehin gerathen mußte, als sie sich mit Horst wieder in der Freiheit sah; sie eilte davon zu kommen und flog die Treppe hinab, während Horst dem Wärter ein Trinkgeld gab und ihm mit möglichst unbefangener Miene erklärte, wie er mit der jungen Dame das Schloß besichtigt habe und wie, als sie auch das Innere des Thurmes sehen wollen, die Klappe hinter ihnen niedergeschlagen sei.

Horst nahm dann noch das Buch vom Boden auf und eilte Eugenie nach. Er erreichtn sie nicht eher, als bis sie schon unten auf der Brücke war.

„Ich will Ihnen das Buch morgen bringen,“ sagte er, „darf ich?“

„Ach, das Buch,“ versetzte sie mit bewegter Stimme, „es ist an Allem schuld! Ich hatte mich heute beim Ausreiten daran erinnert, daß ich es in Falkenrieth liegen lassen und daß ich, da Falkenrieth nun Ihnen gehöre, es zurückholen müsse; ich ging dann durch die Zimmer, um von ihnen für immer Abschied zu nehmen … da sah ich plötzlich Sie auf der Brücke … schon auf der Terrasse, an der Thür … zu Tode erschrocken beim Gedanken eines Zusammentreffens mit Ihnen, nahm ich die Flucht, aber Sie, Sie folgten mir, Sie fürchterlicher Mensch…“

„Haben Sie es mir jetzt nicht vergeben? Was soll ich thun, um Alles das, was ich verschuldet, was ich durch meine sträfliche Unbesonnenheit verbrochen, wieder gut zu machen?“

„Nichts, nichts,“ rief sie hastig und vor Aufregung zitternd aus, „als mich jetzt allein lassen … Sie sollen mich allein heimreiten lassen … gehen Sie jetzt-, gehen Sie gleich … der Wärter wird mir mein Pferd halten!“

„Nun, wenn Sie es befehlen,“ versetzte Horst gedehnt und unangenehm betroffen.

„Ja, ja, adieu … bis morgen!“

Horst verstand dies heftig geäußerte Verlangen Eugeniens, mit sich und Allem, was in ihr stürmte, allein zu sein, nicht, und darum fühlte er sich ein wenig gekränkt und niedergeschlagen dadurch; aber er fügte sich gehorsam in ihren Willen; er ließ ihr das Pferd vom Wärter vorführen und halten; sie schwang sich auf und ritt im Galopp davon… Horst war von dem Augenblick an, wo sie das letzte Wort zu ihm gesprochen, für sie gar nicht mehr dagewesen.

Er sah ihr lange nach … und dann, dann war es ihm, als ob ihn etwas zurückhielte in Falkenrieth; es widerstand ihm, sich davon sogleich zu trennen … er ging noch lange mit dem Wätter umher und hörte ihm schweigend zu, während der Mann ihm auseinandersetzte, wo und was für die Reparatur dringend nöthig zu thun sei.


8.

Mehrere Stunden nachher … es war Abend geworden und Horst wieder daheim; er saß in seinem Zimmer im Armsessel ausgestreckt, die erloschene Cigarre in der lässig niederhängenden Hand und tief in Träumen verloren durch die Fenster in die Dämmerung draußen blickend, als plötzlich die Thür aufgerissen wurde und Allmer hereintrat, sehr bleich, sehr aufgeregt aussehend und sehr unceremoniös sich Horst gegenüber in einen Sessel werfend.

„Ich bedaure, daß ich gezwungen bin, eine letzte Unterredung mit Ihnen zu suchen, Herr Baron,“ sagte er, „aber beruhigen Sie sich, sie wird desto kürzer sein.“

„Sie nehmen sehr cavalière Manieren mir gegenüber an, mein Herr Allmer,“ versetzte der junge Mann überrascht und gereizt. „Sie haben eine Forderung von mir angenommen, und ich begreife nicht, wie Sie diesen brüsken Ueberfall damit verträglich finden.“

„Ei was Forderung!“ rief Allmer unwillig aus, „ich habe nicht das geringste Interesse mehr, mich mit Ihnen zu schlagen … schießen Sie immerhin den albernen Vetter über den Haufen, Sie werden mir noch mehr Vergnügen damit machen, als sich selber!“

„Und was hat Ihre Entschlüsse so schnell und so vollständig verändert?“

„Ich bin Ihnen keine Rechenschaft darüber schuldig, glaub’ ich … worüber ich Ihnen Rechenschaft schuldig bin, ehe wir aus einandergehen, das ist etwas Anderes, und die komme ich Ihnen zu geben!“

„Rechenschaft, mir? Ich glaubte …“

„Rechenschaft über Ihre Statue, Ihre Flora, an der Sie so gewaltig hängen!“

„Ach, die Flora!“ sagte Horst … „in der That, ich gab Ihnen den Auftrag zu forschen …“

„Es bedarf nicht langen Forschens. Die Flora hat der alte Schollbeck. Der alte Mensch hat mich verführt, sie ihm zu überlassen, ohne mir im geringsten anzudeuten, welchen eigentlichen Werth solch ein Kunstwerk habe… Ich ahnte ihn nicht … was versteh’ ich von Kunstwerken! Er gab mir hundert Thaler dafür. Ich nahm sie gern. Ich hatte Drainirungen vorzunehmen und die Cassen waren leer; ich glaubte allen Dank zu verdienen, daß ich hundert Thaler mehr hineinschaffte für die alte Scharteke. Jetzt, wo ich erfahren habe, daß solch ein Ding zehnmal mehr werth ist, daß der alte Spitzbube mich auf’s Ruchloseste überlistet hat, zwingt mich mein Gewissen, Ihnen den wahren Sachverhalt mitzutheilen … Sie werden jetzt sofort Schollbeck auf Herausgabe anklagen, Sie werden den Proceß unbedingt gewinnen; ich war gar nicht autorisirt, zu der Veräußerung, und ich bin zu jedem Zeugniß in Ihrem Interesse erbötig…“

„Sie sagen mir da seltsame Dinge, Allmer,“ versetzte Horst ruhig in die erhitzten Züge des Mannes blickend. „Also Herr von Schollbeck hat die Flora … und ich soll einen Proceß darum beginnen … Sie wollen mein Zeuge sein … in der That, Sie haben einen fürchterlichen Haß auf die Familie meines Nachbars geworfen … Sie haben mir alles mögliche Schlechte von ihnen mitgetheilt, Sie haben mir gerathen, durch den Ankauf von Falkenrieth einen Lieblingswunsch von Fräulein Eugenie zu zerstören … jetzt soll ich den alten Herrn noch durch einen Proceß verfolgen … und dazwischen erbieten Sie sich doch wieder zum Champion für Herrn von Ambotten … seltsam das in der That, und Sie werden es wohl natürlich finden, daß ich einige Aufklärung wünsche, bevor ich mich von Ihnen zum Werkzeug der Absichten machen lasse, die Sie ohne jeden Zweifel bei alledem haben…“

„Das ist eine sehr beleidigende Voraussetzung,“ fuhr Allmer auf; „ich habe Ihnen immer ehrlich gesagt, was meine Ueberzeugung war.“

„Gestatten Sie mir, mein werthester Herr Allmer, daß ich daran zweifle,“ fuhr Horst in seiner kühlen Ruhe fort. „Ich habe aus zufälligen Unterredungen, die ich mit Herrn von Ambotten und mit Fräulein von Schollbeck hatte, den Schluß gezogen, daß Sie beflissen gewesen sind, mir falsche Vorstellungen von meinen Nachbarn zu machen, und daß Sie in einem andern Verhältniß zu denselben stehen, als Sie vorgeben.“

„Es kann mir sehr gleichgültig sein, welche Schlüsse Sie ziehen,“ versetzte Allmer aufspringend; „ich habe Ihnen gesagt, was ich Ihnen noch sagen wollte …

„Aber ich nicht das, was ich Ihnen noch sagen wollte, deshalb verweilen Sie noch einen Augenblick … Sie haben von meinem heutigen Abenteuer mit Fräulein Eugenie gehört, das hat Sie beunruhigt, und deshalb haben Sie es für an der Zeit gehalten, Ihre letzte Karte auszuspielen, mich in einen Proceß wider Schollbeck zu hetzen – ist es nicht so?“

„Von einem Abenteuer … das Sie mit Eugenie gehabt, hab’ ich nichts gehört,“ fiel Allmer heftig ein, „aber ich rathe [707] Ihnen,“ setzte er mit einer furchtbar ausbrechenden Leidenschaftlichkeit hinzu, „keine weiteren Abenteuer mit dieser Dame zu suchen, sonst jag’ ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf, so wahr ich Allmer heiße!“

„In der That?“ sagte Horst bitter auflachend; „so habe ich recht gesehen – das ist des Pudels Kern. Nun wohl, da ich ebenso große Lust habe, Sie für Ihre Verrätherei zu strafen, so kann ja uns Beiden geholfen werden … haben Sie jetzt die Güte, mich zu verlassen … ich bin Ihrer Sendung mit Vorschlägen des Wann? und Wo? gewärtig. Gehen Sie.“

„Sie werden von mir hören,“ sagte Allmer und ging. – Am andern Morgen, als Horst das Frühstück gebracht wurde, meldete ihm der Bediente, daß der Herr Administrator in der Frühe abgereist sei, mit der Aeußerung, er werde nicht wieder zurückkehren.

„Desto besser!“ sagte Horst, diesmal sehr beruhigt und ohne jeden Anflug von Selbstvorwürfen.

Als er ein paar Stunden später in den Hof hinabging, um satteln zu lassen und den Weg nach Schollbeck anzutreten, kam er an der offenen Thür von Allmer’s Zimmer vorüber, aus dem eine Magd den Staub fortkehrte; in dem Kehricht lagen zerrissene Stücke eines Billets … Horst nahm sie auf und indem er sie zusammenfügte, las er die Worte: „Nach einer längeren Erörterung, die ich eben mit meiner Tochter hatte, sehe ich mich zu meinem Bedauern gezwungen, Sie zu bitten, Ihre Besuche in meinem Hause nicht fortsetzen zu wollen. Seien Sie dagegen überzeugt, daß in der bewußten Angelegenheit mich nichts zu einem Schritte führen kann, der Sie compromittiren würde. Achtungsvoll von Schollbeck.“

„Der ritterliche alte Herr!“ sagte Horst lächelnd, „wie besorgt er ist, diesen Lügner nicht zu compromittiren! Und dies also ist der Schlüssel zu Allmer’s Geständniß und Absichten von gestern Abend … Wie kann die Leidenschaft einen ehrlichen Menschen zum Schufte machen!“

Nach einer starken halben Stunde hatte er die Brücke vor Haus Schollbeck erreicht. Der Mann im Wächterhäuschen nickte diesmal, ehe er noch eine Frage nach der Herrschaft ausgesprochen, bejahend zu, und Horst überließ ihm die Sorge für sein Pferd.

Dann schritt er der Eingangsthür zu; ehe er sie erreicht, trat ihm Eugenie im Morgenanzug, ein Körbchen mit Arbeit in der Hand, entgegen, sie wollte sich zu dem Platze im Schatten des alten Thurmes begeben. Als sie Horst erblickte, übergoß eine dunkle Röthe ihr Gesicht bis unter die Haarwurzeln. Ebenso verlegen, wie sie, streckte ihr Horst die Hand entgegen, die sie leise drückte.

„Sie kommen früh,“ sagte sie, „der Vater ist noch in seinen Zimmern.“

„Ich komme früh, weil ich Ihnen viel zu sagen habe,“ versetzte Horst……es ist mir so, als hätte ich den ganzen Tag dazu nöthig und würde doch darin nicht fertig.“

„In der That,“ antwortete Eugenie rasch mit wachsender Verlegenheit, „Sie haben gewiß viel, recht viel zu erzählen … und wir dagegen haben Ihnen viel, recht viel zu zeigen; der Vater wird Sie nicht entlassen, ohne daß Sie alle seine Herrlichkeiten bewundert haben … kommen Sie, ich will Ihnen einen Vorgeschmack davon geben … es ist zwar grausam, daß ich den Vater um einen Theil seines Vergnügens bringe, aber … ich möchte Ihnen etwas zeigen, das Sie gleich sehen sollen … kommen Sie hierhin, die Treppen hinauf!“

Horst war an Eugeniens Seite in das Haus eingetreten, in einen Flur, wo seltsame Geweihe von Dam- und Elenthieren über den dunkelgebohnten Thüren prangten. Eine Treppe mit schwerem Geländer aus Eichenholz führte in den ersten Stock, und der Treppenraum, der Corridor, zu welchem die Stufen führten, Alles zeigte, daß man sich im Hause eines Sammlers befand. In Schränken, auf Consolen, an den Wänden standen ausgestopfte Thiere aller Art; große Uhus und Raubvögel schwebten an Drähten aufgehängt von der Decke nieder; alte Bilder hingen über den Thüren.

Als Eugenie eine von diesen öffnete, trat Horst in ein Cabinet, welches zur Hälfte eine Sammlung von Oelgemälden sehr verschiedenen Werths, wie es Horst bei einem flüchtigen Ueberblick schien, einnahm, während an der gegenüberliegenden Wand Schränke standen, die mit Terracotten, Majoliken und altem Porzellan aller Art angefüllt waren.

„Und setzen Sie bei mir die Stimmung voraus, Fräulein Eugenie, daß ich das jetzt ansehen, bewundern soll?“ fragte Horst, seine Blicke zu dem jungen Mädchen zurückkehren lassend und ihr Auge suchend.

„Nein,“ versetzte sie, „Sie dürfen es jetzt nicht bewundern, da muß erst der Vater dabei sein, folgen Sie mir hierhin, in diesen Saal, in die eigentliche Kunsthalle, wie der Vater sagt.“

Horst schritt ihr folgend durch die offene Seitenthür in die „Kunsthalle“. Es war ein Saal mit drei Fenstern, angefüllt mit Gemälden, mit schönen alterthümlichen Möbeln von vortrefflicher Schnitzarbeit, mit einer Menge kostbaren Alterthums, und dem mittleren Fenster gegenüber in einer Nische auf ihrem marmornen Sockel stand die Flora in ihrer ganzen Schönheit.

„Ihr Vater muß ein großer Verehrer der Kunst sein,“ sagte Horst der Statue näher tretend, „daß sein Herz von einem Bildwerk so erwärmt wird, um ihm den Ofen zu ersetzen, der in andern Häusern diese Stelle einnimmt!“

„Und das ist Alles, was Sie dazu sagen?“

„Was soll ich sagen … es ist meine Flora!“ versetzte gleichmüthig Horst.

„Deren Verlust Sie so in Harnisch brachte, daß Sie einen Gypsabguß zum Fenster hinausschleuderten und mein Vater fürchtete, Sie würden ihn erwürgen, wenn …“

„In welchem Lichte mag dieser … dieser Allmer mich Ihnen dargestellt haben!“ sagte leise und fast flehend zu Eugenien aufblickend Horst.

„Es ist Ihre Flora,“ fuhr Eugenie fort, „und Sie“ – ihre Lippe zitterte vor Bewegung, als sie weiter sprach – „Sie werden sie jetzt zurückverlangen.“

Horst blickte in ihr Auge, das mit eigenthümlicher Spannung an seiner Lippe hing.

„Hängt Ihr Vater so sehr daran?“

„Mit seiner ganzen Seele!“

„Wie Sie an Falkenrieth, Eugenie … ebenso sehr? Antworten Sie mir, ebenso sehr?“

„Und weshalb bringen Sie das damit in Verbindung?“

„Weil ich Ihnen dann einen Handel vorschlagen möchte.

Nehmen Sie Falkenrieth zum Geschenke von mir an, und dagegen erspart mir Ihr Vater den Verdruß, die Flora wieder in meinem Hause sehen und mich täglich an eine Handlung kindischer, kläglicher Leidenschaftlichkeit erinnern zu müssen!“

„Mein Gott,“ sagte Eugenie zitternd, „wie können Sie im Ernste glauben …“

„Daß Sie Falkenrieth von mir annehmen würden … in der That, Eugenie, es gehört eine große Verwegenheit dazu, es zu hoffen … Sie hielten mich für einen bösen Menschen, und ich mußte Ihnen ja nicht nur erst beweisen, daß ich ein guter und harmloser bin, sondern Sie mußten mir vorher auch ein wenig gut werden … und das, das hab’ ich freilich nicht um Sie verdient, und es wird mir dabei vielleicht auch nichts helfen, wenn ich Ihnen eben das Alles sage, was so lang ist, daß ich in einem Tage nicht damit fertig zu werden meine …“

„Nun,“ sagte Eugenie ihm lächelnd die Hand hinstreckend, „so versuchen Sie’s einmal … wir haben ja Zeit!“

Er zog leidenschaftlich ihre Hand an seine Lippen, die sie ihm anfangs ruhig überließ; aber mit einem leisen Schrei entzog sie ihm dieselbe plötzlich und rief aus: „Mein Vater!“

Eine Seitenthür hatte sich geöffnet, und Herr von Schollbeck war eingetreten. Der alte Herr war offenbar sehr erschrocken, Horst vor seiner Flora zu sehen.

„Eugenie!“ rief er vorwurfsvoll aus … und zugleich maß er mit verwunderten Blicken die Gruppe der beiden jungen Leute, die beide eine gewisse Bestürzung nicht verkennen ließen; Eugenie flog auf ihn zu und warf sich in einer Weise an seine Brust, die durch die Situation gar nicht motivirt erschien.

Horst war unterdeß dem alten Herrn ebenfalls näher getreten.

„Wir haben von der Statue geredet, Herr von Schollbeck,“ sagte er verwirrt … „und ich habe gewagt, Fräulein Eugenie einen Handel vorzuschlagen, bei dem es Ihrer Genehmigung…“

„O Sie wollen am Ende, ich soll für die Flora mein Kind hergeben,“ rief Herr von Schollbeck halb bestürzt halb gerührt aus.

„Nein, so viel ist die Flora nicht werth,“ fiel Horst rasch ein………aber Fräulein Eugenie hat mir Hoffnung gemacht, daß Sie die Statue behalten würden, wenn ich erst alles das gesagt, was sie mir versprochen hat anzuhören!“

[708] „Mußte ich das nicht?“ sagte Eugenie, zu Horst aufblickend und dann das Auge wieder senkend … „Sie haben eine so fürchterliche Energie, sich Gehör zu verschaffen… “

„Nun, ich höre schon,“ fiel hier Schollbeck lächelnd und gerührt ein – „am Ende ist’s doch so wie ich eben sagte – und ich will meine Genehmigung geben, wenn Sie mir versprechen, mein Kind nie wieder in eine Thurmkappe einsperren zu wollen, Sie böser Nachbar … aber nun kommen Sie herab, zum Frühstück in den Garten, wir müssen sehen, was Vetter Florens zu dem Allen sagt.“

Horst reichte Eugenie den Arm, um Schollbeck, der vorauf ging, zu folgen. So gelangten sie zu dem Frühstücksplatze im Garten, wo Florens von Ambotten ihnen mit einer etwas unsicheren Haltung entgegen kam. Horst bot ihm die Hand dar, indem er mit der wärmsten Offenheit sagte:

„Sie sehen mich ein wenig beschämt vor sich stehen, Herr von Ambotten – werden Sie mir verzeihen, wenn ich Ihnen sage, daß ich mein Unrecht einsehe?“

„O, ich glaube nicht, daß Sie so sehr Unrecht hatten,“ stammelte Florens verlegen.

„Wir hatten Alle ein wenig Unrecht,“ fiel Herr von Schollbeck ein. „Da aber die Hauptschuldigen ihre Verbrechen durch eine strenge Haft im Thurm von Falkenrieth bereits gehörig gebüßt haben, so wollen wir die Vergangenheit ruhen lassen und unsere Gläser füllen auf das Wohl der Zukunft!“

„Und ich,“ sagte Horst, „werde das meine leeren auf das Wohl – der Herrin von Falkenrieth!“

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: habe

  1. Plaudereien aus Athen von B. Cherbuliez. Jena, 1861.