Der Seelsorger auf der Hochalpe

Textdaten
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Autor: Adolf Obermüllner
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Titel: Der Seelsorger auf der Hochalpe
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aus: Die Gartenlaube, Heft 16, S. 251–254
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Poesie und Wirklichkeit im Gebirge.
2. Der Seelsorger auf der Hochalpe.

Wenn man die breite fruchtbare Thalebene der Etsch am Ende des oberen Vintschgaues verläßt und, angezogen von dem imposanten Anblicke des Ortlevstockes, der weltberühmten Stilfserstraße entlang zieht, bieten sich dem Auge des Wanderers jene gewaltigen Naturbilder dar, welche eben nur in unmittelbarer Nähe der höchsten Gebirge in ihrer ganzen Großartigkeit sichtbar werden. Nach überraschenden Wendungen des wild in die Tiefe tosenden Gletscherbaches, welcher alljährlich mit unglaublichen Anstrengungen durch Dammarbeiten, Ableitungen etc. wieder und wieder gezähmt werden muß, eröffnet sich dem Blicke eine der schönsten Hochgebirgs-Idyllen.

Rund umgeben von den Gletschern des Ortlev und Madatsch, überragt von den schneeweißen Spitzen der ganzen Gruppe, liegt in der Höhe von fünftausend Fuß das aus wenigen Häusern bestehende Alpendorf Trafoi. Dieses stille, abgeschiedene Nestchen entstand vor vielen Jahren, als das Wunderwerk, die neuntausend Fuß über die Meeresfläche führende Kunststraße, erbaut und vollendet wurde; das Posthaus, die Vorspanns-Hauptstation und die Wohnungen der vielen Arbeiter bildeten hier den Centralpunkt, von wo aus alle den Verkehr betreffenden Verfügungen eingeleitet und in Ausführung gebracht wurden. Als frühere Reichs- und einzige Verbindungsstraße Oesterreichs mit der Lombardei, wurde dieses kühne Bauwerk auch während des Winters mit namenlosen Kosten und dem Aufgebote vieler Menschenkräfte für die wöchentlich zweimal verkehrende Post offen gehalten, und damals stand Trafoi in seiner Blüthe, es erbaute sich ein Kirchlein, stellte dem Geistlichen durch freiwillige Robot ein kleines Wohnhaus her, und da die Gemeinde in ihrer weiten Ausdehnung nach Hunderten zählte, gelang es der Mühe des Pfarrers, eine Schulfiliale zu begründen, so daß auch für den vorhandenen reichen Kindersegen gesorgt war.

Diese glückliche Zeit ist nun für Trafoi entschwunden, seit Oesterreich dem italienischen Besitze entsagte, und die Brennerbahn den ganzen Verkehr nach dem Süden an sich gezogen hat. Die Straße wird von der Regierung nur noch von der Veste Gomagoi am Eingange in das Suldenthal abwärts nothdürftig in Stand gesetzt; von da aufwärts aber, wo die schwierigen Herstellungsarbeiten beginnen, wo allein bis Trafoi fünf gewölbte Brücken die Gletscherbäche übersetzen und weiter die mit Millionen errichteten Gebäude, Cantonieren, Dämme und massiven Schutzgalerien eine Reihe jetzt noch von allen Reisenden angestaunter Objecte bilden, ist Alles dem Verfalle preisgegeben, was nicht schon bei wiederholten Kriegszeiten niedergebrannt oder gewaltsam zerstört wurde.

Die Gasthofbesitzer von Spontini, Prad, Trafoi, St. Maria und Bormio ermöglichen zwar im Hochsommer noch immer den gefahrlosen Verkehr für Wagen, da aber abgesehen von Vergnügungsreisenden, die Straße unbenützt bleibt, so zwingt die Noth die armen Bergbewohner, oft sehr weit entfernt von ihren Ansiedelungen um Taglohn oder mit Holzarbeit ihr Brod zu verdienen. Selten gewahrt daher der Wanderer abseits der Straße ein menschliches Wesen, und so überwältigend schön auch die Landschaft von Trafoi ist, ebenso melancholisch stimmt der Anblick der zerfallenen Hütten des Dorfes, welche von ihren Bewohnern verlassen und aufgegeben zu sein scheinen. Nur bei dem kleinen Pfarrhause, nächst der Kirche, begrüßt den Ankommenden das Gekläffe eines lahmen, vor der niedrigen Eingangsthüre postirten Spitzes, und wenn der Reisende, unbekümmert um diesen streitlustigen Wächter, näher tritt, kann er in dem kleinen Hausgarten die gebückte Gestalt des Pfarrers emsig arbeitend sehen, der einen freundlichen Gruß artig, aber kurz erwidert und, ohne weiter Notiz von seiner Anwesenheit zu nehmen, die ganze Aufmerksamkeit den kümmerlich gedeihenden Gemüse-Pflanzen zuwendet. In seltenen Fällen stört den, wie es scheint, menschenscheuen Einsiedler eine weitere Frage, und die Meisten vergessen wohl bald die Begegnung mit einem Manne, der nicht die geringste Lust zeigte, ein Gespräch anzuknüpfen. Und dennoch wäre dieser Mann eine kleine Ausdauer werth gewesen, der, vergessen von den mit reichen Pfründen bedachten Mitpriestern, treu ausharrend bei seiner nur noch sechsundachtzig Seelen zählenden Gemeinde geblieben ist, im Kriege muthig mit seinen Tirolerschützen die Höhen vertheidigte, und in der Zeit des Friedens, ferne von jedem unduldsamen Fanatismus, als echter Priester auf diesem verschollenen Posten wirkt.

Sein Einkommen ist mit dem Verfalle seines Kirchsprengels so geschmälert, daß viele Tage des Jahres Brod und Kartoffeln die einzige Nahrung im Pfarrhause bilden, aber dennoch findet jeder Arme ein Almosen bereit, und kein Unglücklicher verläßt ohne lindernden Trost die Schwelle. Ausgenommen den Verkehr mit seinen Pfarrkindern, liebt der Pfarrer die Einsamkeit und ist zur Sommer-Reisezeit fast nie zu bewegen, den Gasthof, mit dessen Besitzern er auf freundschaftlichstem Fuße steht, aufzusuchen; er verbirgt sich vor der Außenwelt, weil er es verschmäht zu klagen und mit seiner unbeschreiblichen Armuth nicht prunken mag. Wenn die Schule Ferien hält, die Krankenbesuche gemacht sind und der kleine Acker besorgt ist, wandert er am liebsten noch tiefer in die Berge und meist jenem eng umschlossenen Felsenkessel zu, wo versteckt unter Tannen und Kiefern die Wallfahrts-Capelle steht, neben welcher die reich sprudelnden Quellen der heiligen drei Brunnen entspringen.

Diese kleine Kirche auf den vorgeschobenen Moränen des Trafoier und Madatsch-Gletschers erbaut, hat für die Umgebung eine große Bedeutung. Zweimal des Jahres strömen von weit [252] und breit große Schaaren Andächtiger hin, um der feierlichen Procession des Gnadenbildes beizuwohnen, welches im Frühjahr, wenn Schnee und Eis geschmolzen sind, dahin gebracht und im Spätherbst von seiner abgeschiedenen Sommerresidenz wieder in die Kirche von Trafoi zurückgetragen wird.

Während meines Aufenthaltes wurden eben zu letzterer Festlichkeit die Vorbereitungen getroffen, und ich konnte von meinem nächst den drei Quellen gelegenen Studienplatze beobachten, mit welcher Sorgfalt der alte Pfarrer bemüht war, die in der feuchten Capelle befindlichen verblaßten Bilder und Schmuck-Gegenstände zu reinigen, wie er dann heimkehrte, um nach wenigen Stunden, beladen mit dem ganzen geringen Reichthum der Paramente und Gefäße seiner Kirche, über den schmalen schwankenden Steg wiederzukehren. Ueber die Achsel an seinem Rocke hängend, trug er vorsichtig das einzige sonntägliche Meßkleid von undefinirbarer Farbe, an dessen Verbrämung die einstigen Spuren eines Gold-Brocates schwer erkennbar waren; die kleine Monstranz mit einigen lebhaft glänzenden böhmischen Edelsteinen, den Kelch und das schwere Meßbuch hielt er in beiden Händen, während die kleineren Utensilien in einem blauen Tuche zusammengebunden an seinem Gürtel befestigt waren. Der Anblick des Greises mit den armseligen Kirchenschätzen und die damit verbundene milde Resignation rührender Einfachheit waren weit ergreifender als aller Pomp kirchlicher Pracht, und obwohl ich bis jetzt nur wenige Worte mit dem Manne gesprochen hatte, konnte ich mich nicht enthalten, ihm entgegen zu gehen und meinen Beistand anzubieten. Er nahm die Hülfe sichtlich erfreut an, und als wir bei der Capelle angekommen waren, breiteten wir die Sachen sorgfältig auf einem Felsblocke aus. Während dieser Beschäftigung verhehlte ich nicht mein Erstaunen, wie es komme, daß sich Niemand in Trafoi gefunden habe, die schwere Bürde hierher zu bringen.

„Lieber Herr,“ antwortete der Priester, indem er sich ermüdet auf einem Steine niederließ, „meine Bergler müssen die Stunden des Tages ausnützen, um sich ihr sauer erworbenes Brod zu erringen, und ich bin froh für uns Alle, wenn Keiner freie Zeit übrig hat, mir zu helfen.“

Bei dem regen Interesse, welches mir der schlichte Priester schon längst eingeflößt hatte, wollte ich das Gespräch nicht so rasch abbrechen, und nach einigen allgemeinen Phrasen fragte ich mit aufrichtigem Interesse, ob er denn nicht um ein einträglicheres Beneficium nachsuchen könnte.

Nach kurzer Pause antwortete er treuherzig: „Wohl – wohl ist’s hart, auf der Hochalpe das Amt des Seelsorgers echt und recht zu üben, noch härter ist’s, so vieler Kümmerniß hülflos gegenüber zu stehen, und thatenlos zusehen zu müssen, wie jedes Jahr trübseliger wird für die arme Gemeinde. Aber sehen Sie, mein ganzes Wirken ist so innig verwebt mit den Dorfleuten; ich habe sie fast alle getauft, in der Schule erzogen, getraut und leider schon so viele begraben, daß ich ausharren will, bis auch ich mein müdes Haupt zur Ruhe lege. Leider geht es mit meiner Kraft scharf bergab und sie zerbröckelt gerade so rasch wie der Straßenbau da oben,“ fügte er sinnend bei, als eben einige losgerissene Steine über das senkrecht abfallende Gerolle in die Tiefe kollerten.

„Einmal war dies anders mit mir,“ fuhr er lächelnd fort, „alle diese Gebirge, welche Sie hier herum sehen, habe ich bei Tag und Nacht rüstig überschritten, als Tröster der Kranken, in den Almenhütten einsprechend, zur Kriegszeit mit den Scharfschützen die Grenzwacht gegen die Wälschen hütend, und als noch zur Winterzeit die Post hinüber verkehrte, da gab’s manch harten Strauß am Stilfserjoch mit den Elementen auszukämpfen. Selbst Sie als Maler können sich mit der lebhaftesten Phantasie keine Vorstellung davon machen, was es heißt, Winterstürme auf diesen Höhen zu bestehen – das heult und stürmt durch die Luft, während der Wirbelwind die Schneemassen auf und nieder peitscht, dem kräftigsten Manne friert das Fett in den Knochen und der Athem scheint den Dienst auf immer zu versagen. Aber mit beispielloser Ausdauer haben die Trafoier jederzeit ihre Pflicht erfüllt, gar mancher hat sein Leben und viele haben ihre Gesundheit eingebüßt, und kurze Zeit bevor man die Straße veröden ließ, erlebte ich selbst ein Ereigniß, welches niemals aus meinem Gedächtniß entschwinden wird.

Es war im November, als ein solches Unwetter hereinbrach; schon vor dem Tage, an welchem man die italienische Post erwartete, wuchsen die Schneewehen an manchen Straßenwendungen thurmhoch an. Die Vorspannpferde waren glücklicherweise bereits einige Tage früher auf der Franzenshöhe eingestellt, und so hatten unsere Arbeiter nur sich selbst einen Weg hinauf zu bahnen. Sie zogen, der Postmeister an der Spitze, dreißig Mann stark mit den Werkzeugen versehen zeitig Morgens aus, und ich schloß mich, mit allen Vorräthen meiner kleinen Hausapotheke für Unfälle versehen, der gefährlichen Expedition aus freiem Antriebe an. Eine Strecke weit ging es besser, als wir gedacht hatten, und die mitgenommenem Kienfackeln erwiesen uns prächtige Dienste; doch je höher wir kamen, desto schwieriger wurde es, uns durchzuarbeiten, und trotz der Schneereife sanken wir immer wieder in den neuen Schnee ein. Was waren aber die Qualen dieses sechsstündigen Marsches gegen die Ereignisse, welche wir noch erleben sollten!

Die Franzenshöhe war erreicht. Wir fanden die gut erwärmte allgemeine Stube des Stationsgebäudes leer, denn seine Bewohner waren wohl längst ausgezogen, die Post von der höchstgelegenen Cantoniera herunter zu geleiten.

Nachdem wir Alle eine kräftig bereitete Weinsuppe genossen hatten, suchten die meisten Bursche in kurzem Schlafe Kraft zu neuen Strapazen, während der Postmeister und ich nach den Pferden sahen, ob man für sie ausreichend gesorgt habe. Das Wetter wurde immer ungestümer, und endlich, nach einer langen, erwartungsvollen Stunde, entdeckten wir in weiter Entfernung den Postwagen, welcher, von zahlreicher Hülfs-Escorte umgeben, langsam abwärts kam. Endlich hatte er die letzte Straßenwendung gewonnen, und ich alarmirte unsere Leute, die auch in wenigen Minuten bereit waren, die Ablösung der Ankommenden zu übernehmen.

Der schwere Wagen, von einem Theile der Vorschaufler gestützt und vorwärts geschoben, konnte nur Schritt für Schritt weiter bewegt werden, die Pferde ermattet, in Schweiß gebadet und von den die Haut zerschneidenden krystallisirten Eisflocken zu Tode gepeinigt, wurden vom Postillon mit Gewalt gezogen, und der einzige Passagier, ein Italiener, welcher Tags zuvor bei warmem Sonnenschein von Como leicht bekleidet abgereist war, hatte, trotz des Pelzes, den der menschenfreundliche Conducteur ihm gegeben, bei der Ankunft auf der Franzenshöhe das Bewußtsein bereits verloren. Wir öffneten gewaltsam die zugefrorene Wagenthür, trugen den erstarrten Körper in die Vorhalle, und nach langen Versuchen gelang es mir, den Mann wieder zum Bewußtsein zu bringen. Der Arme fühlte sich in dem warmen Zimmerraume, wohin er später gebracht wurde, recht leidlich wohl, als man daran denken mußte, die schreckliche Reise auf’s Neue zu beginnen.

Das Firmament verdüsterte sich mehr und mehr, der Sturm pfiff gellend über die eisumhüllte Landschaft, und die Gefahr, daß bei einbrechender Nacht keine menschliche Kraft im Stande wäre, den Kampf mit den wild empörten Elementen siegreich durchzuführen, drängte zum unverweilten Aufbruche. Ich stand rathlos dem bleichen Kranken gegenüber, der nochmals in die erstarrende Winterkälte gebracht werden sollte. Entschlossen bei ihm auszuharren, schlug ich vor, ihn hier zu pflegen, bis die nächsten Tage besseres Wetter bringen würden, doch er bat und flehte, lieber während der Reise sterben zu wollen, als in dieser schauerlichen Einöde lebendig begraben zu werden.

Da letzteres auf einer Höhe von siebentausend Fuß und bei rings einstürmenden Schneemassen nur zu leicht wahr werden konnte, so wurde denn rasch gehandelt, die Pferde vorgespannt, der Wagen im Innern mit Heu vollgestopft, und der Reisende, in Pelz und Kotzen gehüllt, bis zum Halse hineingesteckt. Der unheimliche Zug setzte sich langsam in Bewegung. Voraus eine Doppelreihe von kräftigen Schneeschauflern, die Pferde geführt von dem oft erprobten Trafoier Postmeister, ich selbst hart am Wagenschlage gehend, mit Labung zur Hand, so ging es die Straße hinunter. Noch waren wir nicht weit gekommen, als eine der vielen Rolllawinen wie ein schäumender Wasserfall hart vor uns niederging, und die zwei ersten Vorgeher in die unabsehbare Tiefe schleuderte – einem Momente erschütternden Stillstandes folgte ein kurzes Stoßgebet für die unrettbar Verlorenen; aber ‚vorwärts‘ war die Losung, wenn unser aller Rettung gelingen sollte, und mit übermenschlicher Anstrengung erreichten wir endlich die Niederung.“

„Und der Reisende?“ unterbrach ich den durch seine ergreifende Erzählung selbst hocherregten Priester.

„Der kam scheinbar recht wohl nach Trafoi, doch als er in Meran anlangte, war sein Geist umnachtet, und ich hörte später von seinem bald darauf erfolgten Tode.“

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Poesie und Wirklichkeit im Gebirge.
2. Der Seelsorger auf der Hochalpe. Originalzeichnung von A. Obermüllner.

[254] Nach einer langen Pause sprach der würdige Mann mit unbeschreiblicher Milde: „Jetzt braust zur Winterszeit der Sturmwind da oben über die verlassene Straße ohne Gefahr für uns, aber wir sitzen ohne Arbeit, abgeschnitten von der Welt, arm und hungrig in unseren elenden Hütten, rücken noch näher als sonst zusammen, erzählen uns von den trüben und heiteren Tagen der Vergangenheit, vergessen darüber die Gegenwart, und wenn die neunte Abendstunde vorüber ist, sagen wir Gute Nacht, um bald darauf im Traume eine bessere Zukunft zu sehen.“

Er war bei diesen Worten aufgestanden und sagte mir, nachdem er die mitgebrachten Gegenstände in der kleinen Sacristei verschlossen hatte, herzlich Lebewohl.

Diese Begegnung übte einen unauslöschlichen Eindruck auf mich aus; als ich nach einigen Tagen die Gegend verlassen wollte, vergaß ich nicht den alten Pfarrer aufzusuchen, um Abschied von ihm zu nehmen. Er begleitete mich eine kurze Strecke, und an der Wegscheide angelangt, legte er seine Hand auf meine Achsel, indem er treuherzig sagte: „Wenn Ihre Reise wieder einmal nach Trafoi geht, so dürfen Sie am Pfarrhause nicht vorüber gehen ohne einzusprechen; sollte die Thür aber verschlossen sein, dann werden Sie wohl zu dem Friedhof von Stilfs hinaufsteigen müssen, um mir den letzten Besuch abstatten zu können.“

Ich schied mit wahrer Wehmuth von dem seltenen Manne, und der Gedanke an ihn begleitete mich nach Botzen und über den Brenner.

In Brixen, der vielthürmigen Bischofsstadt, mußte mein Wagen am Eingange in die Stadt lange Zeit halten, um eine mit märchenhafter Pracht in Scene gesetzte Bitt-Procession nicht zu stören. Die Glocken hallten harmonisch zusammen und die gläubige Heerde wurde von einer Armee geistlicher Ordenspriester aller Grade über blumenbestreute Wege geführt. Ich verglich die mit niedergeschlagenen Augen dahinschleichenden Mönchsgestalten, den farbenschillernden Firlefanz, mit dem Bilde des würdigen Priesters, der mit seinen armseligen Kirchengeräthen über den schwankenden Steg zu dem heiligen Brunnen geschritten kam. Wie unendlich erhebender stand die Erinnerung an diesen Moment vor meiner Seele!

Adolf Obermüllner.