Der Schwindel der Schlangenbeschwörer

Textdaten
Autor: Walther Kabel
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Der Schwindel der Schlangenbeschwörer
Untertitel:
aus: Bibliothek der Unterhaltung und des Wissens, Jahrgang 1916, Fünfter Band, Seite 235–238
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1916
Verlag: Union Deutsche Verlagsgesellschaft
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Stuttgart, Berlin, Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
Der Schwindel der Schlangenbeschwörer.pdf
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite


[235] Der Schwindel der Schlangenbeschwörer. – Giftfeste indische Schlangenbeschwörer sind nach Dr. Forrers Bericht meist nur geschickte Gaukler und Schwindler. Forrer gelang es in langen Jahren seines Lebens im innersten Indien, viele dieser Trüger und Täuscher zu entlarven. Um festzustellen, ob die Schlangenbändiger durch Musik auf ihren meist dudelsackähnlichen Flöten auch freilebende Schlangen heranzulocken vermöchten, versprach Forrer zwei Schlangenbeschwörern guten Lohn, wenn sie eine schwarze Kobra, die in seinem Garten unter einem Ameisenhaufen hauste, unschädlich machen würden. Die Gaukler setzten sich vor dem Schlupfwinkel der Schlange auf die Erde und bliesen auf ihren Flöten. Nach einiger Zeit steckte die Kobra ihren Kopf aus dem Loch. Einer der Inder griff sie geschickt mit Daumen und Zeigefinger am Halse, so daß sie nicht beißen konnte. Dann versuchte er sie zum Tanzen zu bewegen, indem er ein Stückchen einer weißen Wurzel über ihren Kopf hielt. Die Schlange versuchte zu entkommen, schien aber halb betäubt, und wurde immer wieder zurückgebracht. Endlich fing sie an, sich langsam um sich selbst zu drehen. Ein Bekannter Forrers, der als Beobachter diesen Vorgängen folgte, frug den Inder, was er getan hätte, wenn der Schlange es gelungen wäre, ihn zu beißen, und erhielt die Antwort, daß er ein sicheres Heilmittel immer bei sich führe und darum nichts zu fürchten habe. Mehr scherzhaft als im Ernst gemeint bot man ihm fünf Rupien, wenn er sich von der Kobra beißen ließe. Sofort steckte der Inder dem Reptil einen Finger in den Rachen. Als er ihn zurückzog, waren zwei leicht blutende Punkte auf der Haut zu sehen. Er gab die Schlange seinem Gefährten, der sie in einem Korb barg, brachte ein Stückchen verbrannten Knochens, den er als „Schlangenstein“ bezeichnete, aus der Tasche und hielt ihn an die Wunde. Nach kurzer Zeit nahm er den Stein weg und erklärte, daß alles Gift aus der Wunde gezogen sei. Dann warf er den „Schlangenstein“ [236] in eine Schale voll Milch, auf deren Oberfläche sich kleine Tropfen einer öligen, strohgelben Flüssigkeit zeigten. Forrers Bekannter holte ein junges Huhn, brachte ihm eine geringfügige Schenkelwunde bei und bestrich die blutende Stelle mit der gelblichen Flüssigkeit. Das Huhn starb nach zehn Minuten unter Vergiftungserscheinungen.

„Und doch,“ schreibt Dr. Forrer, „konnte ich meinen Bekannten bald überzeugen, daß er von den beiden Indern getäuscht worden war. Wir luden einige Freunde ein, die den Gauklern scharf auf die Finger sehen sollten, und bestimmten die gleichen „Beschwörer“, in einem anderen Garten nach Schlangen zu fahnden. Die Inder – völlig ahnungslos – hatten, soweit wir sehen konnten, nur ihre Flöten bei sich, die Suche im Garten begann, und bald entdeckte einer der Gaukler in einem Erdloch das Gesuchte. Er zog die Schlange heraus und schleuderte sie auf den Boden. Nach Aussage der Diener hauste in der Erdhöhle unter einem Baum eine große Kobra. Das Loch war vorhanden. Der Gaukler spielte eine Weile auf seiner Flöte und griff dann mit bloßem Arm in die Höhle. Überrascht und erschreckt traten die Umstehenden zur Seite, als er eine riesige Kobra hervorzog, die sich wütend krümmte und drohend zischte. Er ließ sie fahren, worauf sie sich aufrichtete und wütend nach ihm züngelte. Dann packte er sie im Nacken, drückte sie mit einem Gabelholz zu Boden und zerstörte ihr mit einem Tuche die Giftzähne. Freigelassen, richtete sich das Tier auf, machte schwankende Bewegungen, folgte dabei aber nicht dem Takte der Musik, sondern den Körperbewegungen des Bläsers.

Nichts konnte überzeugender sein! Hatten wir doch den Mann keinen Augenblick aus den Augen gelassen!

Trotzdem zweifelte ich an der Wahrheit der ganzen Vorgänge. Als wir die Inder aufforderten, auch ihre Turbane und Gewänder abzulegen und die Suche so fortzusetzen, fingen sie an, Ausflüchte zu machen, was unser Mißtrauen nicht verringerte. Wir drohten ihnen mit genauer Körperuntersuchung, da warfen sie sich, um Gnade winselnd, vor uns nieder. Sie wären gerne bereit, alles zu erklären, nur sollen wir sie nicht verraten. Wir [237] erfuhren folgendes: Nachdem ihnen die Giftzähne genommen sind, werden die Schlangen einzeln in Säcke gesteckt, deren Öffnung mit einer Schleife zu schließen ist, die man nur zuzuziehen braucht. Der Sack – der gewissermaßen als Gürtel dient – wird mit der Öffnung nach oben an der Schnur befestigt, die alle Eingeborenen um den Leib tragen. Während der „Beschwörer“ die Achtsamkeit der Zuschauer nach Punkten lenkt, wo er Schlangen vermutet, bückt er sich und rafft mit der rechten Hand etwas Gras oder Erde auf, um sich scheinbar den Zugang zum Schlangenloch zu bahnen; zugleich öffnet er mit der Linken die Sackschleife und läßt die Schlange in seine Hand gleiten. Dann reckt sich der Gaukler auf, zeigt das Reptil, und alle Zuschauer gewinnen den Eindruck, als sei es im Augenblick erst aus dem Schlupfwinkel gezogen.

Alles übrige beruht auf ähnlichem Trug. Die Schlangen- oder Nagawurzel, die von der indischen Aristolochia stammt, wirkt durch ihren Geruch betäubend auf die Reptile, so daß sie leichter zu greifen sind. Der „Schlangenstein“, dem das angeblich „ausgezogene“ Gift in der Milch entquillt, wird vorher mit Schlangengift gesättigt. Um es Leichtgläubigen glaubhaft erscheinen zu lassen, daß die gezeigten Kunststücke wirklich mit gefährlichen Schlangen unternommen wurden, steckt der Gaukler vorher Giftzähne in ein Tuch, das er den Reptilen zum Hineinbeißen vorhält, um den staunenden Zuschauern die kleinen todbringenden Waffen im Stoffe zu zeigen.

Es sind harmlose Tiere ohne Giftzahn, von denen die Gaukler sich beißen lassen. Die blutende Wunde beweist den Gaffern, daß der Beschwörern sein Leben aufs Spiel setzt, vielleicht um eine zahlreiche, hungrige Familie zu ernähren[WS 1] – wofür ihm reichliche Gaben werden. Auch der heilkräftige „Schlangenstein“, der nichts als ein halbverkohltes Stück Knochen ist, bringt dem Gaukler Geld. Der Glaube an die Wirksamkeit des Schlangensteins gegen den Biß giftiger Tiere gerät Tausenden zum Unheil, die lieber zu diesem trügerischen Mittel greifen, statt zum Arzt zu gehen. Alle Aufklärung erweist sich als vergeblich, und auch schwere Gefängnisstrafen, welche die Verkäufer dieses [238] Geheimmittels bedrohen, nützen wenig. Zu Tausenden sterben jährlich Leute der untersten Schichten in Indien an Giftschlangenbissen und ihrer schlechten Behandlung; die Hauptschuld daran trägt nicht zuletzt die große Masse der „Schlangenbeschwörer“ mit ihren trügerischen Schaustellungen.

W. K.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ernähern