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Textdaten
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Autor: Carl Ernst Bock
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Titel: Der Schmerz
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aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 46–47
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[46]
Zur Kenntniß des gesunden und kranken Menschen.
Der Schmerz.

So klar es Jedem, der Schmerz empfindet, wird, daß in seinem Körper nicht Alles so ist, wie es sein soll, so unklar ist dem Arzte gewöhnlich der Sitz und die Art des Leidens, welches den Schmerz hervorrief. Denn man glaube ja nicht etwa, daß der Schmerz allemal an der Stelle empfunden wird, wo das Uebel seinen Sitz hat, oder daß derselbe Schmerz immer aus ähnlichen Ursachen erzeugt wird. So kann z. B. zu wenig Blut im Gehirne ebensolchen Kopfschmerz veranlassen, wie zu viel Blut in diesem Theile, und gar nicht selten nimmt bei Herz- und Leberkrankheiten der Schmerz seinen Sitz in der Achsel oder in der Hand, anstatt im erkrankten Organe; Hüftgelenkleiden sind in der Regel mit den heftigsten Schmerzen im gesunden Knie begleitet und bei Rückenmarkskrankheiten schmerzen gewöhnlich die Beine, während der Rücken schmerzlos ist. Auch in den gesündsten Zähnen kann ein hohler, bisweilen gar nicht einmal schmerzender Zahn die heftigsten Zahnschmerzen (meistens Zahnreißen genannt) erregen, und sehr häufig leiden Solche, denen ein Bein abgeschnitten wurde, noch Jahre lang zeitweilig an unangenehmen Empfindungen oder Schmerzen in den scheinbar noch vorhandenen Zehen des abgeschnittenen Beines. Hierzu kommt noch, daß gar nicht selten ganz unbedeutende Uebel die heftigsten Schmerzen nach sich ziehen, dagegen sehr gefährliche Veränderungen in den wichtigsten Organen fast schmerzlos sind. Es findet ferner auch Statt, daß dasselbe Leiden bei dem einen Menschen sehr heftige, bei dem andern garkeine oder nur unbedeutende Schmerzen verursacht und daß derselbe Mensch einen Schmerz zu verschieden Zeiten ganz verschieden empfinden kann. Alle diese Thatsachen sollen den Leser davon überzeugen, daß der Schmerz eine höchst unsichere Krankheitserscheinung ist und nicht vielmehr anzeigen kann als daß sich als irgend einer Stelle des Körpers irgend eine krankhafte Veränderung befindet.

Die Einrichtung innerhalb unseres Körpers, durch deren Vermittelung Schmerz von uns gefühlt werden kann, ist folgende: vom Gehirne, dem Sitze des Bewußtseins, ziehen sich gleich den Drähten beim elektromagnetischen Telegraphen eine Menge feiner Fäden oder Nerven nach allen Theilen des Körpers hin, jedoch nach der einen Stelle eine größere, nach der andern eine geringere Anzahl solcher Fäden. Wie nun beim Telegraphen eine Nachricht von einer Station durch den Draht äußerst schnell zur andern Station fortgepflanzt werden kann, so wird auch Alles, was dem Endpunkte des Nervenfadens passirt, im Momente hin zum Gehirne telegraphirt und wenn hier das Bewußtsein wirklich vorhanden ist, empfunden. Man nennt diese Fäden deshalb auch Empfindungsnerven; je mehr ein Theil unseres Körpers davon besitzt, desto empfindlicher ist er, je geringer die Anzahl derselben, desto weniger empfindlich zeigt sich derselbe; manche Stellen sind auch wohl ohne alle Empfindungsnerven und also auch ganz und gar ohne Empfindung. Geschehen nun ungewohnte und widernatürliche Einwirkungen, die übrigens von der allermannigfaltigsten Art sein können, auf diese Empfindungsnerven, so erregen diese auch widernatürliche, unangenehme oder, bei höherem Grade, schmerzhafte Empfindungen. Sollen diese sonach zu Stande kommen, so gehört durchaus dazu: 1) eine widernatürliche Einwirkung oder Reizung eines Empfindungsnervens; 2) Leitung der widernatürlichen Reizung zum Gehirne und 3) Vorhandensein des Bewußtseins im Gehirne. Nach der Art der Reizung, nach der Leitungsfähigkeit [47] der Nerven und nach der Empfindlichkeit des Bewußtseinsorganes muß natürlich die widernatürliche Empfindung oder der Schmerz verschieden wahrgenommen werden. Ist z. B. das Gehirn berauscht und eingenommen (durch Krankheiten, Gemüthseindrücke, Spirituosa, Schwefeläther, Chloroform, Opium u. s. w.), dann machen Reizungen und Verletzungen von Gefühlsnerven weit geringere Schmerzen als dies bei freiem Gehirne der Fall wäre und vollkommene Bewußtlosigkeit zieht auch totale Schmerzlosigkeit nach sich, während krankhafte Empfindlichkeit des Gehirns ganz gewöhnliche Eindrücke schon als Schmerz empfinden läßt. Daher kommt es denn, daß in der Schlacht starke Verletzungen in Folge des Gemütszustandes bisweilen kaum gefühlt werden und daß Betrunkene oder Chloroformirte fast oder ganz empfindungslos sind, daß durch Opium heftige Schmerzen gemindert und gehoben werden können, und daß Kranke, deren Bewußtsein durch irgend welche Gehirnaffection gestört ist, ihren sonst sehr schmerzhaften Krankheitszustand nicht wahrnehmen. Ebenso muß aber auch der Mensch, so lange in seinem Gehirne das Bewußtsein noch nicht ausgebildet ist (denn dieses entwickelt sich nur ganz allmälig), sonach in der frühesten Jugend und bei Hirnmangel, empfindungs - und schmerzlos sein. Man lasse sich hierbei nur nicht durch die Schmerzensbewegungenen (Schreien, Zucken, Strampeln, Begreifen, Umsichschlagen etc.) beirren, denn diese geschehen hier vermöge der eigenthümlichen Nerveneinrichtung (in Folge der Anregung bewegender Nerven von Seite der gereizten Empfindungsnerven) ganz unwillkürlich und bewußtlos (d. s. unbewußte Reflexbewegungen). - Auch der Zustand der Empfindungsnervenfäden, welcher von der Ernährung und Behandlung derselben abhängig ist, hat großen Einfluß auf das Gefühl und den Schmerz. Je besser nämlich ein solcher Faden leiten kann, desto schneller und stärker wird die Reizung zum Gehirne geschafft, während bei schlechter Leitungsfähigkeit des Nerven die Empfindung nur schwach und matt wahrgenommen wird. Im erstern Falle, wo heftigere Schmerzen zu Stande kommen müssen, spricht man von großer, im letztern von geringer Reizbarkeit der Nerven; nach beider Richtung hin kann die Reizbarkeit ausarten und enorm gesteigert oder gelähmt erscheinen. Da nun bei verschiedenen Menschen die Leitungsfähigkeit oder die Reizbarkeit der Nerven und die Empfänglichkeit des Gehirns sehr verschieden ist, so wird dieselbe Reizung von Verschiedenen auch ganz verschieden empfunden werden müssen, Einer fühlt den Schmerz nicht so wie der Andere – Daß sich nach der Art der Reizung auch die Beschaffenheit der Empfindung und der Grad des Schmerzes richten muß, versteht sich wohl von selbst; ein Mückenstich schmerzt weniger als ein Messerschnitt und Sonnenstrahlen brennen nicht so wie glühende Kohlen.

In Folge der Gewohnheit (welche bei der Entwickelung und Ausbildung des Nervensystems die größte Rolle spielt), oft aber auch noch mit Zuziehung anderer Sinne, lernen wir allmälig Empfindungen oder Schmerzen, die wir durch das Gehirn wahrnehmen, an die Stelle zu versetzen, wo sie erregt werden. Dies ist nun aber in der Regel am Endpunkte des Empfindungsnervens und wir meinen deshalb später aus Gewohnheit, selbst wenn dieser Nerv an einer ganz andern Stelle seines Verlaufes vom Gehirn bis zu seinem (peripherischen) Ende gereizt, ja wenn er sogar sammt dem Theile, in welchem er endigte, ganz abgeschnitten wurde, wir meinen doch, daß die die Empfindung oder den Schmerz erregende Reizung an jenem Endpunkte seinen Sitz hätte. So bedingt z. B. Reizung desjenigen Nervens, welcher am kleinen Finger endigt, Schmerz in diesem Finger auch wenn jener Nerv in der Ellenbogengegend gereizt wurde. Deshalb also die eigenthümliche Empfindung im vierten und kleinen Finger, wenn man sich an den Ellenbogen (an das Mäuschen) stößt. Aus demselben Grunde können Amputirte noch nach Jahren Schmerz im abgeschnittenen Gliede bei Reizung solcher Nerven empfinden, die in diesem Gliede endigten. Zur bessern Verständigung dieser Thatsache denke man sich einen Telegraphendraht (Nervenfaden) zwischen zwei Stationen (dem Gehirn und irgend einem Körpertheile) ausgespannt; wird der Telegraph auf der einen (Körper-) Station in Thätigkeit gesetzt, so weiß der Telegraphist auf der andern (Hirn-) Station in Folge der Erfahrung und Gewöhnung, daß eine Nachricht von jener Station aus geschickt ist. Er würde dies aber auch dann noch glauben müssen, wenn der Apparat ohne sein Wissen von der (Körper-) Station weggenommen und an einer ganz andern Stelle (Zwischenstation) desselben Drahtes angebracht worden wäre. Ja er würde diese Veränderung, wenn er sich durch langjähriges Telegraphiren an bestimmte Stationen gewöhnt hätte, sehr oft vergessen und meinen, die Nachricht käme noch von der früheren, vielleicht ganz eingegangenen Station. Oder man denke sich einen Klingelzug aus der dritten Etage direkt herabgeführt zum Hausmanne; dieser, mit der Einrichtung des Zuges bekannt, müßte stets glauben, es würde in dieser Etage geklingelt, auch wenn Jemand im zweiten oder ersten Stocke an der Klingelschnur zöge; würde dies aber öfters oder später stets vorfallen, dann würde er natürlich nicht mehr irre geleitet werden können. Im menschlichen Körper werden nun durch Krankheitsprozesse sehr oft Nerven nicht an ihrem Endpunkte, sondern an irgend einer Stelle ihres Verlaufes gereizt und deshalb finden sich gar nicht selten an äußerst schmerzhaften Stellen auch nicht die geringsten krankhaften Veränderungen vor, wohl aber an einer ganz entfernten Stelle, an welcher der Empfindungsnerv des schmerzenden Theiles vorbeigeht.

Eine andere Einrichtung im Nervensysteme, welche die Beurtheilung der Schmerzen bedeutend erschwert, ist die, daß im Gehirne (vielleicht auch im Rückenmarke oder in den Nervenknoten) ein Empfindungsnerv einem oder vielen andern, gewöhnlich den benachbarten Empfindungsnerven, seine Reizung mittheilen kann und daß dann alle diese in Mitempfindung versetzten Nerven an ihren Endpunkten gereizt worden zu sein scheinen, dadurch aber Schmerz in den ganz gesunden Theilen des Körpers, zu welchen sich jene mitempfindenden Nerven begeben, gefühlt wird. Am deutlichsten zeigt sich eine solche Mitempfindung in den Zähnen. Trägt nämlich der gereizte Nerv eines einzigen hohlen Zahnes seine Reizung auf die übrigen Nerven der gesunden Zähne über, dann wird in allen, auch den gesündesten Zähnen Schmerz empfunden. Würde dieser eine hohle Zahn, die Quelle des ganzen Schmerzes, ausgezogen, sofort würde auch aller Schmerz (oder das sogen. Zahnreißen) verschwinden. Bei ganz beschränkten aber schmerzhaften Krankheiten breiten sich solche Mitempfindungen bisweilen über große Strecken des Körpers aus und lassen das Uebel weit schrecklicher erscheinen als es wirklich ist. Uebrigens können stark gereizte Empfindungsnerven ihre Reizung auch benachbarten Bewegungsnerven mittheilen und daher kommt es, daß bei heftigen Schmerzen eine Menge unwillkürlicher Bewegungen gemacht werden, ja sogar Krämpfe eintreten können.

Die Ursachen schmerzenerregender Reizungen der Empfindungsnerven sind sehr mannigfaltige und theils äußere (Verwundungen), theils innere. Die letzteren rufen gewöhnlich durch Druck oder Spannung von Empfindungsnerven Schmerz hervor und bestehen meistens entweder in Blutüberfüllung der Haargefäße oder in Ausschwitzung von Blutbestandtheilen aus dem Haargefäßblutstrome. Die einfachsten und besten äußern Hülfsmittel bei Schmerzen sind kalte oder warme Umschläge; erstere sind immer gleich nach der Verwundung und dann anzuwenden, wenn der schmerzende Theil geröthet ist, sonst stets die letzteren. Das hülfreichste, aber nur vom Arzte zu verordnende innere Mittel gegen Schmerzen bleibt stets Opium (Morphium).
(B.)