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Der Parasit, oder Beweis, daß Schmarotzen eine Kunst sey

Textdaten
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Autor: Lukian von Samosata
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Titel: Der Parasit, oder Beweis, daß Schmarotzen eine Kunst sey
Untertitel:
aus: Lucian’s Werke, übersetzt von August Friedrich Pauly, Zehntes Bändchen, Seite 1283–1320
Herausgeber:
Auflage:
Entstehungsdatum: 2. Jahrhundert
Erscheinungsdatum: 1829
Verlag: J. B. Metzler
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Erscheinungsort: Stuttgart
Übersetzer: August Friedrich Pauly
Originaltitel: Περὶ τοῦ Παρασίτου ὅτι Τέχνη ἡ Παρασιτική
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scan auf Commons
Kurzbeschreibung:
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[1283]
Der Parasit,
oder
Beweis, daß Schmarotzen eine Kunst sey.
Tychiades, und Simon, der Parasit.

1. Tychiades. Höre, Simon: es haben doch alle Menschen, Freie und Dienende, irgend eine Kunst erlernt, mit welcher sie sich und Andern nützen können; nur du allein betreibst, so viel ich sehe, gar kein Geschäft, was dir selbst oder irgend einem Andern dienlich wäre.

Simon. Was willst du damit, Tychiades? Erkläre dich mir deutlicher.

Tychiades. Verstehst du irgend eine eigentliche Kunst, z. B. die Musik?

Simon. Nein.

Tychiades. Oder vielleicht die Heilkunst?

Simon. Auch nicht.

Tychiades. Aber die Geometrie?

Simon. Ganz und gar nicht.

Tychiades. Vielleicht die Redekunst? Denn nach der Philosophie frage ich nicht; von der bist du so weit entfernt, als das Laster selbst.

Simon. O! wo möglich noch viel weiter. Glaube nicht, mir da Etwas gesagt zu haben, was ich noch nicht wußte. Ich sage es selbst, ich bin ein Taugenichts, und ein größerer noch, als du selbst glaubst.

[1284] Tychiades. Nun ja, Das gebe ich gerne zu. Aber vielleicht hast du von jenen Wissenschaften und Künsten nur deßwegen keine gelernt, weil sie dir zu schwer und ausgedehnt waren, und verstehst vielleicht ein Handwerk, bist ein geschickter Zimmermann oder Schuster? Deine Umstände sind doch nicht von der Art, daß dir jede Art von Industrie entbehrlich wäre.

Simon. Du hast allerdings Recht, Tychiades. Und doch verstehe ich auch keines von diesen Handwerken.

Tychiades. Nun Was denn sonst?

Simon. Was sonst? Eine Kunst verstehe ich allerdings, eine recht edle, Das will ich meinen. Lerne sie nur erst, und ich weiß gewiß, du wirst sie nicht genug zu loben wissen. Wenigstens mit ihrer Ausübung komme ich ganz gut zurecht: ob ich aber auch ihre Theorie dir gehörig darstellen könne, weiß ich freilich nicht.

Tychiades. Was ist denn Dieß für eine Kunst?

Simon. Ich glaube ihr Wesen selbst noch nicht genug ausstudirt zu haben, um jetzt schon darüber sprechen zu können. Nimm mir also nicht übel, wenn ich dir bloß sage, ich verstehe eine gewisse Kunst. Was für eine, sollst du nächstens erfahren.

Tychiades. Ich kann es kaum erwarten.

Simon. Der Name meiner Kunst wird dir vielleicht sehr seltsam vorkommen, wenn ich ihn dir sagen werde.

Tychiades. Um so begieriger bin ich, ihn zu hören.

Simon. Ein andermal, Tychiades.

Tychiades. Nein, nein, jetzt gleich: es wäre denn, daß du dich deiner Kunst zu schämen hättest.

[1285] Simon. Sie heißt – die Parasitik.

2. Tychiades. Wie? die Parasitik? Wer in aller Welt, der kein Narr ist, wird das Schmarotzen eine Kunst nennen?

Simon. Ich, mein Tychiades: und wenn du glaubst, ich sey ein Narr, so denke, daß eben diese Narrheit Schuld daran sey, daß ich keine andere Kunst gelernt habe, und du wirst mich von aller Anklage freisprechen. Denn das Beste an dem Dämon der Narrheit, so übel er auch den Leuten, die von ihm besessen sind, mitspielt, ist doch Das, daß er von allen schlimmen Streichen der Letztern die Schuld auf sich selbst, als den Lehrmeister, nimmt.

Tychiades. Also wirklich, es gibt eine förmliche Kunst, die Parasitik?

Simon. Allerdings, und ich habe sie dazu gemacht.

Tychiades. Und du bist demnach ein Parasit?

Simon. Das soll vermuthlich geschimpft seyn?

Tychiades. Wie? du erröthest nicht einmal, dich selbst einen Schmarotzer zu nennen?

Simon. Durchaus nicht: ich würde mich vielmehr schämen, wenn ich’s nicht könnte.

Tychiades. So sage doch in aller Welt, wenn Jemand wissen wollte, Wer du seyst, und wir wollten dich mit ihm bekannt machen, so müßten wir sagen, du seyst Simon, der Parasit?

Simon. Eben so gewiß, als ihr sagt: Phidias, der Bildhauer. Ich bin wahrlich nicht minder auf meine Kunst stolz, als Phidias auf seinen Jupiter.

[1286] Tychiades. [Nach einigem Nachdenken.] Aber Das muß lustig seyn, ha ha ha!

Simon. Nun Was denn?

Tychiades. Wenn man in Zukunft die Briefe an dich überschreiben wird: An den Parasiten Simon.

Simon. Das soll mir, wo möglich, noch mehr schmeicheln, als dem Dion[1], wenn man: an den Philosophen, auf seine Briefe setzt.

3. Tychiades. Nun, wie du dich am liebsten nennen hörst, daran liegt mir Wenig oder Nichts. Aber die übrige Ungereimtheit wollen wir doch näher betrachten.

Simon. Welche denn?

Tychiades. Sollen wir denn wirklich diese angebliche Kunst in die Reihe der eigentlichen Künste setzen, so daß wir also sagen müssen, die Parasitik ist so gut eine Kunst, als die Grammatik, Musik und dergleichen?

Simon. Ich glaube vielmehr, Tychiades, die Parasitik verdient diesen Namen noch weit mehr, als irgend eine andere. Wenn du Lust hast, mich anzuhören, so will ich dir meine Ansicht darüber mittheilen, wiewohl ich, Was ich dir vorhin schon sagte, gar nicht sonderlich darauf vorbereitet bin.

Tychiades. Thut Nichts, wenn nur wahr ist, Was du sagst. Ausführlichkeit verlange ich nicht.

Simon. Wir wollen also vorerst die Frage erörtern, Was Kunst überhaupt sey? Denn nur so kann man auf eine einzelne Kunst übergehen, um zu sehen, ob auf sie der allgemeine Begriff anwendbar ist.

[1287] Tychiades. Nun, Was ist der Begriff von Kunst? Du weißt ihn doch wohl?

Simon. Allerdings.

Tychiades. So bedenke dich nicht länger, ihn zu sagen.

4. Simon. Kunst ist – wie ich von einem Philosophen gehört zu haben mich erinnere – ein System von Kenntnissen, die in Ausübung treten zu irgend einem für das Leben nützlichen Zwecke.

Tychiades. Du hast die Definition deines Philosophen gut behalten.

Simon. Wenn nun dieß Alles auch auf meine Parasitik paßt, Was wird sie anders seyn, als auch eine Kunst?

Tychiades. Unstreitig, wenn Jenes der Fall ist.

Simon. Vergleichen wir also die Schmarotzerkunst mit jedem einzelnen der angegebenen Merkmale von Kunst überhaupt, und untersuchen, ob diese Merkmale sich mit dem Begriffe von jener vereinigen lassen.[2] Sie muß, wie jede andere Kunst, ein System von Kenntnissen seyn. Vor allen Dingen muß der Parasit verstehen, die Leute gehörig zu prüfen, und zu beurtheilen, Wer der Mann sey, von dem er sich, ohne es je bereuen zu müssen, füttern lassen könne. Wenn wir zugeben müssen, daß der Wechsler im Besitze einer eigenen Kunst sey, vermöge welcher er die falschen Münzen von den ächten zu unterscheiden weiß, wie sollte es keiner Kunst bedürfen, wenn der Parasit die unbrauchbaren [1288] Leute von den guten unterscheiden soll, zumal da die Merkzeichen bei den Menschen nicht so zu Tage liegen, als bei den Münzen? Beklagt sich darüber ja doch schon der weise Euripides, wenn er sagt:

Dem schlechten Manne hat kein Merkmal die Natur,
Woran er leichtlich kennbar wäre, aufgedrückt.[3]

Um so größer ist also die Kunst des Parasiten, da er so versteckte und unsichtbare Dinge, besser noch als selbst ein Prophet, durchschaut und kennt.

5. Ferner zu wissen, was man jederzeit Geschicktes zu reden und zu thun hat, um sich dem Tischherrn immer näher zu bringen, und ihm seine Ergebenheit zu bezeugen, ist Das nicht eine Sache tüchtiger Wissenschaft und Einsicht? Was meinst du?

Tychiades. Du magst Recht haben.

Simon. Und bei den Mahlzeiten selbst allen Vortheil immer auf seiner Seite haben, und dennoch lieber gesehen seyn, als alle Die, welche dieselbe Kunst nicht besitzen, glaubst du denn, daß sich Dieß ohne ein gewisses kunstgerechtes Studium bewerkstelligen lasse?

Tychiades. Ich denke nicht.

Simon. Oder meinst du vielleicht, die Vorzüge und Fehler jedes einzelnen Gerichtes lassen sich von jedem Pinsel nur so zum Zeitvertreibe kennen lernen? Sagt nicht schon der göttliche Plato: „Wer zu Gaste ißt, und von der Kochkunst Nichts versteht, wird über die aufgetischten Speisen ein minder zuverlässiges Urtheil fällen?“[4]

[1289] 6. Daß übrigens die Parasitik nicht bloß ein Inbegriff von Kenntnissen überhaupt, sondern von solchen ist, die in Ausübung zu treten haben, wird dir sogleich einleuchten, denke ich. Bei vielen andern Künsten können die Kenntnisse oft Tage, Monate, Jahre lang ohne Ausübung bleiben, ohne daß darum die Kunst bei Dem, welcher sie besitzt, verloren ginge: die Kenntnisse des Parasiten hingegen, wenn sie nicht jeden Tag in Anwendung kommen, richten, wie mir scheint, nicht nur die Kunst, sondern auch den Künstler selbst zu Grunde.

7. Was endlich das letzte Merkmal „zu einem für das Leben nützlichen Zwecke“ betrifft, so wäre es Unsinn, noch zu fragen, ob es sich auch an der Parasitik finde? Sehe ich doch am ganzen Menschenleben nichts Besseres, als Essen und Trinken, ohne welches ja das Leben nicht einmal möglich ist.

Tychiades. So ist es allerdings.

8. Simon. Die Parasitik ist auch nicht, wie z. B. Schönheit oder Leibesstärke, von der Art, daß man sie nicht sowohl für eine Kunst, als für ein natürliches Vermögen halten müßte.

Tychiades. Auch Das gebe ich dir zu.

Simon. Noch weniger aber ist sie eine Unkunst. Denn die Unkunst bringt nie Etwas gehörig zu Stande. Wage es Einer, ein Fahrzeug durch ein stürmisches Meer zu führen, ohne das Geringste von der Steuermannskunst zu verstehen: glaubst du etwa, er werde wohlbehalten an’s Land kommen?

Tychiades. Keineswegs.

[1290] Simon. Und warum nicht? Eben weil er die Kunst nicht besitzt, die ihn erhalten könnte: nicht wahr?

Tychiades. So ist’s.

Simon. Also könnte sich auch der Parasit mit seiner Parasitik nicht erhalten, wenn sie eine Unkunst wäre?

Tychiades. Das folgt allerdings.

Simon. Die Kunst also ist’s, die ihn erhält, die Unkunst nicht?

Tychiades. Ja wohl.

Simon. Die Parasitik ist also eine Kunst?

Tychiades. Eine Kunst, so scheint es wirklich.

Simon. Zudem sind mir mehrere Fälle bekannt, wo selbst vorzügliche Steuermänner Schiffbruch gelitten, und sehr kunstgerechte Kutscher vom Wagen geworfen worden, und Arm und Bein gebrochen, oder wohl gar das Leben verloren haben. Aber von dem Schiffbruche eines Parasiten wird kein Mensch zu erzählen wissen. Da nun also die Parasitik keine Unkunst, noch auch ein bloß natürliches Vermögen, sondern ein System von Kenntnissen ist, die in Ausübung treten, so sind wir von jetzt an darüber Eins, daß sie eine förmliche Kunst ist?

9. Tychiades. Ja, so Viel aus dem Bisherigen zu schließen ist. Aber nun bist du mir noch eine tüchtige Begriffsbestimmung von der Parasitik schuldig.

Simon. Du hast Recht. Ich glaube, daß sie sich am besten so definiren läßt: „Parasitik ist die Kunst, geschickt zu reden, um dafür gespeist und getränkt zu werden, und hat zum Zwecke das sinnliche Vergnügen.“

[1291] Tychiades. Ganz vortrefflich definirt! Nur sieh zu, daß du wegen dieses Zweckes nicht mit gewissen Philosophen Händel bekommst.

10. Simon. Ich bin zufrieden, wenn sich beweisen läßt, daß das letzte Ziel der Glückseligkeit und der Parasitik Eins und Dasselbe ist. Der Beweis aber ist dieser. Der weise Homer rühmt voll Bewunderung das Leben des Parasiten als das einzig glückliche und erstrebenswerthe, wenn er sagt:[5]

Denn ich kenne gewiß ein angenehmeres Ziel nicht,
Als wenn festliche Freud’ im ganzen Volk sich verbreitet,
– – – – – und voll vor Jedem die Tische
Stehen mit Brod und Fleisch, und geschöpfeten Wein aus dem Kruge
Fleißig der Schenk umträgt, und umher eingießt in die Becher.

Und als ob er dieß Alles noch nicht genug gepriesen hätte, fügt er, um seine Gesinnung noch deutlicher auszudrücken, sehr treffend hinzu:

Solches deucht mir im Geiste die seligste Wonne des Lebens.

Was wird somit in dieser Stelle Anderes, als das Mitessen, zum höchsten Gute erhoben? Und zwar werden diese Worte nicht dem Nächsten Besten, sondern dem Klügsten aller Griechen, dem Ulysses, in den Mund gelegt. Hätte Dieser das höchste Gut der Stoiker anpreisen wollen, so hätte er ja Dieß füglich thun können, als er den Philoctet aus Lemnos zurückholte, oder als er Ilium verwüstete, oder die Griechen, da sie heimkehren wollten, zurückhielt, oder endlich, als er sich selbst geißelte, und, mit armseligen Stoischen Lumpen bedeckt, nach Troja kam. Allein dort äußerte er Nichts der [1292] Art. Nicht einmal, da er von der Nymphe Calypso in das Leben der Epicureer versetzt war, da er sich in der Lage sah, seine Zeit in süßem Nichtsthun und sinnlichem Wohlbehagen zu verbringen, die Tochter des Atlas zu beschlafen, kurz in allen „den weichen und sanften Bewegungen“[6] der Lust sich zu wiegen, nicht einmal Dieß nannte er das angenehmste Ziel: nur das Leben des Parasiten nennt er so. Die Parasiten hießen aber damals Dätymonen, Mitesser. Es heißt also dort – denn die Stelle verdient, daß ich sie wiederhole, damit sie gehörig verstanden werde:

– – ich kenne ein angenehmeres Ziel nicht,
– – – – – – als wenn die Mitesser
Sitzen in langen Reihen, und voll vor Jedem die Tische
Stehen mit Brod und Fleisch – – – –

11. Epicur hat die große Unverschämtheit gehabt, das höchste Gut der Parasitik zu entwenden, und dasselbe als die Glückseligkeit, die er statuirt, darzustellen. Dieß ist ein wahres Plagium: denn du wirst dich sogleich überzeugen, daß die Lust gar nicht die Sache des Epicureers, sondern des Parasiten ist. Nach meiner Ansicht besteht nämlich die Lust in einem Zustande, wo der Körper von aller Beschwerde, und das Gemüth von Unruhe und Leidenschaften frei ist. Beides findet nur bei dem Parasiten Statt, bei dem Epicureer weder das Eine, noch das Andere. Denn indem Dieser grübelt über die Gestalt der Erde, über die Unbegrenztheit des Weltalls, über die Größe der Sonne und ihre Abstände, über die Urelemente, über das Daseyn der Götter, und mit seinen Gegnern in beständigem Zanke lebt, sogar wegen seines [1293] höchsten Gutes selbst, so ist er ja umgeben von einer Menge nicht nur menschlicher, sondern auch kosmischer Unruhen. Der Parasit hingegen, zufrieden mit den Dingen, wie die sind, und des Glaubens lebend, daß die Welt gar nicht besser seyn könnte, als sie ist, lebt in der ungestörtesten Sorglosigkeit, läßt sich Nichts anfechten, ißt und trinkt, schläft sodann und streckt alle Viere von sich, wie weiland Ulysses, als er auf seinem Schiffe nach Hause fuhr.

12. Doch nicht bloß dieser Grund allein ist es, warum ich dem Epicureer die Lust abspreche. Epicur, sey er nun ein so großer Philosoph, als er wolle, hat entweder zu essen, oder nicht. Hat er Nichts, so kann er gar nicht leben, geschweige mit Lust. Hat er Etwas, so hat er es entweder von sich, oder von einem Andern. Bekommt er von einem Andern zu essen, so ist er ein Mitesser, und nicht Das, wofür er sich ausgibt. Hat er sein Essen von sich selbst, so lebt er nicht mit Lust.

Tychiades. Warum denn nicht?

Simon. Wenn er es von sich selbst hat, so muß seine Lebensweise eine Menge Unannehmlichkeiten im Gefolge haben. Sieh einmal, mein lieber Tychiades: Wer angenehm leben will, soll doch wohl im Stande seyn, alle seine Gelüste, so wie sie ihn anwandeln, sogleich zu befriedigen, nicht wahr?

Tychiades. So scheint es.

Simon. Das kann aber doch nur Der, der Viel hat, nicht aber Der, welcher Wenig oder gar Nichts hat. Der Arme kann also nie ein Weiser werden: denn er kann zu dem höchsten Gute, dem Vergnügen nämlich, nie gelangen. Allein eben so wenig kann auch der Reiche dazu gelangen, wenn ihn [1294] sein Vermögen auch noch so reichlich in Stand setzt, allen seinen Gelüsten zu dienen: und warum? weil nothwendig Derjenige, welcher von seinem Vermögen Aufwand macht, eben dadurch unzählige Widerwärtigkeiten sich zuzieht. Bald muß er sich mit seinem Koch, der ihm den Braten verdorben, herumzanken, oder, wenn er Dieß nicht will, sich gefallen lassen, daß er schlecht zu essen kriegt und um sein höchstes Gut kommt: bald muß er mit dem Verwalter, wenn er nicht gut wirthschaftet, Verdruß anfangen u. s. f. Oder ist’s nicht so?

Tychiades. Ich meine.

Simon. Dasselbe muß auch bei Epicur der Fall seyn, so daß er nie des höchsten Gutes theilhaftig werden wird. Der Parasit hingegen hat keinen Koch und keinen Verwalter, die ihn erzürnen, keine Landgüter und keine Kostbarkeiten, deren Verlust ihm Verdruß verursachen könnte; und dennoch hat er zu essen und zu trinken, Was er will, ohne von einer Einzigen der Beschwerlichkeiten, welchen Jene nicht entgehen können, belästigt zu werden.

13. Hieraus und aus allem Bisherigen ist nun, glaube ich, hinlänglich bewiesen, daß die Parasitik eine Kunst sey. Nun ist noch übrig, zu zeigen, daß sie die beste ist, und zwar für’s Erste, daß sie besser ist, als alle übrigen Künste überhaupt; sodann, daß sie den Vorzug vor jeder einzelnen Kunst insbesondere verdient. Das Erlernen jeder andern Kunst führt unvermeidlich Mühe und Arbeit, Furcht und Schläge mit sich, Dinge, die gewiß Jeder weit von sich wegwünscht. Meine Kunst hingegen ist ohne allen Zweifel die einzige, die sich ohne Arbeit erlernen läßt. Wer ist je von einem Schmause [1295] heulend weggelaufen, wie wir schon Manche von ihren Meistern laufen gesehen? Wer zeigte je, wenn es zum Essen ging, ein trauriges Gesicht, wie Diejenigen, welche zur Schule gehen? Der Parasit, voll Eifer für seine Kunst, geht freiwillig und gerne zu Gaste, während die Lehrlinge anderer Künste diese oft mit größtem Widerwillen erlernen, und vor ihnen davonlaufen. Und kommt hierbei nicht auch Das in Betrachtung, daß Väter und Mütter die Fortschritte ihrer Söhne in den andern Künsten gerade damit belohnen, Was der Parasit alle Tage erhält? „Der Junge hat heute recht brav geschrieben: gebt ihm was Gutes zu essen. Er hat heute schlecht geschrieben: gebt ihm Nichts.“ Siehst du also, welches Gewicht diese Sache hat als Strafe und Belohnung?

14. Alle übrigen Künste aber bekommen das Gute erst nach dem Lernen: der Genuß ist eine Frucht, zu welcher sie erst auf einem langen und steilen Wege gelangen. Die Parasitik allein ist’s, welche im Lernen schon den Genuß der Kunst gewährt, und ihren Zweck schon in ihrem Beginnen erreicht. Alle andern Künste sammt und sonders haben nämlich keine andere Bestimmung, als die, ihren Mann zu ernähren, während der Parasit, so wie er angefangen, sich seiner Kunst zu widmen, zugleich auch seinen Unterhalt hat. Der Bauer baut sein Feld nicht um des Bauens an sich, der Zimmermann zimmert nicht um des Zimmerns an sich willen: der Parasit hingegen verfolgt keine andere Absicht sondern sein Geschäft ist zugleich sein Zweck.

15. Ferner, Wer weiß nicht, daß alle übrigen Künstler und Handwerker höchstens einen oder zwei Feiertage des Monats haben, und die ganze übrige Zeit sich schinden und [1296] placken müssen, indem jede Stadt nur wenige alljährliche und etliche monatliche Festtage begeht, wo dann die Leute Wunder glauben, wie gut sie’s haben. Der Parasit aber hat in jedem Monate seine dreißig Feiertage: denn jeder Tag ist ihm ein Göttertag.

16. Wer ferner in irgend einer andern Kunst etwas Rechtes leisten will, darf Wenig essen und Wenig trinken, als ob er krank wäre: denn Wer Viel ißt und trinkt, wird zum Lernen schlecht aufgelegt seyn.

17. Sodann gibt es keine Kunst, welche ihrem Besitzer ohne Werkzeuge Dienste leisten könnte. Wer kann flöten ohne Flöte, citherspielen ohne Cither, reiten ohne Pferd? Die einzige Parasitik ist für ihren Meister so vortrefflich bequem, daß er ohne irgend ein Geräthe sie ausüben kann.

18. Und während man für jede andere Kunst, wie billig, ein Lehrgeld zahlen muß, bekommt man hier welches.

19. Die andern Künste haben jede ihren Lehrmeister: die Parasitik aber braucht keinen; sie wird, wie die Dichtkunst nach Socrates, unmittelbar als göttliches Gnadengeschenk zu Theil.

20. Endlich ist nicht zu vergessen, daß andere Künste auf der Reise, sey es zu Wasser oder zu Lande, gar nicht in Ausübung gebracht werden können: die Parasitik treibt sich auf Landreisen wie zu Schiffe gleich bequem.

Tychiades. Ich muß dir in Allem Recht geben.

21. Simon. Es scheint mir sogar, als hätten alle übrigen Künste einen gewissen Hang zur Parasitik, während diese zu keiner einzigen derselben einige Neigung zeigt.

[1297] Tychiades. Aber, mein Freund, hältst du es nicht für Unrecht, fremdes Eigenthum zu nehmen?

Simon. Allerdings.

Tychiades. Nun, der Parasit nimmt ja fremdes Eigenthum zu sich: thut er also nicht Unrecht?

22. Simon. Ach – Das weiß ich jetzt nicht. Genug, während die Anfänge aller Künste gering und verächtlich sind, ist die Parasitik schon in ihrem Ursprunge eine sehr edle Kunst. Denn du wirst finden, dieser Ursprung ist nichts Geringeres, als die Freundschaft, dieser so hochgepriesene Name.

Tychiades. Wie so?

Simon. Niemand wird ja seinen Feind, Niemand einen ihm ganz unbekannten Menschen, oder auch nur einen etwas entfernten Bekannten zu Tische bitten: man muß erst Eines Freund geworden seyn, um zur Theilnahme an seinen Festmahlen und Schmäusen und zu allen den Mysterien dieser Kunst zugelassen zu werden. Daher hört man die Leute oft sagen: „wie sollte Der unser Freund seyn, da er ja noch nie mit uns gegessen und getrunken hat?“ zum deutlichen Beweise, daß nur der Tisch- und Zechgenosse für einen treuen Freund zu gelten pflegt.

23. Daß aber diese Kunst auch die königlichste aller Künste ist, wirst du am besten aus Folgendem entnehmen: Wer sonst irgend eine Kunst betreibt, muß unter Schweiß und mannichfachem Ungemach, sitzend oder stehend, arbeiten, und ist ganz und gar der Sclave seiner Kunst; der Parasit hingegen übt die seinige aus, auf Polstern liegend, wie ein König.

[1298] 24. Und soll ich zum Beweise seines glückseligen Zustandes auch noch Das anführen, daß er allein, um mit dem weisen Homer zu reden,

Nirgends bauet mit Händen zu Pflanzungen oder zu Feldfrucht;
Ohne des Pflanzens Müh’ und des Ackerns erntet er allwärts?[7]

25. Endlich kann ein Metallkünstler, ein Geometer, ein Rhetor seine Kunst ungehindert ausüben, und dabei sonst der größte Schöps oder der schlechteste Bursche seyn; zum Parasiten aber taugt weder ein ungesitteter Mensch, noch ein Dummkopf.

Tychiades. Alle Welt, welche herrliche Sache ist es doch um die Schmarotzerkunst! Mich wandelt wahrlich schon die Lust an, ein Parasit zu seyn, statt Dessen, was ich jetzt bin.

26. Simon. Wie sehr also meine Kunst im Allgemeinen den Vorzug vor allen übrigen verdient, glaube ich genugsam dargethan zu haben. Laß uns nun auch sehen, Was sie voraus hat vor jeder einzelnen insbesondere. Es wäre abgeschmackt, und hieße die Würde der Parasitik in den Staub ziehen, wenn ich sie mit irgend einem der gemeinen Handgewerke zusammenstellen wollte: ich habe nur zu zeigen, daß sie vorzüglicher ist, als die wichtigsten und schönsten aller Künste. Nun ist es eine allgemein anerkannte Sache, daß die Rhetorik und Philosophie diesen Rang behaupten, indem sie ihres hohen Werthes wegen von Einigen sogar vorzugsweise Wissenschaften genannt werden. Wenn ich dir also beweisen werde, daß auch diese von der Parasitik bei Weitem übertroffen werden, [1299] so wird unschwer zu entnehmen seyn, daß zwischen meiner Kunst und den übrigen kein geringerer Unterschied ist, als zwischen der Nausicaa und ihren Dienerinnen.

27. Vorerst hat sie vor beiden, in Hinsicht auf ihr Wesen selbst, den großen Vorzug, daß sie als etwas Wirkliches besteht, und jene nicht. Die Rhetorik gilt nicht Allen für Dasselbe: Einige halten sie für eine Kunst, Andere für das Gegentheil, für eine Unkunst, Etliche sogar für eine arge Kunst, Andere wieder für etwas Anderes. Eben so verhält es sich mit der Philosophie: eine andere Ansicht von ihr hat Epicur, eine andere die Stoiker, eine andere die Academiker, wieder eine andere die Peripatetiker: kurz Jeder macht sich einen andern Begriff von der Philosophie; so daß bis auf den heutigen Tag die Philosophen sich darüber nicht vereinigen konnten, noch auch ihre Kunst als eine und dieselbe erscheint. Was sich daraus ergibt, liegt am Tage, denke ich. Eine Kunst nämlich, ohne bestimmte Wesenheit, ist gar keine Kunst. Die Arithmetik z. B. ist doch überall nur eine und dieselbe; zweimal zwei macht vier, bei den Persern so gut, als bei uns; Griechen und Barbaren sind darin ganz Eins. Allein der Philosophieen sehen wir viele und vielerlei, die weder in ihren Principien noch in ihren Endzwecken mit einander harmoniren.

Tychiades. Da hast du Recht: sie sagen zwar immer, es gebe nur Eine Philosophie, aber sie selbst machen viele aus ihr.

28. Simon. Wenn hie und da in andern Künsten durchgängige Uebereinstimmung vermißt wird, Was man damit entschuldigen wollte, daß sie ihrer Natur nach etwas Unentschiedenes [1300] zu haben scheinen, und daß ihre Begriffe und Lehrsätze nicht unveränderlich dieselben bleiben könnten, so ließe sich diese Entschuldigung allenfalls annehmen. Allein Wer kann sich gefallen lassen, daß die Philosophie, die doch nothwendig mit sich Eins seyn sollte, nicht Eins ist, und weniger mit sich harmonirt, als eine Anzahl verschieden gestimmter Instrumente? Es gibt mehrere Philosophieen: ja ich sehe, es gibt ihrer unbestimmbar viele. Allein es kann ja nur Eine Philosophie geben, und mehrere können nicht zugleich seyn: also gibt es gar keine.

29. Eben so läugne ich die Existenz einer Rhetorik. Denn wenn über einen Gegenstand Keiner Dasselbe sagt, was der Andere, sondern ein Kampf der entgegengesetztesten Ansichten Statt findet, so ist Dieß der deutlichste Beweis, daß das Ding, von welchem man sich widersprechende Begriffe bildet, gar nicht vorhanden ist. Denn wenn man sich über die Frage, welcher von zwei entgegengesetzten Begriffen einer Sache zukomme, nicht vereinigen kann, so hebt eben Dieß die Wesenheit der fraglichen Sache auf.

30. Mit der Parasitik ist Dieß nicht der Fall. Bei Griechen und Barbaren gibt es nach Wesen und Form nur eine und dieselbe Parasitik, und man findet nicht, daß der Ausdruck: Schmarotzen, von dem Einen oder dem Andern in verschiedenem Sinne gebraucht würde. Eben so wenig wird es Parasiten geben, die, wie Dieß unter den Stoikern und Epicureern der Fall ist, verschiedene Lehrmeinungen hätten; sondern es herrscht unter ihnen durchgängige Uebereinstimmung und Eintracht in Hinsicht auf ihr Verfahren und ihren [1301] Endzweck. So glaube ich denn, nach dem Bisherigen behaupten zu dürfen, die Parasitik ist – die Weisheit.

31. Tychiades. Deine Beweisführung scheint mir allerdings ganz befriedigend zu seyn. Aber wie willst du darthun, daß die Philosophie auch in allen übrigen Rücksichten deiner Kunst nachsteht?

Simon. Da muß ich dir denn zuerst bemerklich machen, daß ein Parasit sich noch nie um die Philosophie bemüht hat; wohl aber weiß man von gar vielen Philosophen, die von jeher gewaltig in die Parasitik verliebt waren und noch sind.

Tychiades. Kannst du mir denn welche nennen, die mit Schmarotzen sich abgegeben hätten?

Simon. Du kennst sie gewiß so gut als ich, Tychiades, und stellst dich nur so unwissend,[8] als ob Dieß ihnen zur Schande, und nicht vielmehr zur Ehre gereichte.

Tychiades. Nein, wahrlich nicht, Simon: ich kann mir in der That nicht einbilden, welche du solltest zu nennen wissen.

Simon. Da müßtest du ja keine einzige der Lebensbeschreibungen gelesen haben, mein Bester, welche von jenen Philosophen vorhanden sind: sonst müßte dir gleich beifallen, welche ich meine.

Tychiades. Nun, bei’m Hercules, jetzt bin ich doch begierig, zu hören, wie sie heißen.

Simon. Das will ich dir sagen: ich will dir eine Reihe von Philosophen herzählen, die gewiß nicht zu den schlechtesten, [1302] im Gegentheile, wie ich glaube, zu den allervorzüglichsten gehören.

32. Einmal den Socratiker Aeschines, der Verfasser der bekannten ausführlichen und schön geschriebenen Dialogen. Dieser brachte seine Werke nach Sicilien in der Absicht, dem Tyrann Dionysius dadurch bekannt zu werden. Da las er ihm seinen Miltiades vor, erhielt Beifall, und ließ sich’s von nun an zu Sicilien an der Tafel des Dionysius wohl seyn: die Unterhaltungen aber im Geschmacke des Socrates hatten für immer den Abschied erhalten.

33. Und Aristipp aus Cyrene, gilt er nicht auch für Einen der ersten Philosophen?

Tychiades. Unstreitig.

Simon. Je nun, auch Dieser schmarotzte zu gleicher Zeit bei Dionysius in Syracus, und zwar galt er unter allen Parasiten am meisten bei ihm. Freilich besaß er auch bei Weitem mehr Talent zu dieser Kunst, als alle Uebrigen; so daß Dionysius alle Morgen seine Köche zu ihm schickte, um sich von ihm instruiren zu lassen. Er ist, denke ich, mit Recht der Stolz unserer Zunft.

34. Und euer göttlicher Plato ist ja gleichfalls nach Sicilien gekommen, und zwar in derselben Absicht: nur Schade, daß er nach wenigen Tagen das Schmarotzen wieder aufgeben mußte, weil er von Natur ganz und gar kein Geschick dazu hatte. Zwar gab er sich nach seiner Zurückkunft nach Athen alle Mühe, durch Studium sich dazu tüchtig zu machen, und unternahm eine zweite Expedition nach Sicilien. Allein kaum hatte er wieder ein Paar Tage an des Dionysius Tafel gesessen, als ihn seine Unbehülflichkeit abermals [1303] davon ausschloß. Diese Unfälle des Plato in Sicilien haben meines Erachtens Aehnlichkeit mit denen des Nicias.[9]

Tychiades. Bei Wem finden sich denn diese Nachrichten, Simon?

35. Simon. Unter Andern bei dem Musiker Aristoxenus, einem sehr achtbaren Gewährsmanne, der bei Neleus ebenfalls Parasit war. Daß Euripides bei dem Könige Archelaus bis an seinen Tod schmarotzte, und Anaxarchus bei Alexander, wird auch dir eine bekannte Sache seyn.

36. Auch Aristoteles hat in der Parasitik wenigstens einen Anfang gemacht, wie er denn auch in allen übrigen Künsten nicht über den Anfang hinausgekommen ist.

37. So habe ich dir denn ganz der Wahrheit gemäß gezeigt, daß es große Philosophen gegeben, die sich ernstlich um die Parasitik bemühten: aber Wer wird mir einen Parasiten aufweisen, der je Lust bekommen hätte, zu philosophiren?

38. Wenn es zum glücklichen Leben gehört, nicht zu hungern, nicht zu dürsten, nicht zu frieren, so genießt Dieses Niemand in höherem Grade, als der Parasit. Philosophen sieht man viele hungern und frieren, aber gewiß keinen Parasiten, oder er wäre keiner, sondern vielmehr ein erbärmlicher Schlucker, eine Art – Philosoph.

39. Tychiades. Genug hievon: noch hast du mir ja mehrere andere Vorzüge zu zeigen, welche die Parasitik vor der Philosophie und Rhetorik hat.

Simon. Das menschliche Leben, mein lieber Freund, [1304] hat zweierlei Zeiten, Friedens- und Kriegszeiten. Es gibt keine Kunst, die nicht in einer von diesen beiden Zeiten an den Tag legte, Was an ihr und an Denen ist, die sie inne haben. Betrachten wir zuerst die Kriegszeit, und untersuchen, Wer in solcher sich selbst und gemeiner Stadt am nützlichsten ist (der Philosoph und Redner, oder der Parasit)?

Tychiades. Nun, du kündigest da einen ernstlichen Wettkampf an, in der That: ich lache schon bei mir selbst, wenn ich denke, wie der Philosoph sich geberden wird, wenn er mit einem Schmarotzer sich zusammenstellen lassen muß.

40. Simon. Um die Sache minder befremdend und lächerlich zu finden, so stelle dir vor, es komme die Nachricht, der Feind sey plötzlich in das Land eingefallen, und die Noth erfordere, ihm entgegenzurücken und seinen Verwüstungen Einhalt zu thun: auf den Aufruf des Feldherrn stellen sich Alle vom wehrpflichtigen Alter ein, und unter Diesen auch etliche Philosophen, Redner und Parasiten. Nun wollen wir sie auskleiden: denn Wer die Kriegstracht anlegen soll, muß vorerst ausgezogen werden. Jetzt, mein Bester, beschaue dir diese Leute Mann für Mann, und prüfe ihren Körperbau. Du wirst sogleich Einige bemerken, die von lauter Hungerleiden mager, blaß und steif aussehen, als ob sie schon auf dem Schlachtfelde unter den Verwundeten gelegen hätten. Wäre es nicht lächerlich, zu erwarten, daß Leute, denen vielmehr Stärkung und Pflege zu gönnen wäre, im Stande seyn werden, Kämpfe, Schlachten, Gedränge, Staub und Wunden auszuhalten?

41. Sieh nun aber auf der andern Seite den Parasiten, welche ganz andere Figur Dieser macht. Ist er nicht wohlbeleibt [1305] und hat eine angenehme frische Farbe, nicht schwarzbraun wie ein Knecht, aber auch nicht weiß wie ein Mädchen; ist nicht sein ganzes Aussehen kräftig und stattlich, und verräth gesunde Säfte und tapfern Muth? Denn es hieße[WS 1] nicht fein, einen weibischen, schüchternen Blick in die Schlacht mitbringen. Nun sage, wird ein solcher Mann nicht ein schöner Soldat, und nicht auch noch im Tode schön seyn, wenn er rühmlich fallen sollte?

42. Doch wozu diese bloßen Vermuthungen, da uns ja factische Beispiele zu Gebote stehen? Um die Sache kurz und einfach zu sagen: Alle Rhetoren und Philosophen, die jemals im Kriege gewesen, haben sich entweder gar nicht weit vor die Stadtmauern hinausgewagt, oder wenn auch Einer oder der Andere genöthigt worden, sich in die Schlachtreihe zu stellen, so behaupte ich, daß er alsbald seinen Cameraden den Rücken gekehrt und sein Heil in der Flucht gesucht hat.

Tychiades. Das wäre doch seltsam! Der Beweis, den du versprichst, dürfte nicht leicht seyn. Laß also hören.

Simon. Was zuerst die Rhetoren betrifft, so ist Isocrates in seinem Leben gar nie in den Krieg ausgezogen; ja er hat nicht einmal die gerichtliche Rednerbühne bestiegen, offenbar aus Mangel an Muth, und weil ihm vor lauter Aengstlichkeit die Stimme versagte. Ferner, haben nicht Demades, Aeschines und Philocrates sogleich, als die Kriegserklärung des Philippus einlief, aus Angst die Republik und sich selbst an den Macedonier verrathen? sind sie nicht hübsch zu Athen geblieben, und haben die öffentlichen Angelegenheiten in seinem Interesse zu leiten gesucht; so daß jeder Athener, der dieselbe Manier, Krieg zu führen, [1306] befolgte, zu ihren vertrauten Freunden gehörte? Und Hyperides, Demosthenes, Lycurg, die doch für beherzter galten, und in den Volksversammlungen so viel Lärm machten und so weidlich auf Philippus schimpften, haben sie auch nur Eine wackere That in dem Kriege gegen ihn verrichtet? Lycurg und Hyperides sind gar nicht in’s Feld gerückt: sie hatten nicht einmal das Herz, den Kopf zum Stadtthore hinauszustecken, sondern saßen, während die Stadt belagert wurde, zwischen ihren vier Wänden beisammen, und fabrizirten Anträgchen und Gesetzentwürfchen. Demosthenes aber, das große Demagogenhaupt, aus dessen Munde man in den Volksversammlungen Redensarten zu vernehmen gewohnt war, wie: „Philipp, die Pestilenz aus Macedonien, dem Lande, woher man nicht einmal einen Sclaven kaufen mag,“ dieser Demosthenes hatte sich kaum getraut, Böotien zu betreten, als er, noch ehe beide Heere auf einander stießen und die Säbel zogen, seinen Schild von sich warf und das Weite suchte. Oder ist dir wirklich von diesem Geschichtchen noch Nichts zu Ohren gekommen, das doch aller Orten, und nicht bloß zu Athen, sondern auch im Thracier- und Scythenlande, der Heimath des elenden Tropfs, bekannt ist?

43. Tychiades. Es war mir allerdings bekannt. Allein diese Leute waren ja Rhetoren, und auf das Redenhalten eingeübt, nicht aber auf das Kriegshandwerk. Aber wie ist’s mit den Philosophen? Diesen wirst du doch wohl nicht das Gleiche, wie Jenen, zur Last legen können?

Simon. O, mein lieber Tychiades, gerade Diese, die tagtäglich von Muth und Standhaftigkeit predigen, und das schöne Wort Tugend mit ihrem Geschwätze abnutzen, die [1307] zeigen sich noch ungleich feiger und erbärmlicher, als die Rhetoren. Ueberzeuge dich selbst: läßt sich ein einziger Philosoph aufweisen, der sein Leben vor dem Feinde gelassen hätte? Entweder sind sie gar nicht zu Felde gezogen, oder, Die es gethan, haben sämmtlich die Flucht ergriffen. Antisthenes, Diogenes, Crates, Zeno, Plato, Aeschines, Aristoteles und wie sie Alle heißen, haben in ihrem Leben nie ein Treffen auch nur von Weitem gesehen. Der Einzige, der einmal das Herz gehabt, einer Schlacht nahe bei der Stadt beiwohnen zu wollen, ihr hochweiser Socrates, lief in Einem fort von dem Parnes herab bis in die Ringschule des Taureas, wo es ihm paßlicher dünkte, mit hübschen Jungen zu schäkern, und dem Nächsten Besten seine sophistischen Räthselchen aufzugeben, als draußen mit einem Spartanischen Haudegen sich herumzuschlagen.

Tychiades. Ich gestehe, mein Bester, daß ich mir Dieß auch schon von Andern habe sagen lassen, die gewiß nicht die Absicht hatten, über diese Philosophen sich lustig zu machen, oder einen gehässigen Vorwurf auf sie zu laden. Man wird also nicht sagen können, du habest dir, deiner Kunst zu Gefallen, Verläumdungen erlaubt.

44. Aber sey nun doch so gut, und zeigt mir auch, wie sich denn die Parasitik im Kriege ausnimmt, und ob man von irgend Einem der alten Helden sagen kann, daß er ein Parasit gewesen.

Simon. Wie, mein Freund? ist doch Keinem, auch nicht dem Ungebildetsten, Homer so unbekannt, daß er nicht wüßte, wie bei ihm die ausgezeichnetsten Heroen die Rollen der Parasiten spielen. Jener Nestor, von dessen Munde die [1308] Rede wie Honig floß, war der Parasit des Königs Agamemnon; und weder Achilles, obwohl der Herrlichste an Körpergestalt und der Bravste an Gesinnung, noch auch Diomedes und Ajax waren bei Agamemnon so belobt und angesehen, als der alte Nestor. Denn er wünscht sich nicht zehen Ajaxe und zehen Achillesse, wie er sich zehen Nestors wünscht, indem er äußert, daß Troja längst in seinen Händen wäre, wenn er zehen Krieger hätte, so brav wie dieser Parasit, seines hohen Alters ungeachtet. Eben so meldet uns Homer, daß Idomeneus, ein Sprößling Jupiters, gleichfalls Agamemnons Parasit gewesen sey.

45. Tychiades. Ich erinnere mich, so Etwas gelesen zu haben: doch sehe ich noch nicht recht ein, daß diese beiden Männer gerade die Schmarotzer von Agamemnon gewesen seyn sollen.

Simon. Fallen dir denn die Worte nicht bei, welche Agamemnon an Idomeneus selbst richtet?

Tychiades. Welche denn?

Simon. [Il. IV, 262.]

– Dir steht der Becher beständig
Angefüllt, wie der meine, nach Herzenswunsche zu trinken.

Mit diesen Worten: „der Becher steht dir beständig angefüllt,“ will Agamemnon nicht sagen, daß Idomeneus schlafend und wachend, daheim und im Kampfe, einen stets vollen Pocal vor sich habe, sondern daß er nicht, wie die übrigen Soldaten, nur zu bestimmten Tagen von ihm geladen werde, sondern allein das Recht habe, alle Tage an seiner, des Königs, Tafel zu speisen. Ajax z. B. wird nur nach seinem rühmlich bestandenen Zweikampfe mit Hector „hin zum [1309] göttlichen Held Agamemnon“[10] geführt, um endlich einmal der Ehre theilhaftig zu werden, mit dem Könige zu tafeln. Idomeneus dagegen und Nestor sind des Königs tägliche Gäste, wie Homer selbst sagt. Besonders war Nestor, wie mir scheint, ein vortrefflicher Meister in der Kunst, bei Königen zu schmarotzen: Der hatte den Anfang damit nicht erst bei Agamemnon, sondern weit früher schon, bei Cäneus und Exadius, gemacht; und allem Anscheine nach hätte er die Profession auch nicht aufgegeben, wenn Agamemnon nicht gestorben wäre.

Tychiades. Nun, Das ist allerdings ein sehr ehrenwerther Parasit. Solltest da noch Mehrere dieses Ranges zu nennen wissen?

46. Simon. Warum nicht? Patroclus, Einer der herrlichsten Griechen, ein nach Körper und Geist gleich ausgezeichneter Jüngling, war gleichwohl des Achilles Parasit. Ja, wenn ich auf seine Thaten sehe, möchte ich sogar behaupten, daß er dem Achilles selbst in Nichts nachgestanden habe. War nicht Er es, der den Hector zurückschlug, als Dieser schon in die Griechischen Befestigungen eingedrungen war, und bei den Schiffen focht? War Er es nicht, der das Schiff des Protesilaus, als es schon in Flammen stand, löschte, wiewohl sich zwei gewiß nicht verächtliche Männer, der rüstige Degen Ajax Telamonius und der berühmte Bogenschütze Teucer, auf demselben befanden? Viele Barbaren, und darunter Jupiters Sohn, Sarpedon, fielen unter dieses Parasiten Händen. Endlich war auch die Art seines Todes ausgezeichnet: denn während Achilles den Hector, Paris den [1310] Achilles erlegte, also immer nur Einer Einen, waren es ein Gott und zwei Sterbliche, welche den Parasiten erschlugen.[11] Und sterbend sprach er, gar nicht wie dort der große Held Hector, der zu Achilles fußfällig fleht, seinen Leichnam wenigstens den Seinigen zurückzugeben, sondern Worte, die eines Parasiten würdig waren.

Tychiades. Welche meinst du denn?

Simon. [Il. XVI, 845. f.]

Solche wie du, wenn mir auch Zwanzige wären begegnet,
Alle sie lägen gestreckt, von meiner Lanze gebändigt!

47. Tychiades. Nun gut: aber wie willst du beweisen, daß Patroclus nicht der Freund, sondern der Schmarotzer des Achilles gewesen?

Simon. Das will ich ihn dir mit seinen eigenen Worten sagen lassen.

Tychiades. Das wäre doch seltsam.

Simon. Nun so höre: [Il. XXIII, 83.]

Lege mir nicht das Gebein vom deinigen fern, o Achilles!
Sondern gesellt, wie ich mit dir erwuchs in euerer Wohnung.

Und gleich weiterhin: [90. f.]

Freundlich empfing mich in seinem Pallast der reisige Peleus,
Und erzog mich mit Fleiß, und ernannte mich dir zum Knappen,

Das heißt: zu deinem Parasiten. Hätte er ihn Freund nennen wollen, so hätte er ihn nicht Knappen genannt: denn Patroclus war ja frei. Wenn also unter Knappe weder ein Freund noch ein Sclave zu verstehen ist, Wen meint Homer anders damit, als einen Parasiten? So heißt auch Meriones ein Knappe des Idomeneus, und Dieß war überhaupt, wie [1311] ich glaube, die damalige Benennung für Parasiten. Dabei ist nicht zu übersehen, daß Idomeneus, obwohl der Sohn Jupiters, doch nicht gewürdigt wird, „dem Ares vergleichbar“ zu heißen, wohl aber sein Parasit Meriones.

48. Nicht genug: war nicht Aristogiton, nach Thucydides ein armer Geselle aus dem Volke, Parasit bei Harmodius? war er nicht sogar sein Liebhaber? Wiewohl – Das ist in der Ordnung, daß ein Parasit der Liebhaber Dessen ist, der ihm zu essen gibt. Nun, dieser Parasit war es, welcher der tyrannisirten Stadt Athen wieder zu ihrer Freiheit verholfen hat, und nun steht er, in Erz gegossen, auf dem Markte neben seinem geliebten Harmodius. Siehe, mein lieber Freund, solche Ehrenmänner gibt es unter den Parasiten!

49. Und wie meinst du, daß sich der Parasit in der Feldschlacht benehmen werde? wird er nicht erst nach einem guten Frühstücke sich in die Reihe stellen, wie schon der weise Ulysses angerathen hat? Denn Wer in’s Treffen gehen will, sagt Dieser, soll zuvor wacker essen und trinken[12], und wäre es noch so früh am Tage. Während also andere Soldaten in der Angst den Helm recht fest aufsetzen, den Brustharnisch sorgfältig anschnallen, und zittern in Erwartung der herannahenden Gefahr, speist der Parasit mit heiterem Antlitze, und ist sodann unter den Vordersten, wenn es gilt, den Feind anzugreifen. Der Tischpatron steht im zweiten Gliede hinter seinem Parasiten, der ihn, wie Ajax den Teucer, mit seinem Schilde gegen die feindlichen Geschoße deckt, während er sich [1312] selbst bloßstellt. Denn es ist ihm mehr darum zu thun, Jenen, als sich selbst zu erhalten.

50. Fällt denn auch der Parasit auf dem Wahlplatze, so darf sich wahrlich weder Feldherr noch Soldat des Cameraden schämen, der als eine große, ansehnliche Leiche so schön da liegt, wie auf den Polstern des Tafelzimmers. Da verlohnt sich’s denn, den ausgetrockneten, schmutzigen Leichnam des bocksbärtigen Philosophen zu sehen, der neben ihm liegt, des marklosen Schwächlings, der den Geist schon aufgab, ehe das Treffen anging. Wer sollte nicht eine Stadt verachten, deren Vertheidiger eine so erbärmliche Figur machen? Wer, der so blaßgelbe, struppigte und schmächtige Bursche da liegen sieht, muß nicht auf den Gedanken gerathen, die Stadt habe aus Mangel an Truppen alle Kerker geöffnet, und die Missethäter gegen ihre Feinde geschickt? So, mein Freund, verhalten sich im Kriege die Rhetoren und Philosophen gegen die Parasiten.

51. In Friedenszeiten aber ist, meine ich, die Parasitik der Philosophie nicht minder vorzuziehen, als der Friede selbst dem Kriege. Wir wollen für’s Erste die Oerter in’s Auge fassen, die dem Frieden eigentlich angehören.

Tychiades. Noch verstehe ich nicht, wo Das hinaus will. Doch will ich hören.

Simon. Je nun, der Marktplatz, die Gerichtshöfe, die Ringeschulen, die Gymnasien, die Jagdreviere, die Speisesäle, sind doch Alles besondere Oerter, nicht wahr?

Tychiades. Allerdings.

Simon. Den Marktplatz und die Gerichtshöfe nun wird der Parasit nicht besuchen, weil diese Oerter eigentlich [1313] nur den Sycophanten angehören, und weil nichts Vernünftiges an den Dingen ist, die dort getrieben werden. Hingegen den Ringeschulen, Gymnasien und Symposien geht er nach, ja er ist der wahre Schmuck derselben. Wo ist ein Philosoph oder Redner, der, wenn er sich in der Palästra entkleidet, die Vergleichung mit dem Körperbaue des Parasiten aushalten könnte? Im Gegentheile, wenn sich Einer von jenen Menschen in einem Gymnasium sehen läßt, so hat der Ort bloß Schande davon. Eben so wenig wird Einer Derselben es wagen, im Walde einem anrennenden Stücke Wild Stand zu halten. Der Parasit aber erwartet das herankommende muthig, und spießt es mit Leichtigkeit, denn er hat ja schon bei Tafel gelernt, sich vor einem Stücke Wildpret nicht zu fürchten. Ihn erschreckt daher kein Hirsch, kein borstiger Eber: und wenn dieser die Zähne wetzt, so wetzt der Parasit auch die seinigen. Hasen jagt er ohnehin besser, als der beste Jagdhund. Endlich bei der Mahlzeit selbst, Wer wollte es da im Essen, wie in heitern Scherzen, dem Parasiten gleich thun? Wer wird die Gäste angenehmer zu unterhalten wissen, dieser immer lustige, singende Tischgenosse, oder ein in seine Kutte gehüllter, sauersichtiger Mensch, der immer vor sich hinblickt, und da sitzt, als ob er zu einer Trauerfeierlichkeit und nicht zu einem frohen Schmause gekommen wäre? Ich gestehe, ein solcher Philosoph bei einem Gastmahle kommt mir vor, wie ein Hund in einem Marmorbade.

52. Doch abgesehen von allem Diesem – gehen wir einmal auf eine nähere Untersuchung des parasitischen Lebens selbst ein, und vergleichen wir es mit den Rhetoren und Philosophen. Das Erste, was uns hiebei in die Augen fällt, [1314] ist, daß der Parasit sehr gleichgültig gegen die Berühmtheit seines Namens und überhaupt gegen die Meinung ist, welche die Menschen von ihm hegen mögen. Was dagegen die Rhetoren und Philosophen betrifft, so sehen wir, wie nicht nur Einige unter ihnen, sondern sie Alle von Einbildung und Ehrgeiz, und was noch schmählicher ist, als Dieß, von der Geldsucht verzehrt werden. Was die letztere betrifft, so kann kein Mensch so gleichgültig gegen Kieselsteine seyn, als es der Parasit gegen das Geld ist, und der Glanz des Goldes wirkt nicht stärker auf ihn, als jedes Lichtflämmchen. Die Rhetoren hingegen, und zur größern Schmach noch, auch die vorgeblichen Philosophen sind von einer so unseligen Leidenschaft für dieses Metall besessen, daß von den in unsern Tagen gefeiertsten Weisen – denn von den Rednern bedarf es nicht einmal der Beispiele – der Eine überwiesen wurde, daß er sich als Richter hatte bestechen lassen, ein Anderer von seinen Schülern für seine Sophistereien Bezahlung eintreibt, ein Dritter dafür, daß er sich am Hofe des Kaisers aufhält, einen Sold fordert, und sich nicht schämt, in seinen alten Tagen die Heimath verlassen zu haben, um sich wie ein Indischer oder Scythischer Kriegsgefangener um Lohn zu verdingen. Ja nicht einmal der schmähliche Titel: Miethling, den er dadurch erhält, beschämt ihn.

53. Noch gibt es aber außer dieser manche andere Leidenschaften, von welchen diese Leute beherrscht sind, Zorn, Neid, Bekümmerniß und Begierden aller Art. Von allen diesen weiß unser Parasit Nichts. Er erzürnt sich nicht, weil er Alles ertragen kann, und weil er Niemand hat, über den er böse werden könnte. Und wenn er je einmal aufbraust, [1315] so ist sein Zorn nicht so heftig, daß er schlimme Folgen hätte, sondern er erregt nur das Lachen der Gäste und dient zu ihrer Belustigung. Betrübniß ist nun vollends seine Sache gar nicht: denn Das ist eben der große Vortheil, welchen ihm seine Kunst gewährt, daß er gar keinen Anlaß zur Betrübniß haben kann. Er hat ja weder Vermögen, noch Haus, noch Dienerschaft, noch Weib, noch Kinder, deren Verlust Denjenigen, welcher dergleichen besaß, nothwendig betrüben muß. Endlich plagt ihn auch keine Begierde, da er sich nicht um den Ruhm, nicht um das Geld, ja nicht einmal um die Schönheit bekümmert.

54. Tychiades. Aber, mein Freund, wenn ihm die Nahrung ausgeht, wie da? Das sollte ihn doch bekümmern?

Simon. Du vergissest, lieber Tychiades, daß Derjenige gar kein Parasit ist, der Nahrungssorgen haben kann, so wenig als Derjenige tapfer heißen kann, dem die Tapferkeit ausgegangen ist, oder Derjenige klug, der sich nicht zu helfen weiß. Wir haben es hier nur mit dem Parasiten zu thun, der es wirklich ist, nicht mit Dem, der es nicht ist. Wenn also der Tapfere nur bei wirklicher Tapferkeit tapfer, der Kluge nur bei wirklicher Klugheit klug ist, so macht auch den Parasiten das wirkliche Parasitiren zum Parasiten. Hat aber das Parasitiren ein Ende, so handelt es sich nicht mehr vom Parasiten, sondern von irgend einem Andern.

Tychiades. Es kann also nie Fälle geben, wo der Parasit um seine Kost verlegen ist?

Simon. Nie, versteht sich. Folglich wird ihm auch Dieß so wenig, als irgend etwas Anderes, Bekümmerniß verursachen.

[1316] 55. Alle Philosophen insgesammt und alle Redner leben ferner in beständiger Furcht. Denn selten sieht man Einen von ihnen ohne Stock ausgehen, womit sie sich gewiß nicht bewaffnen würden, wenn sie sich nicht fürchteten. Ihre Thüren verschließen sie so fest als möglich, ebenfalls aus Furcht, sie möchten bei Nacht überfallen werden. Der Parasit schließt zwar auch die Thüre seines Kämmerchens, doch nur so viel es nöthig ist, um vor dem Winde gesichert zu seyn. Und wenn er denn auch ein Geräusch vernimmt in der Stille der Nacht, so beunruhigt ihn Das so wenig, als ob es gar Nichts wäre. Hat er durch eine einsame Gegend zu gehen, so wandert er ganz unbewaffnet seines Weges, denn für ihn gibt es überall Nichts zu fürchten. Wie oft habe ich dagegen Philosophen gesehen, die Wehr anlegten, auch wenn von keiner Seite nicht die mindeste Gefahr drohte. Tragen sie ja doch ihre Prügel bei sich, wenn sie in’s Bad oder zu Tische gehen!

56. Endlich ist kein Mensch im Stande, den Parasiten des Ehebruchs, einer Gewaltthat, eines Raubes, überhaupt irgend eines Verbrechens zu beschuldigen. So wie er dergleichen verübt, hebt er sich selbst auf, und ist nicht mehr Parasit. Erlaubt er sich z. B. einen Ehebruch, so ladet er zugleich mit der Uebelthat auch die Benennung auf sich. Denn so wie Der, welcher einen schlechten Streich gemacht, eben dadurch das Prädicat eines schlechten Mannes annimmt, so legt auch der Parasit, wenn er sich vergeht, seinen Charakter ab, und wird von nun an nach dem Verbrechen genannt, das er begangen hat. Allein daß Rhetoren und Philosophen Sünden, wie die eben genannten, in Menge begangen, wissen wir nicht nur aus unsern Zeiten, sondern es sind uns [1317] auch schriftliche Zeugnisse davon aus dem Alterthume hinterlassen. Gibt es nicht eine Apologie des Socrates, des Aeschines, des Hyperides, des Demosthenes, und so fast von allen Rednern und Weltweisen? Nur eine Apologie des Parasiten gibt es nicht, und Niemand wird sagen können, daß je auch nur eine Klage gegen einen Parasiten sey anhängig gemacht worden.

57. Tychiades. Nun ja, bei’m Jupiter, ich muß es zugeben, daß das Leben eines Parasiten Vieles vor dem der Rhetoren und Philosophen voraus hat. Aber im Sterben wird er doch wohl schlimmer daran seyn?

Simon. O, im Gegentheile, bei Weitem besser. Von den Philosophen wissen wir ja, daß Alle, wenigstens die Meisten, eines kläglichen Todes gestorben sind. Einige wurden der schwersten Verbrechen wegen zum Giftbecher verurtheilt, Andere verbrannten bei lebendigem Leibe [Empedocles]; Andere gingen am Harnzwange d’rauf [Epicur]; Andere starben im Exil [Aristoteles und Andere]. So hat noch nie ein Parasit geendet: des Parasiten Tod ist der seligste, denn er stirbt essend und trinkend. Und sollte auch ja Einer eines anscheinend gewaltsamen Todes verblichen seyn, so war es gewiß nur an einer Unverdaulichkeit.

58. Tychiades. Gut! der Wettkampf mit den Philosophen wäre nun ausgefochten, und zwar zum Vortheile des Parasiten. Versuche mir nun endlich noch, zu beweisen, daß es etwas Ehrenhaftes um das Schmarotzen, und dem Tischherrn von Nutzen sey, so einen Mitesser bei sich zu haben. Es will mich nämlich bedünken, als ob das Brod, das der Parasit an des Reichen Tische ißt, ein Gnadenbrot wäre, dessen er sich schämen sollte.

[1318] Simon. Bilde dir nicht so einfältiges Zeug ein, Tychiades! Begreifst du denn nicht, daß ein reicher Mann, und wenn er Gyges Schätze hätte, arm wäre, wenn er allein essen müßte, und von einem Bettler in Nichts sich unterschiede, wenn er auf der Straße ohne Parasiten erschiene. Wie ein Soldat ohne Waffen, ein Staatskleid ohne Purpur, ein Pferd ohne Kopfschmuck nur eine unansehnliche Figur macht, so ist auch der Reiche eine armselige Person, wenn nicht ein Parasit ihm zur Seite geht. Der Parasit macht also dem Reichen Ehre, nicht der Reiche dem Parasiten.

59. Man kann sonach nicht, wie du meinst, dem Parasiten vorwerfen, als lasse er sich, der Geringere, von einem Vornehmern füttern, da es ja[13] im Interesse des Reichen liegt, seinen Parasiten zu ernähren, der nicht nur seinen Glanz vermehrt, sondern auch zu der Sicherheit seiner Person wesentlich beiträgt, indem er eine Art Leibwache für ihn bildet. Nicht so leicht wird Einer wagen, einen reichen Herrn anzugreifen, wenn er den Parasiten ihm zur Seite stehen sieht: und Keiner, der einen Parasiten hält, darf besorgen, vergiftet zu werden; denn Wer wird sich Solches getrauen, da ja der Parasit Alles vorkostet und credenzt? Also Beweises genug, daß der Reiche durch seinen Mitesser nicht bloß geehrt, sondern auch vor den größten Gefahren sicher gestellt wird. Aus lauter Anhänglichkeit nimmt der Parasit alles Gefährliche auf sich, und macht, daß sein Patron ruhig essen kann; ja er könnte sich entschließen, an seiner Tafel sogar für ihn zu sterben!

60. Tychiades. Nun, Das muß wahr seyn, Simon, [1319] du hast die Sache nach allen Seiten ausgeführt, und deine Kunst nirgends im Stiche gelassen. Aber Das ist nicht wahr, Freundchen, daß du so ganz unvorbereitet darauf warst: du sprachst ja, wie Einer, der unter den ersten Meistern studirt hat. Nur Das möchte ich zum Schlusse noch wissen, ob nicht wenigstens auf dem Worte: Parasitik ein kleiner Schimpf hafte?

Simon. Darauf will ich dir dienen, wenn du mir nur ein Paar kleine Fragen beantworten willst. Sage denn, Was verstand man von jeher unter dem Worte Sitos?

Tychiades. Die Speise.

Simon. Und siteisthai ist so viel als essen, nicht wahr?

Tychiades. Versteht sich.

Simon. Es ist also wohl eine ausgemachte Sache, daß auch parasitein nichts Anderes ist?

Tychiades. Aber eben dieses Wort ist es, was mir unehrbar vorkommt, mein Simon.

61. Simon. Nun so sage mir doch, wenn du die Wahl hast, Was willst du lieber, plein oder paraplein?

Tychiades. Das paraplein ist mir freilich lieber.

Simon. Dasselbe wird der Fall seyn mit trechein und paratrechein, hippenein und parippenein, akontizein und parakontizein?[14]

Tychiades. Allerdings.

[1320] Simon. Also muß auch wohl das parasitein den Vorzug haben vor dem bloßen esthiein [essen].

Tychiades. Ich kann nicht anders, als beistimmen. Freund Simon, ich werde in Zukunft, wie ein fleißiger Schulknabe, alle Vor- und Nachmittage zu dir kommen, und mich in deiner Kunst unterrichten lassen. Und weil ich dein erster Schüler bin, so ist es nicht mehr als billig, daß du mir ohne alle Mißgunst deine Kunst mittheilest. Sagt man doch auch von den Müttern, daß die ersten Kinder ihnen die liebsten seyen.



  1. Wahrscheinlich ein uns unbekannter Philosophaster.
  2. Im Original finden sich noch die sehr müßigen Worte, in welchen überdieß die Leseart nicht sicher ist: „und ob sie nicht, wie die schlechten Töpfe, wenn man sie anschlägt, unreine Töne von sich geben.“
  3. Eurip. Medea 515. f.
  4. Im Theätet T. II p. 126. Dip.
  5. Odyss. IX, 5. ff.
  6. Wie die Epicureer das Vergnügen definirten.
  7. Odyss. IX, 108. f. von den Cyclopen.
  8. κιὺμέ scheint nicht in den Text zu gehören.
  9. S. Thucyd. im 7ten Buche.
  10. Il. VII, 312.
  11. Apoll, Euphorbus und Hector. Il. XVI, 783. ff.
  12. Il. XIX, 160. ff.
  13. Ich vermuthe ὃπου.
  14. Ein Wortspiel im Geschmacke der Alten. Para hat in der Zusammensetzung zuweilen die Bedeutung: neben, mit, wie in parasitein, mitessen; zuweilen hat es aber auch die ehrenvolle Bedeutung des Uebertreffens, wie Dieß namentlich [1320] in den obigen Zeitwörtern paraplein u. s. w. der Fall ist; sie heißen: im Segeln, Laufen, Reiten, Wurfspießwerfen den Andern übertreffen.

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: ließe