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Textdaten
Autor: Friedrich Gerstäcker
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Titel: Der Osage
Untertitel:
aus: Allgemeine Moden-Zeitung. 46. Jahrgang, 1844, Nr. 52, S. 409–413
Herausgeber: August Diezmann
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1844
Verlag: Baumgärtner
Drucker:
Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: ULB Düsseldorf und Commons
Kurzbeschreibung:
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[409]
Der Osage.
Von Fr. Gerstäcker.

Weit, weit im fernen Westen von Missouri, an der Grenze des Osagen-Gebiets, wo nur erst wenige der kühnen Pionniere, die den zurückweichenden oder, besser, zurückgetriebenen Indianern auf dem Fuße folgen, ihre Blockhütten aufgeschlagen hatten und jagten und fischten, und sich dabei ein klein wenig Mais zogen – gerade soviel als sie unumgänglich haben mußten, um nicht ohne Brod zu sein; da, wo sogar jetzt noch der Elk oder Riesenhirsch seine Fährten dem fetten Boden der Flußthäler eindrückt oder die weite, endlose Prairie durchstreift, zog eines Morgens ein weißer Jäger, die Büchse auf der Schulter, das Messer an der Seite, in der gewöhnlichen Tracht der „Hinterwäldler“, nur mit Schuhen anstatt Moccasins an den Füßen und mit einer grauen, runden Filzmütze auf dem Kopfe, leise und vorsichtig durch den dichten Wald, der sich hier und da in kleinen offenen Stellen lichtete und die Aussicht auf schmale, mit hohem Gras bewachsene Prairien oder Steppen gewährte.

Es war ein wunderlieblicher Maimorgen, wohl noch etwas frisch, die Sonne aber, die schon über die Baumwipfel herüberschaute, meinte es gut, sandte ihre warmen Strahlen durch das dichte Laubwerk der Bäume und trocknete den Thau, der in schweren, großen Tropfen an den Grashalmen hing.

Der Jäger war schon den ganzen Morgen umhergestrichen; aber obgleich er mehrere Hirsche in dem thauigen Gras gespürt und ihren Fährten eine Zeitlang gefolgt war, obgleich er selbst ein Paar prächtige Böcke, mit schon recht stattlichen Ansätzen von Geweihen, gesehen hatte, war ihm doch noch keiner zum Schuß gekommen und vergebens strengte er seine Augen an, schaute er scharf und forschend umher, ja kroch er selbst mehr als er ging über das feuchte Laub hinweg, es wollte Nichts seinen Pfad kreuzen und unmuthig setzte er sich auf einen umgefallenen Baumstamm nieder, um ein wenig auszuruhen und seine Jagd dann in einer Richtung nach Hause zu fortzusetzen, als er in weiter Entfernung einen Schuß hörte. –

Er lauschte lange und aufmerksam, konnte aber Nichts weiter wahrnehmen und lehnte sich nachlässig an die Aeste des Stammes, auf dem er saß, hinausschauend auf einen langen schmalen Steppenstreifen, der sich weit hinein in die dunkele Waldung dehnte und von weißblumigen „Dogwoods“-Bäumen und schlanken, hoch über dieselben hinausragenden Eichen eingefaßt war.

Kaum aber zehn Minuten mochte er so gelegen und die liebliche Landschaft betrachtet haben, als da, wo sich der Wald zu vereinigen schien und die Prairie umschloß, ein Hirsch aus dem Dickicht brach und gerade vollen Laufes auf ihn zu kam.

Schnell sprang er empor und machte sich fertig, seine Beute in Empfang zu nehmen, die, wie es schien, sorglos angesetzt kam; als sich der Bock, denn ein solcher [410] war es, aber näherte, erblickte das geübte Auge des Jägers bald, daß er nicht mehr ganz gesund, sondern angeschossen sei und das Langsame seiner Bewegung nicht von einem Gefühle der Sicherheit, sondern der Mattigkeit herrühre.

Nichtsdestoweniger blieb er im Anschlag liegen, und als sich ihm das verwundete Thier auf etwa sechszig Schritte genähert hatte, pfiff er es an. –

Es stutzte – hielt – und brach im nächsten Augenblick, von der sichern Kugel getroffen, klagend zusammen.

Ruhig blieb er auf seinem Standpunkt stehen, lud wieder und trat dann zu dem Gefallenen, um ihn abzustreifen, als er durch die Prairie einen Indianer mit einem andern geschossenen jungen Hirsch auf den Schultern in vollem Laufe, der Fährte des verwundeten Thieres folgend, ankommen sah. In einem kurzen Trab, kaum, wie es schien, die Last achtend, die er trug, näherte er sich, warf, als er den Erlegten erblickte, schnell seine Beute von den Schultern und begann, ohne auch nur im Geringsten den weißen Jäger zu beachten, den Hirsch von seiner Haut zu befreien.

„Aber, lieber Freund,“ sagte der Abkömmling der Europäer, „es scheint Euch sehr gleichgiltig zu sein, wer den Hirsch geschossen hat, so Ihr nur die Haut bekommt, nicht so? Ich sollte doch denken, daß ich auch einiges Recht dazu hätte, denn ohne mein Stück Blei möchten Eure Finger wohl schwerlich von seinem Blute roth geworden sein!“

„Hierher gucken!“ sagte der rothe Sohn der Wälder, auf die Keule zeugend, in der vier kleine Wunden, von Rehposten herrührend, sichtbar waren, und ohne sich im Mindesten in seiner Arbeit stören zu lassen. – „Mir!“ fuhr er dann in seinem gebrochnen Englisch fort, indem er sich mit dem Stiel seines Scalpirmessers auf die Brust klopfte – „mir erst geschossen – nachher weißes Gesicht – mir Haut – weißes Gesicht Fleisch,“ und mit bewundernswürdiger Schnelle beendete er sein Geschäft des Abstreifens, während der Weiße dabei stand und nicht übel Lust zu haben schien, dem wilden Gesellen mit Büchsenkolben oder Messer bessere Sitte zu lehren; doch dieser behielt ihn von der Seite immer scharf im Auge und beobachtete, wohl solchen Vorsatz vermuthend, jede seiner Bewegungen. Er war kräftig und stark gebaut und die Farben, mit denen er bemalt, der Schmuck, mit dem er behangen war, kündete den Krieger an, den manche ehrenvolle Narbe über Brust und Schultern, als ihm die wollene Decke bei der Arbeit herunterrutschte, gerade als keinen Feigling bezeichnete.

Endlich war er fertig, zog seine Decke wieder über die Achseln, hing das eben abgestreifte Fell um, hob sich auf dasselbe noch den erstgeschossenen Hirsch, ergriff dann sein Schrotgewehr und dem Weißen ein flüchtiges „Good bye“ zurufend, schritt er schnell und, wie es schien, nicht im Mindesten durch seine Bürde belästigt, dem Dickicht zu, in dem er wenige Minuten darauf verschwand.

Halb lachend, halb ärgerlich sah ihm der Weiße noch eine Zeitlang nach, dann aber war es, als ob der Zorn für einen Augenblick die Oberhand gewinnen wollte; er stampfte heftig mit dem Fuß auf den Boden und machte eine Bewegung, dem Indianer in vielleicht keiner ganz freundlichen Absicht zu folgen, doch mochte er sich wohl eines Besseren besinnen, blieb stehen, sah eine kurze Zeit vor sich nieder auf den abgestreiften Hirsch und brach dann in ein helles Gelächter aus. „Hol’ ihn der Böse,“ rief er endlich, als er sein Messer aus dem Gürtel nahm und neben dem Wildpret niederkniete, „größere Unverschämtheit ist mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen – kühles Blut – ächt Indianisch! Aber lass’ ihn zum Henker gehen, er hat mir doch das Fleisch gelassen; ist übrigens sehr ungewiß, ob ich das hier hätte, wenn ihm das andere nicht schon Mühe genug machte.“

Während er die letzten Worte so vor sich hin in den Bart murmelte, trennte er die Keulen und den Rücken vom Vordertheil, stand dann auf und ging zu einem jungen Hickory (weißer Wallnuß), von dem er einen Streifen Rinde abschälte, sich das Fleisch damit umzuhängen.

„So,“ fuhr er dann in seinem Selbstgespräch fort, als er seine Büchse schulterte und dieselbe Richtung einschlug, die der Indianer genommen hatte, „so, da habe ich doch wenigstens ein Stück Fleisch und komme nicht leer nach Hause; der Onkel wird aber schön lachen, wenn ich die Haut nicht mitbringe. – Verdamm’ den Burschen! ich wollte doch, ich hätte ihn nicht so sehr bereitwillig fortgelassen! – Nun – er läuft mir wieder ein Mal über den Weg,“ und noch lange vor sich hin brummend zog er dem Hause seines Onkels zu. –

Dieser, ein alter freundliche Jankee, der vor etwa fünf Jahren von Connecticut nach St. Louis gekommen war und sich erst seit etwa 10 Monaten so weit [411] im fernen Westen niedergelassen, hatte dies natürlich aus keiner andern Ursache gethan, als um mit den Indianern Handel zu treiben und ihnen ihre Felle so billig wie möglich abzunehmen, hingegen seine Waaren, die sie von ihm, aus Mangel an einem andern Händler in der Nähe, kaufen mußten, so hoch als möglich anzuschlagen. Dennoch hatte er, trotz dem, daß er bei dem Handel schon viel Geld verdient und die armen unwissenden Indianer oft, ja fast bei jedem Geschäft übervortheilte, diese durch sein immer freundliches, gemüthliches Wesen (er war, ganz unähnlich den Yankees, ein kleiner, dicker Mann, und alle kleinen dicken Männer sind gemüthlich) so für sich eingenommen, daß sie gern und willig mit ihm verkehrten und sich nie, selbst nicht bei ihren heftigsten Streitigkeiten, die keineswegs selten vorfielen, feindlich gegen ihn benahmen.

Er trieb, wie alle diese Kaufleute, oder besser Krämer, an den Indianischen Grenzen, oder selbst in den westlichen Ansiedelungen, fast nur Tauschhandel und gab für Felle und geräuchertes oft auch frisches Fleisch, für Pelze und gegerbte Häute, für Bärenöl und Honig, wieder solche Waaren, deren die Indianer bedurften, als Pulver und Blei, Decken, Eisenwaaren (wie Tomahawks und Messer), Büchsen, Zinober, Glascorallen etc. etc.; sein Haupthandel bestand aber in dem verbotenen Whiskey[1], den er um so theuerer an die Indianer abließ, da diese wußten, daß es ihm durch das Gesetz von seinem großen Häuptling verboten war, ihnen das „fließende Feuer“ weder zu schenken noch zu verkaufen. Er hielt auch aus dem Grunde die Fässer unter dem Haus vergraben, hatte jedoch in diesem abgelegenen Theil des Staates wenig Nachsuchung zu fürchten. –

Der Alte saß vor der Thür seines kleinen Waarenlagers und schaute, behaglich rauchend, einem Volk großer schwarzer Truthühner (aus Eiern der wilden auferzogen) zu, die um ihn herum die zerstreuten Körner und Saamen aufpickten, als den kleinen Fußpfad entlang, der aus dem Walde gerade auf sein Haus zuführte, unser schon vorher eingeführter Indianer schnellen Schrittes daher kam und tief Athem holend seine Last zu den Füßen des Jankee’s[2] abwarf.

„Hallo Tom,“ rief dieser, dem Wilden die Hand entgegenstreckend, „hast wacker getragen! Nun, was bringst Du? zwei Felle und ein Stück roh Fleisch? – bah! ist das die ganze Jagd?“

„Gut – setze den Fall, Ihr geht – nehmt Flinte – kriecht durch Büsche – kriecht durch die Prairien auf Bauch weit – weit – schleicht an Hirsch – setze den Fall, Ihr schießt nichts!“ erwiederte Tom.

„Wohl möglich!“ lachte der Alte, „ich müßte mich auch gut ausnehmen, wenn ich im nassen Grase auf dem Bauche herumkriechen wollte – nein – nein; ich bin übrigens nie ein Jäger gewesen und das einzige Große, was ich je geschossen habe, war bei St. Louis eine von meines Schwagers Kühen, als wir ein Mal Nachts mit der Fackel eine Feuerjagd machen wollten.“

Der Indianer grinste. „Euer Schwager wird recht Freude gehabt haben,“ fuhr er nach einer kleinen Pause wieder ganz ernsthaft fort.

„Ja! Er schwur, ich dürfe nie wieder eine Büchse anrühren, so lange ich mich in der Nähe seiner Kühe und Schweine befände – nun ich war damit zufrieden – aber, Tom, was führt Dich zu mir? was willst Du für Deine Felle haben? soll ich denn das Fleisch auch behalten?“

„Guter, fetter Bock,“ sagte Tom, den Hirsch herumdrehend, daß der Alte den breiten Rücken sehen konnte, – „nicht so breit wie Ihr!“ fuhr er grinsend fort, „aber viel breit, sehr viel breit.“

„Nun gut, komm! trag es hier in den Laden, da kann ich Dir gleich was Du dafür haben willst geben,“ erwiederte Jener und schritt ihm voran in das kleine Gebäude, während der Indianer seine Schrotflinte auswendig daran lehnte und ihm mit seiner Beute folgte.

Drinnen angelangt, legte er Alles auf den Ladentisch und begann dann zwischen den Waaren, die überall zur Schau aushingen, umherzublicken, als ob er sich Etwas aussuchen wollte.

„Nun, Tom, was willst Du heute Morgen haben?“ fragte ihn endlich der Alte; „heraus mit der Sprache.“

„Wenig Pulver, wenig Blei, wenig Messer, wenig Tabak und viel Whiskey!“ sagte Tom.

„Whiskey? pfui Tom,“ verwies ihn Jener, „Du weißt, ich darf keinen Whiskey verkaufen und ich möchte nicht um alle rothen Felle, die in ganz Missouri herumlaufen, Unannehmlichkeiten wegen Verkauf von Whiskey haben. Tom, Du willst mich nur auf die Probe stellen!“

[412] „Ich, ein guter Indianer!“ betheuerte Tom, die Hand auf die Brust legend, „ich, ein sehr guter Indianer – habe weißen Mann lieb, thue Alles für weißen Mann, gehe in die Kirche; ich ein ganz guter Indianer!“

„Aber weißt Du wohl,“ widerlegte ihn der Händler, „daß kein guter Indianer Whiskey anrührt? daß die guten Indianer ihn Alle verschmähen und daß nur die Bösen, Nichtsnutzigen das Feuerwasser trinken?“

„Ich ein verdammter Schurke sein!“ entgegnete Tom höchst ernsthaft.

„Ja, wenn das ist,“ lachte der Alte laut auf, „da muß ich wohl herrücken,“ und schmunzelnd schenkte er dem Indianer ein volles Glas ein, das dieser mit einer gar freundlichen Miene leerte.

Kaum war Tom mit seinem erlegten Wilde in das Haus getreten, als der Neffe des Yankee’s, eben derselbe Jäger, dem Tom an diesem Morgen so ohne Weiteres den Hirsch abstreifte, am Hause erschien. Er hatte den Indianer erkannt und warf fluchend sein Hirschfleisch von der Schulter, als er dessen Flinte am Hause lehnen sah.

„Warte, Schurke,“ murmelte er für sich hin, „Du sollst doch Deinen nächsten Schuß wenigstens fehlen, dafür will ich sorgen, und wenn ich kein Fell habe, sollst Du, auf diese Ladung Pulver wenigstens, auch keins mit heim bringen.“

Damit schlich er sich leise an die Flinte hinan und zog mit seinem Kretzer schnell den obersten Pfropfen heraus und ließ sich die Schrote in die Hand laufen; damit aber noch nicht zufrieden, nahm er den andern Pfropfen ebenfalls und setzte einen neuen auf, daß sich ja kein Schrot in jenem hätte verhalten und doch vielleicht noch tödten können, lehnte dann die Flinte wieder an ihre alte Stelle und trat, als ob er eben käme, zu den Männern in den Laden.

Tom hatte seine Einkäufe besorgt, steckte, was er für seine Jagdbeute erhalten, in die Kugeltasche, die an seiner rechten Seite hing, setzte nochmals das Glas an, das er schon zum zweiten Male leer getrunken, und sog die letzten Tropfen heraus, trat dann vor die Thür, ergriff seine Flinte und war im Begriff, nach kurzem Gruß den Weg zu seinem Dorfe einzuschlagen, als die Truthühner seine Aufmerksamkeit erregten, die eben, durch einige ihnen vorgeworfene Maiskörner herbeigelockt, die Köpfe Alle zusammen auf einen Punkt hielten und dadurch ein herrliches Ziel boten.

Tom bemerkte es und lächelnd auf sie anschlagend, rief er zum alten Kaufmann zurück: „Ich sehr froh – solchen Schuß draußen im Wald!“

„Und ich wette einen Dollar, Du triffst keinen!“ rief der junge Mann, der die Gelegenheit schnell ergriff, sich an dem Indianer zu rächen.

„Ich keinen Dollar haben,“ antwortete Tom ganz ruhig; „alte Mann aber hat Otterfell von mir – groß Otterfell – werth ein Dollar und ein halb Dollar – Ihr wettet ein Dollar und ein halb Dollar dagegen – ich treffen viel – viel von denen da!“

„Topp!“ rief Jener, „hier sind meine anderthalb Dollar – und verlierst Du, so zahlt mir Onkel das Otterfell!“

„Gut,“ sagte der Indianer und zog den Hahn seiner Flinte auf, um nach dem Pulver zu sehen. –

Der Alte wollte Einwendungen dagegen machen, denn er hielt es gar nicht für möglich, daß der Indianer fehlen könne und fürchtete, sein Neffe werde das Geld wirklich bezahlen müssen, doch gab ihm dieser schnell einen Wink und leicht beruhigte er sich, als er den wahren Stand der Sache ahnete; den Indianer anzuführen hielt er für nicht mehr als recht.

Tom hatte sich unterdessen überzeugt, daß das Pulver in der Pfanne trocken und in gutem Zustande sei, legte also an, zielte und – drückte ab. Bei dem so nahen Schuß (kaum 30 Schritte von ihnen entfernt) flatterten die Truthühner erschreckt empor und zerstreuten sich; keins von allen aber fiel oder gab nur das mindeste Zeichen, daß es verwundet sei.

Tom stand wie versteinert und schaute bald seine Flinte, bald die Hühner, bald die beiden Männer an; der Jüngere aber sprang und jubelte und lachte und geberdete sich wie toll; endlich, als er wieder zu Worte kommen konnte, rief er immer noch mit vor Lachen halb erstickter Stimme:

„Guter Tom, guter Tom, wo ist Dein ein Dollar und ein halber Dollar für das Otterfell? o, guter Tom!“ und wieder begann er zu tanzen und zu springen; Tom aber war sehr kleinmüthig und meinte, seine Decke fest um sich herumziehend:

„Dom zu viel Whiskey – nicht gut! macht Kopf schwer und Hand zittern – Tom keinen Whiskey mehr trinken!“ und damit trollte er in seinem schwebenden Gang dem Walde zu, in dem er bald verschwand. –

Vierzehn Tage mochten nach diesem Vorfall etwa vergangen sein, als eines Nachmittags, gerade da die beiden Weißen, Onkel und Neffe, wieder zusammen [413] vor der Thür des Waarenhauses saßen, Tom denselben Weg daher geschlendert kam; er trug dies Mal einen ganzen Pack zusammengebundener getrockneter Felle, sowohl von Hirschen als Ottern und sah ordentlich und ehrbar aus; doch verfinsterte sich sein Gesicht ein wenig, als er den jungen Mann erblickte; er mochte wohl an den Schuß denken; die beiden Weißen begrüßten ihn aber herzlich und er lehnte, wie das vorige Mal, seine Flinte auswendig an’s Haus und ging nach kurzem Gespräch mit dem Alten in den Laden, dort den neuen Handel abzuschließen.

Er schien die Truthühner, die ebenfalls wieder auf dem Platze umherliefen, gar nicht zu bemerken; kaum waren aber die Beiden durch die Ladenthür verschwunden, als der Zurückgebliebene von seinem Sitze aufsprang und in wenigen Secunden mit dem Kretzer aus dem dicht danebenstehenden Wohnhaus zurückkam.

Leise schlich er, wie damals, an die Flinte, zog schnell die Ladung Schrot heraus, verbarg den Kretzer und setzte sich dann wieder ruhig auf seinen Stuhl, das Ende des Handels und das Erscheinen des Indianers zu erwarten.

Sie ließen nicht lange auf sich warten; Tom hatte heute wenig Waaren gebraucht und sich fast Alles in baarem Gelde bezahlen lassen, nahm nun seine Flinte und sagte den Beiden ein Lebewohl.

„Holla, Tom!“ rief ihm der junge Mann nach, „willst Du denn heute Dein Glück nicht wieder mit einem Schuß versuchen?“

„Tom hat nicht so viele Dollar!“ entgegnete kopfschüttelnd der Wilde, indem er stehen blieb und nach Jenem zurücksah; „die weißen Männer versprechen Feuerwasser,“ fuhr er ernsthaft fort, „da schießt Indianer Alles, was vorkommt – Großes und Kleines, Männchen und Weibchen; Indianer liebt Feuerwasser; vor fünf Schneeen waren Ottern viel da – o sehr viel – große Ottern und fett – jetzt rothe Mann kann fünf Fallen stellen und fängt eine. – Ottern gehn, wo weiße Gesicht kommt – Indianer auch! – Indianer ist arm!“

„Bah, bah!“ rief der Jüngere lachend, „Du hast wohl selbst heute Morgen wieder einen tüchtigen Schluck Whiskey genommen.“

„Nein,“ sagte Tom, die Hand auf die Brust legend, „nicht angerührt – nicht mit Fuß!“

„Du schwankst aber doch so!“ fuhr Jener, um ihn zu reizen, lachend fort.

„Ich schwanken?“ sagte Tom entrüstet; „gut, ich will schießen, will weißem Gesicht zeigen, ich nicht schwanken.“

„Gut! hier ist mein Dollar,“ sagte der Weiße, das Geld auf einen umgehauenen Baumstamm legend.

„Und hier ist meiner,“ sagte Tom; „nicht viel Geld ein Dollar – mir gleichgiltig.“

„Oho, wenn Du so mit Geld prahlst, hier sind fünf Dollar, anstatt einer; setzest Du dagegen?“

„Daß ich kein Truthahn treffe?“ frug vorsichtig der Indianer.

„Gewiß,“ war die Antwort, „triffst Du Einen oder mehrere, so habe ich verloren.“

„Gut!“ entgegnete Tom und langte, ohne weiter ein Wort zu verlieren, noch vier andere Dollar, die er eben für seine Felle erhalten hatte, aus der Kugeltasche und legte sie zu den anderen, nahm dann eine Handvoll Mais aus einem dicht dabeistehenden Futtertrog und warf es den Truthühnern hin, trat etwa zwanzig Schritt zurück, zog den Hahn auf, zielte und beim Schuß – flatterten vier, zum Tode getroffen, am Boden und lagen nach wenigen Secunden still und leblos.

Mit weitgeöffnetem Munde starrten die beiden Weißen auf das Verderben hin, das Tom’s Flinte nicht allein an ihren Truthühnern, sondern auch in ihrer Börse angerichtet hatte; der aber, ohne weiter eine Miene zu verziehen, ging zum Baumstamm und schob ruhig und lautlos die zehn Dollar, einen nach dem andern, in seine Kugeltasche, lud dann seine Flinte wieder und warf sie auf die Schulter; als er sich aber zum Fortgehen rüstete, wandte er sich noch ein Mal zu den Männern und sagte freundlich: „Setze den Fall, Ihr wolltet schießen noch ein Mal – heut in acht Tage ich wieder hier – aber,“ fuhr er vertraulich fort, als er sich dem jungen Manne etwas mehr näherte – „wenn ich komme zu weiß Gesicht, ich immer zwei Schuß Schrot in der Flinte – setze den Fall, weißer Mann zieht einen heraus – gut – noch genug drinn vor anderen Schuß! Good bye!


  1. Maisbranntwein.
  2. Eingeborene Amerikaner der Vereinigten Staaten, aus dem Nord-Osten.