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Titel: Der Lappe und sein Rennthier
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aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 195–198
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1857
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Der Lappe und sein Rennthier.

Hoch im Norden Scandinaviens und des von ihm begrenzten Rußland, in dem nördlichsten Theile Europa’s, lebt in Zerstreuung und Vereinzelung das Volk der Lappen, zwar nur noch etwa 11,000 Köpfe zählend, von denen die Hälfte auf Norwegen kommen mag, aber gleichwohl merkwürdig in Sitte und Lebensweise. Tritt man von Westen, über die dem nördlichen Norwegen vorgelagerten Inseln der Loffoden kommend, in die norwegischen Finnmarken ein, so ist es die wilde Erhabenheit der großen Westfjords, jener tiefen Meerbusen, welche in wunderlicher Verschlingung schluchtenartig in die hohe, mit steilen Felswänden umsäumte Küste hineinragend, das Auge mit Staunen, das Herz mit Erbeben erfüllen. Hinter dem hohen Küstenwalle und auf den ihn umlagernden gleich hohen Inseln, ragen Hunderte von schwarzen Bergen empor, meist mit weißleuchtenden Schneefeldern den größten Theil des Jahres hindurch oder an ihren Abhängen mit Gletschern bedeckt, die im goldenen Schmuck von Morgen- und Abendroth, im magischen Schimmer des Vollmondes und in der feurig düstern Pracht des Nordlichtes blitzend, ein Schauspiel darbieten, welches in unverlöschlichen Zügen in der Seele des Wanderers fortlebt. Dies ist die großartige Stätte, auf welcher einen Theil des Jahres der Lappe seine zeltartige Hütte, die Gamme oder Kote aufschlägt, um bald darauf weiterziehend sie wieder abzubrechen und an anderen Stellen aufzurichten. Denn der Lappe ist Nomade, seine Lebensweise wird durch das Renn bestimmt, jenes sonderbare Thier, das ihm Pferd, Kuh, Kameel und Schaf zugleich ist, und ihm Alles gewährt, was er zu seinem Dasein bedarf.

Die Lappen sind Glieder des großen Finnenstammes und, soweit unsere geschichtliche Kenntniß reicht, die frühesten Bewohner Scandinaviens, ehe sie von den germanischen Stämmen aus ihren alten Wohnsitzen in die gegenwärtigen verdrängt wurden. Von Person sind sie fast durchgängig klein, die meisten Männer messen unter fünf Fuß, eine Größe, welche die Weiber nicht einmal erreichen. Für gewöhnlich ist ihre Kleidung sehr einfach. Alle, ohne Unterschied des Geschlechts, tragen bis auf die Knöchel reichende Beinkleider von grobem Wollenzeug, über welche sie Halbstiefeln von gegerbtem Leder, und im Winter, wo ihr ganzer Anzug Pelzwerk ist, von Rennthierfellen ziehen. Diese dichten, weichen Stiefeln werden, um das Eindringen des Wassers beim Durchwaten der vielen Sümpfe auf den Hochmooren zu verhindern, mit Riemen so fest zusammengebunden, daß kein Anderer als der Lappe dies zu ertragen vermöchte, und selbst dieser bekommt dünne Beinknochen und schiefe Knöchel. Gleichwohl ist er behend, bei den mühsamen Wanderungen durch Sümpfe und über Klippen und Felsen seiner Gebirge so ausdauernd, daß es nicht leicht ein Normanne mit ihm aufzunehmen vermag. Den Oberleib des Lappen bedeckt zur Sommerzeit ein blaues oder braunes grobwollenes, blousenartiges Hemd, welches von einem mit Messing oder Zinn, wenn nicht mit Silber verzierten Gürtel zusammengehalten wird. In ihm liegen sein Messer, seine Ringe, sein Geld, ja selbst einige metallene Figuren, Amulette gegen Zauberei, an welche die Lappen noch fest glauben, wogegen sie wiederum von den Normannen, Schweden und Russen für gewaltige Zauberer nicht allein gehalten, sondern selbst mit den furchtbarsten Todesstrafen belegt worden sind. Namentlich stehen sie in dem Rufe, das „Wetter“ machen zu können, und der Stadtvogt Lee in Tromsoe, ein unterrichteter, trefflicher Mann, erzählt, daß er die Acten eines alten Hexenprocesses durchgesehen, in welchem der angeschuldigte Lappe die Frage: ob er Wetter machen könne? nicht allein mit Bestimmtheit bejahete, sondern auch eingestand, er könne sowohl Sturm erregen, als den Wind blasen lassen, woher er wolle, trotzdem daß ihm dies Geständniß den Tod brachte.

Eine ziemliche Verschiedenheit herrscht unter den Lappen, doch bilden den eigentlichen ursprünglichen Kern dieses Volkes jene nomadisirenden, welche auf den hohen Fjellen oder Bergflächen mit ihren Rennthierheerden weiden und, je nach der Jahreszeit, bald nach der Meeresküste, bald nach den tiefer gelegenen Waldregionen hinabziehen. Von diesen Berglappen, welche wir als den eigentlichen Kern später auf ihren Zügen begleiten und sonach näher kennen lernen werden, haben sich als halbverkümmerte Zweige die Bettel- und Fischlappen geschieden, während die Waldlappen der unteren Bergregionen mehr feste Wohnsitze aufgeschlagen und die unstät nomadisirende Lebensweise verlassen haben. Der Bettellappe treibt sich theils als Vagabund auf den hohen Fjellen herum, nicht selten vom Rennthierraube lebend, theils ist er unter die ansässige Bevölkerung in die Kirchspiele hinabgestiegen, um als fleißiger und geschickter Mann sich durch mancherlei, selbst die schmutzigsten Arbeiten zu nähren. Gleich dem indischen Paria ist ihm das Brandmal der Verachtung aufgedrückt. Ein freieres Naturleben führen die Fischerlappen. Wir finden sie in festeren Wohnungen, Baracken von Brettern und Zweigen, auch als Besitzer von einigen Rennthieren, doch vermindert sich deren Zahl immer mehr, da eine Rennthierheerde von weniger als zweihundert Stück bald zu Grunde geht. Die Hauptbeschäftigung des Fischlappen besteht in dem Fischfänge in den Flüssen und Seen [196] der mittleren Regionen Schwedens, dem südöstlichen Abfalle des hohen Gebirgsrückens. Eine Lachsart wird besonders von ihm gefangen und frisch verzehrt oder auch getrocknet, in welchem Zustande der Fisch sich lange hält. Sein Boot ist sehr klein und überaus leicht gearbeitet, meist ganz ohne Verwendung des Eisens. Muß er einen der zahlreichen Wasserfälle umgehen, dann stülpt er den Kahn wie einen großen Hut über den Kopf, hackt seine Axt in den Schnabel, und regiert mit ihr die sonderbare Bürde beim schnellen Laufe durch das Gebüsch und die niederhängenden Baumäste. Dabei trägt er in der linken Hand das Fischergeräthe; am Halse hängt der Beutel von Rennthierfell mit seiner übrigen Habe. Der Fischlappe ist ein ungeselliger Mann und lebt meist vereinzelt, wenn nicht größere Fischereien ihn geradezu nöthigen, sich mit seinen Standesgenossen zu verbinden. Dem Gaste sein Brod zu brechen, fällt ihm gar nicht ein. Dieses für unsere Gaumen fast ungenießbare, Brod genannte Gebäck ist ein Gemenge aus Fichtenrinde und Fischen. Will der Reisende den Fischlappen sich geneigt machen, dann muß er mit der Branntweinflasche kommen, ein Juckastaka, d. i. ein Schluck, macht ihn zum lieben Bekannten. Die Gastfreundschaft der Araber, dort unter den Palmen im Wüstensande, findet man nicht, wo die Lappen unter düsteren Fichten auf Schnee und Eis hausen. Hier muß man mit schwedischen Redensarten, mit blankem Silbergelde und Branntwein versehen sein, will man nicht in ernstliche Gefahr gerathen und weiter kommen.

Die Rennthierlappen sind die eigentlichen Lappen. Man findet sie in den oberen Berg- und Waldregionen, und theilt sie deshalb auch in Berg- und Waldlappen. Letztere bilden den cultivirteren, mehr ansässigen Theil dieses Volksstammes in Schweden, wogegen der Berglappe, der interessanteste, ein wahres Hundeleben führt. Auf offenem Gebirge muß er bei dem Unwetter, Tag und Nacht seine Rennthiere pflegen. Der dürftige Wald der oberen Abhänge des hohen Gebirgsrückens gewährt gegen Sturm und Regen keinen hinreichenden Schutz, ja oft vermag er sich nicht einmal an einem Feuer zu erwärmen und zu trocknen, auf seiner hohen Lagerstatt wächst nur die Zwergbirke. In voller Kleidung muß er sich, so naß er auch sein mag, in die Hütte werfen; daher auch der Mangel an aller Reinlichkeit. Seine ganze Lebensweise wird durch das Renn bestimmt, und nirgends findet sich eine innigere Naturbeziehung zwischen Menschen und Thieren, als beim Lappen. Sein Land zerfällt in Berg- und Waldland. Ersteres findet sich in Norwegen und geht als hoher, breiter Gebirgsrücken bis an’s weiße Meer. Während dieser Hochrücken nach Westen zu steil in’s Meer abfällt, und die oben erwähnte höchst wilde Scenerie bildet, sendet er auf der östlichen Seite langgestreckte, sich allmählich verflachende Ausläufer tief in’s Land hinein. Zwischen diesen Gebirgszweigen haben zahlreiche Gewässer ihren Lauf. Sie sowohl, wie überhaupt jene Gebirgsausläufer und Flußthäler sind die Wegweiser für die Wanderzüge der Rennthiere. Nie bewegt sich die Heerde von einem Flußthale zum andern, immer geht es längs der bewaldeten Seitenabhänge hin bis in die oberen Bergregionen. Während des Winters weilt der Lappe in den unteren Walddistricten, deren Boden mit dem weichen Rennthiermoose bekleidet, obwohl vom Schnee bedeckt ist. Das kluge Thier weiß schon seine Nahrung unter der Schneedecke zu erlangen. Eine Anzahl Stangen, meist sechzehn bis zwanzig, kreisförmig in der Erde befestigt, oben zusammengebunden, bis auf eine Oeffnung für den Rauchabzug und mit Filz oder grobwollenem Stoff bedeckt, bilden seine Wohnung oder Gamme. Zwar ist sie leicht genug, um von heftigen Stürmen umgeworfen zu werden, doch reicht sie aus, ihn gegen das Wetter zu schützen, und das Feuer in ihrer Mitte mag das Uebrige thun.

Kommt das Frühjahr, dann verläßt der Lappe den Wald und zieht hinauf in die höheren Gegenden der Gebirgsausläufer bis zum Waldessaum, wo der Baumwuchs aufhört. Dies geschieht indeß nicht nach eigener Wahl, das Rennthier bestimmt ihn dazu. Der wilden Dasselfliege in den Wäldern zu entgehen, bricht es von selbst in’s höhere kühlere Gebirge auf, sein Herr muß ihm folgen, wenn er, der dem Rennthiere seine Gewohnheiten längst ablauschte, ihm nicht zuvor kam. Das eine seiner Renne am Riemen führend schreitet er voran, während die andern in langen Reihen hinter ihm herziehen. Bald ist der Platz abgeweidet, die Heerde zieht weiter; der wandernde Hirt wird zum Nomaden. Auf dem Rücken der hohen Fjellen, an jenen fürchterlichen abflußlosen Sümpfen, wo neben Moos und Flechte die Moltebeere als einzige Frucht zur Reife kommt, findet der Sommer die Heerde. Aber die Tage werden immer heißer, die Sonne geht nicht mehr unter, sie beschreibt um den Himmel einen Kreis, der um Mittag seine bedeutendste, um Mitternacht, wenn man trotz der am Himmel stehenden Sonne es so nennen kann, seine kleinste Entfernung vom Horizonte hat. Graue Wolken von Mücken, Schnaken und Stechfliegen umschwärmen die weidende Heerde und verursachen ihr die fürchterlichste Pein. Die gemarterten Thiere werden unruhig und wenden sich der kühlen Meeresküste zu, wo heftige Stürme die Schwärme des Ungeziefers verwehen. Der Lappe muß folgen, folgen bis auf die Inseln der Fjorde, welche das Rennthier schwimmend erreicht. Und wenn der Herbst naht, brechen die Thiere wieder auf und wenden sich rückwärts, erst den oberen, dann den niederen Waldregionen zu, um nach Jahresfrist genau dieselbe Wanderung wieder einzuschlagen. So abhängig ist der Lappe vom Renn; wollte er seinem Triebe nicht Genüge leisten, die ganze Heerde würde davonlaufen oder zu Grunde gehen und ihn zum „Bettellappen“ machen.

Doch wir besuchen den Lappen während des Spätsommers in seiner Gamme. Er ist von der Meeresküste zurückgekehrt und weidet wieder auf den nackten Felsenwüsten. Hundegebell kündigt uns von fern schon die Nähe des Lappenlagers an. Da regt es sich an der braunen Bergwand, einige Rennthiere werden sichtbar; nur noch wenige Schritte und wir sehen, wie am Rande eines kleinen Gebirgssees eine Rauchsäule emporsteigt und vor uns die Lappenhütte liegt. Wir heben die Thür der Hütte auf und treten tiefgebückt ein. Es ist Mittagszeit. In der Mitte brennt am Boden ein Feuer, über welchem, von an den Zeltstangen befestigten Ketten getragen, der dem Lappen unentbehrliche kupferne Kessel hängt. Der Rauch erfüllt den ganzen Raum und zieht sich behaglich nach dem oberen Luftloch. Mücken gibt es zwar nicht, doch können nur Lappländer hier ausdauern. Der Hausherr bereitet eben das Mahl; er kocht Rennthiermilch, brockt Käse dazu und würzt das Gericht mit Rennthierblut. Er ist ein reicher Mann, seine Heerde mag, wie wir später erfahren, gegen 2000 Stück zählen, darum hat er auch Salz und etwas Mehl zum Anrühren. Rings um das Feuer am Rande der Hütte liegen die Schlafstellen, Birkenreißig mit Fellen bedeckt. Dem Eingange gegenüber sitzt der Vater, neben ihm seine Frau, zur Seite die Kinder, gegenüber die Dienstboten und Verwandte, welche deren Stelle vertreten. Uns wird, nachdem man die Hand zum Willkommen gereicht, der Ehrenplatz zwischen dem Ehepaare eingeräumt. Wären wir Lappen, so würde beim Willkommen unter vielen unnützen Redensarten die Nase gegenseitig nach Stand und Würden tüchtig gerieben werden. Vor und nach Tische wird baarhäuptig still und kurz gebetet; beim Mahle liegt man, denn die Gamme ist viel zu niedrig, um darin aufrecht stehen zu können. Wir treten nach abgehaltenem Mahle mit unserm Wirthe in’s Freie. Der Lappe zieht aus seiner Blouse ein Fläschchen mit aufgelöstem Pech hervor und frischt den mückenfeindlichen Geruch seines Gesichts an, ganz wie wir es mit unserer Eau de Cologne thun. Der Abend naht, wiewohl die Sonne noch hoch am Himmel steht, und die Heerde kehrt heim von den höher gelegenen Fjellen.

Jetzt ist Alles Leben und Thätigkeit. Schon von Weitem vernimmt man das eigenthümliche Knicken der Renne, das oft mit dem Ueberspringen eines elektrischen Funkens verglichen worden ist, und von einem länglichen Knochen unter dem Horne des Hufes herrührt. Die freundliche Natur gab ihm diesen Knochen, damit sich die Thiern im dichten Schneetreiben nicht von einander entfernen möchten. Gleich einem Strome ergießt sich die Heerde von der Höhe herab. Die Hirten treiben sie mit lautem Rufe dazu an, die Hunde mit ihrem Gebell. Plötzlich drängt sich die Heerde zusammen, die Geweihe bilden einen wandelnden Wald. Wäre all’ dieses Geäst belaubt, man würde unwillkürlich an Macbeth’s Birnamwald erinnert. Alles strömt einem lockeren Gehege zu, und zwar stellen sich die Thiere so, daß der Rauch jener Feuer sie bestreicht, die man zum Schutze gegen die Mücken längs der Windseite für sie angezündet hat. In der Mitte dieses Geheges ist ein Stangengerüst, an welches jede Kuh zur Erleichterung des Melkens gebunden wird. Das Renn ist ein unbändiges Thier, es sträubt sich, hält die Milch zurück und Melker und Melkerin tractiren es mit Faustschlägen, so daß die Haare reichlich in das Melkgefäß stäuben. Kleine Lappenbuben fangen jedes zu melkende

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Die Gartenlaube (1857) b 197.jpg

Eine Rennthierfahrt.

[198] Rennthier mittelst Schlingen, die sie geschickt zu werfen verstehen, ein und führen es dem Melker zu. – Endlich bricht die Nacht herein. Alle Glieder der Familie wechseln stundenweise mit der Bewachung der Heerde. Die Uhr haben sie am Himmel und, ist dieser bewölkt, im Kopfe. Wer seine Wache gethan hat, kommt in die Gamme, kriecht mit seinen Hunden – jeder hat seinen bestimmten Wachtgehülfen – über die Schläfer hinweg und schickt seine Ablösung fort. Der Hund ist klein, schmutzigbraun, hat zottiges Haar und aufrecht stehendes Ohr. Der Lappe liebt ihn, theilt mit ihm seine Speise, was er seinen Brüdern sicherlich verweigern würde. Dies eine Scene aus des Lappen Sommerleben.

Wie’s manchmal im Winter zugeht, namentlich auf Reisen, erzählte uns Unna, unser Wirth. Er war mit Anund, einem benachbarten Berglappen, in dem mehr als achtzig Meilen entfernten Kautokaino, wo Sjoibma um die Tochter seines Bruders freite. Eltern und Anverwandte des Freiers waren beisammen und zogen nach der Hütte der Braut. An der Spitze des Zuges schritt der Freierhauptmann, der vom Freier gewählte Wortführer. Er wandte sich an die Eltern des Mädchens, die übrigen an deren Anverwandte, an Branntwein war kein Mangel, denn „mit Branntwein freien“ ist lappischer Gebrauch. Die freie Zeche hatte für geneigte Gedanken empfänglich gemacht, der Zweck des Besuches ward bei zunehmender Fröhlichkeit theils in Reden, theils im Gesang immer deutlicher ausgedrückt, mit Freiergeschenken, hauptsächlich in Silbergeräth, als Löffeln, Bechern und Gürteln bestehend, war nicht gekargt worden, zudem war Sjoibma ein hübscher Lappenbursche, der mehr als tausend Renne als Erbtheil zu erwarten hatte: kurz der Heirathshandel ward abgeschlossen und schon in den nächsten Tagen die Trauung in der Kirche zu Kautokaino vollzogen. Unna und Anund kehrten nach zehn Tagen zurück. Hohe Schneeniassen deckten die Erde, nur ein Lappe konnte sich mit seinem wunderbaren Ortssinne hier zurecht finden. Im Pulk, dem lappischen, bootartigen Schlitten sitzend, vom besten Rennthiere gezogen, in doppelte Rennthierpelze gehüllt, die Füße von Pelzstiefeln umschlossen, den Kopf mit der lappischen Pelzmütze bedeckt, so können sie es wohl aushalten, obwohl es eine grimmige Kälte ist. Das Rennthier ist vorn an der Spitze des Schlittens mit einem Zugstrange befestigt, der ihm zwischen den Füßen durchgeht und sich am Halse mit der Halfter vereint, während über ihm der mit Schellen und flatternden Haarbüscheln verzierte Bogen der Schlittenkufen sich wölbt. Die Reise ging vortrefflich, kein Unfall unterbrach sie, wohl fünfzehn nordische Meilen – 221/2 deutsche – wurden an jedem der beiden ersten Tage zurückgelegt. Das Rennthier lief bald in kurzem Trabe, bald in Sprüngen galoppirend, wo es aber steil hinabging, da schoß es blitzschnell in die Tiefe mit dem Schlitten. Nur einige Male wurden unsere Lappen umgeworfen, das Rennthier hörte nicht auf zu laufen, die Reisenden saßen in dem kleinen Boote dicht auf dem Schnee und wurden so auf diesem fortgeschleppt, bis es ihnen gelang, das Fahrzeug im vollen Laufe wieder aufzurichten.

So brach der dritte Tag an, trübe Wolken hatten schon gestern einen Schneesturm angekündigt, immer dichter wurden die Nebel, Schneemassen stürzten herab. Da blieb nichts übrig als zu dem gewöhnlichen Mittel zu greifen, Löcher in den Schnee zu graben und dort geduldig zu warten, bis es besser würde. Unsere Reisenden sind bald zugeweht, die dicken Pelze schützen sie in dem weißen, feinen Bette. Das Rennthier war ihre einzige Sorge, würde es jetzt davonlaufen oder von Wölfen und Bären angefallen, sie waren in der unermeßlichen Schneewüste verloren. Das treue Thier liegt im Schnee gleich seinen Herren begraben, und scharrt mit dem Hufe nach der nährenden Flechte. So liegen sie fast einen Tag, der Sturm legt sich und mit ihm der Schneefall. Man bricht auf und rüstig geht die Fahrt den ganzen Tag über weiter. Aber noch ein zweites Abenteuer erwartet die Reisenden am letzten Tage. Schon hat man die Waldregion erreicht, immer höher werden die Fichten- und Birkenstämme. Es ist gegen Mittag, die Sonne steht gleich einem gewaltigen Feuerballe hell und strahlend nur wenig über dem Horizonte, um baldigst unter zu gehen. Plötzlich gewahrt man, wie aus der Ecke eines eben durcheilten Waldes, tief in Schneenebel verhüllt, ein dunkles Rudel Thiere herausstürzt. Daß es Wölfe sind, ist unsern Lappen nicht zweifelhaft. Unna führt den Lenkriemen in der Hand, das Rennthier hat das heisere Geheul der gierigen Rotte vernommen, und stürzt angsterfüllt mit der Schnelligkeit des Windes auf der hügeligen Fläche vorwärts, während Anund, ein tüchtiger Schütze, der oft schon den Vogel im Fluge mit der Kugel tödtete, die Lappenflinte zur Hand nimmt. Sie ist mit einer Kugel geladen. Eben hat er losgedrückt und einen der vordersten Wölfe niedergestreckt, als plötzlich unweit des Schlittens ein zweiter Wolf aufspringt und mit dem Rennthiere ein Wettrennen beginnt. Das erschreckte Thier bäumt hoch auf, erwartet seinen Feind, schlägt den anspringenden Wolf mit einem furchtbaren Schlage seines linken Vorderfußes nieder und eilt in Hast davon, während Anund noch zwei der näher gekommenen Wölfe durch sicher gezielte Schüsse tödtet. Das hungrige Rudel stürzt über die getödteten Cameraden und zerfleischt sie mit gierigem Zahne, so daß Anund und Unna es bald aus dem Gesichte verlieren. Die Nacht bricht herein, doch eine Nacht, die nicht Nacht ist; das strahlende Nordlicht schuf Tageshelle, bis wenige Stunden darauf das Gebell der Hunde die Nähe einer Gamme verkündigte. Es war Unna’s Gamme, jene achtzig Meilen waren, trotz des Aufenthaltes, in noch nicht fünf Tagen wohlbehalten zurückgelegt worden.

Die Schnelligkeit des Rennthieres im Schlitten ist eine außerordentliche, und grenzt oft an’s Unglaubliche. Norwegische Beamte versichern, daß sie oft achtzehn Meilen mit demselben Rennthiere in einer Tour zurückgelegt haben, ja auf dem Schlosse zu Drottningholm zeigt man ein Gemälde, ein Rennthier nebst Schlitten und Treiber vorstellend, unter folgender Erklärung: In Folge eines plötzlichen unvermutheten Einfalls der Norweger in das schwedische Gebiet im Jahre 1699 wurde ein Officier auf einem mit einem Rennthiere bespannten Schlitten nach Stockholm abgeschickt, um Kunde von dem Vorfalle zu bringen. Derselbe that dies in solcher Eile, daß er 124 schwedische Meilen, gegen 180 deutsche, in 48 Stunden zurücklegte. Gleich nach seiner Ankunft in der Hauptstadt sank das treue Thier leblos auf dem Ritterplatze nieder.