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Textdaten
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Autor: Adolf Müller
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Titel: Der Kuckuck brütet
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 25, S. 425–427
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1888
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[425]
Der Kuckuck brütet.

Im Jahre 1873 (vergl. Nr. 25) brachte die „Gartenlaube“ einen interessanten Artikel „Vom Kuckucksei“ aus der Feder Adolf Müllers. Dieser Artikel schließt mit den Worten. „Es kommt vor, daß der Kuckuck ausnahmsweise seine Eier ohne besondere Nestbereitung selbst ausbrütet, die ausgebrüteten Jungen pflegt und großzieht.“ Dieser Satz stützte sich auf eine an Sommer 1868 von dem bewährten Vogelkenner Kießel in St. Johann an der Saar gemachte Beobachtung. In einem Walde bei St. Johann wurde von den dortigen Holzbauern ein weiblicher Kuckuck auf zwei Eiern brütend gefunden. Er hatte beide Eier gezeitigt und die Jungen großgezogen. Obwohl Kießel vier Zeugen für die Richtigkeit seiner Beobachtung anführte, wurde dieselbe doch bestritten und von vielen, unter anderen auch von Brehm, als ein gröblicher Irrthum bezeichnet, der nur durch eine Verwechslung des Kuckucks mit der Nachtschwalbe zu erklären sei.

Heute nach fünfzehn Jahren sind die Brüder Müller in der erfreulichen Lage, einen endgiltigen Beweis für die Richtigkeit der damaligen Behauptung zu bringen. Unser Mitarbeiter Karl Müller schreibt uns Folgendes.

Endlich ist ein großer Theil des mystischen Dunkels im Leben des interessantesten heimischen Vogels, des Kuckucks, wiederum gelichtet worden von meinem Bruder, dem Oberförster Adolf Müller in Krofdorf. Die Reihe unserer reformatorischen Forschungen, welche in unserem Werke „Thiere der Heimath“ enthalten sind, wird demnächst beim Erscheinen der Abtheilung „Vögel“ in der zweiten, kolorirten Auflage dadurch bereichert werden.

Unser Vermuthen, daß der Kuckuck auch selbst brüte, hielten wir in unserem Werke zurück, da die Verantwortung vor der wissenschaftlichen Welt zu groß ist und in unserem Schriftstellerleben das Selbsterfahrene den Ausschlag giebt.

Schon vor drei Jahren wurde bei mir jene Vermuthung in hohem Grade bestärkt, und zwar durch eine Beobachtung in einem Distrikte der „Steinfürst“, welche nahe bei Alsfeld liegt. Ein Kuckucksweibchen strich jedesmal, wenn ich die Hege betrat, die aus jungen Kiefern und Buchenbüschen bestand, auffallenderweise am Boden über das reichlich wuchernde Heidekraut dahin, entschwand wie ein Schatten und kehrte nach längerer Zeit zurück, mich umkreisend und zuweilen dicht an mir vorüberhuschend.

Die ganze Woche hindurch, sobald ich nur abkommen konnte, wachte ich nach, durchsuchte alle Nester der Kleinvögel, Rothkehlchen, Grasmücken, Laubvögel und Zaunkönige, aber nirgends fand ich ein Kuckucksei oder einen jungen Kuckuck. Nun untersuchte ich Schritt für Schritt den Boden aber auch diese Bemühungen blieben ohne Erfolg. Ich stellte mich mit dem Fernglas auf den Beobachtungsstand. Es blieb ruhig, der Kuckuck unsichtbar. Sobald ich aber nachforschte, sah ich den Kuckuck immer wieder in meiner Nähe dicht über die Büsche und Heide streichen. Am sechsten Tage nahm ich ihn nicht mehr wahr, es war der 14. Juni.

Heute gebe ich in lebhafter Erinnerung an die große Wachsamkeit und Besorgniß des Kuckucks der Meinung Raum, daß er an irgend einem Plätzchen gebrütet hatte und selbstpflegender Muttervogel geworden war, nachdem mein Bruder mir die nachstehenden Aufzeichnungen seines treu und pünktlich geführten Tagebuchs übermittelt hat, damit die „Gartenlaube“ das die ganze ornithologisch wissenschaftliche Welt nicht bloß, sondern auch das Laienthum hochinteressirende Ereigniß zuerst veröffentliche.

Doch hören wir die werthvolle, kostbare Entdeckung, wie sie im Laufe der Beobachtung von meinem Bruder stets nach Befund sogleich aufgezeichnet worden ist.

*     *     *

Als ich am Vormittag des 16. Mai d. J. im nordöstlichen Theile des königlichen Waldortes Hohenschied in meinem Dienstbezirke eine junge Pflanzung besichtigte, stand plötzlich aus dem Gestrüpp ein Kuckuck sehr nahe vor mir auf, den ich sogleich an seiner blassen, bräunlichen Farbe als einen weiblichen Vogel erkannte. Ich entdeckte alsbald nahe der Stelle, wo der Vogel aufflog, in einer ganz flachen Bodenvertiefung drei Eier, welche mir dadurch auffielen, daß sie eine verschiedene Färbung besaßen und das eine gegen die beiden anderen eine merklich geringere Größe hatte. Da ich dieselben als von keinem einheimischen kleineren, in erdständigem Neste brütenden Vogel herrührend erkennen konnte und der Kuckuck mich auch auffallenderweise mehrmals umkreiste, so zog ich mich sogleich in eine nahe Deckung der jungen Hege zurück, um den Vogel näher zu beobachten. Innerhalb weniger Minuten ließ sich derselbe wieder, nahe am Boden hinfliegend, sehen und fußte alsbald nächst der Stelle, an welcher ich die Eier entdeckt hatte. Ich vermuthete, der Kuckuck sei im Begriff, sein Ei zu den gefundenen abzulegen, und wartete mindestens gut dreiviertel Stunden hinter meiner Deckung, ohne daß ich den Vogel sich entfernen sah. Dies sowohl, wie der Umstand, daß keine um ihr Gelege besorgtem Nistvögel in der Nähe sich zeigten, ließ mich stark vermuthen, daß hier ein außerordentlicher Fall obwaltete, [426] den zu ergründen ich nunmehr eifrig bestrebt war. Ich näherte mich jetzt vorsichtig der fraglichen Stecke, und in deren Nähe erhob sich der Kuckuck zum zweiten Male, diesmal, nachdem er einen Halbkreis um mich beschrieben, weiter in eine Nadelholzdickung streichend. Die nähere Betrachtung der Eier ergab nun, daß zwei davon keinen auffallenden Unterschied in Größe und Gestaltung zeigten, wohl aber in der Grundfärbung von einander abwichen. Ich erkannte sie als Eier des Kuckucks von sehr zartem Korn und dünner Schale. Das eine trug die charakteristische Färbung in weißgelblichem (blaßwachsfarbenem) Grundton, mit dunkelbraunen Punkten und einzelnen Strichen und Schnörkeln hin und wieder versehen; das zweite, gleichgroße war röthlichgelb oder lehmfarben begrundet und trug ölfarbene, verschwommene Zeichnung, so daß es einige Ähnlichkeit mit den Eiern des Rothkehlchens aufwies. Beide waren mindestens von der Größe eines Goldammereis, aber schlanker. Das auffallendste, von diesen beiden wesentlich verschieden, war das dritte. Es erinnerte sehr an die Eier des Buch- oder Edelfinken, bot auf graugrünlichem Grunde spärliche, kleine röthliche und größere dunkel rothbraune Punkte und war ungewöhnlicherweise gehäuft punktirt am spitzen statt am stumpfen Pole. Es erreichte nicht einmal die Größe der Eier der eben genannten Finkenart. Wie schon erwähnt, lag das Gelege in einer flachen Bodenmulde, die zwischen Gras und Ginstergestrüppe ringsum in einem Abstand von 30 bis 35 Centimetern frei war.

Rasch entfernte ich mich nach dieser Untersuchung nach einem etwas erhöhteren Hinterhalt in dem Jungholze des Buchenlichtschlages. Von diesem Punkte aus konnte ich mit meinem glücklicherweise mitgenommenen Fernglase die Stecke an dem abschüssigen Hange des Raines genau übersehen. Innerhalb etwa der sechsten Minute kehrte der Kuckuck zurück und fiel nach mehrmaligem Umkreisen des Ortes wieder an der Niststelle an, um sich gleich darauf in seinem charakteristischen unbeholfenen Gange auf das Gelege zu begeben. Ueber anderthalb Stunden behielt ich die Stelle noch im Auge, während welcher Zeit der Kuckuck unbeweglich auf den Eiern verharrte, so daß kein Zweifel mehr über das tatsächliche Brüten des Kuckucks über seinen eigenen Eiern bei mir obwaltete.

Ich ließ nun bis zum 25. Mai d. J. den Kuckuck ungestört in seinem Brutgeschäfte. Am Morgen des gedachten Tages besuchte ich die Niststelle und fand zu meiner großen Freude – nach dem Abstreichen des Brutvogels – einen jungen Kuckuck in der Erdmulde liegen. Er mochte nach meinen früheren Erfahrungen in Bezug auf junge Kuckucke etwa seit fünf bis sechs Tagen dem Ei entschlüpft sein, denn die Kiele leuchteten aus der Haut der Flügelarme und der Schultern und das Augenlicht aus den Ritzen der kaum noch geöffneten Augenhaut. Das eine röthlichbraune und das kleine Ei fand ich etwas abseits des Brutlagers. Das erstere war eingedrückt und erwies sich als ungezeitigt und faul, das kleine war unversehrt. Ich erkannte aber beim Versuche, es auszublasen, daß es unbefruchtet und mit nur wenig halbvertrocknetem, halb verdorbenem Inhalte versehen war. Unstreitig war es, wie das halbzerdrückte, an während des Brütens nachgelegtes, aber auch nicht ausgebildetes, unbefruchtet gebliebenes Ei, was sein auffallend geringer Umfang, die äußerst zerbrechliche, dünne Schale sowie sein dürftiger Inhalt bewiesen.

Unermüdlich, immer wieder nach kurzen Zwischenzeiten, umkreiste mich in niedrigem Fluge der Brutvogel, an Zeichen, daß er große Besorgniß um sein Junges hegte. Meine Versuche mit dem jungen Vogel ergaben ein ganz anderes Resultat, als das, welches mir früher zwei in dem Neste eines Rotkehlchens aufgefundene junge Kuckucke in ihrem Verhalten zeigten. Diese waren beständig unruhig, reckten zitternd die Flügelarme über dem Rücken und der eine derselben schnickte sich zeitweilig heftig mit Kopf und Hals nach hinten, so daß er öfters überfiel; der neue Gegenstand meiner Beobachtung verhielt sich hingegen sehr ruhig, mit Kopf und Hals auf dem Boden liegend. Er reagirte auch gar nicht, wenn ich ihm den Rücken – der noch die charakteristische Vertiefung der ersten Jugend des Kuckucks trug – mit dem Finger berührte oder ihm das eine Ei oder einen entfachenden anderen runden Gegenstand auf den Rücken legte. Daraus schließe ich, daß die brütende Mutter selber die ungezeitigt gebliebenen Eier abseits geschoben haben muß, nicht aber der junge Kuckuck, wie das die jungen Individuen in fremden Nestern hin und wieder zu thun pflegen, indem sie die Nesteier oder ihre Stiefgeschwister hinausschieben oder hinauswerfen.

Ich zog mich darauf wieder auf meine frühere Beobachtungsstelle zurück, vermochte aber noch nicht zur genauen Auskundschaftung des Atzens (Fütterns) vom alten Vogel zu kommen. Ein ferneres Verweilen wurde auch von Grasdieben unterbrochen welche in der Nähe den Ort beunruhigten, und ich verschob die weitere Erforschung dieses Gegenstandes auf einen ruhigeren Tag, da auch die grasrupfende Bevölkerung an der nahen Grenze des an den fiskalischen Wald stoßenden Gemeindewaldes ihre berechtigte Nutzung, störend für meine Absicht, fortsetzte.

Am Morgen des 26. am Orte eingetroffen, hatte ich einige Male Gelegenheit, zu sehen, wie der Brutvogel den jungen Kuckuck – wie mir’s schien – mit grünen Räupchen atzte. Dabei wurde der junge Nestling von der Mutter viel und anhaltend erwärmt. Ich schlich mich nämlich bei meiner Annäherung an den Ort gedeckt auf meinen Beobachtungsplatz und sah durch mein Fernrohr den alten Vogel aus der Niststelle sitzen. Zweiundzwanzig Minuten beobachtete ich ihn in dieser Situation worauf ich plötzlich durch sein Aufstehen und Fortstreichen überrascht wurde, welches tief an der Erde her mehrere Schritte entfernt von dem Nistorte auf einer Blöße geschah. Ich untersuchte, die Abwesenheit des Vogels benutzend, sogleich die Stelle und fand den jungen Kuckuck mit beinahe gänzlich offenen Augen in der Mulde liegen. Bei meiner Annäherung richtete er den Vorderkörper in die Höhe und sperrte den orangefarbenen Rachen auf, seine feinen, piepsenden Töne ausstoßend. Die Lagerstelle um den jungen Kuckuck war vollständig von Exkrementen desselben reingehalten, ein sprechender Beweis dafür, daß der Muttervogel die übliche Eigenschaft der Nistvögel ebenfalls besitzt, die verhältnißmäßig sehr großen Faeces des Nestlings im Schnabel zu entfernen. Nach etwa drei Minuten, nachdem ich mich in meinen Hinterhalt zurückgezogen, sah ich den alten Kuckuck auf einen der freien Plätze etwa sechs bis acht Schritte von der Niststelle einfallen, wonach er vor dem Felde meines Fernrohres mit Atzung von grünlichen Gegenständen – wahrscheinlich Räupchen – erschien, das Junge atzte und dasselbe hierauf wieder ungefähr eine Viertelstunde bedeckte. Die Entfernung des Muttervogels erfolgte durch Auffliegen abermals in der früher eingeschlagenen Richtung und nicht unmittelbar von der Brutstelle aus, sondern von einem freien Raume außerhalb der Bodenbedeckung. Innerhalb weniger Minuten kam der alte Vogel mit gleicher Atzung von etwa einem Quadratcentimeter Umfang zurück, entfernte sich aber nach der Fütterung sogleich wieder in der beschriebenen Weise. Nach der zweiten alsbaldigen Rückkunft und Atzung erfolgte das Erwärmen des jungen Vogels wieder. Ich entfernte mich nach einer guten Viertelstunde gedeckt, ohne Störung des alten Vogels.

Schon während der Beobachtung hörte ich in dem Waldorte auffallend zahlreiche Rufe männlicher Kuckucke. Ich zählte nach und nach sechs Individuen, welche sich mit Minne- und Kampfrufen antworteten. In den nahen Horsten höheren Holzes vernahm ich in kurzen Intervallen die klatschenden Flügelschläge eifersüchtiger Kämpfer und das erotische „Gwawawawach“ der Männchen mit dem antwortenden „Kiwiwiwi“ der Weibchen. Einen unterhaltenden Anblick gewährte das Treiben der verliebten Gauche im Gehölze, das ich bei meinem Weggange noch einige Zeit aus der Ferne beobachtete. Bald zeigten sich auf den Wipfeln von Eichen und Fichten die hitzigen Männchen mit hochaufgerichteten, gefächerten Steuern und hängenden Flügeln und unter beständigen Rufen, worin vielfach das „Kuckuck“ überstürzte in „Kuckuckuck“ und bei manchen Exemplaren heiser und kurz abgebrochen ertönte; bald jagten sich männliche Individuen im Geäste herum, ab und zu mit weiblichen Exemplaren, die bekanntlich an ihrem blasseren bräunlichen Gefieder von den viel dunkleren (schwärzlichen) Männchen zu unterscheiden sind. Kurz, der Waldort war ein kleines Rendezvous von Kuckucken. Trotz der unfreundlichen Witterung dieser Tage (Heerrauch und Nebel am Horizont und frostiger Wind bei Nachmittags nur + 11° R. im Schatten) entspann sich ein Minnetreiben und Kampf in Rufen und Jagen, wie man es nicht lebhafter in den wärmsten Tagen des Mai und Juni erlebt.

Begierig, den Grund einer solchen Anhäufung von Kuckucken in diesem Waldbezirke zu erforschen, begab ich mich in das benachbarte Gehölz, wohin der Muttervogel vorher zur Erbeutung [427] der Atzung mehrmals geflogen war. Ich entdeckte daselbst alsbald an den Gruppen von Eichenoberständern eine Ansiedelung des Eichenwicklers, Tortrix viridana L.; schon von weitem sah ich Exemplare davon in den bekannten Seidenfäden herabhängen, und fand auch die Eichenwickler in ziemlicher Anzahl auf den Blättern vor. Ganz gewiß bildete diese Ansiedelung die Ursache, daß sich hier die Kuckucke so zahlreich zusammenfanden.

Das Vorstehende beweist unwiderleglich klar die Thatsache: 1. daß der Kuckuck ausnahmsweise im Stande ist, eines und das andere seiner Eier – die er dann ohne Nestbereitung an irgend einer sicheren Stelle wahrscheinlich sämmtlich ablegt – selbst auszubrüten und das Junge zu ernähren, 2. daß die Eier von einem und demselben weiblichen Kuckucke sehr verschieden gefärbt und gezeichnet sein können. Damit wird aber die von gewisser Seite aufgestellte, rein theoretische Behauptung völlig entkräftet, jedes Kuckucksweibchen lege gleichgefärbte und -gezeichnete, sogenannte „typische“ Eier, welche für das „zum Verwechseln ähnliche Gelege“ einer besonderen Art der Kleinvögel bestimmt seien und regelmäßig dieser Art von dem weiblichen Kuckuck oktroyirt würden.

Adolf Müller.