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Der Geist der preußischen Schulregulative

Textdaten
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Titel: Der Geist der preußischen Schulregulative
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 19, S. 316
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1872
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Entgegnungen in Die Gartenlaube 1973, Heft 19
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[316] Der Geist der preußischen Schulregulative. Die „Gartenlaube“ schilderte kürzlich in einem Aufsatze die Bildung und das Leben eines Lehrers in dem preußischen Schullehrerseminar zu M. Verfasser der folgenden Zeilen hatte Gelegenheit, die von Mehreren ausgesprochene Ansicht zu hören, daß jener Aufsatz hie und da Uebertreibungen enthalte. Freilich hat darin die sittliche Entrüstung die Feder des Verfassers geführt und aus dieser Stimmung heraus wäre es erklärlich und verzeihlich, wenn er im Einzelnen die Farben vielleicht etwas zu stark aufgetragen hätte. Aber den Geist, der als Ausfluß der Schulregulative sich in jenem Seminar geltend machte, hat er sicherlich richtig gezeichnet. Hier der Beweis.

Ich versetze mich zurück in das Jahr 1856. Vor meiner Seele steht das Seminargebäude zu N., ein ehemaliges Mönchskloster. Die langen Gänge in demselben sind finster, dunkel die Zellen, in denen je nach ihrer Größe sechs oder zwölf Seminaristen wohnen. Es ist gerade „Studirstunde“, d. h. eine der Stunden, in denen sich die Seminaristen auf die Lectionen des folgenden Tages vorzubereiten haben. Sie sitzen an ihren Pulten. Die Thür von Zelle Nr. X wird geöffnet. Der Director tritt herein. Leise klappen verschiedene Pultdeckel zu. Der Director geht um. Mit dem schnellen Blick eines Feldherrn hat er das Ganze gemustert, und gesehen, daß jeder Seminarist Bibel oder Gesangbuch oder Katechismus vor sich aufgeschlagen hat. Da freut sich sein großes Herz über diese Früchte seiner Arbeit im Weinberge des Herrn. Nur auf einem Seminaristen ruht sein Blick mit finsterm Grimm. Die arme Seele rechnet gerade, statt in der Bibel zu lesen. – Der Director geht weiter in die Nebenzelle. Die Seminaristen athmen auf. Die Pultdeckel werden wieder in die Höhe gehoben und heraus aus dem Pulte wandern all die profanen Bücher, die man beim Eintritt des Directors, um demselben kein Aergerniß zu geben, mit wahrer Kunstfertigkeit fast unvermerkt hatte verschwinden lassen. Es sind das die Bücher, aus denen die Seminaristen ihr bischen Geschichte, Geographie, Naturwissenschaft und Rechnen lernten. Aber auch mancher Band von den verpönten Werken Schiller’s, Lessings oder Goethe’s war darunter. Denn der Geist der „sogenannten Classiker“ läßt sich von dem Geiste der Regulative nicht so schnell austreiben.

Ein anderes Bild. Ein Seminarist aus der ersten Classe hält in der Uebungsschule seine Lection über ein Thema aus der biblischen Geschichte. Ein Gebet des Seminaristen leitet die Lection ein. Seine Stimme ist bewegt, sein Haupt tief auf die Brust gesenkt, er wagt nicht sein Antlitz zu seinem Gott zu erheben, denn er weiß es, daß der Herr unser Gott ein starker, eifriger Gott ist – und daß der das Gebet und die Lection recensirende Director in seiner Nähe ist und ihn genau beobachtet. Die Lection geht im Ganzen gut und der Seminarist ist überzeugt, sein Möglichstes geleistet zu haben. Da kommt die Stunde der Recension. Der Seminarist zittert, denn der Director hat zwei unfehlbare Eigenschaften. Wenn er die Brille auf der Nase hat, vindicirt er sich die Fähigkeit, jedem Menschen in’s Herz sehen zu können, und wenn er einen Seminaristen über irgend ein Gotteswort seine Lection hat halten hören, so weiß er genau, ob bei demselben das Herz mitgesprochen hat. Unser Seminarist hat sich nun zwar bemüht, sein Herz nach Möglichkeit sprechen zu lassen, aber siehe, der Director sagt ihm, es wäre Alles eitel Arbeit des Kopfes gewesen. Richtig freilich ist, daß unser Docent nicht zu den Wiedergeborenen gehörte, die, circa zehn an der Zahl, in einer Zelle auf ihren Knieen allabendlich gemeinsam den Gott Israels um Vergebung ihrer Sünden anflehten.

Und wie gut meint es auch sonst der Director! Wie ermahnt er die Abiturienten, sich möglichst um eine „Dorfstelle“ zu bewerben, „wo eine Kirche ist“! Wie oft sagt er ihnen, daß die Schulmeisterei erst durch ihre Verbindung mit der Kirche ihre wahre Weihe erhalte! „Das Küsteramt ist die Krone der Schulmeisterei!“ Wie oft ruft er dies große Wort mit erhabener Begeisterung aus, und wie tief trifft sein Blick der Verachtung das Weltkind unter seinen Abiturienten, das in Sehnsucht nach einer „Stadtstelle“ auf diese Krone so freiwillig verzichten will! Und wie oft und deutlich läßt er merken, daß die Censurnummer des Abgangszeugnisses doch schließlich von dem im Seminar bewiesenen Glaubensleben abhänge!

So könnte ich noch Vieles erzählen, könnte genau berichten, wie in die finsteren Klostermauern alle Jahre dreißig Jünglinge ihr frohes, reines Herz und ihre Ideale trugen, und wie alle Jahre dreißig wieder hinauszogen, meist geknickt, arm und verkümmert an Kopf und Herz. Ich könnte erzählen, wie die Heuchelei und der Verrath privilegirt wurden etc. Doch vorbei, vorher!

Nur ein Bild noch will ich vor dem freundlichen Leser aufrollen. Er möge mir erlauben, ihm den Oberlehrer des Seminars vorzustellen. Derselbe ist wie der Director von Hause aus Theologe, aber er besitzt zwei Dinge, die der Director nicht besitzt, ein warmes fühlendes Herz und eine ausgebreitete Kenntniß unserer deutschen Literatur. Er kennt und bedauert die Geistes- und Gemüthsarmuth seiner Seminaristen. Da die Regulative die „sogenannten Classiker“ vom Seminar-Unterricht ausschließen, so beschließt er privatim wöchentlich eine Stunde der Muße seiner Seminaristen mit einem Vortrage über deutsche Literatur auszufüllen. Da sitzen die Seminaristen zu seinen Füßen – das Wort von den Idealen der Menschenbrust, um die es sich allein zu leben verlohnt, wird wieder in den öden finstern Hallen gepredigt, und manch braves Herz lernt wieder an die Menschheit glauben. – Aber ach, es ist ein kurzes Glück! Kaum zwei- bis dreimal hat der geliebte Lehrer seinen Vortrag gehalten, und dann nicht mehr. Zwar erschien er zur bestimmten Stunde wieder auf dem Katheder, jedoch nur, um seinen Seminaristen mit zitternder Stimme vorzutragen, daß ihm die weitere Fortsetzung seiner literar-historischen Vorträge untersagt worden sei. – Die Seminaristen wußten von wem. Da schwur manch heißes Jünglingsherz ewigen Groll der pfäffischen Finsterniß.

Der Oberlehrer weilt nicht mehr unter den Lebenden; sein Geist aber lebt in manchen seiner Schüler fort und in mancher treuen Brust hat der wackere Mann seinen Denkstein. Und sicherlich dürfen wir hoffen, daß von nun an auch in den preußischen Schullehrerseminaren die dunklen Zimmer und die Dunkelmänner ihre Rollen ausgespielt haben und daß sich dafür das freie Licht des Tages und der Aufklärung in die Hallen ergießen wird, in denen die Lehrer unseres Volkes zu ihrem edlen und schönen Berufe herangezogen werden.