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Textdaten
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Autor: Widar Ziehnert
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Titel: Der Gänserich zu Pegau
Untertitel:
aus: Sachsen’s Volkssagen: Balladen, Romanzen und Legenden. Band 2, S. 199–206
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1838
Verlag: Rudolph & Dieterici
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Erscheinungsort: Annaberg
Übersetzer:
Originaltitel:
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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[199]
22.
Der Gänserich

zu
Pegau.

[200] In Pegau ist an dem sich an das Rathhaus lehnenden Brückenbogen, der die Ober- von der Niederstadt trennt, ein geköpfter Gänserich in Stein gehauen. Nachstehende Begebenheit, deren geschichtliche Glaubwürdigkeit wohl nicht zu bezweifeln ist, fällt in das Jahr 1664.




[201]

Am Fenster stand harrend Zinngießers Brigitte,
     und schaute hinaus in den bunten Gedrang;
hell rief zu dem lustigen Gänserichritte
     der Zinken und Pfeifen weitgellender Klang.

5
„Ei seht doch die stattlichen Burschen! Wie reiten

     sie prächtig geputzet zum lustigen Spiel!
Wie stolz doch die Kämmerers Jüngferchen schreiten!
     pfui Guckuck, die wissen sich heute mal viel!“

Da ritt aus der Burschen lautjubelnder Mitte

10
     der Schönste von Allen zum Fenster heran:

„Mach’ hurtig nur, herzallerliebste Brigitte,
     mach’ hurtig und putze und schuhe dich an!“

Er hatte die schöne Brigitte zum Liebchen,
     der stattliche Gerbergeselle Fritz Schmidt;

15
das liebende Mädchen schloß eilends das Stübchen,

     und ging zu dem Spiele von Herzen gern mit.

[202]

Und wie in dem rosenen Feiertagskleide
     heraus zu der Thüre des Hauses sie sprang,
da grüßte der Zug sie mit jauchzender Freude,

20
     da tönten die Zinken mit lustigem Klang.


Drauf geht es flugs weiter durch alle die Straßen
     hinaus zu des Spieles umzäunetem Plan,
die rüstigen Pegauer Stadtpfeifer blasen
     mit Zinken und Hörnern gar lustig voran.

25
Und immer noch mehrt sich die Reihe der Mädchen,

     die schönsten in Pegau, heut sind sie zu Platz,
ein jeglicher wack’re Geselle im Städchen
     holt heute wohl seinen treueigenen Schatz.

Und wie nun der Zug hinaus auf die Stelle

30
     des Spieles gekommen, da eilen behend

die Mädchen mit fröhlich wetteifernder Schnelle
     längst über die Bahn bis zum äußersten End’.

An zween mit Blumen umwundenen Stangen
     war quer ob der Bahn eine Leine gespannt,

35
und mitten an diese nun wurde gehangen

     ein lebender Gäns’rich an hanfenem Band.

Das Thier hing acht Ellen hoch über der Erden,
     im gestreckten Galoppe nun mußte man ihn,
um Sieger und König im Spiele zu werden,

40
     mit Gewalt seinen hanfenen Banden entzieh’n.


[203]

Und hoch auf der Stangen vergoldeten Spitzen,
     da hing für die Sieger der rühmliche Preis,
Halskragen und Tücher und Westen und Mützen
     am lustig sich schaukelndem Ebischenreis.

45
Die Burschen bestimmten die Reihe durch’s Loosen,

     die Sieben, die böse, erlooste sich Schmidt;
die Mädchen beschossen die Reiter mit Rosen,
     sie neckend ermunternd zum lustigen Ritt.

Der Erste gab jubelnd dem Gaule die Sporen,

50
     und griff nach dem Gäns’rich im vollen Galopp,

doch hätt’ er beinahe den Sattel verloren,
     laut lachten die neckischen Mädchen darob.

Der Zweite, der Dritte, der Vierte, der Fünfte,
     der Sechste, sie theilten des Ersten Geschick,

55
Der Eine wohl lachte, ein Anderer schimpfte,

     ein Dritter auch zog sich voll Aerger zurück.

Noch schwebte der Gänserich hoch an der Leine,
     da sprengte stilllächelnd der Gerber hinan,
und glücklich erhascht’ er den Vogel am Beine,

60
     und zerrte mit möglichsten Kräften daran.


Wohl wand sich der Gänserich wüthend im Ringe,
     biß grimmig und schlug mit den Flügeln umher,
doch fest hielt der Gerber die hanfene Schlinge,
     als ob er dran selber gebunden mit wär’.

[204]
65
Er schwebt überm Sattel, sein Rappen entweichet,

     still sieht es die Menge, und mahnt ihn zum Muth,
da plötzlich springt er herab und erbleichet
     und sinket zu Boden, beträufet von Blut.

Zuspringen die Burschen, zuspringen die Mädchen,

70
     und heben den blutenden Jüngling empor;

o Jesu, es sprang wie ein purpurnes Fädchen
     das Blut aus zerbissenen Adern hervor

Brigitte umschlang ihn, und netzt ihn mit Zähren:
     „Herzliebster! Ach Herrgott! Mein Friedrich ist todt!

75
O daß wir vom Spiele geblieben doch wären!

     Helft, Leute! – Er stirbt mir! Barmherziger Gott!“

Sie riß sich vom Nacken den linnenen Kragen,
     sie riß sich vom Kleide den Saum, und umwand
die Wunden, doch unaufhaltsam durchbrachen

80
     die Ströme des Blutes jedweden Verband.


Da stürzte verzweifelnd sie neben ihm nieder,
     die Gespielinnen trugen sie weinend nach Haus,
sie sahe den Inniggeliebten nicht wieder,
     er hauchte sein Leben vor Abend noch aus.


85
Kaum daß ihm die Aerzte die Adern verbanden,

     da schloß sein verglommenes Auge sich zu;
drei Tage drauf trugen die Innungsverwandten
     ihn nach Sanct Johannis1) zur ewigen Ruh.

[205]

Brigitte lag siechend vor Jammer danieder,

90
     und klagte und weinte und härmte sich ab,

und kaum noch kehrte der Frühling wieder,
     da grub man an Friedrichs Seite ihr Grab.



Der Gänserich welcher so Schweres verschuldet,
     ward drauf an der Brücke in Sandstein gehau’n,

95
das Gänserichreiten war nie mehr geduldet,

     und nie eine Gans mehr in Pegau zu schau’n.2)







[206]
Anmerkungen.

1) Die Sanct Johanniskirche in Pegau ist zugleich die Begräbnißkirche.

2) Den Pegauern ward alsbald das Volksfest des Gänserichreitens, so wie auch das Halten der Gänse innerhalb der Stadt untersagt, und noch jetzt darf sich keine Gans in Pegau blicken lassen.