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Autor: Georg Horn
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Titel: Der Formenschatz der Renaissance
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 290
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1878
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[290] Der Formenschatz der Renaissance. Eine Volksausgabe unserer Formenclassiker. Der dreißigjährige Krieg hatte das ganze reiche Culturleben, das sich in Deutschland vom 14. zum 16. Jahrhundert zu so reicher Blüthe entfaltet hatte, halb zerstört, halb verschüttet. Nahezu zwei Jahrhunderte brauchten wir an mühevoller materieller Arbeit, um Schutt und Trümmer, die uns dieser unseligste aller Kriege zurückgelassen, hinwegzuräumen, und erst in neuerer Zeit können wir überschauen, was Deutschland vor dieser Katastrophe an Kunst und Kunsthandwerk besessen, was es vergessen hatte, was es aber glücklicher Weise noch besitzt. Die Gegenwart scheint zur Schaffung neuer Kunstformen nicht besonders angethan zu sein. Unsere Zeit hat einen großen technischen Zug, welcher der ruhigen Bildung origineller Kunstformen nicht förderlich zu sein scheint, und doch wohnt uns durch eine vielseitige Bildung, durch eine weite Umschau auf allen künstlerischen Gebieten, durch den gesteigerten Wohlstand das Bedürfniß der schönen Erscheinung in unserer täglichen Umgebung inne.

Aber dieses Bedürfniß hält, wie wir wissen, mit der Production nicht gleichen Schritt. Es möchte daher das Gerathenste und Praktischste sein, sich an das anzulehnen, was eine frischere und fruchtbarere Phantasie vergangener Zeiten an künstlerischem Schaffen uns hinterlassen hat. Zu diesem Zwecke können wir nichts Besseres thun, als den Lesern unserer „Gartenlaube“, die namentlich in dem Gewerbestande so zahlreiche Freunde besitzt, das Werk des Dr. Georg Hirth in München, „Der Formenschatz der Renaissance“. Verlag von G. Hirth in Leipzig, auf das Allerangelegenste zu empfehlen.

Die Vorgänge der neuesten Zeit haben uns vielfach gemahnt, daß es mit dem Schlendrian, welchem sich das deutsche Kunstgewerbe hingegeben, ein Ende haben muß. Wir wurden durch die Fremde aus allen Gebieten überflügelt, und der nationale Wohlstand hat dadurch gar nicht zu berechnende Schädigungen erhalten. Der deutsche Kunstarbeiter litt bisher an einer Indolenz, die ihn nie den Gang in das Wirthshaus scheuen ließ, wohl aber den Versuch, aus einer Bibliothek oder in einer Sammlung für sein Gewerbe sich Anschauungen und Formen zu holen, sein Wissen und damit auch sein Können dadurch zu erweitern und zu vertiefen. Durch den Herausgeber des genannten Werkes ist ihm für die Zukunft jede Entschuldigung oder Ausrede, daß öffentliche Sammlungen schwer zugänglich seien, vollständig abgeschnitten. Dr. Hirth giebt in sorgfältig nach dem Geschmack und der Zeit ihrer Entstehung aufgeführten Blättern eine reiche Fundgrube von Formen und Gestaltungen nach allen Richtungen unseres auf Kunstschönheit in der täglichen Umgebung hinstrebenden modernen Culturlebens. Wir standen mit unserem ganzen Kunstleben in Deutschland zu lange unter der sclavischen Nachahmung der Antike. Durch Schulen und Bildungsanstalten wurde diese Richtung genährt und unterstützt, wenn auch gerade nicht gefördert, denn das Volk stand ihr doch immer fremd gegenüber. Wir hatten eine Zeit vergessen, wo der deutsche Künstler und Handwerker sich die Formen der Antike in ureigenster Weise assimilirt und umgeschaffen hatte, sodaß die deutsche Renaissance, wenn auch nicht unabhängig von den Anregungen durch die italienische und französische, doch ein selbsteigner Kunststil wurde.

Und welche Meisterwerke besitzen wir davon noch! Hätte uns nicht die Kunstausstellung in München darüber belehrt, so würde es das vorliegende Werk thun. Hier findet der Juwelier, der Silberarbeiter, der Bildhauer, der Tischler, der Töpfer, der Formenschneider, der Buchdrucker, die Stickerin, der Teppichwirker, der Waffenschmied, der Baumeister einen reichen Schatz der stilvollsten und herrlichsten Gestaltungen, die das Zeitalter der Renaissance hervorgebracht hat. Sie sind den Werken der hervorragendsten deutschen und niederländischen Meister des 16. Jahrhunderts entnommen, aber auch die italienische und französische Renaissance wird durch ihre besten Muster vertreten sein. In Rücksicht aus den Nutzen und den Segen, den das deutsche Gewerbe von dem Werke haben soll, hat die Verlagshandlung die Einrichtung getroffen, daß jedes Heft mit zwölf bis sechszehn Bildern zu einer Mark abgegeben wird, sodaß der ärmste Lehrbursche sich leicht in den Besitz dieses prächtigen Verlagswerkes setzen kann. Das königlich baierische Cultusministerium hat, die Wichtigkeit des Unternehmens wohl erkennend, den „Formenschatz“ allen Unterrichtsanstalten empfohlen, an denen das Zeichnen obligatorisch ist. Durch die „Gartenlaube“ sei es nicht allein dem ganzen deutschen Gewerbestande, sondern auch allen gebildeten Familien in Stadt und Land warm empfohlen. Denn wenn die nationalen kunstgewerblichen Bestrebungen, welche jetzt einen so schönen Anlauf genommen haben, nicht erlahmen sollen, so müssen sie einem zu immer höherer Vervollkommnung anspornenden geläuterten Geschmacke im Publicum begegnen. In München z. B. hat der Hirth’sche „Formenschatz“ jetzt schon den Charakter eines Familienbuches angenommen, aus welchem auch die Tochter des Hauses die schönsten Muster zu ihren Arbeiten schöpfen; was aber dort frohen Kunstgenuß gewährt, das wird auch in der ländlichen Einsamkeit – und hier erst recht! – zur Quelle reinster Freude werden.

Georg Horn.