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Titel: Der Canarienvogel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 181–184
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[181]
Der Canarienvogel.
Von einem Harzer Züchter.
Die Farbe des Vogels. – Wie er gefüttert werden muß. – Sein Käfig. – Seine Pflege der Krankheiten. – Wie er zahm zu machen ist. – Züchtung der Vögel auf dem Harz. – Die Hecken. – Die größten Händler. – Rathschläge beim Ankauf.


Bei der allgemeinen Beliebtheit, deren sich der Canarienvogel bei Hoch und Niedrig, bei Arm und Reich seines prächtigen goldgelben Gefieders wie seines Gesanges wegen erfreut, und bei der großen Verbreitung desselben über fast alle Länder nicht nur des Continents, sondern auch jenseits des Oceans, dürfte es den Tausenden und Abertausenden von verehrlichen Lesern und schönen Leserinnen der Gartenlaube, welchen ein Canarienvogel das Zimmer zieren und mit seinen harmonischen Tönen trübe Gedanken verscheuchen hilft, gewiß nicht uninteressant sein, an dieser Stelle einmal etwas Näheres über die Herkunft, Pflege und Zucht des kleinen Sängers zu erfahren.

Der Canarienvogel (fringilla canaria) gehört in die Classe der körnerfressenden Singvögel (granivori) und unter diesen mit Buchfink, Stieglitz, Hänfling, Zeisig und Sperling in’s Geschlecht der Finken. Seinen so sehr empfehlenden Eigenschaften – Gesang und Farbe, Gelehrigkeit, Fortpflanzung in der Gefangenschaft – hat er es zu verdanken, daß er schon seit Jahrhunderten zum erklärten Lieblinge unter allen Stubenvögeln besonders der zarteren Hälfte des Menschengeschlechtes ernannt ist.[1]

Es ist bekannt, daß er auf den canarischen Inseln einheimisch ist und daß er von diesen seinen Namen erhalten hat. Nicht so bekannt dürfte sein, daß er dort in der Wildniß nicht das gewöhnliche gelbe, sondern ein einfach graues Gefieder, das am Unterleibe in’s Grünliche spielt, trägt. Diese seine ursprüngliche Farbe ist durch klimatische Verhältnisse,[2] veränderte Nahrung und Lebensweise, wie durch Kreuzung mit Stieglitz, Hänfling, Zeisig etc. derart verändert worden, daß sie bei uns nur noch in seltenen Fällen zu Tage tritt. Die bei weitem vorherrschende Farbe unseres gezähmten Canarienvogels ist die gelbe, und je nachdem dieselbe mehr in’s Weiße oder Goldgelbe spielt, unterscheidet man weißgelbe, strohgelbe und hoch- oder goldgelbe Vögel. Doch giebt es daneben noch grüne, rothbraune und gefleckte oder bunte Vögel, letztere tragen bei gelber Grundfarbe graue, braune, schwarzgraue, graubraune oder grüne Abzeichen. Je regelmäßiger diese Zeichnungen sind und je besser die verschiedenen Farben zusammen passen, desto kostbarer ist der Vogel. Vögel, welche neben weiß- oder strohgelber Körperfarbe einen mit Krone gezierten Kopf und rothbraune ober isabellenfarbige Flügel besitzen, gelten für die schönsten; nächst diesen haben goldgelbe Vögel mit schwarzem Kopfe, schwarzgrauen Flügeln und Schwanz den höchsten Werth; auch einfach gelbe mit schwarzem Kopfe oder schwarzgraue mit gelbem Kopfe oder Halsband sind noch geschätzt; alle übrigen unregelmäßig gezeichneten werden den einfarbigen gleich geachtet.

Besondere Farbenunterschiede zwischen Männchen und Weibchen giebt es nicht. Doch zeichnen sich die ersteren durch schlankeren Wuchs, größeren Kopf, längeren Hals und breitere Brust vortheilhaft vor den Weibchen aus. Strohgelbe und rothbraune Männchen zeigen außerdem rings um die Augen eine feurigere Farbe als die gleichfarbigen Weibchen. Der Hauptunterschied zwischen beiden Geschlechtern besteht in der Stimme. Während nämlich das Männchen schon bei einem Alter von sechs bis acht Wochen ein anhaltendes Gezwitscher hören läßt, das sich nach und nach vervollkommnet und nach einem halben Jahre in einen durchdringenden, schönen Gesang übergeht, ist das Weibchen höchstens im Stande, einige abgebrochene schwache Töne ohne Harmonie und Zusammenhang von sich zu geben.

Das Alter der Canarienvögel variirt zwischen zehn und zwanzig Jahren. Am besten sind die Vögel von zwei bis acht Jahren; wenn sie älter werden, verlieren sie mehr oder weniger an Gesang und Farbe.

In seiner Heimath lebt der Canarienvogel vom Samen des Canariengrases, welches mit dem Vogel auch bei uns acclimatisirt ist; er soll jedoch auch das Zuckerrohr nicht verschmähen und in den Zuckerplantagen der canarischen Inseln nicht selten arge Verwüstungen anrichten, so daß er dort keineswegs ein gern gesehener Gast ist. In der Gefangenschaft muß das Hauptfutter zu allen Zeiten des Jahres aus reifem, nicht allzu jungem Sommerrübsamen bestehen, der gehörig von Staub zu reinigen ist; alle anderen Körnerarten, Canariensamen, Mohn, Hanf, Hirse etc. dürfen nur ab und zu und dann in geringen Quantitäten gereicht werden; wird zu viel davon gegeben, so werden die Vögel fett und in Folge dessen faul und krank. Auch alle anderen Leckerbissen, Zwieback, Zucker, Biscuit und dergleichen sind zu verwerfen, weil sie die Thiere verweichlichen und öfter Ursache von Krankheiten (Verstopfungen, Durchfall) werden.

Dagegen ist es nothwendig, daß die Vögel regelmäßig (mit [182] Ausnahme der Mauserzeit – vergl. weiter unten), vielleicht von drei zu drei Tagen, etwas grünes Futter bekommen. Am liebsten fressen sie das im Harz und Thüringen sogenannte Kreuzkraut, jedoch auch Salat, Braunkohl, Rapunzen verschmähen sie nicht. Ist keins von Allen zu haben, so giebt man etwas Apfel oder Birne, aber ohne Schale. Dabei ist zu beachten, daß man immer nur auf einen Tag Futter geben darf; im anderen Falle geht viel Futter unnöthig verloren und die Vögel gewöhnen sich nicht daran, an allen Tagen gleich fleißig zu singen. Mindestens täglich einmal muß frisches Wasser zum Saufen gereicht werden. Das Gefäß ist jedesmal gründlich zu reinigen, damit das Wasser nicht schlecht wird. Neben dem Saufen ist in Zwischenräumen von vier bis sechs Tagen in einem größeren Geräthe Wasser zum Baden vorzusetzen. Weiches Wasser hat den Vorzug vor hartem. In der Mauserzeit (August bis October) empfiehlt es sich, ein Stück Eisen in das Trinkwasser zu legen.

Von den Käfigen eignen sich die runden, sogenannten Glockenbauer am besten für den Canarienvogel. Dieselben dürfen jedoch nicht zu groß und nicht zu klein sein. Käfige aus Messingdraht können leicht schädlich werden durch Ansetzen von Grünspahn. Jeder Käfig muß mit zwei bis drei Sprunghölzern versehen sein, welche jedoch nicht zu dünn sein dürfen, weil der Vogel sonst leicht Krampf in den Beinen bekommt. Futter und Trinknäpfe sind an der Außenseite anzubringen und werden zweckmäßig mit einer Blechhaube versehen. Gläserne haben den Vorzug vor metallenen oder irdenen Gefäßen. Den Boden des Käfigs bestreut man mit feinem Flußsande.

Die Temperatur, der ein Canarienvogel ausgesetzt werden kann, darf in der Regel nicht unter zehn und nicht über achtzehn Grad betragen. An Kälte kann er eher gewöhnt werden, als an zu große Hitze. Verfasser hat seine Vögel bis Mitte November im ungeheizten Zimmer bei einer Temperatur von + 4° R. gehalten, und sie haben sich dabei wohl befunden. Es ist deshalb durchaus verkehrt, die Vögel an heißen Sommertagen in die Sonne zu hängen; ebenso schädlich ist es, wenn sie an’s offene Fenster gestellt werden, wo es stets mehr oder weniger zieht.

Nachdem im Vorstehenden das Wichtigste über die Pflege unserer zarten, gelbgefiederten Freunde mitgetheilt ist, sollen die gewöhnlichsten Krankheiten der Vögel einer näheren Besprechung unterzogen werden.

So lange ein Vogel das Gefieder glatt trägt, singt, in gewohnter Weise im Käfig herumspringt und Appetit zeigt, ist er gesund. Fehlt eines von diesen Merkmalen, dann ist er krank. Nach Anleitung der folgenden Zeilen wird es nicht schwer werden, die Krankheit zu erkennen und zu heilen.

Bei der Darre, welche in Verhärtung der Fettdrüse auf dem Bürzel besteht und welche dadurch kenntlich ist, daß der Vogel öfter nach der Drüse beißt und den Schwanz hängen läßt, drückt man die Drüse behutsam mit dem Finger auf und bestreicht sie dann mit Provencer- oder Leinöl. Ist die Drüse hart, so muß sie vorher mit Butter oder Oel erweicht werden.

Bei Durchfall schneidet man die Afterfedern ab und bestreicht den After mit Oel. In das Saufen legt man rostiges Eisen und giebt einige Tropfen herben Rothwein dazwischen.

Bei Verstopfung, welche sich durch Anschwellung des Hinterleibes kenntlich macht und bei welcher der Vogel keine Excremente von sich geben kann, empfiehlt sich ein Klystier von Oel. Man taucht zu diesem Zwecke eine Stecknadel mit großem, glattem Kopfe in lauwarmes Oel und führt diese mehreremal behutsam in den Mastdarm ein. Wirkt dieses Mittel noch nicht, so füllt man dem Vogel von oben einige Tropfen Baumöl ein. Einige Blätter Brunnenkresse wirken dabei günstig.

Die Auszehrung oder Dörrsucht, bei welcher die Vögel auffallend mager werden, dabei Traurigkeit, Trägheit im Gesang, und Appetitlosigkeit an den Tag legen, hat ihren Grund meistentheils darin, daß verdorbenes oder zu mageres Futter gegeben worden ist. In der Regel hilft daher fettes Futter, Mohn, Hanfsamen (der aber gequetscht sein muß), auch wohl etwas gekochter Eidotter. Das Trinkwasser vermischt man gleichfalls mit einigen Tropfen Wein und macht dasselbe, durch Einlegen eines rostigen Nagels eisenhaltig.

In der Mauserkrankheit, welche bei allen Stubenvögeln mehr oder weniger zu Tage tritt, hilft wiederum Wein und eisenhaltiges Wasser; grünes Futter muß während der Mauserzeit auch bei gesunden Vögeln ganz wegbleiben. Werden die Vögel kränker, stecken sie den Kopf unter die Flügel, sitzen traurig auf einer Stelle und sträuben die Federn, so gebe man ihnen Eidotter, ferner einen Tropfen Zimmtöl und in’s Wasser etwas Chinaauflösung oder Jodtinctur.

Bei der Milben- oder Läusesucht giebt es ein einfaches, aber probates Mittel, welches darin besteht, daß man die alten Sprunghölzer aus dem Käfig nimmt und an deren Stelle solche aus hohlem Tüncherrohr einsetzt, welche an der unteren Seite mit einigen Einschnitten versehen sind. Das Ungeziefer zieht sich in den hohlen Raum und wird, wenn die Hölzer von Zeit zu Zeit herausgenommen und gereinigt werden, bald zu vertilgen sein. Alle anderen Mittel, Kienöl, Petroleum und dergleichen wirken bei weitem nicht so vorzüglich und können dem Vogel leicht Schaden bringen. Ein reinlich gehaltener Vogel wird übrigens von Schmarotzer-Insecten nie zu leiden haben.

Schließlich noch einige Winke darüber, wie man Canarienvögel ganz besonders zahm machen und wie man ihnen den so beliebten Nachtschlag beibringen kann.

Soll ein Vogel daran gewöhnt werden, auf der Hand sitzen zu bleiben, so schneidet man ihm zunächst die Schwungfedern der Flügel etwas ab; dann verdunkelt man das Zimmer und bestreicht ihm die Nasenlöcher mit einem starkriechenden Oele, z. B. Bergamottöl, so daß er kurze Zeit betäubt wird. Nach wenigen Wiederholungen wird er ruhig sitzen bleiben und auch lernen, von einem Finger zum andern zu hüpfen. Soll er dagegen aus dem Munde Nahrung nehmen lernen, so hält man ihn eine Zeit lang im Futter knapp und reicht ihm dann sein Lieblingsfutter mit den Lippen dar.

Den Gesang bei Nacht erreicht man einfach dadurch, daß man junge Vögel am Tage dunkel stellt, so daß sie wenig fressen können, und sie dann am Abend an’s Licht bringt.

Was den Handel mit Canarienvögel betrifft, so leistet Deutschland darin Bedeutendes.

Vor allen anderen Gegenden ist es das nördlichste der Gebirge Deutschlands, der Harz mit den nächstliegenden angrenzenden Districten (Eichsfeld, Grafschaft Hohnstein, Fürstenthum Grubenhagen), welcher die bei weitem größte Anzahl aller in den Handel kommenden und gleichzeitig die besten Canarienvögel producirt; denn wenn auch in vielen Orten Thüringens und Hessens, sowie in den nicht zum Harz gehörigen Theilen von Braunschweig und den preußischen Provinzen Sachsen und Hannover von Einzelnen Canarienvögel gezüchtet werden, so kann doch dieser Umstand der im Harz betriebenen Massenzüchtung gegenüber kaum in Betracht gezogen werden.

Es hat seine großen Schwierigkeiten, über die Gesammtzahl der im Jahre durchschnittlich gezüchteten Vögel genaue Ermittelungen anzustellen, doch hat Verfasser auf Grund zahlreicher Angaben, die ihm von größeren Händlern und vielen Züchtern zugegangen sind, wie auf Grund eigener Beobachtung berechnet, daß in Deutschland überhaupt jährlich rund 450,000 Canarienvögel gezüchtet werden, und daß von diesen mindestens 300,000 Vögel, also sechsundsechszig Procent der Gesammtzucht Deutschlands, auf den Harz mit fünfmeiligem Umkreis entfallen.

Diese Zahlen mögen übertrieben groß erscheinen; wer aber die Vögelzucht im Harz einigermaßen kennt, wird zugeben müssen daß sie durchaus nicht zu hoch gegriffen sind. Im Harz wird die Canarienvögelzucht eben nicht, wie anderwärts, aus Liebhaberei betrieben, sondern sie hat sich zu einem Industriezweig ausgebildet, der noch stetig im Wachsen begriffen ist und dessen Bedeutung nicht unterschätzt werden darf.

Und wenn sich dabei auch nicht Reichthümer sammeln lassen, so ist doch vielen Familien, die sich kümmerlich durch Bergbau, Holzarbeiten, Nagelschmiederei und dergleichen ernähren müssen, die Gelegenheit geboten, sich zu ihrem Lebensunterhalt durch die Vögelzucht eine regelmäßige mehr oder weniger große Beihülfe zu verschaffen.

Man nimmt an, daß die Canarienvögelzucht unter normalen Verhältnissen vierzig bis fünfzig Procent Reingewinn abwirft.

Werden also im Harze jährlich dreihunderttausend Vögel gezüchtet, von denen die eine Hälfte aus Männchen, die andere aus Weibchen besteht, und wird im Durchschnitte ein Hähnchen mit fünf Mark, ein Weibchen mit einer halben Mark bezahlt, so [183] ergiebt sich ein Reingewinn von über vierhunderttausend Mark jährlich.

Wenn freilich, wie im vergangenen Jahre, welches ohnehin für die Vögelzucht im Harze ungünstig war, nicht nur, weil die im April und Mai vorherrschende kalte Witterung den in ungeheizten Räumen untergebrachten Hecken großen Schaden zufügte, sondern auch, weil aus einer nicht erklärlichen Ursache unverhältnißmäßig viel taube, das heißt unbefruchtete Eier gelegt wurden, der Preis der Vögel in Folge des „großen Krachs“, wohl auch in Folge von Ueberproduction, gegen den der Vorjahre plötzlich um fünfundzwanzig Procent zurückgeht, dann ist der Gewinn für den Einzelnen ein sehr bescheidener. Arbeit und Mühe ist in solchen Fällen umsonst gewesen; ja, mancher Züchter, der durch Krankheiten seiner Vögel noch besonders Unglück hatte, hat nicht nur Nichts verdient, sondern sein baares Geld zugesetzt.

Gezüchtet wird im Harze überall. Im ganzen, vierzig Quadratmeilen umfassenden Gebiete desselben dürfte schwerlich ein Ort zu finden sein, der nicht wenigstens einen oder mehrere Züchter des beliebten Stubensängers aufweisen kann. Besonders die auf dem Hochplateau des Unterharzes gelegenen Ortschaften Hasselfelde, Benneckenstein, Fanne, Hohegeiß. Elbingerode, sowie die durch ihren Bergbau bekannten Städte des Oberharzes Clausthal, Wildemann und Andreasberg betreiben die Züchtung in’s Großartige; auch in Nordhausen und Umgegend, in Lauterberg und Herzberg, in Wernigerode und Ilsenburg giebt es bedeutende Züchtereien. Es wurden beispielsweise trotz der vorstehend geschilderten ungünstigen Verhältnisse des Vorjahres gezüchtet: in Hasselfelde von zwanzig Familien ungefähr zweitausendvierhundert Vögel, in Benneckenstein von fünfzig Familien über viertausend Vögel. In Nordhausen, wo ungefähr achtzig Züchter größere Hecken unterhalten, erzielte ein einziger derselben, der Rentier Kuntze, zwölfhundert Vögel.

Die Größe der Hecken und die Zahl der von den Einzelnen producirten Vögel sind sehr verschieden. Der räumlich beschränkte, zur Miethe wohnende Handwerker, welcher zwanzig bis vierzig Vögel züchtet, begnügt sich damit, seinen Vögeln für die Dauer der Heckzeit die Hälfte seines Schlafgemachs einzuräumen, während Andere ganze Stockwerke geräumiger Häuser mit zahlreichen Zimmern zur Hecke einrichten und Hunderte, ja Tausende von Vögeln züchten. Den größten Ruf aber, nicht allein was die Stückzahl der dort gezüchteten Vögel anbelangt, sondern auch, was die Vortrefflichkeit ihres Gesanges betrifft, hat sich das hoch im Gebirge am Fuße des Brockens gelegene schon oben erwähnte Städtchen Andreasberg zu verschaffen gewußt. Von ungefähr dreihundert Familien werden dort im Jahre durchschnittlich fünfundsiebenzigtausend Stück Canarienvögel gezüchtet, welche einen Verkaufswerth von mindestens einer Viertel Million Mark repräsentiren.

Andreasberger „Glucker“, „Hohlschläger“, „Roller“, „Doppelroller“, „Flöter“ – das sind die keiner weiteren Erläuterung bedürftiger Kunstausdrücke für die im Gesange sehr verschiedenartigen Vögel – sind weit über die Grenzen Deutschlands, ja Europas hinaus bekannt und gesucht.

Ihre Berühmtheit verdanken die Andreasberger Vögel dem Umstande, daß die dortigen Züchter sich seit langen Jahren darauf befleißigt haben, ihren Vögeln einen möglichst vollkommenen Schlag beizubringen, was sie dadurch erreichen, daß sie zur Zucht und demnächst zum Anlernen der jungen Hähnchen immer nur die ausgesuchtesten Vögel verwenden. Das alte deutsche Sprüchwort: „Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen“, trifft hier im eigentlichsten Sinne des Wortes zu. Außerdem kommt hinzu, daß nirgends so wie in Andreasberg die Vögelzucht in den Familien forterbt und sich deshalb sämmtliche Einwohner auf die sorgfältigste und nutzbringendste Behandlung der Vögel verstehen.

Nur einen Fehler tragen wohl alle Andreasberger Vögel mehr oder weniger an sich, den nämlich, daß sie schwächeren Körperbaues und mehr verweichlichter Natur sind, als die an anderen Orten des Harzes groß gewordenen Vögel, eine Erscheinung, die sich nur durch die zu ängstliche und sorgfältige Abwartung derselben erklären läßt.

Die vollkommensten Schläger liefern gegenwärtig die Bergleute Trute, Schnell und Rosenbusch. Der größte Händler dagegen, der Züchterei, An- und Verkauf in einer Hand vereinigt, und der einzige, der dieses Geschäft kaufmännisch mit Hülfe von Zeitungsinseraten und Preiscouranten betreibt, ist Rudolph Maschke. Derselbe verschickt jährlich weit über tausend Hähnchen einzeln durch die Post. Seine Hauptabsatzgebiete sind die östlichen Provinzen Preußens, Oesterreich, Ungarn mit Siebenbürgen, Schweiz, Niederlande, Schweden und Norwegen. Je nach der Länge des Weges, den sie zurückzulegen haben, werden die kleinen Holzkäfige mit ihren gefiederten Insassen in gut verschlossene mit Glasfenstern versehene Papp- oder Holzkisten gestellt; das mitgegebene Futter besteht in Weichfutter, Ei und Semmel, und einem mit Wasser getränkten Schwämmchen; auf diese Weise verpackt, können die Vögel einen drei- bis siebentägigen Posttransport, selbst bei strenger Kälte ohne Nachtheile aushalten. Rudolph Maschke kann Allen, die sich einen guten Harzer Vogel anschaffen wollen, als zuverlässig und reell empfohlen werden.

Nirgends wird übrigens mehr Schwindel getrieben, als gerade beim Handel mit Canarienvögeln. Wie allerorts giebt es auch in Andreasberg gewissenlose Händler, welche ganz gewöhnliche Vögel für theures Geld verkaufen. Besonders muß vor herum ziehenden Händlern gewarnt werden, weil diese fast ohne Ausnahme betrügen. Tausende von Weibchen, besonders solche, die schon eine oder mehrere Hecken durchgemacht haben, werden von denselben für wenige Groschen das Stück aufgekauft, um demnächst in der Fremde als Hähnchen wieder verkauft zu werden. Um ihre Waare an den Mann zu bringen, bedienen sich diese Menschen der verschiedenartigsten Kunstgriffe. Sie erbieten sich z. B. dem Käufer einen Vogel gegen die Hälfte des Kaufpreises zur Probe zu überlassen und versprechen in einigen Tagen wiederzukommen, um den Rest der Kaufsumme oder den Vogel wieder in Empfang zu nehmen. Ein Käufer, der darauf eingeht, ist natürlich der Betrogene; er erhält für zwei bis drei Mark ein Weibchen, das im günstigsten Falle fünfzig Pfennige werth ist, der Händler aber verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Wer deshalb sicher gehen will, kaufe von unbekannten Händlern nie einen Vogel, wenn er nicht vorher den Gesang desselben gehört hat. Der Preis für Schläger ist sehr verschieden; im einzelnen wird für den geringsten Vogel sechs Mark bezahlt, bessere Vögel kosten bis dreißig Mark; ganz besonders ausgezeichnete Schläger erlangen noch höhere Preise. In Andreasberg wurde beispielsweise im letzten Sommer von einem Liebhaber für ein Hähnchen hundertfünf Mark bezahlt. Doch stehen solche Fälle vereinzelt da. Jedenfalls muß es als Luxus bezeichnet werden, in Deutschland für einen Canarienvogel mehr als zwanzig Mark auszugeben.

Die große Mehrzahl aller gezüchteten Vögel wird von Händlern aufgekauft; kein Harzer Züchter zieht mit seinen Vögeln, wie früher die Tiroler, selbst in die Welt. Die Händler bezahlen nach der Qualität der Vögel drei bis sechs Mark. Nach Beendigung der Mauserzeit, im October und November, ziehen sie von Ort zu Ort mit großen Reffen auf dem Rücken, welche bis zu fünfzig kleine Holzbauer enthalten, von denen je einer einen Vogel aufnimmt. Sie kaufen entweder für eigene Rechnung oder sind als Aufkäufer von größeren Vögelhandlungen ausgeschickt. Bis auf einen kleinen Bruchtheil werden alle der auf solche Weise eingekauften Vögel in’s Ausland ausgeführt.

Das bedeutendste Exportgeschäft für Canarienvögel ist gegenwärtig das der Firma C. Reiche zu Alfeld in Hannover, welcher fünf Aufkäufer oder Sortirer, von denen jeder seinen bestimmten Bezirk hat, beschäftigt. Dieselbe hat im Jahre 1874 neben vielen anderen deutschen Singvögeln achtundsechszigtausend Canarienhähnchen nach fremden Ländern ausgeführt. Davon gingen einundsechszigtausend nach den Vereinigten Staaten von Nordamerika und nach Canada, dreitausend nach Brasilien und Peru, zweitausend nach Australien (Melbourne und Sidney), tausendfünfhundert nach Südafrika und fünfhundert nach England. Nach sämmtlichen Plätzen gingen nebenbei der zehnte Theil Weibchen.

Das besondere Verdienst der genannten Firma ist es, dem Handel mit deutschen Canarienvögeln ganz neue Absatzgebiete jenseits des Oceans eröffnet zu haben. Ihre im Jahre 1846 gegründete Zweigniederlassung, Chas. Reiche u. Brother in New-York, hat durch fortgesetzte Bemühungen und Anstrengungen [184] und ungeachtet mehrfacher empfindlicher Verluste in den Anfangsjahren, durch häufige Reclamen, kostspielige Annoncen und ausführliche Broschüren wie durch stets reelle Bedienung in Nordamerika eine so große Liebhaberei für deutsche Canarienvögel in’s Leben gerufen, daß gegenwärtig die Hälfte der ganzen Zucht nach den Vereinigten Staaten abgesetzt wird. Natürlich stellen sich die Preise für Canarienvögel in Amerika bedeutend, um das Doppelte bis Vierfache höher, als bei uns.

Diese Preise lassen sich einestheils aus den hohen Transportkosten erklären, anderntheils haben sie ihren Grund darin, daß bei jeder längeren Seereise eine größere Anzahl der zarten Vögel durch Tod verloren geht.

  1. Im siebenzehnten Jahrhunderte war der Canarienvogel im Salon jeder Schönen ebenso unentbehrlich, wie es heutzutage ein Pianino ist. Die Vögel waren in der Regel so dressirt, daß sie ruhig auf dem Zeigefinger der rechten Hand sitzen blieben. Mit dem Vogel auf der Hand empfing die Dame des Hauses Besuche, mit dem Vogel ließ sie sich malen; daher so häufig weibliche Portraits aus jener Zeit mit dem Canarienvogel auf der Hand.
  2. Es ist eine auffällige, aber durch ein merkwürdiges Naturgesetz begründete Erscheinung, daß solche Thiere, welche aus wärmeren, südlichen Gegenden nach kälteren nördlichen Himmelsstrichen verpflanzt werden, hellere Farbe bekommen. So haben nach übereinstimmenden Berichten die Gold- und Silberfische in ihrer Heimath China durchaus nicht die glänzende Farbe, durch welche sie sich bei uns auszeichnen.