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Textdaten
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Autor: Widar Ziehnert
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Titel: Der Bock von Bockau
Untertitel:
aus: Sachsen’s Volkssagen: Balladen, Romanzen und Legenden. Band 2, S. 217–224
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1838
Verlag: Rudolph & Dieterici
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Erscheinungsort: Annaberg
Übersetzer:
Originaltitel:
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Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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Indexseite
[217]
24.
Der Bock

von
Bockau.

[218] Bockau, Bergflecken im Kreisamte Schwarzenberg, ist durch seinen Arzneikräuterbau bekannt genug. Nacherzählte Sage, deren geschichtliche Grundlage wohl leicht zu erkennen ist, fällt wahrscheinlich in das 15. Jahrhundert.




[219]

     Ein Hirte saß
     im grünen Gras,
und eng an seiner Seite
     gar hold und fein

5
     ein Mägdelein

 im blauen Schäferkleide.

     Sie küßten sich
     so inniglich,
doch ohne Scherz und Lachen.

10
     Es schien ihr Herz

     ein stummer Schmerz
und Kummer schwer zu machen.

     Wohl war die Maid
     gar gern bereit

15
zur Treue bis zum Grabe;

     doch ach, ein Bock
     und Schäferrock
war seine ganze Habe.

[220]

     Ihr galt das gleich,

20
     sie war ja reich,

jedoch ihr Vater wollte,
     daß sie, als sein
     lieb Töchterlein,
nach Reichthum freien sollte.

25
     Das Mägdlein sprach

     gar traurig: „Ach,
bald müssen wir uns meiden,
     weil Gut und Geld
     in dieser Welt

30
die Herzen tückisch scheiden.


     Gern gäb’ ich mich
     ganz hin an dich,
wollt’ keinen Andern wählen;
     doch würde dir

35
     alsdann und mir

der Vatersegen fehlen!“

     Die Beiden drauf
     steh’n weinend auf,
die Maid, um heim zu gehen,

40
     der Hirt, einmal

     im nahen Thal
nach seinem Bock zu sehen.

[221]

     Der Bock war fort,
     nicht da, nicht dort,

45
nicht dort, nicht da zu finden.

     Wehklagend irrt
     der arme Hirt
in Feldern und in Gründen.

     Der Abendstrahl

50
     schied schon vom Thal,

der Bock, ach! blieb verschwunden.
     Der Hirte rief
     ihn laut, und lief
die Füße sich voll Wunden.

55
     Er irrt im Wald;

     da plötzlich schallt
ein Meckern. Voller Freude
     lief er, und fand
     am Waldesrand

60
den Bock auf fetter Weide.


     „Was machst du hier,
     du gutes Thier?
Hast du mich ganz vergessen?
     Ei sieh, du hast

65
     an süßer Mast

 dich voll und satt gefressen!

[222]

     Was ist denn das?
     Ha, Sandriedgras!
und Alant, welche Länge!

70
     Da Bärendill,

     dort Bergkamill’
und Engelswurz die Menge!

     Dies Alles, ei!
     giebt Arzenei,

75
das kann ich hoch verkaufen.

     Wie will ich gern
     nun nah und fern
das ganze Land durchlaufen!

     Er sinkt aufs Knie

80
     so froh, wie nie:

„Ja, Gott, du hilfst dem Armen!
     Ich danke dir,
     daß du mit mir
hast gnädiges Erbarmen!

85
     Bin ihr nun gleich,

     wie sie so reich,
brauch’ mich nicht mehr zu grämen!
     Ihr Vater wird
     den armen Hirt

90
bald gern zum Eidam nehmen!“


[223]

     Flink las er drauf
     die Kräuter auf,
und band sie fest in Bunde,
     belud damit

95
     den Bock, und schritt

rasch aus dem Wiesengrunde.

     Als Gärtnerssohn
     wohl kannt’ er schon
von Jugend auf die Pflanzen,

100
     und zum Verkauf

     im flinken Lauf
trug er sie nun im Ranzen.

     Kaum ging ein Jahr
     vorbei, da war

105
beträchtlich sein Vermögen,

     und obendrein
     das Liebchen sein
mit ihres Vaters Segen.

     Wie dies im Land

110
     nun ward bekannt,

da bauten ihrer mehre
     ein Städtlein dort,
     das hieß sofort
Bockau, dem Bock zur Ehre.

[224]
115
     Die Kräuterleut’

     durchzieh’n noch heut
das Land im Leinwandkittel,
     in Reff und Sack
     den Schnupftaback,

120
als allprobates Mittel.