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Der Blutfleck in der Klosterkirche zu Schloß Chemnitz

Textdaten
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Autor: Widar Ziehnert
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Titel: Der Blutfleck in der Klosterkirche zu Schloß Chemnitz
Untertitel:
aus: Sachsen’s Volkssagen: Balladen, Romanzen und Legenden. Band 2, S. 161–172
Herausgeber:
Auflage: 1. Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1838
Verlag: Rudolph & Dieterici
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Erscheinungsort: Annaberg
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Google und Commons
Kurzbeschreibung:
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[161]
18.
Der Blutfleck in der
Klosterkirche

zu
Schloß Chemnitz.

[162] Das Schloß Chemnitz, eine halbe Stunde nördlich von der Stadt Chemnitz entfernt, hatte bis zum Jahr 1548 ein St. Johanniskloster, von welchem nur noch die Kirche (Filial von Glösa) und ein Seitengebäude steht. In dieser Kirche zeigt man außer einer, aus einem einzigen, der Sage nach in der Kirche selbst gewachsenen, Eichenstamme schön geschnitzten Geißelung Christi, auch einen feuchten Fleck in der Mitte der Kirche, in dem man, aber nur wenn man die nacherzählte Sage weiß, eine menschliche Figur erkennt. Die Sage dürfte wohl in den Anfang des 16. Jahrhunderts fallen.




[163]

Die Klosteruhr schlug Mitternacht,
     still war’s in jeder Zelle,
nur noch der Pater Erwin wacht,
     sein Fenster war noch helle.

5
Er saß noch schlaflos im Gemach,

und sann geheimen Künsten nach,
     wie er auf leichtem Wege
     ächt Gold bereiten möge.

Auf langem Tische vor ihm stand

10
     ein Becken voller Kohlen,

und rings im Kreise allerhand
     Retorten und Phiolen,
und was Geräth dem Alchymist
zu seiner Kunst von nöthen ist,

15
     um aus werthlosen Dingen

     kostbares Gold zu zwingen.

Weh, wenn der Mensch, des Zufalls Knecht,
     geht wie ein Thier durch’s Leben,
doch weh auch, wenn er sich erfrecht,

20
     zum Gott sich zu erheben!
[164]

Dann ist für ihn nichts heilig mehr,
er greift im frevelnden Begehr
     blind in die ew’gen Rechte
     der unerforschten Mächte! –

25
Der Pater hatte sonder Ruh

     geschmolzen und geknetet,
und seinen Rosenkranz dazu
     stillhoffend abgebetet;
doch als ihm jede Hoffnung schwand,

30
da warf er mit verruchter Hand

     und wüthender Geberde
     den Rosenkranz zur Erde.

„Ein Narr, wer auf Gebet vertraut,
     das bringt ihn nie zur Stelle!

35
Komm du, vor der mir oft gegraut,

     komm du, verrufne Hölle,
und schließ mir das Geheimniß auf,
sollst haben keinen schlechten Kauf,
     sollst mich mit Leib und Sinnen

40
     dem Himmel abgewinnen!“


„Ha, Erwin! weißt du, was du thust?
     Du forderst dein Verderben,
und kommt der Tod einst, ha, da mußt
     ohn’ Beicht’ und Nachtmahl sterben!

45
Verflucht! – und doch, wenn ich erfand,

was noch kein menschlicher Verstand
     bis jetzt ergründen konnte?
     Wenn sich’s der Mühe lohnte?“

[165]

„Die Wahl ist frei! Gott selber mag

50
     den Schritt mir nicht verargen;

wie durft’ er doch am Schöpfungstag
     so mit dem Menschen kargen?
Doch Jenseits? – Ha, das ist nur Wahn.
Vielleicht auch nicht! – was geht mich’s an?

55
     Ich steh’ ja an der Schwelle,

     ein Schritt – willkommen, Hölle!“ –

„So komm denn, du entsetzlich Buch,
     auf dessen morschen Seiten
des höhern Wissens Heil und Fluch

60
     sich um den Leser streiten!

Du standst so lange still im Schrein,
ich sah noch nie in dich hinein,
     doch jetzt – mach’ mich zum Meister
     und Herrscher aller Geister!“

65
Er nahm das Buch ernst vor sich hin,

     und schlug es auf mit Beben,
und las; doch konnt’ er keinen Sinn
     den wirren Zügen geben,
und wüste ward’s ihm im Gehirn,

70
verzweifelnd rieb er sich die Stirn,

     und rief im wilden Grimme
     mit odenloser Stimme:

„Verdammniß da, Werdammniß dort!
     Mit Gott bin ich zerfallen,

75
und nun – die Hölle stößt mich fort!

     Wohlan, ich trotz' euch allen!

[166]

Ein Mensch! ein Knecht! Ha, daß ich könnt’
Gott, Hölle, Welt und Firmament
     mit einem Hauch verderben,

80
     dann wollt’ ich freudig sterben!“


So wüthete verzweiflungsvoll
     der arge Gottverächter,
da durch die düstre Zelle scholl
     ein teuflisches Gelächter.

85
Er kennt vor Wuth sich selbst nicht mehr:

„Verlacht, verdammt!“ er stiert umher,
     ihm schlottern alle Glieder,
     und kraftlos sinkt er nieder.

Weh, wenn der Mensch, des Zufalls Knecht,

90
     geht wie ein Thier durch’s Leben!

Doch weh auch, wenn er sich erfrecht,
     zum Gott sich zu erheben!
Dann ist für ihn nichts heilig mehr,
er greift im frevelnden Begehr

95
     blind in die ew’gen Rechte

     der unerforschten Mächte!

Der Pater – welch ein widrig Bild!
     der Wahnsinn an der Fessel!
Da lag der Frevler scheu und wild

100
     und kraftlos in dem Sessel!

Ach armer Erwin, bist so klein,
und möchtest gern Gott selber seyn!
     Du wirst mit tausend Qualen
     den bösen Stolz bezahlen!

[167]
105
Kann das wohl, was du jetzt gethan,

     auf morgen dich bereiten?
Das Fest der Himmelfahrt begann,
     und wenn die Glocken läuten,
dann sollst im heil’gen Schauspiel du

110
der Christus seyn! Schickt sich dazu

     dein freventliches Sinnen
     und teuflisches Beginnen?

Der jetzt verflucht, was heilig ist,
     anstatt zu Gott zu beten,

115
soll heute noch als Jesus Christ

     vor fromme Laien treten?
Barmherz’ger Gott, schau gnädig drein,
und sieh nicht, wie sie dich entweih’n!
     Auf, Erwin, auf! und winde

120
     dich aus dem Garn der Sünde!


Der Pater schläft. Ihm träumt, er wär’
     auf unbekanntem Steige,
und dunkle Nacht war rings umher,
     und Moor und Rohrgesträuche,

125
und vor ihm lief ein Flämmchen hin,

nach diesem stand sein ganzer Sinn;
     es leuchtete im Dunkel
     wie feuriger Karfunkel.

Er haschte ohne Rast danach,

130
     doch konnt’ er es nicht fangen,

und als ihm alle Hoffnung brach,
     da rief er voll Verlangen:

[168]

„Du herrlich Licht, du göttlich Licht!
Was fliehst du mich? was weilst du nicht?“

135
     Da plötzlich war tief unten

     vor ihm das Licht verschwunden.

Ein tiefer Abgrund gähnt’ ihn an,
     der Weg war abgeschnitten,
er eilte auf derselben Bahn

140
     zurück mit schnellen Schritten,

da packt’s ihn plötzlich an mit Macht,
und zerrt ihn durch die schwarze Nacht
     risch über Todtengrüfte
     und finst’re Felsenklüfte.

145
Da schwebt heran im Nebelmeer,

     den Adler an der Seite,
Johannes, Erwin’s Heiliger,
     im weißen Strahlenkleide,
Der Pater streckt nach ihm die Hand,

150
so flehentlich, doch da verschwand

     im bleichen Dunstgefilde
     das heilige Gebilde.

Und weiter zerrt’s ihn durch die Nacht,
     und wirft ihn wild zu Boden,

155
der Himmel bebt, die Erde kracht,

     er krümmt sich ohne Oden,
und kann nicht auf mehr, und erschrickt
auf’s Neue, als er um sich blickt,
     denn zwischen Leichensteinen

160
     liegt er auf Todtenbeinen.


[169]

Und eine große Knochenhand
     fährt dräuend aus der Erde,
und krallt sich fest in sein Gewand,
     als ob sie ihn begehrte.

165
Der Pater schreit, wild aufgejagt,

aufspringt er zitternd, und – erwacht;
     des Festesmorgens Helle
     lag golden in der Zelle.

Der Abt tritt ein mit frommen Gruß:

170
     „’s ist Zeit, dich anzukleiden,

in wenigen Minuten muß
     die Festesglocke läuten.
Leg’ an das heil’ge Ehrenkleid,
und mach’ in Eile dich bereit!

175
     Schon harren alle Brüder!“

     und eilends ging er wieder.

Unwillig blickt der Pater drein,
     doch nimmt er die Gewänder,
legt sich um’s Haupt den Heil’genschein,

180
     knüpft die Sandalenbänder

sich um den Fuß, und ist bereit:
da tönet hell das Festgeläut,
     und ruft ihn zur Kapelle
     an seine heil’ge Stelle.

185
„Gott dienen? Jämmerliches Loos!

     Dem soll ich bettelnd fröhnen,
der Lust dran hat, erbarmungslos
     des Menschen nur zu höhnen?

[170]

Der mir das Höchste äffend wies,

190
mich in den Staub dann wieder stieß?

     Heut noch! und dann – mich rächen
     und diese Fesseln brechen!“

So knirscht er wild, ihm kocht das Blut,
     er eilt in die Kapelle.

195
Wie stimmt die aberwitz’ge Wuth

     so schlecht zur heil’gen Stelle!
Er betet nicht, er singet nicht,
still flucht er seiner heil’gen Pflicht,
     indeß die frommen Laien

200
     ihm tiefe Ehrfurcht weihen.


Ihr guten Leute, bebt zurück!
     Sünd’ ist’s, das Knie hier beugen.
O möchte euer kurzer Blick
     in’s Herz des Frevlers reichen!

205
Ha, daß ihr säht, wie Jesus Christ

durch diesen Mönch entheiligt ist!
     Doch nein! Den frommen Glauben,
     es würde ihn euch rauben! –

Der heil’ge Augenblick ist da,

210
     der Heiland schwebt gen Himmel!

Mit finstern Wüthrichsaugen sah
     er auf das Volksgetümmel,
das, während er zur Höhe steigt,
andächtig seine Kniee beugt,

215
     und sieht, wie voll Verlangen

     die Blicke an ihm hangen.

[171]

„Ha, denkt er, daß ich allen euch
     die Augen öffnen könnte,
vielleicht, daß ich von Gottes Reich

220
     so manche Seele trennte!

Und Gott, dann ein entlarvter Gott!
Welch süße Rache! süßer Spott!
     Jedoch, ihr blinden Laffen,
     ihr seid in’s Joch geschaffen!“

225
Schon an der Deckenöffnung, war

     er nahe dem Verschwinden,
da zog ihn plötzlich unsichtbar
     was an dem Schopfe hinten.
Er sieht sich um, und schrickt zurück,

230
ihm flirrt es drehend vor dem Blick,

     gelähmt sind seine Glieder,
     er schwankt und – stürzt hernieder.

Er schmettert hin. Sein Aug’ erlischt,
     zerschellt sind die Gebeine,

235
Hirn und Geblüte, graß gemischt,

     klebt gischend am Gesteine.
Seht, Laien, seht, das Wort steht fest,
daß Gott sich niemals spotten läßt;
     er weiß stets das Verbrechen

240
     zu seiner Zeit zu rächen.


Die Mönche traten allzugleich
     laut klagend um den Todten,
und sah’n vor Schreck erstarrt und bleich
     das Jammerbild am Boden;

[172]
245
Sie heben still den Leichnam auf,

und weinten heiße Thränen drauf,
     und trugen voller Jammer
     ihn in die Leichenkammer. –

Noch in der Klosterkirche ist

250
     ein blut’ger Fleck zu sehen,

stets feucht, der wird zu keiner Frist
     vertrocknen und vergehen.
Dort fand der Pater seinen Tod,
weil frech er Trotz dem Himmel bot;

255
     denn, wer mit Gott will rechten,

     verfällt den finstern Mächten.