Der Allgemeine Deutsche Musikverein und dessen historische und ethnographische Ausstellung in Leipzig

Textdaten
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Autor: Rudolf Cronau
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Titel: Der Allgemeine Deutsche Musikverein und dessen historische und ethnographische Ausstellung in Leipzig
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 23, S. 356–360
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1883
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Der Allgemeine Deutsche Musikverein und dessen historische und ethnographische Ausstellung in Leipzig.
(Mit Originalzeichnungen von Rudolf Cronau.)

1. Tanzmaske der Neu-Irländer. 2. Trommel der Nubier, Ostafrika. 3. Schildkrötenrassel aus Südamerika. 4. Schellengeläute von der Zanzibarküste. 5. Tamburin der Grusier im Kaukasus.

Der bekannte Musikpädagog Louis Köhler in Königsberg stellte vor vierundzwanzig Jahren in Leipzig vor einer glänzenden Versammlung von Tonkünstlern den Antrag, einen Allgemeinen Deutschen Musikverein zu gründen. Derselbe entstand auch unter der Obhut des verstorbenen Redakteurs Dr. Franz Brendel, nach dessen Tode 1800 Prozessor Karl Niedel das Präsidium übertragen wurde, während Franz Liszt, der ewig jugendliche Großmeister, durch seiue warme persönliche Theiluahme und durch Gekendntachen seiner humaueu Grundsätze dem Verein jenes Gepräge gab, welches gestartete, den verschiedensten werthvollen musikalischen Richtungen die Arena zu eröffnen und jährlich vor Hunderten von urteilsfähigen Musikeru Tonwerke der Vergangenheit und Gegeuwart in Wettstreit treten zu lassen. Bereits zwauzig Toll- küustlerversammlungen hat dieser Musikvereiu veranstaltet, stets mit einem großen Apparat von Kräften: ein und mehrere Orchester, zwei bis vier Gesangvereine, zwanzig bis vierzig Solisten, mehrere Dirigenten; jedesmal innerhalb vier Tage vier bis sieben Eoneerte, mündliche Vorträge, Berathungen .e. durchführend , dabei die geselligen Zttsammenkünste nicht ver- nachläffigend , immer zur Freude der Bewohner jeuer Städte, die ihn gastlich aufgenommen haben. Ueberall, wo er nttr getagt hat, wurde der Wunsch ausgesprochen, ihu bald wieder begrüßen zu dürfen.

So in den Residenzen der kunstliebenden Herrscher Thürin. geus, deren Einer, Großherzog Alexander voll Sachseu-Weimar, das Protektorat übernommen hat, in Weimar, Akenbnrg, Meiningen, so in Ersnrt und Halle an der Saale, in Wies- baden und Magdeburg, in Baden-Baden und Karlsruhe, ln Dessau und in Kassel, in Hannover und nicht am wenigsten in der herrlichen Limmatstadt Zürich, wo man im vorigen Jahre dem deutschen Verein eine wahrhaft glänzende Stätte bereitete und ihm Tage voll Zauber und Herzlichkeit schuf.

Nicht nur für die Tonkünstler, auch für die Laien, unter detten ja so manche Kenner, ist es hochinteressant, einen schnellen lleberblick über das reiche Prodnetiottsverntögen der Gegenwärt gewinnen zu können. Berlioz’s (des stets sehnsüchtig nach Deutsch. und schauenden geistvollen Franzosen.. Symphonien, sein mächtiges Reguiem, Liszt’s .Oratorielt und symphonische Dichtungen, Wagner’s gewaltige Schöpfungen bilden die Glanzpunkte der Tonkulstler-, versamtttlungsprogramule und zeigen , daß die einst geschmähte "Zukuuststllusik" sich nach und nach Bürgerrecht erworben hat und noch lauge der Gegeuwart und der Zukunft Freude spenden wird. Aber auch die jungen skandinavischen Tonsetzer, an ihrer Spitze Grieg und Svendsen, die Jungrussen Borodin, Rimsky. [357] Korsakoss, Tschaikvwsky, die Belgier Huberti und .Laflen, der Italiener Sgambati, die Schweizer Hans Huber ("Tell "-Symphonie), Gustav Weber, Edgar ll^nzinger, der Franzose St. Sa.ims, der Holländer G. W. Nieolai erregen lebhasteste Theilnahme und zeigen, wie befruchtend die deutsche Tonkunst auf die Außerdeutschen ein,- gewirkt hat. Deutschland ist von jeher neidlos bereit gewesen, alles Gute anzuerkennen, was auch außerhalb seiner Grenzen entstanden ist, und kann solches ruhig thun im Besitze seiner stattlichen Neihe lebender oder jüngst verstorbener Komponisten, welche alle aufzuzählen diesmal zu weit führen würde.

Es ist kein geringes Verdienst des Allgememen Deutschen Mnsikvereius, vielen Tonküuftleen zum ersten bemerkenswerten Auf,- treten oder ihren bedeutenden Werken zum Dttrchbruch verholfen zu haben. So unter Anderem: Albert Becker aus Quedlinburg, jetzt in Berlin lebend, der miuerva-ähnkch in die Arena trat. seine glänzende, warmblütige .tZ-.tnoU-Mefle (zuerst durch den

Aber nicht nur durch interessante Kompositionen, nicht nur durch Virtuosen ersten Nanges suchte der Musikverein mit feiner zwanzigsten Tonkünstlerversammlung in Lespzig zu sesseln, fondern er hatte auch den sehr glücklichen Gedanken, dem Fest in den Tagen vom ..... bis 0. Mai durch eine ethnographisch-histortsche Ausstellung einen ganz besonderen Netz zu verleihen. Es war ein erster Versuch, und obgleich er erst in zwölfter Stunde unternommen wurde, so ist er doch trotz der Kürze der Zeit und trotz der geringen Mittel, welche zur Verfügung standen, über alles Erwarten glänzend ans,. gefallen.

Sollte der Erfolg, welchen das Experiment gesunden, denn als ein solches köuuen wir die Ausstellung nur bezeichnen, nicht ein Neizmittel zu weiteren Unternehmungen in dieser Beziehung sein? Die Zeiten der großen internationalen Weltausstellugen sind für unseren Kontinent vorüber, sie bringen fachlich keinen Nutzen mehr, sie ssind für uns nichts..' anderes, als großartige Komödien, wie


4. Taikb"

chöko"

Aöko. 4. Kalls.

^apamsche ^n^liinarnmenle.

5. Notettrolle" 6. Flötett im Futteral.

Khinesische Tranweten und Flaggeu.

Niedersten Verein 18^0 aufgeführt) erregte das Erstaunen der musikalischen Welt. Ein Komponist, bis dahin gänzlich unbekannt, der die verwickeltsten polyphonen Formen spielend beherrschte, die gewagtesten Kombinationen aus eiuauder chürmte und dabei aus vollem Herzen schrieb!

Das mannhaste Ningen eines zweiten tiefangelegten Tonsetzers, des überaus geistreichen Koburgers Feli.r Dräseke, hat man seit mehr denn zwanzig Jahren bei verschiedenen Tonküustlerversaulm. lungen versvlgen können. Fast schien es, als ob es nicht ge- lingen sollte. ihm gebührende Anerkennung zu verschassen, da - es war 48^0 auf der Versammlung in Erfurt - schlug eine seiner Symphonien (welche schon der selige Iulius Nietz hoch stellte) glänzend durch; dennoch erlebte die Symphonie nachdem an anderen Orten nicht die gleichen Ersolge und zwar in Folge ungenügender Vorbereitung.

Die letzte Versammlung in Leipzig nun brachte von ihm eine große und schwierige Khvreomposition in einer Aussührung des oben genannten Gesangvereins, und man kann sagen, daß Felix Dräseke mit seinem hochbedeutenden 11 mok-Neguiem aus der ganzen .Linie gesiegt hat. In einem Theatereoneert zündete des Nussen Borodiu ..l.^ckur- Symphonie, im Krystallpalasteoueert Liszt's Prometheus Musik

auch die letzte Pariser Weltausstellung eine solche gewesen ist. Dagegen hat man den Nutzen und die Vortheile internationaler Fachausstellungen kennen und schätzen gelerut. Sollte da nicht die Idee einer iuteruationalen Ausstellung von musikalischen Hülfs,- mitteln, welche uns die Musikinstrumente aller Zeiten und Völker, vou den Uranfängen an bis zur Gegenwart, in ihrem Sein und Werden vorführte, . wohl zu erwägen, und sollte nicht der klassische Musikboden Leipzigs die geeiguetste Stätte dazu seiu? -

Dem Grundgedanken nach zerflel die Ausstellung in zwei Ab,- theilungen, in eine ethnographische und in eine historische, welche beide eine Fülle interessanten und belehrenden Stosses boten. Die erste Abtheilung bestand fast ausschließlich aus Gegenständen des "Museums für Völkerkunde" in Leipzig, während die geschichtliche Abtheilung durch Beiträge, und zum Theil durch sehr werthvolle Beiträge, von Privatpersonen zusammengebracht worden war.

Der Tou ist das materielle Mittel für den musikalischen Ausdruck, welchem im niedrigsten Stadium, bei den rohesteu Natur-- völkeru, schon das Geräusch.. diente. Um dieses wie jenen hervor,- zubringen, hat man zu allen Zeiten, selbst den urgeschichtlichen, und bei allen Völkern Instrumente benutzt.

Zu dem rohen Geräusche, dessen sich die sogenannten Natura

[358] völker bedienen, wozu sie die Lärminstrumente, die Rasseln, Klapperhölzer und Klapperstöcke, die Schnarren, Pauken und Trommeln benutzen, zu dem rohen Geräusche, sagen wir, tritt als erstes bildendes Element der Rhythmus hinzu, der zunächst in dem tactmäßigen Klatschen mit den Händen besteht, wie wir eo heutzutage noch bei den Tänzen der Eingeborenen Amerikas und denen anderer Naturvölker, wie sogar auch noch bei der von den Völkern des Kaukasus getanzten Lesghinga beobachten können.

Selbst bei den primitivsten Blasinstrumenten, die man am frühesten aus Rohr, Muscheln, Hörnern und bei weiterer Ent- wickelung aus Thon hergestellt hat, wie man sie noch heutzutage auf den Inseln der Südsee und bei den Völkern Afrikas finden kann, fängt das Geräusch schon an in einen Klang überzugehen, welcher durch die Wahrnehmung, daß gespannte Saiten, in Schwingung versetzt, Töne von sich geben, mit anderen Klängen zum Zusammenklingen benutzt wird. In diesen Lärm- und Klanginstrumenten niedrigster Art, wie sie in den frühesten Zeiten und bei den rohesten Naturvölkern vorkommen, haben wir die Vorbilder für alle unsere modernen Musikinstrumente, die im Wesen durchaus aus jenen beruhen, noch heute dieselben Kategorien aufweisen und sich vor diesen nur durch ihre freilich oft erstaunliche Vervollkommnung auszeichnen.

Alle diese Arten von Instrumenten waren nun in reicher Auswahl aus der erwähnten Ausstellung vertreten, sodaß man sich ein treues Bild von den musikalischen Genüssen der sogenannten „Wilden“ machen konnte.

Da finden wir Trompeten aus Muscheln, Trommeln und Pansflöten von den Fidschi-Inseln, von Neu-Irland, Neu-Seeland und von verschiedenen anderen Eilanden der Südsee; nächst den Maracas, den Rasseln der Eingeborenen Venezuelas, den Klappern und Trommeln der eingeborenen Bevölkerung Amerikas, welche bei deren Tänzen Verwendung finden, wohl die am wenigsten aus- gebildeten Musikinstrumente.

Die Panspfeife und die Flöte sind bereit; höhere Errungen- schaften, aus der Wahrnehmung hervorgegangen, daß es Töne verschiedener Höhe giebt und daß solche durch Pfeifen von größerer oder geringerer Länge, sowie durch Röhren mit Ton- löchern hervorgebracht werden können, wodurch zugleich die Mög- lichkeit, eine Melodie zu spielen, gegeben ist. Ein Gleiches gilt auch von den Saiteninstrumenten, hier entspricht die Harfe der Panspfeife, ihr schließt sich die Lyra mit ihren gleich langen, aber verschieden gespannten Saiten an, während die Guitarre und Laute das Seitenstück zur Flöte bilden, indem durch Verlängern oder Verkürzen der Saiten mit den Fingern Töne von ver- schiedener Höhe erzeugt werden. So ist, wie Ambros ganz richtig bemerkt, das Vorkommen von Harfen, Lyren und Lauten ein Kennzeichen, daß der Standpunkt roh naturalistischen Mnsikmachens überwunden und eine musikalische Cultur erreicht sei.

Bei der amerikanischen Urbevölkerung werden, wie bei den Südsee-Insulanern, nur Schlag- und Blasinstrumente gefunden, Saiteninstrumente sollen bei den wilden Indianern, die noch nicht mit europäischer Cultur Bekanntschaft gemacht haben, fast gar nicht vorkommen; nur die Apaches haben den Harpan – es ist dies ein spanischer Name – mit einer Saite, mit welchem sie ihre Gesänge begleiten. Die auf der Ausstellung befindlichen Guitarren der Eingeborenen von Bolivia und Venezuela, so merk- würdig sie auch sind, namentlich die, bei welchen der Körper aus dem Rücken des Gürtelthieres gefertigt ist, sind daher doch nicht ursprünglich amerikanisch, sondern durch westliche Einflüsse bedingt.

Höher als die amerikanischen Völker und die Völker der Südsee stehen in musikalischer Beziehung die Eingeborenen Afrikas und zwar von West-, wie von Ost-Afrika, die Bantu- und Sudan-Neger, wie auch die hamitischen Völker dez Ostens. Außer den Schlag- und Blasinstrumenten, den Trommeln und Hörnern, zu welch letzterer Gattung von Musikinstrumenten auch die Stoßzähne des Elephanten, oft kunstvoll geschnitzt, wie auf der Ausstellung zusehen war, verwendet werden, findet man nun hier auch die Harfe und Lyra, sowie die Marimba, bei welcher verschieden gestimmte Holzstäbchen durch Anschlägen in tönende Schwingungen versetzt werden.

Nur anführen wollen wir noch von den Naturvölkern die Bewohner der nördlichen Polargegenden, die Eskimos, Lappländer und die verschiedenen tatarischen Stämme mit ihren Zauber- trommeln, die mehr als Lärm-, denn alt- Musikinstrumente dienen.

Den Uebergang von den Natur- zu den Culturvölkern bildeten auf der Ausstellung die Siamesen und Malayen, welche mehrfach schon von europäischer Bildung beleckt sind, wie die Streichinstrumente, verschiedene Arten von Geigen, Bratschen und Celli von Paraken Salak aus Java beweisen, denen unsere gleich- namigen Instrumente unbedingt zum Vorbild gedient haben, wenn sie auch abgeändert worden sind.

Die Chinesen und Japaner eröffnen den Reigen der Cultur- völker, jene zwar origineller, aber auch primitiver, diese weniger ur sprünglich, dafür aber entwickelter. Dem Charakter dieser Volker entsprechend ist auch deren Musik. Sie besitzen bereits eine aus- gebildete Theorie, sowie eine Notirung, nichtsdestoweniger ent- sprechen deren künstlerische Productionen nur seht wenig unserem Geschmacke Obgleich sie überaus phantastisch sind, so mangelt doch den Chinesen wie den Japanern Gemüth und Phantasie: sie sind reine Verstandesmenschen und in Folge davon ist die Musik bei ihnen auch mehr Wissenschaft, oft scharfsinnig ausgedacht und der Feinheiten nicht ermangelnd, als eine wahre, die Bedürfnisse des Herzens befriedigende Kunst.

Wie alles bei diesen Völkern nach gewissen Doctrinen geht, so bestehen auch für die Musikinstrumente ganz bestimmte Vor- schriften, die Gesetzeskraft haben. Auch sie gliedern sich in die schon erwähnten drei Kategorien: in die Schlaginstrumente sowohl aus Metall wie Holz mit Fellbezügen gemacht, in die Blas- instrumente und in die Saiteninstrumente. Complicirtere Instru- mente mit Ventilen, Klappen und Claviaturen giebt es weder in China noch in Japan.

Da finden wir in China als das primitivste Instrument die Klapperbrettchen, ferner Pauken und Trommeln, denen mehr Lärm und Geräusch als Töne entlockt werden, weiter Glocken und das wegen seines schönen vollen Tones allerwärts bekannte und bei unseren Theatern viel verwendete Gong oder Tam-Tam, das her- zustellen uns bis jetzt noch nicht gelungen ist. Auch klingende Steine, welche reihenweise aufgehängt und mit einem Klöppel ge- schlagen werden, werden in China zur Hervorbringung von Tönen und als Musikinstrument, „King“ genannt, benutzt. In der Provinz Leang-tscheu giebt es einen solchen Klingstein von ganz besonderer Güte, welcher für so edel und vornehm gehalten wird, daß aus dem aus ihm gefertigten Instrumente, dein „Nio-Kong“, nur der Kaiser spielen darf.

Flöten werden in China aus Bambus hergestellt. Es giebt deren verschiedene Arten; aus einer Flöte kann man immer nur in einer und derselben Tonart blasen, für eine andere Tonart musz man eine andere Flöte nehmen. Auch eine Art von Trompete mit Zungenmundstück, im Tone ähnlich dem unserer Oboe, giebt es. Die Saiteninstrumente sind sehr verschieden, da giebt es harfem-, guitarren-, lauten- und geigenähnliche mit Saiten aus gedrehter Seide und mit Bezug aus Messingdraht; auch eine Schlagcither kommt vor, das Urvorbild für unser Clavier.

Hinsichtlich der japanischen Musik gilt ganz dasselbe, was wir überhaupt bei allen Aeußerungen geistiger Thätigkeit der Japaner finden, nämlich wie auf allen anderen Gebieten, in Wissenschaft und Kunst, in Industrie und Gewerbe, überhaupt bei allen Erscheinungen der Cultur, so auch hier wenig Urwüchsiges. Das Meiste ist fertig und größtentheils schon hoch ausgebildet aus China und Korea nach Japan eingeführt worden, wo es anfangs mit großer Sorgfalt aufs gewissenhafteste aufbewahrt, später aber vielfach verändert, verbessert, weiterentwickelt, mitunter aber auch verschlechtert worden ist.

So sind auch die japanischen Musikinstrumente nur Ab- kömmlinge der chinesischen, die zum Theil ganz in der ursprüng- lichen Form beibehalten worden sind, wie das Geking, eine Art Guitarre mit Stimmfeder. Auch die japanische „Koto“ ist dem „Kin“, der chinesischen Harfe, die japanische „Biwa“ der chinesischen Laute sehr ähnlich.

Die vom „Museum der Völkerkunde“ zu Leipzig aus der Ausstellung vorgeführte Sammlung japanischer Musikinstrumente war eine ganz vollständige und durfte, was den Reichthum und die Pracht der Ausstattung der Gegenstände anbelangt, in Europa einzig dastehen. EH sind seltene kostbare Stücke, von anserlesener Arbeit und hohem Werthe, welche dem kaiserlichen Hofe in Tokio angehört haben und von diesem zu Paris auf der Weltausstellung des Jahres 1878 in der japanischen Abtheilung nur ganz kurze Zeit zu sehen waren, wo. sie allgemein bei den Beschauern Be-

[359] wuuderung erregten, ein vollständiges .Orchester, ^welches seiner Zeit von dem japanischen Ausstellungseommiflar , dem Minister Masayvchi Matsugata, im Auftrage der japanischen Negierung dem "Museum für Völkertunde zum Geschenk gemacht worden ist, wo es gegenwärtig einen Hauptanziehungspunkt der reichen Samm,- langen des Instituts bildet.

Es sind zunächst Schlaginstrumente, und zwar sowohl aus Metall, wie die "Shökd", eine runde Metallplatte mit Näuderu, welche an eiuem Holzgerüste hängt ttud mit zwei Klisppelu ge,- schlagen wird, als auch aus Holz mit Fellbezlu^eu, also Trommeln, wie die ,,Tailo", die große Trommel, welche an einem Holz- stäuder aufgehangen ist und mit zwei dicken Klöppeln geschlagen wird, die zur Seite des einen ruuden Nahmen um die Trommel bildenden Stäuders aufgehangen sind, feruer die "Kanu", die schiefstehende kleitte Trommel, welche, auf einem Holzgestelle ruhend, mit zwei Stäbchen geschlagen wird, dann die "^öko" oder

"Sauuo Tsttd- smm" , welche aufrecht gestellt wird" Es sind dies sämmtkch Instrumente, welche bei der Ausführung chi- nesischer oderko, reanischer Mu

sikstücke benutzt

werdeu und zu den sogenann- tett "reitlen", welche aus- schließlich bei geistlichen Mu- .sikaussührungeu gebraucht wer, deu , gehören Dazu kommen ^noch bei Attffuh rung rein alt, japanischer Mn-

sik die "Tsud,-

umi", zwei Trommeln, von denen die eine aus der linken Schulter , die andere auf dem

Schooße liegt und welche mit den Fingertt der rechten Hand ge,- schlagen werden.

Die japanischen Blasinstrumente find entweder aus Holz oder es werden Mnscheln, an denen ein Mundstück von Messing angebracht ist, dazu benutzt. Metall wird nur zur Ansertigung von Zungen-Blasinstrnmenten gebraucht. Das Hanptinstrnmeut ist die ,,Shö", bestehend aus einer Anzahl von Pfeifett mit Metall- zungen, die kreisförmig vereinigt sind und eine Art keiner trag- barer .Orgel bilden, dann sind die "Hidschiriki" eine Art von Oboe aus Bambuslnuit Metallzungen, sowie die chinesische Flöte "Ohtek" und die koreanische Flöte "Komasuye" zu erwähnen, welche sämmtlich nur für die reine Musik gebraucht werden"

Als Saiteninstrumente werden bei den Iapanern eine An,- zahl von harseuartigen Instrnmentelt benutzt, sowie die "Biwa" und die "Geling", welche letztere beiden sich mit der Lunte und Gnitarre dergleichen ließen. Hierzu kommt noch die "Sannseng", das gewöhnlichste japanische Saiteninstrument.

Die harsenähnlichen Instrumente, welche liegend gespielt werden, zerfallen in die "Sono Koto", die dreizchnsaitige Harse, die "Kino Koto", die siebensaitige, chittestsche Harse, die "^amata Koto" oder "Wenggang, die sechssaitige, altjapanische Harfe, die "Idsumo Koto" die zweisaitige Harse, und die "Suma Kotb", eiu Monochord. Die Saiten für diese Harsen sind alle aus Seide gedreht und mit Wachs getränkt...: Sie sind bei ein und demselben Instrument gleich lang , gleich stark und gleich gespannt , sodaß die Tonhöhe nur durch die Stellung des beweglichen Steges be- dingt wird. Zum Stimmen bedient man sich verschiedener Arten

Harse vom . Gabun, Westafrika.

Harfe von Loango, West. faste Afrikas.

vou "Stimmgabeln", es sind aber keine Gabeln, sondern aus Bambus gefertigte Pfeifen, die entweder wie die Panspfeifen vder auch kreisförmig angeordnet sind, Toltlöcher oder auch Metall- zungen haben. Zum Spielen der Koto bedient man sich künst- licher Nägel aus Elfenbein, die vermittelst keiner Lederringe um Daumen, Zeige.- und Mittelsinger der rechten Hand befestigt werden, während die Linke flach auf den Saiten jenseits der be- weglichen Stege aufgelegt wird, um die Saiten nötigenfalls zur Erzeugung von Zwischentönen durch Druck zu spannen oder durch Zug zu entspannen.

In der Mitte zwischen den "reiuen" und "nicht reinen" Ius.trumeuten, welche letztere auch für die bei den Nö,-Täyzeu ge,- bräuchlichen Musikstücke verwendet werden, stehen verschiedene Klappern, Pseifen, Flöten, Monochorde (Instrumente mit nur eiuer Saite), die aber mehr Spielzeug sind, als Musikzwecken dienen.

Eine wirkliche Notirung hat, wie schon erwähnt, die japa- tusche Musik, doch besteht sie nur für die "reiuen" Instrumente, die von theoretisch gebildeten Musikern gespielt werden. Dieselben gehören zu der Elaste der hochgeachteten Leute, und dnrfte von jeher die geistliche Musik auch von der Kaste der Daimios gelerut und ausgeübt werden.

Die Indo-Enropner waren aus der Ausfiel, lung durch die sämmt- lchen Musikttstrumeute vertreten , welche bei den verschiedenen Völ- kern des Kaukasus, deu Grttsieru , Armeniern ttnd anderen vorkom,- men, serner durch ruf- sische, serbische, italie- tusche, griechische uud zwar sowohl durch Schlag,- wie auch durch Blas., und Saiten- instrumenta Besonders wollen wir nur her- vorheben die russische "Balaleika" und die serbische "Gusla", von deuen uns die Lieder jeuer Nakouen so viel melden , die trotzdem aber bei utts kaum mehr als dem Namen uach bekanut sind" - Vou den Instrumenten ber semitischen Völker gedeukeu wir nur des "Schafers", eines Blasiustrumeutes, das noch jetzt beitlt jüdischen Tempeldienste in Gebrauch ist. Es ist das "Widderhorts", das auch allgemeiner aus Gutzkows "Urtel Aeosta" bekauut ist" Dasselbe isb gauz einfach und besteht aus einelu am Ende seines Nohres stark umgebogenen Schalltrichter und wird als heiliges Horn in der Synagoge zum Signalgeben benntzt.

Zum Schluß unserer Wanderung durch die ethnographische Abtheilung der Ausstellung müssen wir noch der "Kantete" Er,- wähuung thun, der interessanten altfiunischeu Harse, welcher schon in der Kalewala, dem altfinnischen Nationalepos, gedacht und als deren Erfinder der gewaltige Sänger Wäinämönen im Liebe geprtesen wird.

Die zweite Abteilung der Ausstellung, welche die historischen Inskrumeute umfaßte, war zwar nicht so reich und mannigfaltig ausgefallen wie die erste, aber darum nicht minder interessant nnd erskeckte sich bis auf das Neueste des Neuen, bis auf das "Adtaphon" der Herren Fischer u. Fritzsch in Leipzig, bei welchem die Töne durch Anschlagen von Stimmgabeln erzeugt werden Namentlich drei Stucke waren es, die sich ganz besonders aus- zeichneten und die Aufmerksamkeit auch der Musiker von Fach auf sich lenken. Es waren dies das Ola^io-adt..1um ck^amour vou. Gottfried Silbermann, aas den Jahren 4^40 bis 4^50. mit zwei Manualen, zwei Registern und Koppel, dreichörig, ferner eiu Flügel, sechsoetavig, erbaut im Jahre 4^8 von Iohanu David Schiedmayer, hochfürstlich ansbachischem Instrumentenmacher., nnd

Gttttarre der Htnueai

Maraeas, Nasses der Eingeborenen Venezuelas,

vertusche Doppel-. stöte,

[360] endlich ein Elavier von Erard Frtres in Paris, aus dem Jahre 1^00 stammend.

Das "..O^mbul ^..^ot.tr^, deflen Erfinder Gottsried Silber-- mann ist, ist ein historisch hochwichtiges Stück.

Diefes interessante Instrument, kaum gekannt, hatten wir nun Gelegenheit auf der Ausstellung mit eigenen Augen zu sehen und "seine Vorzüge vor anderen Instrumenten und die große Kunst des Verserkgers" zu prüfen. ' Der Genuß wurde noch erhöht, wenn der glückliche Besitzer desselben, Herr .Opernsänger außer Dienst E. Hertzsch in Lespzig- Eutritzsch, u'ns dasselbe vorführte, und einen ganz besonderen Netz hatte es, die alten Menuette darauf gespielt zu hören; man sah dabei in Gedanken die graziösen Figuren des Zeitalters Ludwig's des Vierzehnten mit gravitätischen Pas vorüberschreiten, oder man wurde recht lebhast an Mozart's reizende Schöpfung im "Don Iuan" erinnert.

Ein höchst liebenswürdiges Instrument von poesievollem Tone war das keine Elavier der Gebrüder Erard aus Straßburg, welche aber im Jahre 1^0 nach Paris übersiedelten. Ihnen ist die Verbannung der Negisterzüge und die Einführung des Pedales zu danken, nachdem schon vorher durch die Ersindung der Hammer- mechanik gegen das .^e,mb..ri ck^mour^ ein ganz wesentlicher Fortschritt gemacht worden war.

Der Ton dieses einsachen Instrumentes trug eiueu reizend naiven Eharakter an sich, jungfräulich züchtig möchten wir ihn nennen, wie Vater Haydn's nn schuldsvolle , herzerfreuende Muse"

Eine äußerst spannende Situation entwickelte sich, als am 5" Mai nach einer anstrengenden Generalprobe Franz Liszt in seiner unverwüstlichen Frische an den Silbermann'schen Flügel trat und diesen von Herrn Hertzsch sich zeigen und erkäretl ließ. Mit Schnelligkeit hatte er den Mechanismus des Instruments ersaßt und nun setzte sich der Heros des Pianosortespiels vor das zarte Eembalo und spielte auf dem oberen Manual die Melodie "Eine feste Burg ist unser Gott", während er aus der uttteren Elaviatur die Begleitung und Gegenstimmen improvisirte. Wer Liszt's Schristen kennt, weiß schon von der hohen Ver- ehrung, die der Abbe dem großen Nesormator widmet, dazu kommt noch speeiell seine Vorliebe für Luther's erhabene Melodie und deren

Bearbeitung durch Sebastian Bach. Mit Necht ist Liszt, der so

viele Gegensätze in sich zu einen weiß, die Seele des Allgemeinen Deutschen Musitrereins, welcher letztere übrigens durch die in Folge riner wunderbaren Erbschast gegründete Beethoven, Stistllng in der Lage ist, seit mehr denn zehn Jahren an Beethovens Ge- bnrtstag "Ehrengaben" an verdienstvolle Tonkünstler ertheilen zll tonnen und auch in dieser Beziehung segensreich zu wirken.