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Titel: Das verhexte Vieh
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aus: Die Gartenlaube, Heft 17, S. 292
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[289]
Die Gartenlaube (1875) b 289.jpg

Das verhexte Vieh. Originalzeichnung von Van der Venne.

[292] Das verhexte Vieh. (Mit Abbildung, Seite 289.) Die Kapuziner in Schwaz (Tyrol) besitzen in der Hinterrieß ein kleines Kloster – Kirche, Klosterzellen, Wirthshaus, Kuh und Saustall, Alles friedlich unter einem und demselben Dache vereinigt. Zu den frommen Vätern kam eines Tages ein reicher Bauer von Lengrieß, welchem sein Vieh krank geworden war. Er sagte, es sei verhext, und bat, man möge ihm helfen.

Als der Kapuziner, welcher mit dem Bauern ging, in den Stall getreten war, meinte er: „Ja, die Thiere sind so stark verhext, daß ich unter vierzig Gulden nichts machen kann.“ Der Bauer kratzte sich den Kopf und zahlte das Geld. Der Pater aber beräucherte und besprengte die vierbeinigen Patienten mit Weihwasser und las die üblichen Zauberformeln. Das Resultat war, daß noch mehr Vieh erkrankte und der Bauer bei Gericht wegen Unterlassung der Anzeige Strafe zahlen mußte.

Solche Zustände sind kaum glaublich, und doch stehen sie in Tyrol und Baiern in voller Blüthe. Wir haben gedruckte Beweise. Guttenberg würde sich wohl im Grabe umkehren, wenn er wüßte, daß seine edle Kunst, die Befreierin des Geistes von Nacht und Dunkel, sich zur Herstellung eines Productes leihen mußte, welches unter dem Titel „Dreiundachtzig Geheimnisse für Jedermann in landwirthschaftlichen und häuslichen Verhältnissen“ in Landshut erschienen ist. Kein Wunder daher, wenn, wie der obige Fall zeigt, in Ställen gegen Hexerei Mittel zur Anwendung kommen, wie sie in den „Dreiundachtzig Geheimnissen“, gedruckt 1873, zu finden sind. Einige derselben lauten:

„Pulver für das Vieh, wenn es bezaubert ist: Teufelsdreck, Drachenblut, Meisterwurzel, Baldrianwurzel, Teufelsabbiß, schwarzen Kümmel, Salz, Alles zu Pulver gestoßen, Montags und Donnerstags ein halb Loth eingegeben“; oder: „Rothen Knoblauch, Weihrauch, Kampher, in ein Säcklein genäht, in das Brühfaß gezweckt“; oder: „Hole drei weiße Kieselsteine aus einer Leichenpforte, mache sie heiß, gieße die Milch darauf und drei Pfund Teufelsdreck und Eberwurzel, laß dieses drei Tage stehen in dem Stall, darnach thue sie wieder in der Stunde dahin, wo Du sie geholt hast. Alles im †††“; oder Gebetformeln: „Es giengen drei Frauen über den Berg Sinai, die erste sprach: ‚Meine Küle hat’s heisch‘; die andere sprach: ‚Es kann seyn‘; die dritte sprach: ‚Es kann seyn, oder es ist, so helfe dir der Name Jesu Christ †††‘“; oder: „Abt und Abtin, Drach und Drachin, Zauberer und Zauberin, du sollst stille steh’n, du sollst zu Gott, deines Herrn Geboten geh’n, du sollst mir mein Vieh meiden, bis der heilige Ritter St. Georg vorüber reit’t, das verbiete ich dir bei dem lebendigen Gott, dazu helf’ mir Gott †††“; oder: „Man nehme einen Zettel und schreibe, und lege ihn über die Thür des Stalles, wo er aus- und eingeht: Trottenkopf, ich verbiete dir mein Haus und Hof, daß du nicht über mich tröstet, oder trägst in ein ander Haus, bis daß du alle Berge steigest und alle Zaunstecken zählest und über alle Wasser steigest, so kommt denn der liebe Tag wieder in mein Haus! †††“.

Dieser und viel anderer Blödsinn – gedruckt 1873 in Baiern, kaum zehn Wegstunden von der Residenzstadt entfernt – arbeitet in den Hütten des Landvolkes und in den Bauern- und Bürgershäusern an der Volksbildung, zu deren Förderung neuerdings für nöthig befunden wurde, den früheren Klöstern ungefähr hundertneunzig weitere hinzuzufügen. Das heißt denn doch den gesunden Sinn im Volke mit Kolben todtschlagen und den frechen Uebermuth der Pfaffen nähren. So ist es begreiflich, daß ein frommer Pater, als ein Bauer sich bei ihm beklagte, daß trotz seiner Beschwörungsformeln ihm vieles Vieh gestorben sei, antworten konnte: „Es hat doch genützt; sonst wäre ihm alles Vieh krepirt.“ Der Bauer glaubte es und ging beruhigt heim.