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Das kapische Erdferkel im zoologischen Garten zu Berlin

Textdaten
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Autor: Paul Hirschfeld
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Titel: Das kapische Erdferkel im zoologischen Garten zu Berlin
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 50, S. 828–830
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1881
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Lebensweise des Erdferkels
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Das kapische Erdferkel im zoologischen Garten zu Berlin.

Im Affenhause des Berliner zoologischen Gartens, dort, wo auch jenes wundersam gestaltete Wesen, der noch stetig angestaunte Ameisenbär, seine Wohnstätte gefunden und unter seinen ausgelassenen, beweglichen Nachbarn als das Urbild der Trägheit und des Stumpfsinnes erscheint, ist jüngst ein gar seltsames Geschöpf untergebracht worden. Wiewohl der Familie der Ameisenfresser gleichfalls angehörig, also dem oben erwähnten trägen, zottigen Gesellen eng verwandt, zeigt dennoch dieser neue Fremdling in seiner äußeren Gestalt mit jenem auch nicht die geringste Spur einer Aehnlichkeit. Wenn dieses Thier, seiner Gewohnheit gemäß, zusammengekauert, den Rücken dem Beschauer zugekehrt, regungslos daliegt, so könnte man es leicht für eine Abart unseres Hausschweines halten und es vielleicht kaum einer näheren Beachtung werth erachten. Wird es jedoch aus seinem Halbschlaf aufgerüttelt und bewegt es sich, durch die Nähe der Nahrung ermuntert, in plumpen Schritten nach der Vorderseite des Käfigs oder nimmt es, wie zum Kampf gerüstet, eine aufrechte Stellung ein, so bietet es in der That eine merkwürdige, höchst sonderliche Erscheinung dar.

Mit Interesse betrachtet dann der aufmerksame Beschauer diesen plumpen, halb röthlichgelb, halb braun gefärbten Körper, diesen Kopf mit der seltsam verlängerten Schnauze, den ungewöhnlich langen Ohren und den freundlich glänzenden Augen, die kurzen, mit furchtbaren Krallen bewaffneten haarigen Füße. Er versucht es, dieses Geschöpf irgend einer der ihm bekannten Thiergruppen einzureihen. An eine nahe Verwandtschaft des seltsamen Wesens, das ihm als kapisches Erdferkel (Orycheropus capensis) bezeichnet wird, mit seinem struppigen Genossen nebenan vermag er erst dann zu glauben, wenn dasselbe plötzlich aus seiner winzigen Mundöffnung die lange, wurmförmige Zunge ausstreckt. Dann wird es ihm erst klar, daß die Natur diese beiden Thiere für einen gleichen Lebenszweck bestimmt hat; dalln vermag er für die barocke Gestalt des Erdferkels eine Erklärung zu finden und sie für etwas mehr als ein bloßes Spiel der Schöpfung zu halten; dann steht er auch nicht länger an, dasselbe als ein Glied jener merkwürdigen Rasse der Wirbelthiere anzusehen, welche die naturwissenschaftlichen Systematiker nach langen mühevollen Studien unter dem Namen „Zahnarme“ (Edentata) zusammengefaßt haben.

Ebenso wenig wie sich eine Uebereinstimmung oder Aehnlichkeit des Erdferkels mit dem Ameisenbär hinsichtlich der äußeren Gestalt feststellen läßt, vermag man überhaupt alle die Geschöpfe, welche dieser seltsamen Thierclasse zugezählt werden, in allgemeinen Zügen zu kennzeichnen. Jedes derselben ist von dem anderen grundverschieden in seinem Bau, seiner Größe, ja seinem Charakter, und dennoch sind sie alle unter einer Gruppe vereinigt worden, weil sie in manchen Dingen wieder eine auffällige Uebereinstimmung zeigen; denn sie alle haben entweder einen vollständigen Zahnmangel oder doch ein höchst verkümmertes Gebiß, dagegen ungemein entwickelte Nägel; alle erscheinen uns in ihren wunderseltsamen Formen, in ihrem lichtscheuen, stumpfsinnigen Wesen wie Fremdlinge der Schöpfung oder wie die lebenden Denkmäler einer untergegangenen Welt.

Erzählt doch die paläontologische Wissenschaft gar wundersame Dinge von jenen riesenhaften Geschöpfen der Vorwelt mit der mangelhaften Zahnbildung und den furchtbaren Krallen; gleicht doch das Megatherium, dessen Skelet einst im Diluvialsande der Pampas von Südamerika gefunden wurde und das noch heute im Museum zu Madrid in ausgeführter Vollständigkeit aufbewahrt wird, in seinem ganzen Bau demjenigen unserer heutigen Faulthiere. Wunderseltsam und abenteuerlich erscheint unserer Phantasie jenes vorweltliche Wesen in seiner Elephantengröße, und in fragwürdigen, fremdartigen Gestalten treten uns noch heute seine lebenden Vettern in ihren weit weniger auffälligen Größenverhältnissen entgegen. Doch so sehr wir auch geneigt sind, in diesen wunderlichen Formen und organischen Bildungen nur eine Laune der Schöpfung zu erkennen, so werden wir doch anderen Sinnes, wenn wir näher in das Leben und Treiben dieser Geschöpfe eingehen. Dann gewinnen für uns die seltsame Gestalt des Faulthieres, der Panzer des Armadills, die Wurmzunge und die scharfen Krallen der Ameisenfresser Bedeutung; dann tritt uns auch hier in dem Werdeproceß der Natur die Logik in deutlichen Zügen vor Augen.

Wenn wir uns z. B. mit Hülfe unserer von G. Mützel mit vortrefflicher Naturtreue gezeichneten Abbildung (sie stellt Erdferkel vor einem Termitenhaufen sitzend dar) in die afrikanische Heimath des Erdferkels versetzen und nun die eigenartige Rolle beobachten, welche dieses Wesen im Haushalte der Natur zu spielen hat, dann

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Die Gartenlaube (1881) b 829.jpg

Kapische Erdferkel.
Originalzeichnung von G. Mützel.

[830] werden wir gewiß über das harmonische Gesetz auf der großen Schaubühne des Lebens staunen.

Im südlichen Afrika, dort, wo die Termiten, „die große Menschenplage beider Indien“, wie sie Linné nannte, ihre wundersamen Kunstbauten errichten, die man ursprünglich für menschliche Werke, für Negerhütten hielt, ist die Heimath unseres Thieres. Wohl giebt es auch in den nördlichen Gegenden des genannten Welttheiles Erdferkel, doch bilden diese eine besondere, wohl zu unterscheidende Art; unser Geschöpf ist ein echtes Kind des Südens. Mit bewundernswürdiger Meisterschaft und Schnelligkeit gräbt es sich auf trockener Ebene, auf Steppen oder in Wäldern dort, wo eben die Ameisen und Termiten die Herrschaft führen, eine große Höhle, in welcher es, verborgen vor der Welt des Tages, fast ununterbrochen, so lange die Sonne am Himmel steht in stumpfsinnigem Brüten verweilt.

Bricht jedoch die Nacht herein, dann wird es wie mit einem Zauberschlag lebendig und beginnt seine verheerenden Raubzüge. Hat es einen Termitenbau entdeckt, so vollführt es in kunstvoller Weise sein Minirwerk, untergräbt den Bau, bis es auf den Haupteingang oder auf einen Nebenweg zu dem Neste geräth, und macht nun von seiner eigenartig gestalteten Zunge Gebrauch. Es steckt nämlich einfach das wurmförmige klebrige Organ in die Oeffnung, läßt es von den zornigen Termiten erfüllt werden, und zieht es dann mit Behagen in den Mund zurück. Diese Manipulation wird so lange wiederholt, bis es sich vollkommen gesättigt hat und der Morgen naht.

Das lichtscheue Thier flieht die Sonne und den Menschen mit unbeschreiblicher Angst und vergräbt sich auch während der Nacht mit rasender Eile in die Erde, sobald es ein verdächtiges Geräusch vernimmt. Doch hat der Jäger es überrascht, dann versucht es sich mit aller Kraft gegen die Wandungen seiner Höhle zu drängen und sich auf diese Weise dem Einfangen zu entziehen. Sein Fleisch ist den Eingeborenen eine Lieblingsspeise und soll im Geschmack dem des Wildschweins überaus ähnlich sein; diesem Umstande verdankt es seinen Namen, und dem Wohlgeschmack seines Fleisches ist es zuzuschreiben, daß es so leidenschaftlich verfolgt wird.

Die Gefangenschaft soll das Erdferkel nicht lange zu ertragen vermögen. Man behauptete dies auch von dem Ameisenbär, und dennoch erfreut sich dieses wunderliche Geschöpf im Zoologischen Garten zu Berlin nun schon seit Jahren der blühendsten Gesundheit. Während jedoch dieser mit sichtlichem Behagen Ameisenpuppen als Surrogat der ihm mangelnden Termiten verspeist, hat das Erdferkel bis jetzt nur Neigung gezeigt, Milch mit Reis und rohe Eier zu genießen. Gegen seinen Wärter beobachtet es ebenso, wie sein struppiger Kumpan, die größte Zurückhaltung; es ist ebenso wie jener gegen Liebkosungen vollständig unempfänglich. Den ganzen Tag liegt es schlaftrunken da und erhebt sich nur dann, wenn es Nahrung wittert oder mit Gewalt aufgerüttelt wird. Doch zur nächtlichen Stunde scheint in ihm die Sehnsucht nach der Freiheit und den heimischen Gefilden wach zu werden, dann ist es in steter Bewegung und scharrt und kratzt, als ob es gelte eine Termitenveste zu erobern[.]

Obwohl die geistigen Fähigkeiten des Erdferkels ungemein beschränkt sind, was auch aus den geringen Windungen seines Gehirns hervorgeht, so soll es in der Freiheit doch seinen Sprößlingen gegenüber eine rührende mütterliche Liebe offenbaren und sie eine geraume Zeit hindurch mit ganzer Hingebung pflegen und beschützen.

Paul Hirschfeld.