Das amerikanische Hôtel

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Titel: Das amerikanische Hôtel
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aus: Die Gartenlaube, Heft 11, S. 169–171
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das amerikanische Hôtel.


In unseren Tagen der vervollkommneten, vervielfachten und verwohlfeilten Communicationsmittel, die Raum und Zeit von Woche zu Woche mehr verschwinden machen und wie die meisten anderen Genüsse und Vortheile, so auch das Reisen demokratisiren, reist, kurz und rund gesagt, eben Jedermann und alle Welt, so daß wir unablässig eine völlige Völkerwanderung im Gange sehen. Eine unmittelbare Folge dieser massenhaften Locomotion sind unsere modernen Hôtels, jene Monstre-Anstalten, wie sie sowohl in unseren großen Städten, als an den sonstigen Centren und Knotenpunkten des Fremdenzuges tagtäglich in steigenden Dimensionen in die Höhe schießen, Etablissements, wo, in Casernenmanier, immer gleich Hunderte, ja Tausende von Gästen auf einmal beherbergt, verpflegt und mit allem uns zur Unentbehrlichkeit gewordenen Luxus unserer Zeit umgeben werden können. In Paris und London, am Rhein und in der Schweiz, in Berlin[1] und Wien entstehen alljährlich neue dergleichen Riesenherbergen, eine durch Ausdehnung und Organisation bewundernswerther als die andere, die gewaltigsten Ungeheuer von Hôtels aber erwachsen auf dem Boden der Vereinigtem Staaten von Amerika, dem Lande, in welchem die sich Tag ein Tag aus auf der Reise befindende Menschheit augenblicklich wohl die höchsten Ziffern erreicht.

Dem Wesen der Sache nach sind unsere derzeitigen Hôtels im Allgemeinen kosmopolitischen Schlages, indeß zeigte sich das Gepräge ihrer Nationalität doch bei keinem durchaus verwischt. Am meisten national stellt sich wohl noch das amerikanische Hôtel dar; seine Eigenthümlichkeiten, Vorzüge wie Gebrechen, entspringen den Charakterzügen des Volkes, für welches es errichtet und gehalten wird. Der Amerikaner ist ein vorzugsweise geselliges Thier: er liebt den Haufen und lebt am liebsten in einem solchen. Selbst geboren wird er gleichsam in Gesellschaft, denn die Aerzte versichern uns, daß in den Vereinigten Staaten Zwillingsgeburten häufiger sind als anderwärts. In Haufen besucht er die öffentlichen Schulen und wohnt haufenweise in den höheren Bildungsinstituten zusammen. In Haufen fährt er auf Eisenbahnen und Dampfschiffen, welche stets bis zum Uebermaße mit Menschen vollgepfropft sind, und findet an nichts größere Freude als an Monstre-Versammlungen. Endlich stirbt er selbst en masse, denn nirgends auf der Erde tödten unglückliche Katastrophen mehr Menschen zu gleicher Zeit, seien es nun Eisenbahnunfälle oder Kesselexplosionen auf den Dampfschiffen.

[170] Dieselbe gesellige Tendenz bewirkt es, daß er auch im Hôtel massenweise zusammen hausen will. Kein Gasthof ist in seinen Augen ein „gutes Hôtel“, der seine Gäste nicht nach Tausenden oder mindestens nach Hunderten zählt und ihm nicht eine Reihe prachtvoll möblirter Zimmer darzubieten vermag, in denen er eine große Zahl von Freunden und Bekannten empfangen und seine Frau oder Tochter ihre umfängliche Garderobe vor einer kritischen Menge entfalten kann. Nimmermehr würde er es für möglich halten, daß die stille Thorfahrt eines europäischen Hôtels, in dessen Vorhalle sich kein anderes Wesen erblicken läßt als ein stattlicher Portier mit Dreimaster und silberbeknauftem Gigantenstocke, zu einem Hôtel „erster Classe“ führen könne. Den ganzen Tag in seinem Zimmer sitzen zu müssen, wäre ihm unerträglich, und der Gedanke, mit seiner Familie allein in einem gemächlichen abgesonderten Gemache speisen zu sollen, lächerlich und verächtlich zumal. Er verlangt vielmehr, daß er, sowie er nur das Hôtel betritt, auf einen Schwarm rauchender und spuckender Männer stößt, der sich in dem weiten Vestibul auf und ab bewegt, bis auf die Straße hinaus ergießt und die Treppe überfluthet und durch den er sich gewaltsam Bahn brechen muß, wenn er bis zu dem Comptoirtische vordringen will, hinter welchem in gelassener Haltung das Individuum steht, das während seines Verweilens im Hôtel sein unumschränkter Gebieter ist.

Wehe ihm, wenn er sich nicht vorher telegraphisch Zimmer bestellt hat! Einer kühlen Abweisung ist er dann sicher, oder höchstens weist man ihm widerstrebend ein Zimmer im siebenten oder achten Stockwerke an, das er mit verschiedenen anderen Gästen zu theilen hat. Gegen den letztern Umstand hat er in der Regel nichts einzuwenden, denn der Amerikaner trägt kein Bedenken, auch en masse zu schlafen, ja gar mancher Gast begehrt ausdrücklich, nicht nur in das nämliche Zimmer, nein, selbst in das nämliche Bett mit Anderen quartiert zu werden. Hat doch ein bekannter Präsident der Union einst sein Bett mit einem renommirten Staatsmanne getheilt und ihre gemeinschaftlichen Berathungen während der Nacht nachmals veröffentlicht!

In dieser Zimmervertheilung liegt ein wesentlicher Mißstand der amerikanischen Hôtels. Die Zimmer haben nämlich sammt und sonders den gleichen Preis, ob sie in der ersten Etage liegen und glänzend ausgestattet sind, oder sich unter dem Dache befinden und nichts weiter enthalten, als Bett, Waschtisch und Stuhl. So kommt es, daß es ausschließlich Sache des Zufalls, oft auch der Parteilichkeit ist, in welchen Räumlichkeiten der arme Reisende untergebracht wird. Jederzeit hat sich der Amerikaner durch seine ritterliche Galanterie gegen Damen, das heißt in seiner Sprache, gegen alle weißen, anständig gekleideten weiblichen Wesen ausgezeichnet, der Gentleman dagegen ist ihm durchgängig noch ein mythischer Begriff. Zwar die Tage sind glücklicher Weise vorüber, wo man es für bedenklich erachtete, bei der Table d’hôte der Damen auch Männern Zutritt zu gewähren, und das Vorrecht, an dieser Tafel mit speisen zu dürfen, noch besonders bezahlt werden mußte, allein in den Augen des Hôteliers oder seines Geschäftsführers ist ein Mann eben ein Mann, und wenn er nicht so glücklich ist, den einen oder den andern der hohen Gebieter zu kennen und ihm über das Büffet hinüber die Hand schütteln zu dürfen, so müssen gebildete Fremde sonder Widerrede mit dem sonntäglich aufgeputzten Handwerksgesellen oder, schlimmer, mit dem wüsten Spieler von Profession, der selten in einem amerikanischen Hôtel fehlt, eines Weges wandeln und zusammen campiren, wo möglich in Einem Bette schlafen. Bittet er nun ein Zimmer für sich allein, so sieht man ihn mit erstaunten Augen an und antwortet ihm mürrisch, das Haus sei voll, und bei dem wunderbaren Verkehr, der fortwährend die großen Straßen des Landes belebt, ist diese Antwort meist keine Ausflucht und gewöhnlich auch jeder Gang, jeder Corridor, jeder Vorsaal des Hauses mit einer Menge von Betten und Schlafeinrichtungen besetzt.

Seine Lust an Gesellschaft und dem mit dieser nothwendig verbundenen Lärm und Spectakel zeigt der Amerikaner vorzugsweise auch bei den verschiedenen Mahlzeiten. Wenn er nicht ein fürchterliches Geräusch, ein mächtiges Schwirren und Brausen um sich hört und sich dadurch beruhigt fühlt, daß er nicht allein, daß er vielmehr das Glied eines großen Ganzen ist, vermag er sich selbst am Ueberfluß der vortrefflichsten Schüsseln nicht zu letzen, wie solche das gute amerikanische Hôtel ohne Ausnahme liefert. Groß ist die Consternation des mit den Landesbräuchen unbekannten Fremden, der bescheiden den Wunsch ausspricht, zu einer bestimmten ihm gewohnten Stunde speisen zu wollen, noch größer die Bestürzung des armen Reisenden, welcher, müde und erschöpft nach einer langen Fahrt, auf der er nichts zu essen und zu trinken fand, zu einer Zeit im Hôtel eintrifft, wo das gemeinschaftliche Diner oder Souper eben beendet ist, wenn sie die peremptorische Mittheilung empfangen, daß die Thüren des ersehnten Speisesaals sich erst nach so und so vielen Stunden wieder aufthun werden! Der Gast eines amerikanischen Hôtels kann nicht frühstücken, wann er will, noch zu Mittag essen, wann und wie es mit seinen Geschäften und Neigungen übereinstimmt, einem Sclaven gleich ist er an einen Tyrannen gefesselt, der nach seiner Laune und Bequemlichkeit durch eine barbarische Handtrommel oder durch ein mark- und beinerschütterndes Donnern an der Fremdenthür den Beginn der Mahlzeiten verkünden läßt. Und wehe dem Unglücklichen von Neuem, wenn er in seiner Unschuld die Hoffnung hegen sollte, sich den Platz am Tische selber auswählen, sich neben etwaige Freunde und Bekannte setzen zu können! Ein gestrenger Herr wartet seiner, sowie er eintrifft, und überweist ihn mittels einer majestätischen Handbewegung einem andern Beamten, der ihm erst seinen Sitz bestimmt und sofort wieder verschwindet, ganz unbekümmert um die berechtigten Wünsche des Reisenden, nicht der gefährlichen Zugluft der Thür oder dem blendenden Lichte der Fenster ausgesetzt sein zu wollen. Die Geduld des Amerikaners bleibt auch hierbei bewundernswürdig. Er kommt in den Saal, nimmt den ihm zugetheilten Platz ein, wartet gleichmüthig das Signal seines Tyrannen ab und ißt unter zehn sicher neun Male, was sein sogenannter Diener hinter dem Stuhle ihm als Mittags- oder Abendbrod gnädigst decretirt. Seufzt er über diese Despotie, so wird der Diener mürrisch, erklärt, daß die gewünschten Schüsseln bereits vergriffen seien, und überläßt ihn ohne Weiteres seinem Schicksal, das heißt ohne Speise und Trank.

Schließlich erscheint der quart d’heure de Rabelais oder, wie wir Deutschen sagen, der Augenblick, wo wir „zuletzt zusammenkommen“. In keinem amerikanischen Hôtel wird dem Gaste die Rechnung auf sein Zimmer gebracht, er vielmehr beordert, sich vor einer Oeffnung in einem gewissen umgitterten Käfig zu präsentiren und hier seinen Namen und die Nummer seines Zimmers anzugeben. In wenigen Minuten ist die Rechnung ausgeschrieben, in runder Summe sonder Verzeichnung der einzelnen Posten, und man erwartet, daß der Fremde den geforderten Betrag bezahlt, ohne nach den Details zu fragen. Da für Kost und Logis pro Tag eine gewisse Summe festgesetzt ist und außer Wein – dessen man sich in den amerikanischen Gasthöfen indeß nur wenig bedient – nichts extra berechnet wird, so hat die gegenseitige Verständigung auch meistens keine Schwierigkeit. Doch auch hier tritt der vornehme Styl des amerikanischen Hôtels für den Reisenden in sehr empfindlicher Weise zu Tage. Auf eine Mahlzeit mehr oder weniger kommt es offenbar nicht an, und da der Tag von dem ersten Diner oder Souper zählt, welches dem Fremden nach seiner Ankunft vorgesetzt wird, so muß der scheidende Gast, der etwa um sechs Uhr Nachmittags vom Mittagstische aufsteht und kurz nach sieben Uhr abreist, unweigerlich auch den um die letztere Stunde servirten Thee mit bezahlen, da er zu dieser Zeit sich noch im Hause befand.

Für einen Vielesser hat der allgemeine Brauch, drei, vier oder fünf Dollars täglich für Wohnung und Kost in Anrechnung zu bringen, ohne Zweifel seine Vorzüge; er kann sich an fünf substantiellen Mahlzeiten erlaben, deren einfachste, Frühstück und Abendthee, allein mehr als genug der Nahrung auftischen, um einen hungrigen Handarbeiter über und über zu sättigen. Allein der minder glücklich Organisirte, dessen Appetit nicht so umfänglicher Art ist; der Reisende, welcher in der Stadt vielleicht Familienbekanntschaften besitzt und in deren Folge Gelegenheit findet, der mit Recht gerühmten amerikanischen Gastfreundschaft theilhaftig zu werden; der Kranke, dem sein Arzt eine strenge Diät vorgeschrieben hat, und der neugierige Forscher, welcher die Küche auch anderer vielgenannter Etablissements und Restaurants, in New-York etwa Delmonir oder Guy etc., erproben will – sie Alle leiden unter der Einrichtung jener normirten festen Preise, die man erlegen muß, man mag etwas im Hôtel genossen haben oder nicht. Die vornehme Dame in ihrem prachtvollen Gemache im ersten Stock und der unglückliche Gast in seinem Kämmerchen über der Dampfküche; der derbe Farmer, welcher jährlich nur einmal zur Stadt [171] kommt und sein Quantum mehr als abißt an der reichbeladenen Tafel, und das zarte Mädchen, das kaum berührt, was ihm präsentirt wird – sammt und sonders zahlen sie einen und denselben Preis.

So lange in den Vereinigten Staaten das Geld so leicht gewonnen und mit so freigebiger Hand verausgabt wird, wie jetzt, so lange wird das amerikanische Hôtelsystem sicher keine Aenderung erleiden, um so weniger, als echt republikanischen Sinnes Jedermann darauf besteht, mit den Ersten im Lande sich auf gleichem Fuße behandelt zu sehen. Zum Reisen hat der Amerikaner, der Nomade der Civilisation, immer Geld, und für dies sein Geld verlangt er auf reichen Teppichen in einer Fluth von Gas zu wandeln, von Spiegeln und Vergoldung, von kostbaren Möbeln und Geräthen umgeben zu sein und an einer Tafel zu sitzen, welche schier bricht unter der Last aller Delicatessen der Jahreszeit. Zu Hause begnügt er sich vielleicht mit Bohnen und Schweinefleisch oder mit Kohl und Wurst, und zieht seinen Rock aus, wenn er speist; sobald er aber reist, gerirt er sich als Gentleman in feinstem schwarzen Anzug, der sich in Bezug auf Speise und Trank weit wählerischer und den Dienern gegenüber viel herrischer zeigt, als der hochgebildete Herr, welcher von seinem Landsitze am Hudson oder von seiner Zuckerplantage am Mississippi zur Stadt kommt.

Uebrigens dürfen wir nicht vergessen, daß nach amerikanischen Begriffen und Anschauungen die Hôtels des Landes wirklich Muster von Vollkommenheit sind. Sie sind geräumige und luxuriöse Gebäude, oft aus weißem Marmor errichtet und immer verschwenderisch geschmückt mit architektonischer Zierrath. Weite Hallen und Vestibule mit prächtigen Treppen nach den oberen Etagen verleihen dem Ganzen einen palastartigen Anstrich, während die endlose Reihe von Zimmern einen Glanz von Ameublement entfaltet, der selbst den Habitué von Fenton’s und Mivart’s Hôtel in London und des Grand Hôtel in Paris verblüfft. Die Frühstücks- und Theezimmer strahlen von mächtigen Spiegeln und bunten Fresken, während der kolossale Speisesaal mit brillanten Ornamenten überladen ist. Die Reichlichkeit der Mahlzeiten selbst übersteigt alle europäischen Begriffe; dagegen läßt die Zubereitung der einzelnen Schüsseln nicht selten zu wünschen übrig, was kaum anders zu erwarten ist, wo zu gleicher Zeit so ungeheure Speisenmengen zubereitet werden müssen. Was aber dem Fremden stets am meisten aufzufallen pflegt, ist die förmlich schrankenlose Ueppigkeit des Desserts, welches aus zahllosen Pasteten und Kuchen aller Art und aus einer überschwänglichen Fülle der herrlichsten Früchte des Landes zu bestehen pflegt.

Das Hauptmerkmal des amerikanischen Hôtels bleibt die Vollständigkeit, mit welcher es für alle möglichen Bedürfnisse und Bequemlichkeiten seiner Gäste sorgt. Ein höchst eleganter Salon, häufig der reichst decorirte Raum des Hauses, enthält einen Schänktisch, wo eine Schaar wohlerfahrener Männer eine unendliche Mannigfaltigkeit von einfachen und complicirten Getränken verabreicht – Getränke, welche man in Europa meist nicht einmal dem Namen nach kennt – während Rauch- und Lesezimmer dicht daneben liegen und alle erdenklichen Einrichtungen und Materialien zum Briefschreiben in Hülle und Fülle und vorzüglichster Beschaffenheit vorhanden sind. Ein specielles Postbureau fehlt ebenso wenig wie eine Telegraphenexpedition, und ein gut ausgestatteter Buchladen liefert einen Ueberfluß von Zeitungen, Journalen und Büchern. Ferner giebt es ein Bureau, wo sich der Fremde mit Billets für jedwede Reise zu Lande und zu Wasser, von einem Ausflug nach der nächsten Stadt bis zu einer Fahrt auf der Pacificbahn nach dem fernen Californien, versehen kann. Fortwährend sind außerdem mehrere Commis beschäftigt, Briefe und Pakete in Empfang zu nehmen, welche für die Gäste des Hôtels anlangen und von diesen abgesandt werden, während im Vestibul immer eine ganze Schaar von Dienern sitzt, des Rufs der zahllosen Glocken und Schellenzüge des Hôtels gewärtig. Braucht der Fremde einen Barbier, so hat er sich nur in ein luxuriöses Local im Erdgeschoß des Hauses zu verfügen; Haarkräusler und sämmtliche zur Toilette gehörige Apparate und Gegenstände befinden sich in den verschiedenen Etagen. Schneider und Hutmacher, Schuhmacher und Kurzwaarenhändler haben Magazine im Hause, und so giebt es buchstäblich nichts, was ein Mensch im gewöhnlichen Laufe des Lebens braucht und was er sich nicht im Hôtel selbst beschaffen könnte.

Die innere Verwaltung des amerikanischen Hôtels endlich ist zu einem Grade von Vollkommenheit gebracht worden, der mit Recht die Verwunderung jedes Ausländers erregt, und erfordert so viel Talent und Energie, daß „die Kunst ein Hôtel zu führen“ in Amerika nachgerade gleichbedeutend geworden ist mit der Entwickelung großer administrativer Befähigung.

In Europa pflegen die meisten Gasthöfe ihre bestimmte Classe von Kunden zu haben; in Amerika ist dies, mit einigen wenigen Ausnahmen in Newyork, nicht der Fall. Hier wählt sich Jedermann sein Hôtel nach Lust und Belieben oder vielmehr das, welches gerade Mode und en vogue ist. In den großen Städten wird das zuletzt erbaute immer das fashionablere; dahin strömt Alles, um den Glanz zu bestaunen und nachher zu Hause sich rühmen zu können, daß man das prachtvolle Etablissement auch gesehen habe. Dagegen besitzen die amerikanischen Hôtels ihre eigene Art von Gästen, die Boarders oder Pensionäre. In Amerika bietet der eigene Haushalt so große Schwierigkeiten dar und ist so kostspielig, daß eine Menge von Junggesellen nicht nur, sondern auch von Familien es vorziehen, sich keinen eigenen Hausstand zu gründen, vielmehr im Hôtel zu leben. Dies geschieht hauptsächlich, weil es nahezu unmöglich ist, gute Dienstboten zu finden, und die Anforderungen derselben nachgerade bis zum Unerschwinglichen und Unerträglichen steigen. Welchen verderblichen Einfluß auf die Entwickelung eines gesunden Familienlebens dieses beständige Nomadisiren im Gasthofe hat, darüber bedarf es, namentlich für unsere deutschen Frauen und Mütter, keines Wortes und namentlich geschieht mit dieser amerikanischen Unsitte den Kindern, die dadurch der Heimath, des Elternhauses beraubt werden, das grausamste Unrecht.

Wie alle Einrichtungen der transatlantischen Republik gleich- und einförmig sind, so sind dies auch die Hôtels durch das gesammte weite Land. Von Osten nach Westen, von Norden nach Süden ist das „gute Hôtel“ in jeder Stadt genau dasselbe; dasselbe in seinen hohen Preisen, ohne Rücksicht auf den Verbrauch des Gastes, dasselbe in seiner vom Wirthe gegen den Fremden ausgeübten Tyrannei und dasselbe in der wunderbaren Menschenrasse, die sich unablässig in ihm herumdrängt. Offenbar hat der Amerikaner eine Leidenschaft, den Hôtelier zu spielen, und ein eigenthümliches Talent dafür, und was auch sonst der Fremde für Eindrücke aus den Vereinigten Staaten mit nach Hause bringen mag, sicher wird er nicht ohne Bewunderung des amerikanischen Hôtels gedenken.




  1. Augenblicklich ein Hôtel mit einer Million Thaler Anlagecapital.