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Das Wappen der Grafen von Lynar oder die Sage vom Schlangenkönig im Schlosse zu Lübbenau

Textdaten
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Autor: Johann Georg Theodor Grässe
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Titel: Das Wappen der Grafen von Lynar oder die Sage vom Schlangenkönig im Schlosse zu Lübbenau
Untertitel:
aus: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, Band 1. S. 226–228
Herausgeber:
Auflage: Zweite verbesserte und vermehrte Auflage
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1874
Verlag: Schönfeld
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Quelle: Google-USA* und Commons
Kurzbeschreibung:
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251) Das Wappen der Grafen von Lynar oder die Sage vom Schlangenkönig im Schlosse zu Lübbenau.

J. G. Büsching, Wöchentliche Nachrichten für Freunde der Geschichte, Kunst und Gelahrtheit des Mittelalters. Dritter Band. Breslau 1817. S. 342 sq. Poetisch beh. von Segnitz Bd. II. S. 289 sq.

Im Schlosse und Dorfe Lübbenau, welches den Grafen Lynar gehört, die aus Toscana stammen, sowie in der hier in viele Arme sich spaltenden Spree giebt es viele Wasserschlangen, die zwar unschädlich sind, aber den Kühen die Milch aussaugen sollen. Jedes Haus hat gewöhnlich zwei Hausschlangen, eine männliche und eine weibliche, die sich nicht eher sehen lassen, als bis der Hausvater oder die Hausmutter stirbt, wo sie dann ihr Loos theilen. Dieses Schlangenheer hat aber einen König zum Oberhaupt, eine sehr große, starke und lange Schlange, welche auf dem Kopfe zwei gebogene Haken hat, mit denen sie ihre elfenbeinähnliche Krone trägt. Ein rüstiger Fischer, der noch in dem ersten Viertel dieses Jahrhunderts lebte, fischte einst in einem alten mit Weiden bewachsenen Graben unweit des Schlosses an der sogenannten Schnecke, und hat zu seinem größten Erstaunen, indem er das Netz herauszieht, eine gewaltig große Schlange mit etwas Weißem auf dem Haupte gefangen. Der Gewohnheit der dortigen Einwohner nach, sogleich alle Schlangen, die ihnen in den Weg kommen, zu morden, nimmt er das Ruder, oder wie es in der Landessprache heißt, das Rudel und sticht die Schlange an. Diese erhebt ein lautes Pfeifen, im Augenblick sieht er sich von einem Haufen von Schlangen umlagert, die sich in seinen aus einem einzigen Eichenstamme [227] ausgehöhlten Kahn (dergleichen die Fischer hier gebrauchen) drängen und sein Ruder bis an die Spitze umringeln. Er geräth in Angst und Schrecken, springt aus dem Kahne ans Ufer und will davon eilen, aber die Schlangen schießen ihm nach. Zum Glück fällt ihm ein, seine Jacke auszuziehen und diese von sich zu werfen, das thut er und entkömmt. Die Schlangen hatten sich auf sein Kleidungsstück als den vermeinten Feind geworfen und es durch und durch zernagt und bis in den faulen Graben mit geschleppt, wo man es nach einigen Tagen in diesem Zustande fand.

Nun ist es aber eine alte Sage, daß, wer sich der Krone des Schlangenkönigs bemächtigen könne, der gelange zu sehr großem Reichthum, die Krone selbst sei von unschätzbarem Werthe, ja man könne sogar auf diese Art die Schlangen vermindern, denn die Krone sei nur einzig vorhanden und erbe auf die erwählten Könige. Da soll nun einst Jemand den kühnen Entschluß gefaßt haben, sich in den Besitz dieses Hauptschmuckes des Königs zu setzen. Er stieg zu Pferde, um bei drohender Gefahr desto schneller den rächenden Schlangen enteilen zu können. Auf einem grünen Platze bei dem Schlosse breitete er an einem schönen Maitage ein feines weißes großes Tuch aus, denn man wußte, der Schlangenkönig lege gern seine Krone auf reinliche weiße Sachen, wenn er ungestört mit seinen Genossen spielen wollte. Kaum ist das Tuch ausgebreitet, so hält er mit dem Rosse nicht weit davon hinter einem Erlengebüsch an der Schnecke, und zu seiner Freude sieht er den Schlangenkönig mit Gefolge herbeikommen, und seine Krone auf das weiße Tuch legen. Sie begeben sich sodann in vollem Zuge nach der Eisgrube, um auf dem Berge in der Sonne zu spielen. Der Reiter eilt sacht mit dem Rosse hinzu, nimmt sein Tuch mit der Krone an den vier Zipfeln zusammen und jagt im Fluge davon. Im Augenblick hört er ein durchdringendes Schlangenpfeifen. Er ist aber mit dem Rosse zu schnell und kommt bald auf das feste Land und Pflaster in die Stadt. Niemandem erzählte er von seinem Schatze, aber seit dieser Zeit ward er ein steinreicher [228] Mann und noch heute ist sein Haus eins der reichsten Kaufmannshäuser in der Stadt, obgleich vielleicht nun die Familie selbst sich der Sage nicht mehr zu erinnern weiß. Der oben erwähnte Fischer fing freilich den Schlangenkönig bloß mit etwas Weißem auf dem Haupte. Es waren also wohl nach der Sage die beiden Haken, in denen er sonst die Krone trug.

Seitdem haben sich auch die Schlangen beträchtlich vermindert, und auch hierin würde also die Sage erfüllt sein. Das Wappen der Grafen zu Lynar führt noch bis auf diese Stunde eine gekrönte Schlange oder einen Schlangenkönig im Schilde nebst einer Mauer, und soll dieses Bild eben bedeuten, entweder daß ihnen derselbe mit seinem Volke hold und gewärtig sei, oder daß sie von jenem klugen Manne, der dem Schlangenkönig seine Krone entführte, abstammen.