Das Singemäuschen

Textdaten
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Autor: Henriette v. Byern
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Titel: Das Singemäuschen
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 4, S. 63–64
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[63] Das Singemäuschen. Der Zweifel, den noch Viele in die Existenz einer Singemaus setzen, veranlaßt mich, folgendes Erlebniß zu veröffentlichen:

Als ich eines Abends an meiner Holzkammer vorüber ging, welche sich im Souterrain neben dem Kellergewölbe befindet, hörte ich ganz eigenthümliche Töne von Thieren, die im kleingemachten aufgestellten Holze herum kletterten. Ich blieb, die brennende Lampe in der Hand, vor dem Holze stehen; da wurden diese seltsamen Töne, die von zwei bis drei verschiedenen Stimmen herzurühren schienen, noch lauter und ich wunderte mich nicht wenig, daß die Thiere vor dem hellen Scheine der Lampe nicht flüchteten, sondern unter dem Holze noch näher kamen, ohne daß ich jedoch eines derselben erblicken konnte. Eiligst rief ich meine Hausgenossen zusammen, die ziemlich geräuschvoll einer nach dem andern herzu kamen, ohne daß die Thierchen sich stören ließen. Immer dichter trat ich an das Holz heran und leuchtete hinein. Da zogen die Thiere schnurrend durch das Holz hindurch und plötzlich waren sie im Kellergewölbe, wo nun das Concert auf’s Neue, lauter denn vorher, anfing, bis sie wieder schnurrten und sich verloren hatten – ich wußte nicht wohin.

Von nun an stand ich alle Abende stundenlang mit meiner Lampe vor dem Holze, in welchem diese räthselhaften Concerte gratis gegeben wurden, ohne daß es mir jedoch gelang, die Musikanten selbst zu entdecken. Endlich brachte mich ein Bekannter unseres Hauses auf die Idee, daß die eigenthümlichen Töne von Singemäusen herrühren könnten, und nun stellte ich Fallen auf, worin sich die Thiere ohne Schaden zu leiden fangen konnten; meine Hoffnung erfüllte sich: noch in derselben Nacht waren zwei Mäuschen gefangen, die sofort durch Glucksen ihre musikalische Fähigkeit verriethen. Wer war glücklicher wie ich! Die Thierchen waren so zahm, als hätten sie stets in der Falle gesessen, sie nahmen mir die dargereichte Semmel aus der Hand, setzten sich aufrecht und verzehrten das Brod vor meinen Augen in der Stellung eines Aeffchens. Dann hielt ich ihnen kleine Papierstreifen entgegen, die sie mir hastig entrissen und in eine Ecke trugen, um gleich darauf wieder dazustehen und die Fortsetzung zu erwarten, wobei sie wohl glucksten, aber nicht sangen, was ich ihrer Gefangenschaft zuschrieb.

Auf diese und ähnliche Weise beschäftigte und vergnügte ich mich oft mit den kleinen hübschen Mäuschen, die sich so geduldig in ihr hartes Schicksal fanden; doch blieb ich insofern unbefriedigt, als diese gefangenen Mäuse nicht sangen und sich im Holze auch keine mehr vernehmen ließ. Da ich aber deutlich drei Stimmen gehört und unterschieden hatte, so mußte mir die dritte Maus noch fehlen, weshalb ich abermals die beiden Fallen aufstellte, die eine in den Holzstall, die andere in das Kellergewölbe. Jedoch – sie waren jeden Morgen leer.

Trotzdem stellte ich mich wieder alle Abende lauschend vor das Holz. Und siehe da – eines Abends hörte ich dieselbe dreistimmige Musik wieder, wie ich sie bei der ersten Entdeckung vernommen hatte. Hocherfreut legte ich einen Stein auf eine breite Steinfuge im Keller, die ich als den Eingang in die Erdhöhle der Mäuse erkannt hatte, stellte die eine der Fallen davor, entfernte mich geräuschlos und konnte kaum den andern Morgen erwarten, um nach dem Fang in der Falle zu sehen.

Der Morgen brach an und was hatte sich in der Falle gefangen? – Aus dem kleinen Käfig tönten mir die drei Stimmen entgegen, die durch das Holz hindurch geklungen hatten, und doch war nur eine Maus in der Falle – die Singemaus! Entzückt nahm ich diese in die Höhe, und wie eine aufgezogene Spieldose sang das Mäuschen weiter, während ich mit ihm die Treppe hinanstieg und in mein Zimmer eilte. Doch Ehre, wem Ehre gebührt! Ich konnte das interessante Thierchen unmöglich in der kleinen schlechten Falle lassen, und nahm deshalb einen zurückgestellten Messerkorb von Draht, paßte diesen auf ein eben so großes Kästchen, richtete, so gut es in der Eile ging, kleine Gänge, Nester und Höhlen darin ein, brachte eine kleine Fallthüre an der Seite an, nagelte den Messerkorb darauf und setzte die Maus hinein. Gleich fing sie wieder an zu singen, und als ich ihr Läppchen und Papier als Material zu einem weichen Sitz gebracht hatte, trug sie dieses sofort zu dem Neste zusammen, das sich jede Maus bereitet, ob sie Junge hat oder nicht.

In diesem Bauer und von dem erwähnten Lager aus sang die Maus jeden Abend, wenn ich sie unweit des Theetisches setzte, obgleich viel gesprochen wurde und eine helle Lampe im Zimmer brannte. Hörte sie auf zu singen, so nahm ich den Käfig auf meinen Arm und trug die Maus so lange in der Stube herum, bis sie wieder sang. Um die drei Mäuse beisammen zu haben, kaufte ich nach kurzer Zeit eine große Kiste und machte diese in der Art zurecht, daß ich sie an der Rückwand voll kleingemachtes Holz packte, in welchem die Thiere einen Versteck finden konnten, ließ eine Drahtthür davor machen und setzte nun die drei gefangenen Mäuse, in der Hoffnung, daß sie sich gegenseitig, zum Singen anregen würden, [64] zusammen. Doch darin hatte ich mich getäuscht. Alle drei verschwanden sogleich im Holze und die Singemaus, die fortan nur mehr des Nachts sang, entwickelte einen höchst egoistischen herrischen Charakter, ließ keine andere Maus an die Freßnäpfchen und trat sehr gebieterisch gegen die anderen Mäuse auf, die oft gegen ihren Willen handeln mochten, da sich in ihrem Singen Aerger und Zorn häufig genug erkennen ließen.

Weil mir nun das Zusammenbringen der Mäuse nicht nach Wunsch geglückt war, so ließ ich einen allerliebsten kleineren Bauer mit Gängen, Treppchen und Nestern fertigen und that das Singemäuschen allein hinein, wo es sich vor meiner Beobachtung nicht so verbergen konnte, als in der großen Kiste mit dem Holze. Sodann riß ich aus einem alten Kalender mehrere ganz weiche Druckseiten, schnitt diese in Stückchen und legte das Papier in den Bauer, ohne daß die Maus jedoch den Tag über Notiz davon nahm; sie setzte sich vielmehr ruhig auf das oberste Bänkchen, nur ab und zu ganz leise singend, während ich im unteren Geschoß ihrer neuen Wohnung noch verschiedene Einrichtungen traf.

Den anderen Morgen sah ich sogleich nach meinem Mäuschen und mußte laut lachen über die Bude, die es sich in der Nacht gebaut, zugleich aber bewunderte ich die große Geschicklichkeit, mit welcher sie die weichsten Papierstreifen kerzengerade zu einer Wand nebeneinander gestellt und sich einen höchst kunstvollen Ausgang gebaut hatte.

Was nun den sogenannten Gesang meines Mäuschens betrifft, so wird es mir schwer werden diesen zu beschreiben; ich vermag ihn um so weniger mit einem Vogelgesang zu vergleichen, als das Thierchen einmal so, einmal so singt, und immer wieder neue Erfindungen hören läßt, von so wunderbarer Art und so ganz eigenthümlich, daß ich zur vollen Bewunderung hingerissen wurde. Nun hat doch auch jeder Vogel seine bestimmte und eigenthümliche Art zu singen, und singt alles, was er singt, einstimmig. Das Mäuschen hingegen singt zweistimmig, das ist das Merkwürdigste. Es beginnt mit dem Triller des Canarienvogels, schlägt dann wie eine Wachtel, gluckst wie ein Huhn, singt zuletzt in den weichsten Tönen die Scala zweistimmig, und durch alles dies hindurch hört man Baßtöne und hohle Laute, wie von einer Unke. Bei Tage und des Abends singt sie weniger kräftig, weniger hübsch; sie gluckst viel oder singt auch lange hintereinander immer denselben Ton, kurz abgestoßen. Am schönsten und besten singt sie Nachts oder nach einer gehabten Aufregung, so einmal, als mir eine von den zuerst gefangenen Mäusen entkommen war. Diese vor dem Einbruch der Nacht wieder zu fangen, setzte ich die Singemaus mit ihrem Bauer an die Erde, als Lockvogel, und die Falle oben auf. Da umkletterte der Flüchtling den Bauer der Singemaus, welche in sichtbarer Unruhe hin und her lief und dabei (man mag die Ueberschwenglichkeit meiner Worte belächeln, aber man muß dieses Thierchen eben gehört haben) so wundervoll und so staunenswerth in der Vielseitigkeit der Abwechslung mehrstimmig sang, wie ich es noch nie vernommen.

Ein ander Mal, als ich sie von den anderen Mäusen entfernt und wieder allein gesetzt hatte, sang sie nichts als Klagetöne.

Unterhaltend ist es, wenn sie namentlich Nachts etwas am Tage Gehörtes einüben will; sie trifft das zum Bewundern und es ist darum meine Absicht, mir einen recht guten Schläger anzuschaffen, der der Maus vorsingt und, wie ich nicht zweifle, eine sehr gelehrige Schülerin an ihr haben wird.

Soll sie sich hören lassen und sucht man sie künstlich durch Klopfen an den Bauer und dergleichen mehr anzuregen, so bringt man sie zu keinem ordentlichen Vortrag; sie gluckst, singt höchstens ein Trillerchen und ist fertig. Freilich sind gerade bei solchem Anlaß meist fremde Leute im Zimmer, die sie hören wollen und deren Stimmen sie beunruhigen mögen. Denn sie singt sonst zu jeder Zeit, wenn ich mit den Meinigen spreche, und scheint meine Stimme vollkommen zu kennen.

Was die Persönlichkeit der Singemaus anlangt, so gehört sie zu den kleinen grauen Hausmäuschen, welche die Katzen, wie man sagt, am liebsten verzehren. Das Singemäuschen ist sehr klein, ganz grau, hat große hochstehende Ohren, sehr schwarze glänzende Augen wie Perlen und einen Höcker auf der Nase. Die zwei anderen Mäuschen sind ihr ganz gleich und von derselben Gattung. Ich meine manchmal, daß sie vielleicht später auch noch zu singen anfangen werden, denn sie scheinen noch jung zu sein.

Rudolstadt, im December 1869.
Henriette v. Byern.