Das Schellengeläute der Thüringer Heerden

Textdaten
<<< >>>
Autor: R.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Das Schellengeläute der Thüringer Heerden
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 38, S. 599–601
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1868
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[599]

Das Schellengeläute der Thüringer Heerden.

„Wie lieblich klingt im Walde das läutende Getön,
Wenn auf der Bergeshalde die Heerden weidend geh’n!“

Wenn auch das Voß’sche Lob „in Thüringen weiß jeder Bauer Musik“ eine starke dichterische Uebertreibung enthält, so läßt sich doch mit Recht behaupten, daß im Thüringer Volke ein reger Sinn für Musik herrscht und daß namentlich die Gebirgsbewohner eine nicht unbedeutende musikalische Begabung äußern.

Zwar schwindet mit der fortschreitenden Cultur und dem gesteigerten Fremdenverkehr auch in Thüringen die eigentliche Volksmusik, wie die Volkssitte und altväterische Tracht überhaupt. Die Schalmeientöne, welche die Bursche dem Birnbaumblatte, der Birkenrinde und der Weidenflöte abzugewinnen wußten, die lieblich summenden Klänge der Maultrommel und der süßrauschenden Bergmannscither, die als gemüthliche Hausmusik Gesang und Tanz der Waldbewohner belebten: alle diese ursprünglichen Instrumente hört man fast nirgends mehr, sie sind durch die schreiende Ziehharmonika und das moderne „Blech“ allmählich verdrängt. Selbst der frische Volksgesang, der in seiner naturwüchsigen, oft zwei- und mehrstinmig ausgeführteen Weise recht eigentlich das instinctartige Gefühl für Harmonie bekundet und den Glanzpunkt Thüringer Musik bildet, auch dieser verbleicht mehr und mehr.

Aber noch ein Zweig Thüringer Volksmusik hat sich „unbeleckt“ in uralter Weise erhalten und kann in der Art seiner Entstehung und Bezeichnungsweise mit Recht als einender bemerkenswerthesten Eigenthümlichkeiten Thüringer Volksthums, als eine der anmutigsten Erscheinungen unseres Gebirges bezeichnet werden. Es ist das Schellengeläute der Heerden, das uns zur Sommerszeit fast, aus jedem Thale so lieblich entgegentönt und vorzugsweise geeignet ist, den idyllischen Charakter der Thüringer Bergnatur zu erhöhen und den Wanderer wahrhaft zu entzücken.

Unseres Wissens theilt nur das benachbarte Harzgebirge diese Eigenthümlichkeit, denn die vielgepriesenen Kuhgeläute der Schweiz, wenn sie sich auch durch ihre kolossalen Glocken und deren wuchtige Träger auszeichnen, entbehren doch des wesentlichsten Vorzuges, der reinen, harmonischen Stimmung.

Kaum ein anderer Zug thüringischen Natur- und Volkslebens vermag einen freundlicheren Eindruck hervorzurufen, als das „läutende Getön“ der Gebirgsheerden, mögen diese am frühen Morgen den blaubedufteten, grasreichen Bergen zueilen, oder wohlgenährt und in friedlich geordneten langen Reihen am Abend nach den „gewohnten Ställen“ ziehen. Und welch’ ein unbeschreiblicher Zauber ergießt sich über die reizende Bergnatur, wenn aus tiefem Waldesdunkel oder von einsamer, waldumsäumter Bergeshalde jene wunderlieblichen Klänge erst fern und halbverschleiert, dann näher und näher kommend zu uns herüberschallen! – Außer dieser Eigenthümlichkeit, die Bergnatur gleichsam zu illustriren, hat indessen die, Thüringer Waldmusik noch eine echt volksthümliche, ja man könnte sagen, wissenschaftliche Seite, die der fremde Wanderer wohl kaum ahnt, die aber bei näherer Betrachtung unser Interesse ungleich erhöhen muß.

Schon die urkräftige wettergebräunte Gestalt des Heerdenführers, der sich selbstgefällig lieber „Hutmann“ als Hirte nennt, fesselt unsere Aufmerksamkeit. Anzug und Ausstaffirung, wenn sie die altväterische Sitte noch treu bewahrten, stimmen prächtig zu den markirten, eine gewisse Intelligenz verrathenden Gesichtszügen: ein breitkrämpiger, schwarzer Filzhut, stets mit Federn oder Blumen geschmückt, kurze Kniehosen, über den Hüften von einem breiten Leibgurt mit zahlreichen Messingschnallen gehalten, lange Gamaschen – Alles, selbst die Weste, von dauerhaftem Leder; schwere Gebirgsschuhe mit dicht „bekrapften“ Sohlen, ein grober, zu den kräftigen Waden herabreichender Tuchrock, der im Sommer mit einem weißleinenen, schmucken Kittel vertauscht wird, ein hainbuchener, „braungebebter“ Hirtenstock und eine kurzstielige Peitsche („Güschel“) mit lassoähnlichem Schlage und einer Schmitze von Kuhschwanzhaaren – kurz, Alles in Form und Stoff eigenthümlich.

Treibt der Hirte in’s Gebirge, so trägt er in einem ledernen Quersack („Ranzel) der mit Messingringen, „Otterköpfchen“ (Kauri, Cypraea Moneta) und dergleichen verziert ist, seinen Mundvorrath für den ganzen Tag. Auch eine kleine Holzaxt und ein kräftiger „Schnitzer“ dürfen nicht fehlen, denn er füllt gar manche müßige Stünde mit Schnitzereien, Besenbinden, Rechenmachen, Holzsammeln etc. aus, ja er versteht sich selbst auf die Kunst des Instrumentenmachens und weiß das Hirtenhorn, auf dem er als praktischer Musikus eine besondere Zungenfertigkeit entwickelt, wenn er am Morgen das Signal zum Austreiben der Heerde giebt, recht sinnreich aus starken Fichtenwurzeln herzustellen. Nebenbei ist er wohl auch Schneider, Schuster und Sattler, so weit es seine Bedürfnisse erheischen, vor Allem aber Thierarzt und Operateur seines Dorfes. Als solcher kennt er die hauptsächlichsten Heilkräuter und deren Zubereitung und quacksalbert zuweilen selbst mit Geheimmitteln und Wundercuren an Menschen. Einzelne, wie u. A. der durch Ludwig Storch verherrlichte „Vorwärts Hens“ in Thal bei Ruhla, hatten seiner Zeit bei Hoch und Niedrig eine Berühmtheit, wie sie wohl kaum ein moderner Wunderdoctor trotz aller Reclamen zu erschwindeln vermag. Kurz, ein Thüringer Hutmann von echtem, altem Schlage ist eine gar wichtige, hochangesehene Person.

In seinem Schellengeläute lernen wir ihn aber auch als theoretischen Musiker kennen. Er ist dies allerdings mehr unbewußt und instinctmäßig, denn die Gesetze der wissenschaftlichen Harmonielehre, nach denen er sein Geläute einrichtet und stimmt, bezeichnet er eben auf seine eigene Weise. Aber diese ist nicht nur höchst originell und volksthümlich, sondern beweist auch andrerseits, wie tief das musikalisch Gesetzliche („die Natur der Harmonik“) selbst in dem einfachen Natursohne begründet, und wie der musikalisch-richtige Ausdruck eben nur ein natürlicher, ein vernünftiger und darum allgemein verständlicher ist.

Lassen wir uns indeß von ihm selbst in seine Hirtentheorie einführen. Der Beifall, den wir seiner Heerdenmusik zollen, wird den freundlichen Volksmann bald zutraulich und redselig machen; ein schönes Geläute ist ja seine ganze Freude und sein oft sauer erworbenes oder von den Vorfahren ererbtes Eigenthum. Gern und mit einem gewissen Stolze wird er uns erzählen, wie viel dasselbe „Schock und Mandel“ Schellen hat, wie viel „General und Contrabässe“, „Stumpfe und Octävchen“, „Mengel und Auwschellen“, „Beller und Gitzerchen“, wie es weit und breit keines giebt, das so an den Bergwänden „wummert“ und in den Thälern wie „völlige Musik“, wie die „ganze Orgel“ klingt! Er wird uns ferner mit gewichtiger Miene auseinanderzusetzen versuchen – und es kann niemals fehlen, daß er bei der Unterhaltung sich mit gekreuzten Armen und vorgebeugter Stellung auf den Hirtenstecken stützt und sein Stummelpfeifchen behaglich schmaucht – ob das Geläute nach der „Bergmannscither“, oder nach der „Clarnetten“, oder nach der „Drompedden“ (Signalhorn) gestimmt („gerichtet“) ist. Kurz, wir stehen verwundert vor einem Stück ungeahnten Volksthums, das uns um so mehr fesselt, je weniger wir Sinn und Bedeutung dieser originellen Bezeichungsweise verstehen und begreifen.

Noch höher muß aber unsere Achtung vor dem schlichten Manne steigen, wenn wir gewahren, daß das Geläute selbst in inniger Beziehung zu seinem tieferen, religiösen Gefühlsleben steht, wenn er uns gleichsam in gehobener Stimmung anvertraut, daß es ihm die heimathlichen Sonntagsglocken, die feierlichen Orgelklänge seiner Kirche, die er ja den ganzen Sommer missen muß, ersetzt. „Sehen Sie,“ so äußerte sich einst ein solcher Mann, „wenn ich an einem schönen Sonntagsmorgen so allein in dem stillen Walde mit meiner Heerde weide, dann klingt mir mein Geläute so feierlich wie eine Orgel, und ich muß immer an den Choral denken:

„Je-ru-sa-lem, Je-ru-sa-lem!“

Erinnert uns dieser Ausspruch nicht an Uhland’s „Schäfers Sonntagslied“? –

„Nein, welch’ ein prächtiger und doch so wenig gekannter Zug echt thüringischen Volksthums!“ rief begeistert unser unvergeßlicher, leider zu früh verschiedener Freund, Berthold Sigismund, der feinfühlende Beobachter und liebevolle Maler thüringischen [600] Volkslebens,[1] als wir auf unserer gemeinschaftlichen Wanderung durch das heimathliche Gebirg – es war jene verhängnißvolle letzte, die so plötzlich und so zu sagen unter unseren Augen den frühen Tod des theuren Freundes herbeiführen sollte – in Waldesschatten gelagert dem lieblichen Getön der Waldglocken mit ganzer Hingebung lauschten.

„Ach, laß uns doch der in der Nähe weidenden Heerde einen Besuch abstatten,“ versetzte Sigismund weiter; „ich möchte mich so gern von dem biedern Hirten selbst in die Mysterien seiner Theorie einführen lassen. Es gehört, wie Du weißt, zu meinen angenehmsten Genüssen, die mannigfaltigen Berufstätigkeiten, Lebensformen und Anschauungen der Menschen, namentlich der Gebirgsbewohner, die ja ihre Kindheit am treuesten bewahrten, zu beobachten.“

„Herzlich gern; und das wird Dir hier jedenfalls am leichtesten gelingen, da wir zufällig das Glück haben, in diesem Hutmanne zugleich einen ,Schellenrichter’ zu finden, das heißt, einen musikalisch gebildeten Hirten, der zur Winterszeit als ,Adjuvant’, bei Kirchen- und Tanzmusiken die Trompete oder das Horn bläst, vor Allem aber die wichtige Kunst versteht, die Schellen zu ,richten’ (harmonisch zu stimmen), und der sonach mit den Tonverhältnissen und Stimmung der Geläute genau bekannt ist.“

Die schlichte, liebenswürdige Weise, in der es Sigismund so herzgewinnend verstand, mit dem Volke, selbst mit den niedrigsten Leuten zu verkehren und sich in die Lage und Weltanschauung armer Menschen, wie er selbst sagt, zu träumen, verfehlte auch in diesem Falle ihre Wirkung nicht. Der freundliche Hirte, durch die dargebotene Cigarre noch geneigter und gesprächiger gemacht, entwickelte, wenn auch in etwas weitschweifiger und verworrener Rede, sofort seine Harmonielehre, und wir verfehlten natürlich nicht, ihm mit geeigneten Fragen zu Hülfe zu kommen.

Als Resultat unserer Hirtenstudien, die noch durch anderweitige Erkundigungen und Erfahrungen ergänzt und erweitert wurden, dürfte sich etwa folgende geordnete Darstellung ergeben: Jedes Geläute bildet einen reingestimmten, vollständigen Accord (Dreiklang), der stets einer dur-Tonart angehört. Geläute in moll, die offenbar einen elegischen Charakter annehmen würden, giebt es nicht; das heitere Gemüth des Gebirgssohnes, liebt keine krankhaft-modernen Stimmungen. Dieses beweisen auch die thüringischen Volkslieder, die sich sämmtlich in dur bewegen.

Die Einzeltöne (Intervalle), aus denen der Accord des Geläutes besteht, werden durch die an Größe verschiedenen Glocken („Schellen“) zwei bis drei Octaven hindurch verdoppelt angeschlagen, und zwar so, daß ein und dasselbe Intervall durch Glocken von gleicher Stimmung mehr oder weniger verstärkt ertönt. Je zahlreicher also die gesammte Heerde ist, desto mehr „wummert“ das Geläute und klingt wie „völlige Musik mit der ganzen Orgel“.

Die Tonhöhe oder die Tonart des zu Grunde liegenden Accordes und die durch dieselbe bedingte charakteristische Klangfarbe bezeichnet der Hirt auf seine Weise. Hohe Geläute, die in C-, Des-, D- oder Es-dur stehen, nennt er „kingsche“ (kindische, kleine); hingegen solche, die tiefer als C, also in H-, B-, A- oder As-dur erklingen, „grobsche“ (grobe, tiefe).

Das Grundgesetz der Harmonielehre, nach welchem jeder Dreiklang in drei Formen (Versetzungen, Umkehrungen) auftreten kann, ist auch der Hirtentheorie bekannt, und sie gründet sogar auf dieses Gesetz ihre dreierlei Formen accordlicher Stimmung mit volkstümlicher Bezeichnung.

Der Dreiklang erscheint bekanntlich entweder als reiner Dreiklang, wenn er aus Grundton (Tonica), Terz (Obermediante) und Quinte (Dominante) (5 3 1), für C dur also aus (g e c) besteht (Fig. 1. A. B. 1.); oder er, wird durch Versetzung (Umkehrung) zum Sextenaccord, wenn man die ursprüngliche Terz (Obermediante) zum untersten Tone annimmt und dadurch die in ursprüngliche Quint (Dominante) zur Terz, die in die Octave gesetzte Tonica aber zur Sexte macht (6 3 1) , in C dur also (c g e) (Fig. A, 2; B, 3.). Durch eine abermalige Versetzung entsteht endlich der Quartsextenaccord (6 4 1), indem die ursprüngliche Quinte (Dominante) als Grundion, die Tonica als Quarte und die Terz (Obermediante) als Sexte erscheint, in C dur also (e c g) (Fig. A, 3; B, 2.).

Hat nun 1) ein Geläute den reinen Dreiklang (5 3 1), natürlich mit Verdoppelung der Intervalle durch mehrere Octaven, und ist also die tiefste Glocke, der „Baß“, zugleich auch der Hauptton (Tonica) desselben, so sagt der Hirte es ist nach der „Drompedden“ oder dem „Signalhorn“ gestimmt, weil nämlich diese Instrumente die Tonics als tiefsten natürlichen Ton haben.

2) Steht hingegen ein Geläute im Quartsextenaccord (6 4 1), erscheint also die tiefste Glocke, der „Conderbaß“, als Dominante (Quinte oder Unterquarte), so ist dasselbe nach der „Bergmannscither“ gestimmt, denn die leeren Metallsaiten dieses Volksinstrumentes haben ebenfalls die Quartsextenstimmung.

3) Endlich kann auch ein Geläute. einen Sextenaccord (6 3 1) bilden, wenn die tiefste Glocke als „Generalbaß“ die Stelle der Mediante (Terz oder Untersexte) einnimmt, und es entsteht dann eine Stimmung nach der „Clarnetten“ (Clarinette), deren tiefster, natürlicher Ton ja auch mit der Mediante anhebt.

Geläute im Quartsext- und Sexten-Accord, die übrigens außerordentlich anmuthig klingen und darum auch die beliebtesten sind, haben also außer dem eigentlichen „Baß“ (Tonica) noch tiefer liegende „Conder- und Generalbässe“, und der Hirt sagt von denselben wohlgefällig: „sie gehen contra“. Sein musikalischer Instinct findet ganz richtig einen gewissen Widerspruch darin, daß zwar die „General- und Conderbässe“, von denen er stets höchst respectvoll spricht, die tiefsten („gröbsten“) Töne, aber nicht die eigentlichen Haupttöne sind, auf die der Accord des gesammten Geläutes gegründet ist. Einen „General- oder Conderbaß“ zu tragen, gilt als hohe Ehre für eine Kuh und deren Besitzer!

Aber nicht nur für die Tonhöhe und die accordliche Stimmung der Geläute hat man eigenthümliche Benennungen, sondern selbst für die einzelnen Intervalle, respective Glocken, die den Accord bilden, und zwar, in jeder Octavenlage verschieden und theilweis sogar das akustische Verhältniß andeutend.

So heißt also:

1) der Hauptton oder die Tonica jederzeit „Baß“ oder „Ganz-Stumpf“ (von der abgestumpften Form der Glocken);

2) die Terz (Obermediante) „Mittelstumps“, die Mitte zwischen Tonica und Dominante bildend;

3) die Quinte (Dominante) „Mengel“, d. i. der sich mit der Tonica und deren Octave mengende, mischende Ton, der Mitklinger (Aliquot- oder Ober-Ton);

4) die Octave „Halbstumpf“, auch zuweilen „Octävchen“, das akustische Verhältnis 1:2 bezeichnend;

5) die Terz der Octave „Auwschellen“, d. h. Schafschelle. In dieser interessanten Zusammensetzung hat sich mundartlich noch das althochdeutsche ouwî (mittelhochdeutsch ouwe, aue; lateinisch ovis, englisch ewe) = Mutterschaf erhalten, sowie auch im westphälischen und Schweizer Dialect au noch eine gleiche Bedeutung hat;

6) die Quint der Octave „Beischlag“, mit ähnlicher Bedeutung wie „Mengel“;

7) die zweite Octave „Lammschellen“;

8) die Terz der zweiten Octave „grober Beller“ oder „Biller“;

9) die Quint der zweiten Octave „klorer (klarer, kleiner) Beller“ oder „Biller“ darunter versteht man größere und kleinere Glöckchen [601] (Klingeln). Auch diese mundartliche Benennung deutet auf einen gemeinsamen Urstamm mit dem englischen und holländischen bell (Glocke) hin;

10) die dritte Octave und was noch darüber „Gitzer und Gitzerchen“ d. i. Ziegenschellchen (von Gitzi, Gais, Zickelchen).

Alle die hier aufgefährten Intervalle behalten übrigens stets dieselbe Benennung, wenn auch das Geläute durch Hinzufügung eines tieferen „General- oder Conderbasses“ einen Sexten- oder Quartsexten-Accord bildet.

Folgende Notenbeispiele mögen die dargestellten Verhältnisse noch mehr veranschaulichen:

Die Namen „Gitzer“, „Auw- und Laminschellen“ rühren jedenfalls davon her, daß auch die Ziegen- und Schafheerden im Thüringer Wald harmonische Geläute tragen. Diese sind gleichsam verjüngte Kuhgeläute und bestehen, bei sonst gleicher Bezeichnungsweise, nur aus den kleineren Schellen der oberen Oetavenlagen vom Halbstumqf an, klingen aber nicht minder lieblich.

Einem Hirten von altem Schrot und Korn ist es Ehrensache, sein Geläut in reiner Stimmung und überhaupt in bestem Stande zu erhalten, und er sieht darauf umsomehr, als dasselbe nicht der Gemeinde oder einzelnen Viehbesitzern gehört, sondern sein Privateigenthum und gewissermaßen eine Bedingung zur Uebernahme seines Amtes ist. Denn aus forstwirthschaftlichen Rücksichten einestheils, anderntheils aber auch, um dem Verirren oder Zerstreuen der Heerde vorzubeugen, darf kein Hirte ohne Geläute in den Wald treiben, und ein solches zu erwerben, erfordert immerhin ein für die Verhältnisse des Mannes nicht unbedeutendes Capital. Im Herbste werden die Schellen den Kühen abgenommen, sorgfältig gereinigt und ausgebessert, vor Allem sorgt aber ein gewissenhafter Hutmann dafür, das Geläute alljährlich im Frühjahr von Neuem „richten“, harmonisch rein stimmen zu lassen, ehe er es wieder unter seine Heerde vertheilt, denn ein „zergehendes Gelüt“ ist ihm ein wahrer Gräuel.

Das Stimmen erfordert wiederum eine besondere Kunst und Geschicklichkeit, die eben nur der in die Hirtenharmonielehre tiefer eingeweihte „Schellenrichter“ besitzt. Dieser zieht im ersten Frühjahr von Ort zu Ort zu seinen Collegen, um das wichtige Amt zu verrichten, wird überall respectvoll aufgenommen, reich bewirthet und nach Verhältniß gut honorirt. Zum Stimmen braucht er einen eigens zugerichteten Hammer („Stimmhammer“), eine Eisenfeile und einen zwei Zoll starken, oben abgerundeten Holzstock. Auf diesen steckt er die Glocke und schlägt, wenn dieselbe zu tief ist, mit dem Hammer eine leichte Telle hinein; ist sie zu hoch, so ebnet er entweder schon vorhandene Vertiefungen, oder feilt die Wandung dünner. Versteht der Schellenrichter, wie unsere kunstgerichten Clavierstimmer, nach fortschreitenden Octaven und Quinten zu stimmen, so rechnet er sich diesen Vorzug als besondern Ruhm an.

Auch das Anfertigen der Glocken aus gut geschmiedetem (nicht gewalztem) „Harzer“ Eisenblech erheischt eine eigenthümliche Geschicklichkeit, ja das Zusammenlöthen soll sogar als ein Geheimniß gelten, das wenige Schellenmacher gründlich verstehen. Gegenwärtig wird die Schellenmacherkunst nur noch in Kleinschmalkalden (früher auch in Ohrdruf) von einzelnen Eingeweihten betrieben. Die übrigen Bestandteile der Schellen, den hölzernen, mit Schnitzereien und bunten Farben verzierten Bügel („Kanfe“) und die ledernen Riemen („Strippen“), mit denen die Glocken befestigt sind, wissen die meisten Hirten selbst herzustellen.

Ein vollständiges Geläute muß wenigstens ein Schock und einige Mandel Schellen enthalten und ist nach Verhältniß seiner Stimmen etwa in folgender Weise zusammengesetzt: sechs Gitzer, sechs kleine Beller, sechs grobe Beller, vierzehn Laminschellen, vierzehn Beischläge, zwölf Auwschellen, zehn Halbstumpfe, acht Mengel, sechs Mittelstumpfe, vier Ganzstumpfe (Bässe), zwei Conderbässe, zwei Generalbässe, in Summa neunzig Stück (ein Schock zwei Mandel). Neu und mit allein Zubehör kommt ein solches auf sechszig bis siebenzig Thaler zu stehen. Je nach Anzahl und Beschaffenheit der Glocken stellt sich der Preis natürlich billiger; zuweilen kann man auch wohl alte, aber noch brauchbare Geläute von abgegangenen Hirten erhalten.

Schon öfters sind Thüringer Heerdengeläute in weite Ferne versendet worden, und es gereichte dem Verfasser dieser Zeilen stets zum Vergnügen, derartige Ankäufe durch sachverständige und zuverlässige Hirten zu vermitteln, theils um diese schöne, volkstümliche Sitte weiter zu verbreiten, theils aber auch, um unsern kunstsinnigen Hirten einen kleinen Verdienst zuzuwenden.
R.
  1. Gewiß erinnern sich die Leser dankbar der vielen, trefflichen Beiträge, die B. Sigismund auch für die Gartenlaube geliefert, und werden mit uns eine soeben vorbereitete Gesammtausgabe seiner zerstreuten Arbeiten freudig begrüßen.