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Titel: Das Land des Negus Negesti
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aus: Die Gartenlaube, Heft 18, S. 300–301
Herausgeber: Adolf Kröner
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Erscheinungsdatum: 1889
Verlag: Ernst Keil’s Nachfolger in Leipzig
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Das Land des Negus Negesti.

Mit Abbildungen nach Aquarellen des im Jahre 1888 verstorbenen Afrikareisenden Dr. Anton Stecker.
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Johannes II., Negus von Abessinien.

Rings umlagert von mohammedanischen und heidnischen Völkerschaften thürmt sich im heißen Nordosten Afrikas eine Felsenburg, in der bis heute sich das Christenthum behauptet hat. Mächtige Bergriesen ragen empor, deren Häupter, wenn nicht das ganze Jahr, doch weitaus die meiste Zeit von fester Firn- und Schneehaube bedeckt sind. Das ist Abessinien, jenes Land, das als Reich des im 12. Jahrhundert lebenden Erzpriesters Johannes so lange mit sagenhaftem Schmuck umwebt wurde. – Es ist ein Gebirgsland voll der wunderbarsten Gestaltungen. Die Bewohner selbst sagen, Gott habe vergessen, das Land am sechsten Tage aus dem Chaos zu ziehen. „Um verrückte Bergformen zu sehen,“ ruft der vielgereiste Rohlfs aus, „muß man nach Abessinien gehen.“ Von der Kuppe eines hohen Gipfels verliert sich der Blick über kolossale Basaltabsätze und -säulen und geheimnißvolle unergründliche Tiefen. Eine Hochfläche über die andere geschoben und schließlich darauf gesetzte Gebilde: ein langgestrecktes Haus mit Plattdach, ein Turban, ein Hut, ein Streitthurm, ein abgestumpfter Kegel mit steilen Wänden. Diese letzten, auch auf unserer Abbildung S. 301 ersichtlichen Bergbildungen, im Volksmund „Amba“ genannt, dienen oftmals zur Anlage von Dörfern und Klöstern; oft sind sie auch der Rückhalt für Räuber und aufständische Vasallen. Ihre Abhänge sind schwer zugänglich, ihre Plattformen leicht zu vertheidigen. Eine solche Amba war die von Magdala, auf deren Gipfel der trotzige Theodoros II. am Ostermontag 1868 dem Ansturm der englischen Truppen erlag.

In ihm endete einer der merkwürdigsten Männer Afrikas, eine seltsame Mischung von kriegerischem Helden, weisem Regenten und zügelloser Bestie. Mit seinem Fall wurde Abessinien ein Zankapfel herrschsüchtiger Häuptlinge und die Beute auswärtiger Feinde. England zog sich zurück. Abessinien war, nach Lord Napiers Ausspruch, durchaus ohne Interesse für Großbritannien, die englischen Kaufleute wollten von Handelsbeziehungen nach diesem wenig produzierenden, wenig aufnahmefähigen Lande nichts wissen. So konnten die verschiedenen Prätendenten ungestört ihre Kämpfe unter sich ausfechten.

Unter ihnen gelang es bald einem, die anderen Nebenbuhler sich zu unterwerfen. Ein eingeborner Guerillaführer, mit Namen Kassai, hatte es theils aus Klugheit, theils aus persönlicher Feindschaft gegen Theodoros mit den Engländern gehalten. Von diesen aus Dankbarkeit mit Waffen und Munition ausgerüstet, jung, kühn, tapfer und klug, schwang er sich bald zum Negus Negesti, zum König der Könige, empor. Durch einen von ihm selbst aus Aegypten verschriebenen koptischen Oberpriester unter dem Namen Johannes in der heiligen Krönungsstadt Aksum zum gottverordneten König von Zion und König der Könige von Aethiopien gesalbt, unterwarf er sich nach und nach die angrenzenden Landschaften von Schoa, Enarya, Kafa und Gera. Von dieser Zeit an datirt die Herrschaft des Negus Johannes, der im März dieses Jahres den Wunden erlegen ist, welche er in einem Gefechte gegen die Mahdisten erhalten hatte.

Inzwischen aber hatte der Schweizer Werner Munzinger als ägyptischer Statthalter des Ost-Sudan die beiden abessinischen Provinzen Bogos und Halhal für seinen Herrn, den Chedive, Anfang der siebziger Jahre in Besitz genommen. Munzinger wollte aber noch mehr; er strebte nach nichts Geringerem als nach der Herrschaft über ganz Abessinien und der ehrgeizige und verschwenderische Chedive Ismail Pascha war nicht abgeneigt, auf diesen Plan einzugehen und seinen übrigen Eroberungen noch diese hinzuzufügen.

Munzinger dachte eigentlich daran, selber den Thron Abessiniens einzunehmen, aber man betraute nicht ihn mit Führung des 1875 abgesandten Heeres, sondern einen Neffen des allmächtigen Ministers Nubar Pascha und den schwedischen Oberst Arendrup; Negus Johannes zog ihnen mit 50 000 Mann bis an die Grenze entgegen, im Thalgrunde von Gudda-Guddi kam es zur Schlacht und sämmtliche Aegypter, mit Ausnahme eines Bataillons, das auf den Höhen zurückgeblieben war, wurden schmählich zusammengehauen.

Eine zweite, aufs sorgfältigste ausgerüstete Armee von 20 000 Mann unter dem Prinzen Hassan, dem Lieblingssohn des Chedive, der seine militärische Ausbildung in Berlin erhalten hatte, wurde in den Bergspalten von Gura so vollständig geschlagen, daß nur der Prinz nach Massaua entrinnen konnte. Die ganze Kriegskasse mit 20 000 Pfund Sterling in Gold und 30 000 Maria-Theresiathalern fiel in die Hände des Negus. Eine dritte ägyptische Heeresabtheilung unter Munzinger fand in der östlich von Abessinien gelegenen Aussa-Ebene ihren Untergang.

Nun begannen Friedensunterhandlungen. Aber an einen Friedensschluß war nicht zu denken, so lange Forderungen und Zugeständnisse sich so wenig näherten. Negus Johannes forderte die Zurückgabe der Landschaften Bogos, Mensa, Metammeh, Schangalla, die Häfen von Sula und Amphila am Rothen Meer, Kriegsentschädigung und einen Abuna, d. h. Oberpriester; der Chedive wollte nur erlauben, daß man sich einen Abuna vom koptischen Patriarchen in Aegypten „kaufe“.

Daß Abessinien die ihm geraubten Provinzen zurückverlangte, war natürlich. Freilich ist Aegypten heute gar nicht mehr imstande, diesen Wunsch zu befriedigen. Der Beherrscher Abessiniens wird sich da mit den Mahdisten und Derwischen abfinden müssen. Der Besitz von Häfen ist aber für Abessinien eine Lebensfrage. Nur so kann es mit der übrigen Welt, mit Europa in Verbindung treten und seine noch unerschlossenen Hilfsquellen entfalten. Zur Aneignung der beanspruchten Häfen bot sich ja eine gute Gelegenheit, als der Mahdi mit seinen sogenannten heiligen Scharen die Aegypter endgültig aus dem Sudan vertrieb. Aber Negus Johannes war ein glühender Hasser des Islams und würde nie mit dessen Anhängern paktiert haben; ließ er doch alle in seinem Lande lebenden Mohammedaner zwangsweise taufen.

Dennoch verlor er sein Endziel, die Rückeroberung der geraubten Provinzen und die Gewinnung eines Stückes Meeresküste, nie aus dem Auge. Bereits seit 1880 lagerte sein bester Feldherr Ras Alula mit einem Heere, das er schnell auf 50 000 Mann vermehren konnte, bei Tsatsega und regelmäßig trieb er von Bogos und Mensa Steuern ein; nach Art der Aegypter plünderte er nämlich einfach diese Provinzen. „Wenn uns Aegypten die geraubten Provinzen nicht zurückgiebt,“ pflegte er zu sagen, „werden wir Chartum und Massaua zerstören.“

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Vornehme Abessinierin.

Daß Massaua von Italien besetzt und zu einer starken militärischen Station gemacht wurde, kam den Abessiniern gar nicht gelegen. Wenn schon dieser ägyptische Posten in andere Hände übergehen sollte, so machte der Negus Negesti Anspruch darauf. Darum verhielt er sich gegen alle Annäherungen der Italiener äußerst kühl und darum der plötzliche bekannte Vormarsch Ras Alulas im Jahre 1887, durch den eine ganze vorgeschobene italienische Abtheilung bis auf wenige Verwundete, welche dem Gemetzel entkommen konnten, vollständig aufgerieben wurde. Darum auch der weitere Vormarsch der Abessinier, welche sogar Massaua selber bedrohten.

Diese Erfolge hatten die Abessinier nur dem Umstande, daß sie die Italiener überrumpeln konnten, und der eigenen Uebermacht zu danken, wie auch die Schwierigkeit des unbekannten Terrains und das unvorsichtige Vorgehen der Aegypter es war, welches diesen Niederlage auf Niederlage bereitete. Außerhalb ihrer Berge dürfte eine abessinische Armee wenig furchtbar sein. Allerdings fehlt es dem Abessinier nicht an Tapferkeit. Das hat er in unzähligen Kriegen bewiesen. Wenn Noth an Mann geht, so stürzt er sich mit Todesverachtung auf den Gegner. Es handelt sich bei dem Sohne dieses Landes meist aber nur um ganz unregelmäßige Massenangriffe. Seine Kriegskunst liegt um Jahrhunderte hinter der unsrigen zurück, und die Bewaffnung ist nicht viel besser. Als Schußwaffen dienen mächtige Luntengewehre, deren Laden und Abfeuern viel Zeit erfordert, nur die Leibgarde des Negus Johannes war mit Remington-Gewehren ausgerüstet. [301] Das im Lande bereitete Pulver ist schlecht, statt Kugeln ladet man Eisenstückchen, die man mit einem Stein etwas rund geklopft hat. Die Hauptwaffen sind aber Lanzen, krumme Säbel und Schilde aus Elefanten- oder Büffelhaut mit metallenen Buckeln, auch mit Fellstücken und Thierschwänzen phantastisch ausstaffirt.

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Die Wohnung des Negus Johannes von Abessinien.

Die Hauptmacht des Heeres lagerte gewöhnlich im Bezirk Debra Tabor, wo der Negus auf der Plattform des mit einer Batterie gekrönten Samara-Hügels seine Residenz aufgeschlagen hatte, zu der man auf steiler Basalttreppe emporstieg. Offiziere mit schwarzen Pantherfellen umhangen und mit prachtvollen gold- und silberbeschlagenen roth- und blausammetnen Schilden versehen, hielten Wache. Dort gab der Negus Audienz auf dem abessinischen Sofa, dem Angareb, sitzend und gehüllt in seinen kostbaren Margaf, der nur Augen und Stirn freiläßt. Seine Kleidung war sonst eine sehr einfache und von der seiner Unterthanen kaum zu unterscheiden. In der Schlacht hatte von vier dazu bestimmten hohen Würdenträgern immer einer die königlichen Kleider und Abzeichen anzulegen, um dadurch die Augen des Feindes auf sich und vom „Gesandten Salomos“ abzulenken. Unter Theodoros fiel der Irländer John Bell in Ausübung dieses Amtes an der Seite des Negus 1860 im Treffen von Dobarek. – Die Wohnung des Negus war sehr bescheiden, wie wir sie auf unserer obenstehenden Abbildung erblicken. Früher war das freilich anders. Davon zeugt das berühmte Kaiserschloß zu Gondar, eine imposante, aber geschmacklose Schöpfung portugiesischer Werkmeister, reich an Kuppelthürmen und Zinnen. Aber heute ist es ebenso wie die großartigen Lustschlösser in der Nachbarschaft schon halb zur Ruine verfallen, in der Raubthiere hausen. Die militärische Dienstleistung der Abessinier ist als Ausfluß ihrer Lehenspflicht eine regelmäßige. Die Statthalter der Provinzen haben eine je nach dem Flächeninhalt derselben bemessene Anzahl wehrfähiger Leute zu stellen. Dem im ganzen arbeitsscheuen Abessinier ist der Kriegsdienst eine Lieblingsbeschäftigung, weil es dabei gewöhnlich etwas zu plündern giebt. Daher findet sich auch, wenn es irgendwo losgeht, sofort eine Anzahl alter, mit den landesüblichen Chikanen vertrauter Kämpfer. Für Kleider, Waffen, Lebensunterhalt muß jeder selber sorgen. In Schoa erhalten nur die vierhundert aus des Königs Besitzungen ausgehobenen Schützen Sold, nämlich jeder jährlich acht Stück Steinsalz im Werth von je 1½ Mark. Disciplin ist in den abessinischen Heersäulen nicht zu suchen.

Wurde der Aufbruch beschlossen, so versammelte sich sogleich ein ungeheuerer Troß beutegierigen Volks. Voran ritt der Negus auf reich geschirrtem Maulthier unter einem mächtigen rothseidenen Sonnenschirm, dem höchsten Ehrenzeichen, das außer ihm nur der vornehmsten Geistlichkeit zukommt. Musikbanden kündigten sein Kommen an. Auf ihn folgte der Abuna auf einem stattlichen, mit zierlichen Glöckchen und schimmerndem Metallhalsband ausgeputzten Maulthier. Er trug ein Tuchgewand, schwarzen kleinen Turban und einen rothausgeschlagenen Burnus. Dann eine der Königinnen, umgeben von Eunuchen und Soldaten, auf schönem Thiere und gehüllt in einen enganliegenden blauen Sammetmantel mit reicher Silberstickerei und kleinen goldenen und silbernen Glöckchen, das Gesicht auf tscherkessische Weise verschleiert. Darauf das ehrwürdige Haupt der geistlichen Kongregationen, der Etschege, in weißem Gewand und Turban, begleitet von vermummten Geistlichen aller Grade. Im Lager erhob sich neben dem kaiserlichen Zelt das Kirchenzelt mit den in rothes Zeug eingewickelten hölzernen Gesetztafeln Mosis, die auf vergoldeten Lehnsesseln ruhten. Theodoros pflegte vier gezähmte Löwen mit sich zu führen. In ähnlicher Weise mögen auch ein Rhamses und ein Nebukadnezar bei ihren Kriegszügen aufgetreten sein, einen großen Troß Weiber, gemißhandelte Knechte und verstümmelte Gefangene hinter sich. Denn unsäglich grausam ist der Abessinier als Sieger. Er verstümmelt den Todten, den verwundeten wie den unverwundeten Gefangenen auf die scheußlichste Art.

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Landschaft aus dem Hochlande von Tembien in Abessinien.

Dies ist das Reich, dessen Thron jetzt verwaist ist, denn der Negus Johannes ist todt. Feinde stürmen auf das Land von allen Seiten ein, von Norden und Westen die wilden Scharen der Derwische, von Süden der Herrscher von Schoa, der das ihm aufgezwungene Lehensverhältniß abgeschüttelt hat, im Nordosten steht Italien. Die Frucht scheint zur Ernte reif; wie schwer es aber ist, sie zu pflücken, das haben nur zu oft die erfahren müssen, welche sich daran wagten.