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Textdaten
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Autor: C. W.
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Titel: Das Ende der Homburger Spielbank
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 35–36
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
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Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[35] Das Ende der Homburger Spielbank. Zum letzten Male sollte nunmehr in den Spielsälen der Schlachtruf erschallen: „Messieurs, le jeu est fait, rien ne va plus!“, und so zog es denn auch uns vor einigen Tagen hierher in die prachtvollen Curhausräume; doch regten diesmal die altbekannten Dinge, auf welche wir den letzten Scheideblick warfen, bei unserm Eintritt ganz eigene neue Reflexionen in uns an.

Im Corridor starrte uns noch immer die Inschrift entgegen, wonach der Eintritt in die Säle „Personen von zweifelhaften Verhältnissen“ untersagt ist, obwohl uns die Mehrzahl der Besucher von jeher weder moralisch „reinlich, noch zweifelsohne“ zu sein schien. Und im Vorsaal hing noch immer die zur Reclame dienende Abbildung des Schlosses von Monaco und reizte uns zu Parallelen zwischen den alten, die Geld-, und Pfeffersäcke bedrohenden Ritterburgen und den heutigen industriellen Ausplünderungsinstituten, welche gerade nicht zum Vortheile der letzteren ausfielen.

In den Spielsälen trafen wir ein buntbewegtes Leben, und es hatte uns unsere Ahnung nicht betrogen, daß der herannahende Schlußmoment der Stadt noch eine beträchtliche Anzahl von Fremden zuführen würde, welche Alle die Lust anwandelte, „die letzten Tage von Pompeji“ mit zu feiern. Nur den Spiel-Crösus selber, Herrn Blanc, vermißten wir in den Sälen, obwohl er noch immer dahier verweilt. Die Stadt Homburg hegt zwar, beiläufig bemerkt, im Hinblick auf die vielen Chicanen, welche er ihr noch in der letzten Zeit zugefügt, nicht die Absicht, ihm, wie Baden-Baden Herrn Dupressoir, das Ehrenbürgerrecht zu verleihen; doch wird sie dem Vernehmen nach ihm zu Ehren vor seiner bevorstehenden Abreise ein Abschiedsfeuerwerk veranstalten, wobei sämmtliche Spieltische nebst Rateaux und sonstigem Zubehör in die Luft gesprengt werden sollen, und sie will – wie weiland Held Blücher, als er im Jahre 1815 zu Paris die Jena-Brücke sprengen wollte, an den Minister Talleyrand – in gleicher Weise an Herrn Blanc die Einladung ergehen lassen, sich vor der Explosion gütigst oben darauf zu setzen.

Im Uebrigen waren all’ die altgewohnten Gesichter vertreten und es war interessant zu sehen, mit welcher Begierde die Blicke der Spieler die Goldmassen verfolgten, welche so verlockend, aber auch fast so unerreichbar wie die köstlichen Früchte des Tantalus, vor ihren Augen blinkten. Namentlich fehlte auch nicht die edle Genossenschaft der „Piqueurs“, „Spielprofessoren“, und „Erbschaftsräthe“, welche letzteren die sogenannten „verlorenen Massen“, das heißt die von den großen Spielern übersehenen Gewinnste“ im Interesse der Ordnung und des ungestörten Fortgangs des Spiels einzuziehen und verschwinden zu lassen pflegen. Nur waren heute die Physiognomien dieser catilinarischen Existenzen sorgenvoller als sonst, in Folge der bangen Ungewißheit, ob sie denn Alle demnächst in den beiden „Zukunftsstädten“ Saxon und Monaco ihr sicheres Asyl finden würden – was wohl Gott, oder vielmehr Vitzliputzli selber kaum wissen mag.

Der Nestor der Croupiers, „Papa Duché“, welcher die unberechtigte Eigenthümlichkeit bewahrt hat, nur französisch zu sprechen, indem er als Stockfranzose trotz seines dreißigjährigen Hierseins auch nicht ein Wort der deutschen Sprache erlernte, überschaute wehmüthigen Blickes die beträchtliche Schaar der von ihm zum Dienst herangebildeten Jünger, als ob er fragen wollte:

Wer wird künftig unsre Kleinen lehren,
Kugeln werfen und die Beutel leeren,
Wenn der finstre Orcus uns verschlingt?

Und so manche Schöne unserer Demimonde blickte traurig ihren Geliebten an, dessen mit Rubeln gespickte Börse sie so oft hat erleichtern helfen, und seufzte als moderne Andromache:

Du wirst hingehn, wo der Tag nicht scheinet,
Wo die Wolga durch die Wüste weinet,
Deine Liebe an der Newa stirbt. –

Unsers Bleibens war indessen nicht lange in den Sälen, und wir brachen zeitig auf, um uns einem fröhlichen Freundeskreise zuzugesellen.

Als wir aber am andern Morgen, am 29. v. M., durch die Straßen der Stadt flanierten, starrte uns an allen Ecken ein Placat entgegen, durch welches die Curhausadministration bekannt machte, daß die Spielsäle, welche an dem laufenden Tage (Sonntag) feiern müßten, auch an den beiden nächstfolgenden Tagen geschlossen bleiben würden. Herr Blanc hatte es also für gut befunden, das Spiel schon zwei Tage vor dem gesetzlichen Schlusse ohne Sang und Klang zu Grabe zu tragen, und die Curgäste, welche sich für die letzten Tage noch manche vergnügte Stunde versprochen hatten, stritten sich darüber, ob das Motiv zu diesem Schritte darin zu finden sei, daß er zum Schlusse noch allerlei Unfug und tumultuarische Scenen befürchtet habe, oder ob er auf diese Weise nur seine Machtherrlichkeit habe beweisen wollen, wobei sie es an Verwünschungen über den Urheber dieses modernen Strikes nicht fehlen ließen.

Der gestrige Tag brachte uns aber eine neue Ueberraschung; denn plötzlich ließ Herr Blanc die Spielsäle wieder öffnen und die Tische herrichten. Um drei Uhr Nachmittags begann abermals das Spiel. Es hatten ihm nämlich, wie man hört, einige „sehr gelehrte“ Pariser Advocaten vorgestellt, daß er, wenn er bis zum letzten Moment fortspiele und nur dem Zwange weiche, bessere Chancen haben würde in dem Processe, welchen er gegen unseren Fiscus auf Schadloshaltung für die widerrechtliche Aufhebung seines mit dem vormaligen Landgrafenthum abgeschlossenen Vertrags anstrengen will, wonach er bis zum Jahre 1890 fortzuspielen berechtigt sei, und daß ihm in diesem Falle die begehrte Entschädigungssumme von nicht weniger als sechszig Millionen Franken sicher wäre (?).

Anfangs war zwar gestern das Spiel unbedeutend, da schon ein großer Theil der Fremden die Stadt grollend verlassen hatte. Es muß sich aber die Kunde von jener neuesten Action mit rapider Schnelligkeit verbreitet haben; denn die nächsten Bahnzüge brachten uns schon eine ansehnliche Zahl von Gästen, und gegen Abend waren die Säle gefüllt, wie immer, und das Spiel im belebtesten Gange.

Endlich nahte um elf Uhr Abends, nachdem das trente et quarante bereits vor einer Viertelstunde geschlossen, auch an dem letzten Roulettetisch der Moment des letzten Croups; der klagende Ruf des Croupiers erscholl: „Messieurs, à la dernière for ever!“ und mit fieberischer Hast wurde [36] noch einmal der grüne Tisch mit Gold und Silber bepflastert. Zum letzten Mal rollte die Kugel; der Croupier rief: „vingt, noir, pair, passe,“ indem er ruhig die Gold- und Silberhaufen einzog, und Alles sah sich mit einer Art staunender Bestürzung an, als ob Einer den Andern fragen wollte: ob denn nunmehr wirklich der entsetzliche Wendepunkt eingetreten und das Unmögliche „Ereigniß“ geworden sei; doch löste sich die allgemeine Spannung in einem einstimmig erhobenen kräftigen Hurrah! auf, und die Menschenmasse strömte fort, deren ansehnlichster Trupp den glänzend ausgestatteten Chevet’schen Restaurationssaal aufsuchte, woselbst Alles schon festlich hergerichtet war. Bald stand daselbst das Feinste und Auserlesenste aus Küche und Keller auf der Tafel, und natürlich bildete das Spiel bis zum frühen Morgen den allgemeinen Gegenstand der Unterhaltung.

Die Neujahrssonne leuchtete über einem gereinigten Homburg, und da auch die Pforten der Wiesbadener Hölle sich in derselben Nacht bereits geschlossen hatten, so ist das deutsche Reich nunmehr befreit von allen diesen Pestbeulen französischer Civilisation.

Homburg vor der Höhe, 1. Januar 1873.
G. W.