Hauptmenü öffnen
Textdaten
<<< >>>
Autor: C. R.
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Seehundsjagd auf dem Eis
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 2, S. 33–35
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1873
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite

[33]

Seehundsjagd auf dem Eise.
Aus dem baltischen Meer.


„Klar zum Wenden! Steuer in Lee! Laßt das Focksegel los!“ so tönten die abgebrochenen Commandoworte des alten Andrus, an seinen Begleiter, den jungen Lars, gerichtet, laut über die von einer leichten Brise bewegte See. Er hatte mir gestattet, eine Ausfahrt zur Seehundsjagd mitzumachen, und rasch flog das scharfgebaute Boot, öfter ganz auf die Leeseite sich neigend, durch die schäumenden Wellen, deren Kämme, von der klar aufgehenden Sonne vergoldet, sich brandend an der steilen Küste der Felseninsel Odinsholm (vor der Nordwestküste von Esthland) brachen, zuweilen aber auch unbescheiden genug sich in unser ohnehin enges Fahrzeug drängten. Es galt noch vor Mittag das Festland zu erreichen, wo theils an dem sandigen Ufer, theils auf abgeplatteten Granitsteinen die Seehunde ihre Mittagsruhe zu halten pflegten.

„Nun, Vater Andrus,“ begann ich, als das Boot eine gerade und feste Fahrt angenommen hatte, „wie wäre es, wenn wir einen kleinen Gedankensammler uns zu Gemüthe führten?“ Der Alte schmunzelte, als ich ihm mein Fläschchen mit seinem Liqueur hinreichte, setzte es an den Mund und reichte es mir fast zur Hälfte geleert zurück, nur mit einem freundlichen Blicke dankend.

„Viel Zucker und wenig Sprit!“ sagte er endlich, „doch in der Morgenfrische fast so gut wie reiner Korn!“

Sich bequemer neben das Feuer streckend, zündete er sein Pfeifchen an und schaute mit scharfen Blicken, doch mit höchst gemüthlicher Ruhe auf das noch ferne Ziel unserer Fahrt, das Vorgebirge Spitham, dem wir uns nur durch wiederholte Schläge kreuzend nähern konnten. Diese Spitze des Festlandes bezeichnet den Anfang des finnischen Meerbusens und ist nach Norden und Westen hin mit unzähligen kleinen Sandbänken, Riffen und einzelnen erratischen Blöcken umsäumt, daher ein sehr beliebter Aufenthaltsort der Robben. Da die Strandbewohner selbst nur ausnahmsweise sich mit dem Seehundsfange beschäftigen, kommen seit langer Zeit jährlich von Runö, der mitten im Meerbusen von Riga liegenden Insel mit ihrer kühnen, noch immer schwedisch sprechenden Bewohnerschaft, einige Schützen hierher, wo sie auf den Inseln Worms, Nuckö und Odinsholm zum Theil eigene kleine Hütten bewohnen und von dem Ertrage des Fanges den Grundherren den Zehnten zahlen.

Andrus, der erst vor kurzer Zeit aus Runö gekommen war, galt für einen der gewandtesten und erfahrensten Seehundsjäger, und so wandte ich mich denn, nachdem er noch einen Schluck genommen, an ihn mit der Bitte, mir etwas über die Jagd und die Lebensweise der Robben mitzutheilen, da mich diese Thiere von Jugend auf interessirt hatten. Der Alte schüttelte lächelnd das Haupt, daß die langen hellblonden Haare, in die sich schon hin und wieder etwas Grau mischte, vom Winde über das wettergebräunte Gesicht mit den scharf markirten Zügen flatterten, strich dieselben etwas zurück und begann:

„Wenn Sie diese Thiere so stark interessirten, so haben Sie wahrscheinlich schon aus Büchern gelesen, daß die Robbe nicht blos bei uns im Norden lebt, sondern in allen Meeren ihr Daheim hat. Im Allgemeinen soll der Norden die meisten, der Süden die absonderlichsten Arten aufweisen. Die kleine schwarze Gattung zeichnet sich dadurch aus, daß bei ihr die Jungen etwa vier Wochen später geboren werden als bei den anderen. Im Februar sucht sich das Weibchen dieser Arten am Rande des Eises eine geschützte Stelle, die sich meistens leicht finden läßt, da durch Winde die Eisschollen zusammengetrieben und zum Theil aufgerichtet werden. Dadurch entstehen oft förmliche Häuser von vier Faden Höhe mit Stuben und Kammern, die, mit frischem Schnee ausgefüllt, den Thieren warme Wochenbetten gewähren. Die Mutter schwimmt, so lange ihr Junges noch nicht in’s Wasser sich wagen darf, in der Nähe umher, kommt aber täglich auf’s Eis, um ihr Kind zu säugen, indem sie es auf ihre Hinterfüße setzt und mit den Vorderfüßen fest an sich drückt. Bei jedem Besuche soll das Junge um sechs Pfund schwerer werden, so daß es schon nach drei Wochen an vierzig Pfund Speck angesetzt hat. In dieser Zeit verliert es das lange Haar, das es mit auf die Welt gebracht, und erhält den kurzen, glatten bräunlichen Pelz. Nun lernt es nach und nach schwimmen und, indem es sich nach der Entwöhnung mit der Fischkost vertraut gemacht, geht es selbst seiner Nahrung nach.

Wanderlustig sind die Robben fast alle, manche unternehmen sogar weitere Wanderungen; aber dennoch nimmt man an, daß, wo man im Meere auf Seehunde stößt, das Ufer höchstens dreißig Meilen entfernt ist. Am liebsten halten die nordischen Seehunde sich am Rande des festen Eises auf. Friert nun das Meer weiter hinaus zu, so daß der Zugang zu dem Neste, in welchem die Jungen liegen, gesperrt zu werden droht, so zerbrechen die Alten das noch dünne Eis durch einen Stoß mit der Schulter von unten und vergrößern das Loch mit den Vorderfüßen, so daß sie bequem hinaufkommen und in’s Wasser zurückkehren können. Einen solchen Aufschwung halten sie auch bei der strengsten Kälte eisfrei. Außerdem aber machen sie sich rings umher an verschiedenen Stellen mehrere (oft funfzig und mehr) kleine, cirkelrunde Löcher von kaum drei Zoll im Durchmesser, durch welche sie nur eben die Nase zum Athemholen stecken können, was wenigstens in jeder Viertelstunde einmal geschehen muß. In schneereichen Wintern legt die Robbe ihr Nest vollständig unter dem Schnee an, und macht sich von da aus lange Gänge, wie ein Maulwurf, so daß man von außen nichts bemerken kann. Auch die Oeffnungen zum Eintauchen und zum Athemholen sind von Schnee bedeckt, der gewöhnlich oben auf so hart gefroren ist, daß man, ohne etwas davon zu ahnen, über ihre Wohnungen hinwegschreitet. Im April löst sich das Eis und mit den Schollen entfernt sich auch der Seehund, doch bleibt er auch jetzt möglichst nahe an der Küste, weil die Fische, die seine Nahrung ausmachen, sich im Frühjahr in die kleinen Flüsse und Buchten des Meeres begeben, um darin ihren Laich abzulegen. Hat der Seehund einen größeren Fisch gefangen, so klettert er damit auf’s Eis oder auf einen Stein, um ihn in größerer Gemüthlichkeit zu verzehren.

Unsere Böte, von sechs oder acht Mann besetzt, verweilen fast den ganzen Sommer hier oder an nördlichen Küsten, wo wir unser Wild finden. Kommen wir mit Beute zurück, so wird der Speck nach der Zahl der Personen getheilt, doch vorher der Zehnte für den Pastor abgewogen. Das Fell gehört den Schützen. Außer dem wenigen, woraus wir für eigenen Bedarf[1] Thran ausschmelzen, verkaufen wir allen übrigen Speck nach Riga, um uns Pulver, Blei, Kleidungsstücke und Korn dafür wieder einzutauschen, und unsere Abgaben zu bezahlen. Das Fleisch, so viel von demselben nicht auf der Reise frisch verzehrt wird, pflegen wir zu räuchern und zur Nahrung für den Winter aufzubewahren.“

Meine weiteren Fragen wurden durch den leisen Ruf des Alten abgeschnitten: „Segel eingezogen!“ Das Boot wendete sich gegen den Wind, Lars beeilte sich dem Befehl zu gehorchen, und nach einigen Ruderschlägen stieß der Kiel auf den Grund einer Sandbank. Aufmerksam blickten die beiden Runöer auf ein naheliegendes Riff, auf dem auch ich Etwas sich bewegen sah, was ich anfangs für liegende Kühe hielt. Vorsichtig stieg der Alte aus und ich folgte ihm rasch. Wir mußten über eine kleine Insel und dann durch mehrere seichte Meeresarme mit lehmigem Grunde waten, in den man mit jedem Schritte einsank und schwer vorwärts kommen konnte. Hinter einem großen Granitblocke, der vielleicht hundertfünfzig Schritte von dem Riffe entfernt lag, machten wir Halt, um uns zu erholen, und überschauten die Gruppe. Es waren drei Thiere, eins etwas kleiner als die anderen, also sicher eine Familie, die sich im Gefühl vollkommenster Sicherheit behaglich ausgestreckt und sanfter Ruhe überlassen hatte. Andrus flüsterte mir zu, ich möge ihm bis zu einem ähnlichen Steine folgen. So krochen wir denn auf allen Vieren über die scharfen Steine der eisigen Sandbank durch einige Wasserpfützen hindurch bis zu einem ähnlichen Felsblocke, und hatten nun das werthvolle Wild ganz nahe vor uns. Der Anweisung meines Gefährten gemäß, legte ich auf den mir zunächst liegenden Seehund an, indem ich auf das Auge zielte, obgleich dieses mir nicht ganz zugewendet war. Fast in dem nämlichen Augenblicke mit Andrus drückte ich auch ab. Alle drei Thiere stürzten von [34] ihrer Ruhestätte hinunter, und als wir näher kamen, sahen wir einen großen Seehund, die Brust nach oben gekehrt und durch sein Fett getragen, im Wasser schwimmen. Dagegen war von einem zweiten Seehunde, so sicher ich ihn auf’s Korn genommen zu haben glaubte, nicht eine Spur zu sehen. Während ich etwas verlegen mich umsah, stand Andrus mit weniger stolzen als freudestrahlenden Blicken wie ein siegreicher Held neben dem erlegten Wilde und rief mit schallender Stimme seinem Gefährten zu: „Holla ho! Hierher!“ Dieser hatte sogleich, nachdem der Schuß gefallen war, das Boot flott gemacht, mußte aber einen weiten Umweg machen, um zu uns zu gelangen. Sobald er angelangt war, wurden die Messer in Bewegung gesetzt, der Kopf und die Eingeweide abgesondert und in’s Wasser geworfen, Fleisch und Speck aber sorgfältig in’s Boot gepackt. Es war ein großes Thier mit schön geflecktem Felle, und Andrus taxirte es auf etwa zehn Liespfund (zweihundert Pfund) Speck, so daß er ihn zu wenigstens zwanzig Rubeln zu verwerthen hoffte.

Wir zogen das Boot an’s Ufer, und da die Mittagszeit vorüber und unser Appetit lebhaft erwacht war, beschlossen wir uns am Strande ein Mahl zu bereiten. Ein Kessel und Holz wird bei solchen Ausfahrten immer mitgenommen, und bald war ein gutes Schulterstück des erlegten Seehundes mit Kartoffeln und Salz gahr gekocht, welches wir uns vortrefflich schmecken ließen. Der Alte war sehr aufgeräumt, gesprächig und munter, doch gab er nach genossener Mahlzeit den sehr willkommenen Rath, noch „ein Paar Augen voll Schlaf“ zu nehmen. Wir streckten uns zu einer kurzen Ruhe nieder, doch nach kaum einer halben Stunde sprang Andrus wieder auf und bereitete sich zur Heimfahrt. Mit fast vollem Winde, der deutend schwächer geworden war, glitt unser Boot so leicht und eben durch die Wellen, daß wir kaum eine Bewegung spürten. Nachdem der Alte sein Pfeifchen angezündet, bat ich ihn, mir von den Eisreisen der Runöer zu erzählen, und da dies sein Lieblingsthema war, ging er auch gleich auf meinen Wunsch ein.

„Es ist wohl jetzt im Wasser nicht gerade warm, aber wenn Ihr einmal im Winter, wie es mir geschehen ist, drei- oder viermal in’s Wasser eingesunken wäret, Euch mit Mühe gerettet und dann noch drei Meilen in nassen Kleidern, die gleich zu Eis erstarrten, einem scharfen kalten Winde entgegen hättet marschiren müssen, dann würdet Ihr die Seehundsjagd nicht für ein Vergnügen und Kinderspiel halten. Wir gehen auf diese Jagd gewöhnlich erst im März, doch auch häufig schon bald nach Neujahr und in dieser Zeit drohen uns Gefahren, von denen man auf dem festen Lande Nichts ahnt. Meilenweit vom Ufer ist Alles mit Eis und oft einer hohen wellenförmigen Schneeschicht bedeckt, fadenhoch aufgerichtete Eisschollen, oft zu Hunderten, bilden einen stundenlangen fast unübersteigbaren Wall, und solcher Eisrisse muß man zuweilen drei oder vier übersteigen, bis man zu den Wohnstätten der Seehunde gelangt. Wie manches Mal haben wir nach sechsstündiger Wanderung, ohne irgend eine Beute gesehen zu haben, wieder umkehren müssen!

Gefährlicher noch, doch meistens auch lohnender, sind die Wanderungen im April, wenn das Eis beginnt aufzuthauen und die Stürme des großen Meeres es in kleinere oder größere Schollen zertrümmern, die sich unter einander schieben oder hoch aufthürmen, auch oft größere Canäle bilden, die, leicht überfroren und dann mit Schnee bedeckt, schon Manchen in’s Verderben geführt haben. Wagt sich ein kühner Jäger, die lockende Beute in der Ferne erblickend, auf das lose Eis, wie leicht fällt da ein Sprung unglücklich aus, und wie schrecklich rächt sich ein Fehltritt auf ein zu kleines oder zu glattes Eisstückchen! Auch mit größeren Eisschollen droht Gefahr, wenn dieselben sich unerwartet schnell vom Landeise lösen und in’s hohe Meer hinausgetrieben werden. Allmählich wird das ungeheure Eisfeld zertrümmert, immer kleiner wird das zerbrechliche Boot, welches den unglücklichen Jäger tragen soll, bis es endlich in Splitter zersprengt wird und ihm sein Grab bereitet. Und ist dies nicht der Fall, so muß er, nachdem er seinen geringen Speisevorrath verzehrt, dem schrecklichsten Hungertode oder dem grimmigen Frost erliegen. Nur selten gelangt ein so Verschlagener an eine Küste oder Insel, wo er von menschenfreundlichen Strandbewohnern aufgenommen, gepflegt und später in die Heimath entlassen wird. So ging es vor längerer Zeit acht Männern von Nuckö und Worms, die nach etwa achttägiger Fahrt fast verschmachtet und erstarrt an die Küste von Finnland getrieben wurden und, nachdem man längst ihre Todtenfeier gehalten, unerwartet in der Heimat erschienen.

Befindet man sich auf dünnen Eisfeldern, so zersprengt oft ein Sturm die weite Fläche in kleine Schollen; springend muß der Jäger dem Lande sich nähern, da breitet sich plötzlich ein breiter Strom vor ihm aus; die Wellen überströmen den glatten Boden unter seinen Füßen, daß er kaum sich aufrecht zu halten vermag; der Strom wird zum Meere, auch jeder andere Ausweg ist gesperrt und keine Hoffnung auf Rettung! – Da ist menschliche Kraft und Kunst vergeblich; nur unerwartetes Zusammentreffen günstiger Umstände kann ihm das Leben retten.

Und doch treibt es den Runöer wie mit Gewalt zu diesem kühnen Wagniß hinaus; nicht sowohl der Gewinn, so sehr wir ihn schätzen und ihm nachzugehen durch die Lage unserer kornarmen Insel gezwungen sind, als gerade das Gefährliche derselben reizt uns, und allgemeine Verachtung trifft den, der, scheu von diesen Beschwerden zurückgeschreckt, lieber zu Hause bleiben wollte. Als ein Pastor einem seiner Knechte nicht erlauben wollte, mit auf’s Eis zu gehen, sagte dieser: ‚Und wenn sie mich mit eisernen Ketten anschmieden ließen, ich würde sie zerreißen und doch mit auf die Eisfahrt laufen!‘

Uebrigens gilt es bei uns, mit kühnem Muthe ruhige Besonnenheit zu verbinden und nicht muthwillig das Leben auf’s Spiel zu setzen. Um die Gefahren möglichst zu vermeiden, vereinigen sich meistens sechs Personen zu einer gemeinschaftlichen Unternehmung. In der Nähe der Grenze zwischen dem festen und dem losen Eise macht man Halt und je zwei gehen zusammen auf die Erlegung von Seehunden aus, die an solchen Stellen am liebsten zu verweilen pflegen, ja oft in ganzen Schaaren auf dem Eisrande liegen und entweder sich dem Schlafe ergeben oder behaglich die Sonne sich auf den Leib scheinen lassen. Von Eisstücken verdeckt, oft auch kriechend und die Bewegungen und die Stimme der Thiere möglichst nachahmend, nähert der Jäger sich der sorglosen Schaar bis auf Schußweite und erlegt dann ziemlich sicher ein werthvolles Stück Wild. Freilich muß er sicher schießen; denn tödtet der Schuß nicht augenblicklich, so entgeht ihm nicht selten die Beute, indem sie sich in’s Meer stürzt und mit der letzten Kraft sich soweit entfernt, daß sie für ihn verloren ist. Trifft er aber eine Schaar schlafend – und er kann das Schnarchen derselben schon in der Ferne hören – so schleicht er sich lieber mit einer Keule näher und hat zuweilen schon drei oder vier getödtet, ehe die letzten vom Schlafe erwacht sind. Auch die Harpune wird in solchen Fällen angewendet, besonders wenn man die Athemlöcher oder die großen Oeffnungen zum Heraufsteigen trifft, an denen man zuweilen nur kurze Zeit warten muß, um einen Fang zu machen. Am Abende sammeln sich alle Jäger an der bestimmten Stelle und treten mit ihrer Beute den Rückweg an.

Unsere Tracht bei solchen Unternehmungen ist warm, anschließend und bequem aus wollenem Stoffe gefertigt und ein weicher Schafpelz schützt uns gegen die Kälte. Alle Kleider sind weiß, damit der scharfsichtige Seehund uns nicht zu leicht von dem Schnee unterscheiden könne. In dem weiten Busen des Kittels tragen wir Pulver und Blei, Brod und Fläschchen Branntwein, auch wo möglich einen Compaß und Feuerzeug. Außer der Büchse haben wir einen Jagdspieß von sieben Fuß Länge, unten mit einer eisernen Spitze und oben mit einem scharfen Eisen mit Widerhaken, ferner einen langen Strick, aus Pferdehaaren geflochten, der an das Eisen der Harpune befestigt werden kann. Das andere Ende hält der Jäger in der Hand, um einen getroffenen Seehund gleich herausziehen zu können. Man darf es nicht um den Leib binden, wie Einige thun, denn ein starker Seehund, der nicht tödtlich verwundet ist, reißt die Harpune mit solcher Gewalt fort, daß bei glattem Eise der Mensch an den Rand und in’s Wasser gezogen wird. Ist das Eis gut, so ist die Jagd nicht so schwierig, ist aber das Eis mürbe und der Stoß nicht sicher geführt, so fängt der Seehund eben so leicht den Kerl, wie der Kerl den Seehund.

Beginnt das Eis überall sich zu lösen, so daß man weiter hinaus in’s Meer sich wagen muß, so nehmen wir ein Boot mit Schlittensohlen mit, das wir auf dem Eise fortschieben und, wenn es Noth thut, auch in’s Meer lassen können. In demselben finden wir auch Platz, die gewonnene Beute leichter fortzubringen. Zu diesem Zwecke vereinigen sich gewöhnlich auch sechs oder sieben Mann zu einer Gesellschaft, die unter sich einen Hauptmann [35] bestimmt, der das Steuer lenkt und das Commando führt. Im Boote ist Schießbedarf und Proviant auf zwei bis drei Wochen, ferner hat man Pelze, Stroh, Holz zur Feuerung und zur Bereitung der Speisen einen Kessel oder Grapen (eisernen Topf). Abends wird das Boot auf’s Eis gezogen und umgekehrt gegen die Windseite gestellt, so daß wir, vom Feuer erwärmt, so gut im Stroh schlafen, als lägen wir in weichen Betten. Bei Tage lassen wir das Boot an einer sichern Stelle auf festem Eise und gehen dann einzeln oder paarweise aus auf den Fang. Abends müssen Alle wieder am Boote sein, weshalb sie sich genau die Richtung merken und nach dem Compaß den Rückgang antreten.“

An diese Erzählungen des Alten, der recht redselig geworden war, knüpften sich noch manche Berichte über erlebte Abenteuer, Anekdoten von kühnen Jägern und andere Wunderdinge, die häufig die Grenze des Glaubwürdigen etwas zu sehr überschritten. So kamen wir denn in sehr heiterer Stimmung auf unserer Felseninsel wieder an.

Später in Reval hatte ich Gelegenheit gehabt, mich nach dem Umfange und dem Ertrage der Seehundsjagd im östlichen Theile des baltischen Meeres zu erkundigen, obgleich genaue statistische Angaben wohl nicht zu erhalten sind, denn ein großer Theil der Beute wird zu eigenem Gebrauche verwendet, oder an die Strandbewohner in kleinen Partien verkauft oder gegen Korn und andere Lebensbedürfnisse vertauscht.

Aus dem Speck wird der Thran theils ausgekocht, theils ausgepreßt. Am geschätztesten ist die von selbst in der Sonne ausfließende Flüssigkeit, doch ist die Quantität derselben in unseren Gegenden nicht groß. Das Auskochen geschieht jetzt meistens in großen Kufen durch Dampf, und es braucht dann nur der klare Thran abgeschöpft und in Fässer gefüllt zu werden. Der Rest wird mit etwas Wasser in großen Kesseln stark gekocht und dann gepreßt, wodurch man eine bräunliche, theerartige Flüssigkeit gewinnt, die aber zu verschiedenen Industriezweigen noch ganz brauchbar ist, doch wenig in den Handel kommt. Im Herbste gewinnt man von einem Pud (vierzig Pfund) Speck gegen fünfunddreißig Pfund reinen Thrans, im Frühjahre und von jungen Thieren nur fünfundzwanzig bis dreißig Pfund. Ein großer Seehund kann daher etwa hundertundfünfzig Pfund Thran liefern.

Nach der Aussage unterrichteter Männer ist in Finnland der Ertrag der Seehundsjagd wenigstens noch einmal so groß als an den südöstlichen Küsten der Ostsee, so daß man daselbst etwa vierzigtausend, im weißen Meere über achtzigtausend und im kaspischen Meere gegen dreihundertsechszigtausend Pud Speck jährlichen Gewinns rechnen kann. Im Ganzen also würden die Bewohner Rußlands aus dieser Jagd etwa eine halbe Million Pud (zwanzig Millionen Pfund) Speck im Werthe von wenigstens einer Million Silberrubel gewinnen, eine Annahme, die eher zu gering als zu hoch angeschlagen ist. Zu diesem Zwecke müssen jährlich etwa fünfzigtausend erwachsene und hundertfünfzigtausend junge Seehunde von verschiedenen Arten ihr Leben lassen; dennoch ließe sich, namentlich im weißen Meere, der Ertrag der Jagd noch bedeutend steigern.

Der Verkauf der Felle, deren freilich viele für den eigenen Bedarf zurückbehalten werden, bringt ebenfalls den Jägern noch eine erhebliche Einnahme. Ein weißes weiches Fell, wie es die jungen Thiere bis zum Alter von vier Wochen haben, wird für fünfzig bis sechszig Kopeken (fünfzehn Groschen deutsch) verkauft, und sechs bis acht derselben reichen hin, um daraus einen warmen, glatten und weniger dem Mottenfraß ausgesetzten Pelz anzufertigen. Färbt man die Felle dunkelbraun, so haben sie Aehnlichkeit mit dem sehr geschätzten und werthvollen Seeotterfelle.

So ergiebt sich aus dieser Jagd, die, abgesehen von den Küsten Sibiriens, über welche keine speciellen Nachrichten gesammelt sind, vielleicht zehntausend Menschen mehrere Monate hindurch beschäftigt, ein bedeutender Zuwachs des Nationalreichthums, der durch die seit einigen Jahren gegebenen verständigen Anweisungen und Verordnungen für höhere Entwickelung dieser Industrie voraussichtlich noch gesteigert werden wird.
C. R. in Reval.
  1. Vorlage: „Bedraf“