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Titel: Das Denkmal von Folkestone
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aus: Die Gartenlaube, Heft 51, S. 843–844
Herausgeber: Ernst Ziel
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Erscheinungsdatum: 1880
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[843] Das Denkmal von Folkestone. Fast drei Jahre sind dahingegangen, seit die Schreckensbotschaft von dem Untergange eines unserer größten und schönsten Panzerschiffe mit seinem kostbaren Inhalt an maritimem Material und seinem noch unendlich kostbareren an Menschenleben uns erreichte, seit der „Große Kurfürst“ in den Wellen versank. Was damals bei der ersten Kunde davon alle Herzen in tiefem Wehgefühl und Schmerz ergriff, und nachmals, in fast leidenschaftlichem Für und Wider sich Bahn brechend, noch so lange in ihnen nachzitterte, das findet jetzt auf dem stillen kleinen Marinekirchhof zu Folkestone seinen endlichen Abschluß. Das Vaterland errichtet dort seinen ehrenvoll in ihr nasses Grab gesunkenen Söhnen, die Marine ihren unvergessenen Cameraden ein Denkmal, das noch späten Geschlechtern im fernen Lande erzählen soll, wie deutsche Männer in ihrem Beruf zu sterben wußten.

In Folgen einer vorn Marineminister Stosch ausgegangenen Anregung wurde unter den Mannschaften und Officieren der Marine eine allgemeine Sammlung veranstaltet und der Erlös derselben zur Errichtung des in unserer Illustration dargestellten Denkmals verwendet. Dasselbe ist von Professor E. Luerssen (nicht zu verwechseln mit seinem Bruder, dem Bildhauer A. Luerssen) ausgeführt worden.

Auf grauen Granitstufen erhebt sich ein Obelisk aus weißem Sandstein, dessen Spitze zum Theil mit der Flagge der kaiserlich deutschen [844] Marine bedeckt ist, und welcher auf der vorderen Wand auf einem Anker den Reichsadler und in diesem den preußischen Adler, weiter unten dagegen die Widmung trägt.

Die Gartenlaube (1880) b 844.jpg

Das Denkmal von Folkestone.
Originalzeichnung von H. Lüders.

An dem Sockel des Denkmals bemerkt man ferner auf der vorderen Wand desselben einen kleinen Schild mit einem Eichenkranze und zwei über ihm liegenden Palmenblättern, während die Ecken aus Ornamenten, welche Löwenköpfe darstellen, gebildet werden. In die übrigen drei Wände des Obelisken hat der Meißel des Künstlers die Namen der 269 Verunglückten, noch im Tode nach den Chargen geordnet und mit dem Capitain-Lieutenant Ludwig an der Spitze, eingehauen.

Ferne sei es von uns, jene vorerwähnten und, Gottlob, überwundenen Zeiten erbitterten Kampfes über Ursache und Wirkung, Schuld oder Nichtschuld, hier noch einmal heraufzuschwören! Angesichts der friedlichen Ruhestätte jenseits des Meeres könnte Nichts unangemessener sein.

Auch nicht der Verdienste der Lebenden sei hier gedacht. Nur derer ist es heute unsere Pflicht zu gedenken, die für irdisches Lob nicht mehr erreichbar sind, und einen Kranz dankbarer Erinnerung an den Stufen des Denkmals niederzulegen, das den „Dahingeschiedenen“ geweiht ist.

Musterhaft war die Disciplin an Bord des sinkenden Schiffes, wahrhaft heroisch das Ausharren eines Jeden auf seinem Posten.

Die kriegsgerichtliche Untersuchung hat ergeben, daß alle Befehle ebenso ruhig und sicher ertheilt, wie sie schnell und pünktlich ausgeführt worden sind.

Das Aufschließen der Arrestantenzellen, das Räumen des Lazareths, das Herablassen der noch erreichbaren Boote, Alles ist mit einer Präcision vor sich gegangen, als habe es sich nicht um Leben und Tod für jeden Einzelnen, sondern etwa nur um Ausführung eines schwierigen, höchste Eile heischenden Manövers gehandelt. Viele haben gerade bei diesen Dienstleistungen ihr Ende gefunden. Zwiefache Ehre ihrem Angedenken! Auch fremde Augenzeugen, zumal englische, bekunden mündlich und schriftlich, daß die Ruhe und Ordnung am Deck des „Großen Kurfürst“ bis zum Ende eine über alles Lob erhabene gewesen sei. Keine kopflose Verwirrung, kein Ueberstürzen nach den rettenden Booten, keine lauten Ausbrüche unmännlicher Verzweiflung hätten sich bemerkbar gemacht. Selbst da, als schon der Befehl gegeben war, alle hemmenden Kleidungsstücke abzuwerfen und die einzig noch mögliche Rettung im Schwimmen zu suchen, habe man deutlich die befehlenden Stimmen des bis zuletzt pflichtgetreu ausharrenden und nachher so wunderbar erhaltenen Commandanten und der unerschrockenen Officiere gehört, und selbst da sei ihren Zurufen noch Folge geleistet worden.

So sind sie dahingesunken in das Element, das sie geliebt und dem sie vertraut. Viele, nach harten Kämpfen um’s Dasein, von herbeieilenden englischen Booten oder von denen des „König Wilhelm“ gerettet, Andere in den wenigen glücklich „zu Wasser“ gekommenen des „Kurfürst“ geborgen, noch mehr aber zu Grunde gegangen und dann als Leichen an’s Land geschwemmt, oder hinausgetrieben in die unendliche See, sie Alle haben die schwerste Aufgabe mannhaft gelöst. Gefaßt und gottergeben sind sie einem schrecklichen Tode entgegengegangen, ohne die vorherige Erregung eines Kampfes für theure, heilige Güter, ohne die erhebende Hoffnung eines endlich winkenden Sieges, ja selbst ohne den letzten Trost eines für ihr wackeres Sterben ihrer harrenden bekränzten Heldengrabes.

Kann es aber auch nicht der Lorbeer des Siegers sein, den wir auf die Stätte niederlegen, die ihrem Gedächtniß geweiht ist, seine Palme ist es sicher. So schlaft denn sanft, ihr wackeren Söhne deutscher Erde, wo auch euer Gebein den letzten Ruheplatz gefunden haben möge! Das Denkmal zu Folkestone aber hebe sich im fremden Lande empor, als ein leuchtendes Wahrzeichen des um seine Kinder trauernden, dankbaren Vaterlandes!