Das Buch von guten Abenteuern
[580] Das Buch von guten Abenteuern. Im Besitze des Fürsten von Waldburg-Wolfegg befindet sich eine höchst merkwürdige Bilderhandschrift aus dem letzten Drittel des 15. Jahrhunderts, welche das germanische Nationalmuseum zu Nürnberg wegen ihrer hohen kulturgeschichtlichen Bedeutung unter dem Titel „Mittelalterliches Hausbuch“ in getreuen Faksimilenachbildungen herausgegeben hat (Frankfurt a. M., Heinrich Keller). Das Buch ist von einem unbekannten „guten Abenteurer“ – so nannten sich in jener Zeit Männer, welche seltsame, wunderbare und gewagte Dinge verrichteten – gezeichnet und verfaßt und giebt das ganze damalige technische Wissen und Können wieder, das natürlich noch sehr beschränkt, aber doch nur Eingeweihten bekannt war, die ihr Geheimniß sorgfältig hüteten. Verdankten sie doch diesen merkwürdigen Künsten ihr Ansehen, wußten sie sich doch durch diese Anerkennung und Nutzen zu verschaffen. Obgleich es sich also um geheime Kenntnisse handelt, um den Einfluß der Planeten auf die menschlichen Verhältnisse, um medizinische, chemische und technische Rezepte, um Gedächtnißkunst, Maschinen, Geschütze, Kriegskunst u. a., führen uns die Illustrationen des Textes doch das ganze frisch pulsirende Leben vom Schlusse des Mittelalters in charakteristischen und originellen Darstellungen vors Auge.
Man sieht Künstler und Handwerker in ihrer Thätigkeit, den Lehrer mit seinen Knaben, den Gelehrten bei seinem Studium, die Parteien vor dem Richter, aber auch den armen Sünder, der dem Hochgerichte zugeführt wird, Räuber und Diebe, Raubritter, die ein Dorf überfallen, das Leben und Treiben im Vorhof einer Burg, auf einem Landsitze und in den Bädern. An fröhlichen Gesellschaften, die sich mit Musik und Tanz, Schmausen und Spielen erlustiren, fehlt es nicht. Den Ackerbau, Mühlen und Bergwerke nebst allen dazu gehörigen Maschinen führt der gute Abenteurer ebenso vor wie Jagden und Vogelfang, Fechten, Ringen und Steinstoßen, Stechen, Schießen und Rennen, Geschütze und Wagenburg. Das fahrende Volk hat der Verfasser besonders berücksichtigt; man sieht den Bettler vor der Kirche, um Almosen flehend, Feuerschlucker, Schlangenbändiger, Quacksalber und Gymnastiker, deren Buden sich nur wenig von den heutigen unterscheiden. Mit einem Worte, man erhält durch das besprochene Werk ein so lebensvolles, durchaus nicht prüdes, vielmehr auch alle Derbheiten wiedergebendes Bild des Lebens der interessanten Zeit am Ausgange des Mittelalters, wie es kein zweites gleichzeitiges Werk bietet.