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Textdaten
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Autor: Johann Nepomuk Sepp
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Titel: Das „gelobte“ Land
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 18, 19, S. 296–300, 324–326
Herausgeber: Ernst Ziel
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1879
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[296]
Das „gelobte“ Land.

Ein Wort über Colonisationsversuche in Palästina.

Von Professor Sepp.


Im Ausstellungssaale des Kunstvereins zu München hängt augenblicklich ein Aquarellbild von Berninger aus. „Die Juden an der Klagemauer zu Jerusalem“. Es sind meist Greise, welche hier ein Volk repräsentiren, das, vielgestaltig zwar wie Proteus, allgegenwärtig auf der Erde ist wie die Luft, ein Volk, das vermöge einer einzigartigen geschichtlichen Vergangenheit heute ebenso in seinen höchste Spitzen unentwirrbar mit der Cultur der civilisirtesten Nationen verflochten ist, wie es in anderen Elementen den engsten Zusammenhang mit dem eigenen uralten Culturbestande gewahrt hat.

Zu diesen letzteren Elementen zähten die Gestalten des Bildes, Gestalten, welche ebenso gut an den Anfang unserer Zeitrechnung gepaßt hätten, wie in den Orient unserer Tage. Da stehen sie und umfassen mit ausgespannten Armen die Riesenquader der Umfassungsmauer des Salomonischen Tempels außerhalb an der Abendseite, zunächst jener Stelle, wo das Allerheiligste

[297]
Die Gartenlaube (1879) b 297.jpg

Die Klagemauer in den Tempelruinen Jerusalems. Auf Holz gezeichnet von E. Berninger in München.

[298] gestanden, von dem kein Stein auf dem andern geblieben, oder kauern – auch Frauen darunter – auf dem Steinboden. Und wen sein Weg nach Jerusalem führt, der hört sie, wenn er am Freitag Nachmittag zwischen drei und vier Uhr der abgelegenen Stelle nahe kommt, Gebete murmeln unter Kopfnicken, wie auch die Hindus zu beten pflegen, und was stimmen sie an? Vielleicht die älteste Litanei der Welt. Der Vorbeter beginnt:

„Wegen des Tempels, der zerstört ist –

und die Versammlung fährt fort:

 „Da sitzen wir einsam, und weinen –“

und immer Zeile für Zeile mit dem nämlichen Refrain unterbrochen, geht eintönig die Weise des Vorbeters weiter:

 „Wegen des Palastes, der wüste liegt –
Wegen der Mauern, die zerrissen sind –
Wegen unsrer Herrlichkeit, die dahin ist –
Wegen unsrer großen Männer, die darnieder liegen –
Ob der kostbaren Steine, die verbrannt sind –
Wegen der Priester, die gestrauchelt haben –
Wegen unsrer Könige, die ihnen Verachtung zollten –“

worauf ein Refraingebet also schließt:

Vorbeter: „Wir bitten dich, erbarme dich Zions!“
Volk: „Sammle die Kinder Jerusalems!“
Vorbeter: „Eile, eile, Erlöser Zions!“
Volk: „Sprich zum Herzen Jerusalems!“
Vorbeter: „Schönheit und Majestät möge Zion umgeben!“
Volk: „Ach, wende Dich gnädig zu Jerusalem!“
Vorbeter: „Möge das Königreich über Zion bald wieder erscheinen!“
Volk: „Tröste die über Jerusalem Trauernden!“
Vorbeter: „O daß Friede und Wonne einkehre in Zion!“
Volk: „Und der Zweig aufsprosse zu Jerusalem!“

Das ist die über anderthalb Jahrtausend alte Klage an der Klagemauer des zerfallenen Tempels von Jerusalem, der erschütternde Seufzer eines Patriotismus, welcher ebenso wenig aufhört, versunkener nationaler Herrlichkeit zu gedenken, wie ihre einstige Wiederherstellung zu erhoffen. Denn jener „Zweig“ ist der Messias, der „Wiederbringer“, wie die Samaritaner ihn nennen, weil er das zerstreute Volk zurückführen und das vernichtete Reich wieder aufrichten soll. Von Titus bis Hadrian, der den letzten jüdischen Aufstand niederwarf und den Juden das Betreten der Stadt untersagte, hallte in den Trümmern des Tempels der Jammer des niedergeworfenen Volkes wider. Bis zum Anfang des fünften Jahrhunderts noch war dann der Aufenthalt in der alten Hauptstadt für die Juden verboten, wie wir aus des Hieronymus Mittheilungen wissen, aber sie durften dieselbe betreten, um – zu weinen. Damals war also schon jener „Platz des Weinens“ (el Ebra), jene Riesenmauer ausersehen, welche bei einer Länge von 158 Fuß und einer Höhe von 60 Fuß an die 23 Steinschichten enthält, darunter so gewaltige Blöcke, daß beispielsweise die Oberschwelle des hier vermauerten alten „Stufenthors“ 21 Fuß Länge mißt.

Woher aber stammen jene jüdischen Frommen? Es sind „Mogrebin“ oder Marokkaner, die, wie auch die Moslemin aus Westafrika, welche hier oben auf dem Tempelberg ihre eigene Moschee haben, sich durch Religionseifer auszeichnen; es sind „Sephardim“ – spanische Juden – nun meist in Constantinopel und anderen Stätten der Levante ansässig, vor Allem aber „Aschkenazim“ oder deutsche, das heißt polnische Juden, welche in letzter Zeit auch eine eigene Synagoge in der heiligen Stadt erbauten. Die meisten sind weit hergekommen, und das Schneehaar des Alters deckt ihr Haupt; denn sie wünschen in Jerusalem zu sterben, um im Thal Josaphat der Auferstehung gewärtig zu sein, die nach einer Stelle des Propheten Joël hier, in Verbindung mit dem Weltgericht, ihren Anfang nehmen soll. Es ist das eine Localsage, die auch zu Christen und Mohammedanern übergegangen ist.

Da haben wir eines der vielen Motive, welche durch die ganze Weltgeschichte unserer Zeitrechnung hindurch die Sehnsucht Unzähliger nach Palästina und seiner Hauptstadt geweckt haben. Welch eine Schaar von Wallfahrern hat hier ihr Ziel gesucht – Christen, Mohammedaner wie Juden! Und heute, da der Zerfall der mohammedanischen Herrschaft begonnen, legt sich ein Gedanke wie von selbst nahe: wird Palästina, jenes Land, um welches die ursprünglich besitzende Nation mit Strömen vergossenen Blutes vergebens gerungen, um dessen Besitz das ganze christliche Europa Generationen seiner besten Kräfte vergebens geopfert hat – wird Palästina der asiatischen Türkei verbleiben oder noch einmal seine eigene Geschichte haben?

Das Aufwerfen dieser Frage mag auf den ersten Blick für den nüchternen modernen Menschen abenteuerlich erscheinen; bei genauerem Zusehen hat die Sache doch ihre ernste Seite. Von politischen Rücksichen ganz abgesehen, steht der fromme Engländer oder Amerikaner zu der Stelle, wo die Urgeschichte des Christentums sich abgespielt hat, ganz anders, als das Kind der modernen Philosophie und Naturwissenschaft, und die Ziele der Kreuzzügler sind keineswegs nur noch in der geschichtlichen Rumpelkammer zu finden. Man vergesse nicht, worauf wir noch zurückkommen, daß unablässig von Amerika, England, Deutschland aus private Colonisationsversuche auf diesem in hervorragender Weise historischen Boden aus gläubigen Kreisen heraus gemacht wurden, wie man denn auch in England sich durch die größten Schwierigkeiten nicht abschrecken ließ, eine gründliche Vermessung des Landes vorzunehmen. Auf der andern Seite steht jener so einfach und natürlich erscheinende Gedanke: das Land Israel den Israeliten zurückzugeben, ein Gedanke, welchen der Judenhaß aller, vorzugsweise der Donauländer, am meisten unterstützt und der selbst im ungarischen Abgeordnetenhause eine so stürmische Vertretung gefunden hat. Man muß dabei freilich nicht an das intelligente umnationalisirte Judenthum der europäischen Großstädte denken, wie jene etwas boshafte Anekdote, welche Rothschild zumuthet König von Palästina zu werden und ihm die Antwort zuschreibt: „Lieber der Jude der Könige, als der König der Juden!“

Wie dem auch sei – das steht für den Kenner der Verhältnisse fest: es dürfte eine der schwierigsten Aufgaben sein, das heutige Palästina für eine civilisirte Einwanderung im großen Maßstabe zu verwenden, und damit ist vorgesorgt, daß sich in diesem Theile des Orients für’s Erste nicht so leicht eine „brennende Frage“ erhebt, welche einen Religionskrieg im großen Maßstabe entzünden müßte. Um es kurz zu sagen: Palästina ist nie ein „Land, in welchem Milch und Honig fließt“, gewesen, und wird und kann auch in Zukunft nie zu dem Paradiese werden, das jene Worte andeuten.

Ein kleines Land, von kaum fünf Tagereisen Länge und drei Tagereisen Breite, das Land jenseits des Jordan mit inbegriffen! Es ist so wasserarm, daß man vom Flusse Aegyptens bis an den Libanon kaum eine Quelle findet, die über vierzig Fuß weit rinnt. Die Wady (kleinere Wasserläufe) sind trocken; der Boden ist steinig, und die namhaften Bäche durchwatet man zu Fuß oder zu Roß, wenn nicht hie und da, wie ich es auch traf, ein nackter Kerl die Dienste des Christophorus verrichtet. Wenn der Winterregen nicht reichlich fällt, ist die Hungersnoth zum Heulen. Sparsam genug geht man auch mit dem Wasser um. So ging ich einst an der Burg Zion vorüber, als eben die türkische Wache, wie üblich auf dem Wachposten nicht stehend, sondern sitzend, sich die Hände wusch und darnach das Wasser, das der Mann ja nicht umsonst hat, gemüthlich austrank. An der Quelle Siloah sah ich Juden am Vorabende des Sabbath in Menge baden, und da, wo die Quelle aus der unterirdischen Bergleitung kommt, Weiber ihre Wäsche waschen – und am andern Morgen füllte von demselben Wasser beim Maria-Brunnen ein Siloaner Bursche seine Schläuche und beförderte sie auf Eselsrücken zum Verkaufe in die Stadt. Dieser berühmte Brunnen Siloah enthält aber zudem so schleimiges und unter der Loupe betrachtet von Infusorien wimmelndes Wasser, daß es schon darum fast ungenießbar ist. Man ist eben auf Cisternen angewiesen, und auch da ist Vorsicht von Nöthen. Es ist bekannt, wie Bonaparte seinerzeit viele Soldaten durch Mitgenuß der massenhaft vorhandenen kleinen Blutegel einbüßte. Was die Nahrung anlangt, so giebt es zu ihrer Gewinnung überall nur Wüste und mageres Weideland. Der Bauer trägt die Pflugsterze auf dem Rücken hinaus und spannt seine Kuh oder auch sein Kameel, wenn nicht sich selber vor; er versteht nicht einmal das Feld zu düngen, geschweige Heu zu machen. Die Rinder sind so klein und mager, daß kein Milo von Croton dazu gehört, um sie auf dem Rücken fortzutragen; die Kuh giebt kaum etwas Milch, dafür ist man auf Ziegen angewiesen, die allerdings sehr groß werden. Zum Unglück kommen noch allenfalls die Heuschrecken und fressen alles bis zur Wurzel auf. Und das war immer so; denn der der ersten Eroberung des Landes finden wir genau dieselbe klimatische Verhältnisse, dieselben Thiere und Pflanzen. Die ganze biblische Geschichte ist [299] voller Berichte von Dürre und Regenmangel, von Hungersnöthen, welche oft zur Auswanderung zwangen. Ueber das Siloahwasser klagten die Kreuzfahrer wie der heutige Reisende. Palästina hatte bei seinem Steinboden von jeher wenig Holz; was dem Hebräer Wald bedeutet, würden wir kaum als Gestrüpp gelten lassen. Den Patriarchen wird bezeichnend genug nachgesagt, daß sie Bäume pflanzten, und wie die Assyrer, holte Salomo das Holz zum Tempelbau vom Schneeberge Libanon – nur nicht in den ungeheuren Massen der biblischen Angaben: die 10,000 Holzfäller, welche monatlich abwechselnd dorthin geschickt worden sein sollen, hätten binnen Kurzem den ganzen Libanon rasirt. Die Zahlen wie der ganze Farbenauftrag der alttestamentlichen Notizen sind eben übertrieben grell; von den großen Zahlen kann man immer eine Null streichen. Schwerlich hat Palästina selbst in seiner glänzendsten Zeit über vier oder fünf Millionen Bewohner ernährt. Und wie! Milch, Oel, Feigen, Wein und etwas Getreide, Rettig, Zwiebel und Knoblauch waren die Nahrungsmittel; im Durchschnitt aß das Volk nur einmal im Jahre Fleisch, nämlich am Passahfeste, und freute sich lange darauf, wie heute der polnische und ruthenische Bauer. David wird als Knabe mit einigen Broden und Käsen zu seinen drei Brüdern in’s Lager geschickt – so lebte das Heer; und was Salomo in aller seiner Herrlichkeit betrifft, so verfügte er sicher nicht entfernt über soviel Comfort, wie heute bei uns der gute Mittelstand. Mit anderen Worten: Palästina hat in alter Zeit nicht mehr Menschen und diese nicht viel besser ernährt, als es dies heute thut, und es kann heute nicht viel mehr Menschen ernähren, als es thatsächlich ernährt. Eine Einwanderung im größeren Stil wäre nur möglich bei Ausrottung oder Vertreibung der vorhandenen Bewohner, wie sie ähnlich schon Josua für nöthig gehalten hatte. Jene Hyperbel vom „Lande, da Milch und Honig fließt“, welche bestritten zu haben einst dem von Calvin als Ketzer verbrannten Servet als Verbrechen angerechnet wurde, ist eben erklärlich im Munde eines Wüstenbewohners, dem vor Hunger der Magen knurrt. Aber schon Kaiser Friedrich der Zweite soll die Blasphemie ausgesprochen haben „Schade, der Gott des alten und neuen Bundes muß den Golf von Neapel nicht gekannt haben, sonst hätte er ihn und nicht das steinige, wenig ergiebige Canaan zum gelobten Lande erhoben.“

Etwas Paradiesisches hat Palästina an sich – es beherbergt wenigstens unheilbringende Schlangen, während die Löwen, Bären u. dergl. allerdings nicht mehr wie einst die Gefahr des Landes bilden. Bonifaz von Ragusa macht die unglaubliche Mittheilung, daß Tiberias einst, in Ruinen gelegt, wegen der Menge Schlangen nicht mehr bewohnbar war – und die Holländer Zuallart 1556 und Kootwyk 1596 wiederholen die Nachricht. So schlimm steht es jetzt nicht; indessen sagt man am Carmel, daß, abgesehen von dem Vieh, welches dieser Landplage zum Opfer fällt, alljährlich ein Mann durch den Biß der schwarzen, nur ein paar Fuß langen Giftschlange sein Leben lassen müsse. Ich selbst wunderte mich, wie oft meine eingeborenen Begleiter von Endor an, freilich bei gräulicher Hitze, von den Reittieren sprangen, um auf eine vorüberschleichende Schlange einen Schuß abzugeben, die ihnen aber jedesmal entwischte.

Weniger paradiesisch sind andere Eigenthümlichkeiten des Landes, zu denen in erster Linie die häufigen Erdbeben zählen. Es ist ein unberechenbares Unglück für Palästina, daß es in der Erdbebenzone liegt. Die Städte der Küste, Cäsarea wie Tyrus, und jene am galiläischen Meer, die Riesenbauten von Gerasa, Baalbek und Palmyra sind hierdurch längst in Ruinen gelegt. Aber in alter Zeit schon war diese Gefahr eine nicht geringere, und es ist gewiß nicht zufällig , daß die Hügel von Jerusalem unterhöhlt sind; schon das Alterthum kannte die den Stoß der Erdbeben brechenden Wirkungen solcher unterirdischen Grotten. Der Tempelberg ist unterminirt, wie völlig der Hügel Akra; 1854 scharrte ein Hündchen den Zugang zur Hiskiasgrotte auf, einer durch mächtige Stützpfeiler untersetzten Riesenhöhle von 700 Fuß Länge bei teilweis halber Breite. Gleich den Höhlen wirken unbeabsichtigt auch die zum Theil kolossalen Cisternen Jerusalems, sowie die das Areal durchsetzenden Canäle. Von den älteren Erdbeben ist das unter König Usia, 785 vor Christi Geburt, das schrecklichste; bei dieser Gelegenheit riß zu Jerusalem im Wady ben Hinnom der halbe Berghang an der Abendseite sich los und verschüttete die Königsgärten und die Stätte Tophet, welche noch heute der sich wohl lohnenden Ausgrabung harrt. In der neuern Zeit steht am entsetzlichsten das Erdbeben vom 30. October 1759 da, welches das nördliche Palästina traf. Die Erdstöße wiederholten sich von dem Unglückstage an drei Monate lang und wirkten so überraschend und furchtbar, daß in Cölesyrien allein 20,000 Menschen ihr Grab fanden. Näher liegt das Erdbeben vom Neujahrstage 1837, wodurch in Tiberias von 2500 jüdischen Einwohnern 700, oben in Safed dagegen von der Gesammtzahl der 5000 volle 4000 neben 1000 Mohammedanern beim Häusereinsturz grausam zu Grunde gingen. Kaum weniger folgenschwer war die Heimsuchung von 1847; und so lebt man dort in beständiger Angst. Jedenfalls ist es nicht zu rathen, dort höher als ein Stockwerk hoch zu bauen.

Eine andere sehr ungemüthliche Aussicht winkt dem Ansiedler von Seiten der Gesundheitsverhältnisse; Palästina ist ganz besonders stark durch Seuchen der verschiedensten Art heimgesucht. Alle jene schrecklichen Feinde der Menschheit, welche wir am meisten zu fürchten gewohnt sind, Cholera, Pocken, Typhus und wie sie heißen, sind häufige Gäste, vornehmlich aber die Pest. Das ist wiederum vor Alters ganz ebenso gewesen. Die Bibel enthält zahlreiche Berichte über plötzlich hereingebrochene riesige Verwüstungen auf dem Gebiete des Menschenlebens, welche nur vereinzelt durch Schilderung der Symptome nachträglich von uns genauer bestimmt werden können. Am häufigsten genannt ist die von Lord Byron so prächtig poetisch verwerthete Seuche im Assyrierlager König Sanherib’s vor Jerusalem, welche furchtbar genug gewesen sein muß, auch wenn die Zahl 185,000 den Verlust etwas zu hoch ansetzte. Die entsetzliche Bubonenpest hat hier und in Aegypten, wie die Leser der „Gartenlaube“ erst jüngst erfuhren (Jahrgang 1879, Nr. 11), ihre Heimath. Sie entsteht meiner Ueberzeugung nach durch Verwesungsproducte und rührt namentlich von Wallfahrtsorten wie Kerbela am Euphrat her, wohin die Schiiten sogar aus Indien ihre lieben Todten auf Esels- und Kameelsrücken schleppen, trotz Sonnenbrand und Leichendunst, der selbst die Thiere bis zum Umfallen anwidert. Es gilt, sie an heiliger Stätte zu begraben, wo Husein der Sohn Ali’s, den Märtyrertod erlitt. In Palästina selbst bleiben vielfach die Todten halb über der Erde und werden als köstliche Leckerbissen von den Hyänen und Schakalen ausgewühlt, namentlich am Oelberg; denn das Land hat ja fast keine Humusschicht; man muß also mühsam das Grab im Felsboden eröffnen und mit Ueberdecken von Steinen nachhelfen. Leichenverbrennung würde sich, wenn irgendwo, so für Palästina empfehlen, wenn nur nicht das Vorurtheil aller Glaubensparteien dagegen spräche, sowie der Mangel an Feuerungsmaterial! Muß doch der Reisende oft genug seinen Kaffee, wie auch im Nillande, mit den an der Wand getrockneten Fladen von Kuh- und Kameeldünger kochen. Von den Wirkungen der Pest wissen besonders die Juden von Tiberias zu berichten, die schon bis zum dritten Theil von ihr weggerafft wurden.

Im Bunde mit Erdbeben und Krankheit, steht als Drittes die fortwährende Bedrohung der öffentlichen Sicherheit – die namentlich unterstützt wird durch Mangel an Verkehr, wie derselbe umgekehrt durch jene wieder bewirkt wird – den Ansiedelungsplänen feindlich gegenüber. Ein Anfang, um den Verkehr zu heben, würde eine Eisenbahn sein; das Project schwebt noch in der Luft, von Kaifa entlang dem samaritanischen und judäischen Gebirge einen Schienenweg nach Jerusalem zu bauen. Einstweilen gilt noch, was einst ein Einheimischer von Weltbildung zu mir sagte: „Die Kameele sind unsere Eisenbahn.“ Wahrscheinlich ist übrigens, daß früher noch eine Jerusalembahn von Joppe her zu Stande kommt, obwohl die heilige Stadt 2300 Fuß über dem Meere liegt und diese Bahn, an sich schon schwierig zu bauen, keinenfalls auch nur leidliche Zinsen abwerfen wird. Freilich wird sie wohl England für seine reiselustigen Mylords und Myladies bauen müssen, denn die Landeseinwohner haben kein Geld und, wie der Reisende erfährt, mehr antike, in Feld und Trümmerschutt gefundene, als gangbare Münzen im Busentuche.

[324] Trotz aller Eisenbahnen wird es mit der öffentlichen Sicherheit in Palästina noch auf lange hinaus schlimm bestellt sein. Wehe besonders denen, welche es wagen wollten, in der Nähe der Beduinen an der Wüstengrenze sich eine Farm zu gründen und ihren Kohl zu bauen! Sie würden bei Tag und Nacht vor Ueberfällen nicht sicher sein. Nie ist eine Prophezeiung genauer eingetroffen, als jene alttestamentliche von Ismael: „Er wird ein wilder Mensch sein und seine Hand gegen Alle wie Aller Hände gegen ihn.“ Sie ist eingetroffen, weil sie ihre Farben den schon gegebenen Verhältnissen entlehnte, die in der altbiblischen Zeit die Ismaeliten als ebensolche zeigen, wie wir sie heute sehen. Die Erklärung ist einfach genug: der Hunger ist eben die erste Großmacht, und die Wüste ist unfruchtbar. Die Sandwellen rücken auffallend dem Jordan immer näher, und die Ostseite des einst paradiesischen Sees Genezareth ist fast völlig verödet. Dazu kommt die Macht der Tradition, die Ueberkommenschaft des Blutes, welche dem Beduinen den Raub zur Lebensaufgabe setzen.

Vor einigen Jahren überfiel solch ein Trupp Beduinen das ein paar Stunden vom Genezarethsee abwärts gelegene Abadije, wo unser neu bestellter Consul Adler Mühlen hat, und schafften sich Weizen und Mehl in aller Schnelligkeit fort. Die Beduinen waren auf ihren Rossen einfach durch den Jordan geritten oder geschwommen. Zu ihrer Verfolgung wurden bei dem entstandenen Alarm wohl hundert Kejal oder Landreiter aufgeboten, und sie befanden sich bald dreien Beduinen gegenüber, welche, während die übrigen in aller Hast die Beute in Sicherheit zu bringen trachteten, die einzige Bedeckung bildeten und auf ihren gazellenfüßigen Thieren gleichsam spielend die Verfolger reizten, näher zu kommen. Nur ein Mann von dem eiligen Landsturm tummelte seine Rosinante keck voran: da schwenkten die drei Räuber, fielen über den Unglücklichen her, schnitten ihm den Kopf ab und seinen Leib in Stücke, und banden diese auf sein Roß, sodaß es zum Schrecken des bewaffneten Aufgebots mit den noch blutenden Gliedmaßen zurückjagte. Seitdem wagt Niemand mehr, sich in Bethsan und der Umgegend des Jordans anzukaufen. Die Beduinen spielen die Herren und haben während des jüngsten Krieges, da die Ernte im Ostland mißrieth, alle Dörfer diesseits überschwemmt, alles Korn fortgeschleppt und, wo sie Widerstand fanden, die Männer im Hause und auf der Tenne erschlagen. Aber auch die arabischen Fellahim sind im Durchschnitt elendes Räubergesindel.

Ich selbst habe auf früheren Reisen die Beweise davon zu spüren gehabt (1845). Das erste Mal am Samariterbrunnen zu Nablus (Sichem), wo mich etwa zehn Burschen packten, die sich nicht träumen ließen, daß ich mich wehren würde. Im ersten Schrecken entwand ich mich mit Gewalt der Umarmung und fand, als mein Stock in Stücke gegangen, das Heil in schleuniger Flucht nach dem nahen Stadtthor. Das andere Mal waren es fünf Fellahim mit Säbel und Flinten, welche halbwegs zwischen dem Carmel und Nazareth mich und meine drei deutschen Gefährten anfielen. Es gelang uns, sie zu verjagen, aber mein Nebenmann kam nicht davon, ohne vom Wurfe eines Feldsteines, der meinem Kopfe gegolten, bedenklich am Arme getroffen zu sein. Ich hatte mich rechtzeitig gebückt, sonst wäre es mir vermuthlich ergangen wie einem nachfolgenden Briten, welcher, auf demselben Wege angefallen, von einem schweren Steine todtwund, Monate lang in der Casa Nova zu Nazareth krank lag. Die arme – vielmehr reiche Miß Creasy, welche am 8. September 1858 Jerusalem verließ, wurde nach vier Tagen mit zerschmettertem Haupte als Leiche gefunden. Noch im September 1877 wurde auf dem bekannten Wege von Kaifa nach Nazareth ein Engländer, der unter einem Baume sich ausruhte, von vier Räubern förmlich in Stücke zerhackt. Das ist so ländlich sittlich, und wiederum nicht etwa eine Eigenthümlichkeit des modernen Palästina: die altbiblische Zeit und die Zeit der Römer weisen dieselben Erscheinungen auf. Nun sind die Paschas an die Stelle der römischen Landpfleger getreten, und die türkische Justiz macht in solchen erschwerten Fällen kurzen Proceß. Wird eine Gewaltthat ruchbar, ist ein Raub oder eine Blutthat begangen und dringen insbesondere die Consuln auf Bestrafung, dann bricht die rächende Gerechtigkeit los. Gestraft wird jedenfalls ein Einzelner oder eine Anzahl, ob freilich der Schuldige, das ist eine andere Frage. Uebrigens bildet die Verhängung der Todesstrafe seit dem Pariser Frieden ein Reservatrecht des Sultans, was angesichts der bestehenden Verhältnisse, welche die Blutrache in voller Geltung erhalten haben, freilich wenig besagen will.

Charakteristisch für die bisher geschilderten Zustände des Landes ist das Schicksal der erwähnten Vermessungen durch die englische Gesellschaft zur Erforschung Palästinas, welche, den Decan Stanley von Westminster an der Spitze, jährlich über mehrere tausend Pfund Sterling verfügt und zum ersten Mal mit amtlicher Genauigkeit die trigonometrischen Verhältnisse Palästinas feststellen ließ. Colonel Wilson und Warren haben das Werk begonnen; Capitain Stewart war durch Erkrankung zur Rückkehr genöthigt. Ihn ersetzte Tyrwhitt Drake, der schnell dem Klima und der Anstrengung zum Opfer fiel; er starb im Hôtel Mediterranean zu Jerusalem am 22. Juni 1874, während wir Abends mit unserem wackeren deutschen Consul an der Tafel saßen. Lieutenant Conder rückte in die Lücke ein. Eines Tages zog die englische Expedition, achtundzwanzig Mann stark und noch dazu wohl bewaffnet, nach Safed hinan und begann ihre trigonometrischen Instrumente aufzustellen. In der Nacht unternahmen die Eingeborenen, im Wahne, die Fremdlinge seien gekommen, um sich nächstens in ihren Grund und Boden zu theilen, mit allen möglichen Waffen einen Ueberfall. Conder sprang mit dem Revolver in der Hand im Hemd aus dem Zelte, willens durch einen Schuß die Feinde zu erschrecken; diese verstanden indeß keinen Spaß, und der muthige Officier erhielt mit Stock und Beil entsetzliche Wunden. Ein Säbelhieb, der ihm den Kopf spalten sollte, wurde mit Noth noch von Einem aus dem Gefolge parirt. Man schlug sich durch, aber neun Mann waren, zum Theil durch Steinwürfe, verwundet, und Lieutenant Conder derartig, daß man ihn mit Mühe lebend auf einem Maulthier nach Nazareth brachte, wo er ein halbes Jahr im Kloster der lateinischen Väter darniederlag, wie sein Diener in Aka, zwischen Tod und Leben schwebend; denn Wunden sind im heißen Lande entzündlicher als bei uns. Unfähig, die übernommene Aufgabe zu erledigen, mußte er nach England zurückkehren, wo er noch siecht. Die kostbaren Instrumente blieben zwar erhalten, aber das Unternehmen gerieth neuerdings in’s Stocken, und die Vollendung der Arbeit war in Frage gestellt. Erst im Januar 1876 reiste der Royal Ingenieur Colonel Kitchener von London nach Palästina ab, um noch den Rest von eintausend englischen Quadratmeilen im Norden und zweihundert im Süden zu vermessen; er kehrte dann in Eile im December desselben Jahres von Beirut wieder heim.

Das sind die großen Uebel in Palästina, von den kleineren ganz zu schweigen, wozu in erster Linie das massenhafte Ungeziefer gehört, wegen dessen die Eingeborenen es zumeist vorziehen, auf den Dächern zu schlafen; sie riskiren dabei freilich durch Erkältung die schlimmsten körperlichen Leiden, namentlich Augenleiden.

Meine Ansicht über die totale Ungunst der Verhältnisse gegenüber der Idee, Palästina zum Zielpunkte einer christlichen oder jüdischen Einwanderung und vielleicht gar Staatsregierung zu machen, wird durch das Schicksal der in dieser Richtung geleisteten Versuche hinlänglich bestätigt. Doppelt enttäuscht wurden die Anhänger der mosaischen Religion, welche nebenbei auf Anknüpfungspunkte bei den Resten ihrer Glaubensgenossen, wie sie besonders in der Nähe des galiläischen Meeres in geschlosseneren Mengen leben, rechnen mochten. In neuerer Zeit ist für diese Hebräer in Palästina so viel geschehen, daß man ernstlich fragen möchte: Reichen die Kräfte der Gesunden auch hin, um so viele Spitäler, Schulen und Versorgungshäuser zu versehen? Zum Danke hat jeder einwanderungslustige Israelit zu gewärtigen, von den dortigen Israeliten mit dem dreifachen Banne, der Ausschließung (Niddui), der Verfluchung (Cherem) und der Vertilgung im Namen des allmächtigen Gottes (Schammatha oder Maranatha) belegt zu werden. [326] „Wir verlangen keine Schulen. Hier auf dem heiligen Boden darf nichts Neues eingeführt werden, bis der Messias kommt.“ Daß unter diesen Umständen die geweihten Stätten der nationalen Tradition im ganzen Lande dem völligen Verfall und Verschwinden entgegen gehen, ist nicht zu verwundern; an erhaltende oder gar renovirende Arbeit von dieser Seite ist nicht zu denken. Inzwischen besteht im Judenviertel von Jerusalem, am Ostabhange des Sionhügels, seit 1855 das Rothschild’sche Krankenhaus mit der Gedächtnißtafel: „Dem ehrwürdigen Andenken Meyer Rothschild’s seine Söhne Amschel, Salomon, Nathan und James, Barone von Rothschild.“ Diese schenkten dazu 280,000 Gulden, und es wurden seitdem viele Hunderte von Kranken verpflegt; aber auch über Cohen, den Abgesandten der Rothschild’s, sprachen jene Eiferer von vornherein den Bannfluch aus. Wie kläglich es dabei um die religiösen Kenntnisse und die bezüglichen Bibliotheken dieser Religionshüter aussieht, habe ich beim Suchen nach alter Literatur mit Kopfschütteln erfahren.

Die christlichen Bestrebungen wollen entweder die jüdische Colonisation befördern, weil der alten Verheißung nach doch das Heil von den Juden kommt und, nachdem Jerusalem wieder in jüdische Hände gelangt, hier der Messias erscheinen wird, um die Herrschaft des endlich bekehrten Volkes über die Erde zu tragen, oder die christlichen Einwanderer wollen selbst als das auserwählte Volk betrachtet sein, an dessen Spitze der Messias sich stellen wird. Methodisten, Mennoniten, Chiliasten, das heißt Anhänger des „tausendjährigen Reichs“, Wupperthaler und Baseler Pietisten sowie schwäbische Tempelchristen sind in die Colonisationsbestrebungen verflochten. In den Salomonischen Gärten nahe bei Jerusalem unternahm schon 1849 Meschullam unter dem Schutze des englischen Consuls Finn seine Gründung einer Colonie mit ein paar Mennoniten und getauften Juden. Wie glücklich fühlte sich die alttestamentlich angehauchte Lady Finn, als sie 1856 von dem weltberühmten „verschlossenen Garten“ Salomo’s ein Thalgebiet von fünfzig bis sechszig Morgen aus der Hand eines arabischen Scheich für den Preis von hundertfünfzig Pfund Sterling angekauft, den Morgen für die Bagatelle von drei Sovereigns! Meschullam verstand es, mit den Arabern umzugehen, und genoß fürstliches Ansehen, wie man in Missionsnotizen lesen konnte; der Pachtschilling von vierzig Thalern war auch mäßig, aber ein paar magere Kühe und Arbeiter schufen noch keine „Ackerbauschule für getaufte Juden“, geschweige ein Paradies. Und doch brachte diese Musteranstalt in Artas mit „jährlich fünf Ernten“ halb Nordamerika in Aufruhr. Fragte man indeß später nach, so waren Meschullam’s Baumgärten 1858 von den Beduinen (auf deren Bekehrung selbst der Geograph Ritter zu hoffen wagte) geplündert, und der Druckbogen, welcher diese Nachricht enthielt, war kaum trocken, als die Botschaft von der Zerstreuung der arbeitseifrigen jüdischen Taufgenossen eintraf. Die Beduinen lieferten den vom Pascha ausgesandten Truppen am Grabe der Rahel ein Scharmützel und – die Farce war ausgespielt.

Trauriger ging es den 1861 aus Deutschland in Galiläa eingewanderten Pietisten, welche in Sindschar, eine Stunde südlich von Nazareth, eine Colonie zu gründen versuchten. In ihrer Begeisterung verachteten sie alle Warnungen, sich an einem so öden Orte niederzulassen, und kehrten im August 1868 so angegriffen zurück, daß in kurzer Zeit ihrer acht an Koma (sopor) unter Anfällen der Tobsucht, des Sonnenstichs und wiederkehrender Fieber starben. Ermüdung, Wechsel von Hitze und Kälte und die Malaria wirken auf den Fremden gleichermaßen verderblich. Am 22. September 1866 kam eine Colonie von vierzig Familien oder hundertsiebenundfünfzig Köpfen aus Nordamerika in der neuen Paradiesesstadt Jaffa an. Bruder Jonathan und Compagnie hatten die Schiffe zugleich mit fertigen Häuserbalken beladen, die sofort zu einem Ganzen zusammengefügt werden konnten. Diese wunderlichen Heiligen gründeten eine erste Adamsstadt (Adam-City); es ist nicht bekannt geworden, ob eine sündhafte Eva die Kinder der neuen Schöpfung aus ihrem Eden vertrieb – leider ging die Ansiedlung schon im nächsten Jahre ein. Im Jahre 1865 errichtete der Württemberger Mätzler die erste Kunstmühle mit Dampfkraft, aber wie protestirten die – und zwar diesmal christlichen Orthodoxen von Joppe wider solch eine unbiblische Neuerung! Drei Jahre darauf erschien Christian Hoffmann aus Ludwigsburg als „Aeltester des Tempels“, den es gilt wieder aufzurichten. Ihn begleitete der noch ältere J. G. Hardegg, der bei der Durchreise durch München mir seine Schrift: „Das ewige Evangelium“ zur Belehrung und zum Andenken hinterließ. Zweitausend Württemberger sollten zur Stiftung des „tausendjährigen Reiches“ nachfolgen: tausend sind wirklich gefolgt, die sich zur Hälfte in Joppe und Jerusalem, zur andern auf Kaifa am Carmel und Galiläa vertheilen. Sie traten das Erbe der Frommen von Adam-City an, aber gleich im ersten Jahre starb ein Zehntel der Ansiedler an den Sumpffiebern der Audjemündung. Die Uebrigbleibenden bauten nördlich in gesünderer Lage Sarona; doch die Gesichtsfarbe und das frühe Nervenzittern beweisen, daß sie ihren Tod im fremden Lande vor der Zeit finden. Diese Württemberger leben der Ueberzeugung, von ihnen werde die Wiedergeburt Palästinas ausgehen, geberden sich übrigens ganz im alttestamentlichen Geiste. Dabei herrscht fast klösterliche Disciplin; nicht als ob den Mitgliedern Frauen vorenthalten wären, im Gegentheil, diese bilden eigentlich den Grundstock der gottliebenden Gemeinde und sind hauptsächlich dem Prophetismus zugethan, lassen sich aber den Ehegatten von den Aeltesten zuertheilen.

Diese Deutschen greifen wohlthätig fördernd und umgestaltend in das Culturleben des Landes ein, halten dabei ihre Mittel zusammen und scheinen eine Zukunft vor sich zu haben. Der Ankauf von Grund und Boden ist freilich spottbillig, der Preis, wenn auch nicht zweieinviertel Dollar, wie im Hinterlande der Vereinigten Staaten, doch nur vier, und kommt es hoch, zehn Napoleons für den Morgen. Von dem leicht urbar zu machenden Sandboden bei Tire am Carmel gab man ihnen gern fünfhundert Morgen für solche Taxe, ja der Wali oder Statthalter von Damaskus war willig, ihnen, so viel sie begehrten, um jeden Preis anzuweisen, wenn sie nur nicht länger unter dem Consul sich isolirten, sondern – türkische Unterthanen würden. Im Sommer und Herbst 1877 grassirten in Kaifa und Umgebung die Pocken so grausam, daß bei einer Bevölkerung von achttausendsechshundert Einwohnern nicht weniger als zwölfhundertsechszig der Seuche zum Opfer fielen; die deutsche Colonie schützte sich gegen die Ansteckung und büßte nur sieben Personen ein.

Kommen wir zum Schluß! Als Ergebniß des Vorstehenden dürfte feststehen, daß vorläufig auf lange Zeit hinaus ein Aufschwung für Palästina nicht denkbar ist, jedenfalls nicht durch Einwanderung, welche, eben weil für sie die Verhältnisse so ungünstig wie möglich sind, nie für weitere Kreise etwas Verlockendes gewinnen kann, wie etwa die Uebersiedelung nach Amerika, ja, vor welcher der Kenner der Verhältnisse geradezu warnen muß. In unabsehbarer Zeit wird die türkische Herrschaft der modernen Civilisation nachgeben, und dann wird allmählich wohl auch das Land Israel, soweit es die gegebenen Bedingungen gestatten, einen menschenwürdigeren Aufenthalt bieten. Ob es freilich dann noch das Land ist, das mit der Jugenderinnerung des Europäers so eng verknüpft erscheint, wie es heute die Schule mit ihr verknüpft, ist die Frage. Ein geschichtlich denkwürdiges Land wird es allezeit bleiben, und immer werden als rührende Episode in seiner Vergangenheit jene Trauerlitaneien an der Klagemauer von Jerusalem verzeichnet werden, wenn jene Mauer längst verschwunden und Niemand mehr dasein wird, dem ein Messias mit einem neujüdischen Reiche der höchste Traum seines Lebens ist.