Charakteristisches aus der Zeit

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Titel: Charakteristisches aus der Zeit
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aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 619
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[619] Charakteristisches aus der Zeit. An einem heißen Sommernachmittage der verflossenen Saison saßen vier Herren vor dem Kursaale in Wiesbaden. Zwei von ihnen waren kürzlich von Homburg angelangt, wo sie die Erfahrung, die schon Manchem ihrer Vorgänger zu Theil geworden war, gemacht hatten, daß man das Geld an der Roulette viel eher „los werden“ kann, als es sich im Berufe des gewöhnlichen Lebens wiedergewinnen läßt.

Dieses Spielerunglück gab zunächst den Stoff zum Gespräche her. Zufällig blätterte einer der Theilnehmenden in einer anfliegenden Zeitung. In der Beilage stand noch ein Nachkömmling jener großartigen Annoncen, mit welchen vor etwa zwei Jahren „Barry du Barry, Doktoren etc.“ ihre wunderthätige Revalenta Arabica ausposaunten.[1]

„Das ist wohl neben den Goldberger’schen Ketten und Morison’s Pillen eine der besten Spekulationen gewesen, die je gemacht worden sind,“ meinte Adolph S…fs, „es ist zu bewundern, daß sich derartige Charlatanerien Jahre lang halten können, und bis zum Schluß ihr gläubiges Publikum finden.“

Hierdurch bekam die Unterhaltung eine neue Richtung. Man erzählte sich, wie sehr das Publikum geneigt sei, einem pfiffigen Kopfe, der auf bequeme Weise verdienen wolle, zu folgen, wie jede, glücklich in die Welt geworfene Erfindung ihre momentanen Anhänger finde, bis sich endlich Freiherr v. R., einer der muntersten in der Conversation, zu der Aeußerung hinreißen ließ: „wer wettet mit mir, daß die möglichst dumme Erfindung, die ich mir erdenken kann, ihre Anhänger findet?“

„Topp, es gilt,“ rief S…, „ich halte Widerpart! Erdenken Sie sich irgend etwas aus dem Genre des Höheren Blödsinns, erfinden Sie meinethalben eine Maschine zur Fabrikation von Spiritus aus langweiligen Gesellschaftern, oder was Sie sonst belieben, posaunen Sie ihre Neuigkeit gehörig aus, und verschaffen Sie sich Abnehmer Ihrer Erfindung! Kellner, schaffen Sie uns Schreibmaterialien her!“

Die beiden Kontrahenten setzten nach längerer Debatte folgenden Kontrakt auf, an welchem die beiden andern Zuhörer insofern betheiligt waren, als sie versprechen mußten, über den Ursprung des folgenden Schwindels nichts zu verrathen, und durch Gegenoperationen den Erfolg der Wette nicht zu verringern.

1) Freiherr von R… verpflichtet sich, eine von ihm ausgehende Erfindung etc., deren Zweck und Sinn so dumm ist, daß sie nur ein Schwachkopf glauben kann, bekannt zu machen, und das Geheimniß der Erfindung gegen Erlegung einer gewissen, von ihm zu bestimmenden Summe mitzutheilen.

2) Nach vier Wochen, von der ersten Insertion in öffentliche Blätter an gerechnet, muß v. R… durch Briefe nachweisen, daß er zwölf Abnehmer für seine Erfindung etc. gefunden hat. – Sollte sich diese Zahl finden, so gibt Adolph S… diesem Herrn vierzig Flaschen Hochheimer Domdechant, anderenfalls hat von R… zu bezahlen. – – – –

Die Wette war gemacht, nun galt es jedoch, zu ihrer Ausführung durch Erfindung der „Erfindung“ zu schreiten, v. R… entwarf und verwarf Projekte, es kam ihm kein einziges hinreichend dumm vor. Endlich hatte er das Richtige gefunden. Eines Tages las man unter den Annoncen einiger Blätter: „Für Teichbesitzer!

„Nach jahrelangen, mühevollen und kostspieligen Versuchen ist es dem
„Unterzeichneten gelungen, ein Pulver zu erfinden, dessen Wirksamkeit und
„Nährkraft alle bisher bekannten Nahrungsmittel für Fische übertrifft.
„Streut man eine halbe Unze dieses Pulvers über je einen preußischen
„Morgen Teichfläche, so ist man sicher, nach Verlauf von vierundzwan-
„zig Stunden die Größe der in ihnen befindlichen Fische um das Doppelte
„zunehmen zu sehen!
     „Das alleinige Depot für dieses Fischpulver befindet sich bei N.
„N. in M…, wohin sich Liebhaber gegen Frankoeinsendung von einem
„Friedrichsd’or wenden wollen. Das Pulver wird in Packeten von einem
„halben Pfund für obigen Preis verkauft. – – – v. R…“

Diese Annonce hatte schon zum dritten Male in verschiedenen Zeitungen gestanden, und es ließ sich noch immer kein Abnehmer für dieses herrliche Pülverchen finden. S… triumphirte schon, v. R… gab aber noch nicht die Hoffnung des Gewinnens auf, da er noch über vierzehn Tage Zeit bis zum Ablauf seinen vierwöchentlichen Termins hatte. Endlich kam am siebzehnten Tage nach der ersten Insertion ein Brief aus dem Norden Deutschlands, mit dem bewußten Friedrichsd’or, und das Verlangen nach Fischpulver enthaltend, v. R… reponirte den Brief zu seinen Akten, und schrieb dem Absender desselben: „daß er sehr bedauern müsse, ihm die gewünschten Pulver nicht übersenden zu können, allein die Nachfrage sei bisher so groß gewesen, daß der bisherige erste Vorrath gänzlich vergriffen sei. Er hoffe jedoch, ihm innerhalb vierzehn Tagen willfahren zu können!“

Diesem ersten Briefe folgte sehr bald ein zweiter. Jetzt war die Reihe den Triumphirens an v. R… – Als die vier Wochen verlaufen waren, hatte der glücklich Wettende statt der verlangten zwölf Abnehmer, deren dreiundzwanzig aus den verschiedensten Gegenden Deutschlands gefunden. Einige der Korrespondenten hatten auch noch verschiedene andere Mängel ihrer Fischereien mitgetheilt, und um Abhülfe derselben ersucht.

Die Wette hatte v. R… gewonnen, er hatte aber noch die Verpflichtung auf sich, den Einsendern der Briefe ihre Gelder zurückzuschicken. Die ersten zweiundzwanzig Abonnenten bekamen ihren Friedrichsd’or mit höflichen Briefen zurückgesendet, in welchen ihnen einfach auseinandergesetzt wurde, daß es sich um das Gewinnen einer Wette gehandelt habe. Dem dreiundzwanzigsten jedoch, einem Baron von M…n aus Norddeutschland, der sich schon durch die Abfassung seines Briefes als nicht an der Erfindung des Pulvers betheiligt, gezeigt hatte, wurde folgende Stylübung zugeschickt:

„Ew. Hochwohlgeboren – erhalten beifolgend einen Friedrichsd’or zurück, welchen sie am … an den Unterzeichneten gesandt haben. – Die ganze Geschichte war nur ein Scherz! Ich hatte in einer heitern Gesellschaft die Behauptung aufgestellt, es könne nichts so Albernes erzählt werden, es finde sich nicht ein Schwachkopf, der es glaube! – Ew. Hochwohlgeboren sind der dreiundzwanzigste, welcher sich um die Erlangung des Fischpulvers hierher gewandt hat. – Achtungsvoll etc. – – –“

Uebrigens hat keiner der Geprellten sich um Satisfaktion an von R… gewandt. –



  1. Ein ähnliches Mittel, dem Publikum Sand in die Augen zu streuen, scheint die „Kapital-Offerte“ des „Bureaus zur Verbreitung gemeinnütziger Zwecke in Lüneburg“ zu sein, welche jetzt durch die deutschen Zeitungen die Runde macht.