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Titel: Neuenburg nach dem 3. September
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 45, S. 616–619
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1856
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[616]
Neuenburg nach dem 3. September.

Mancher deutsche Reisende, deren dieses Jahr ganz besonders große Schaaren die Schweiz durchzogen, wird, so glaubte ich, gegen seinen ursprünglichen Plan noch nachträglich Neuenburg mit hineingezogen haben, um neben seinen Wahrnehmungen von 1848 und 1849 einen vergleichenden Blick auf eine einem Royalismusaufstande gegenüber siegreiche republikanische Staatsgewalt zu werfen. Allein ich fand es anders. Obgleich ich nur etwa vierzehn Tage nach dem berüchtigten Royalistenputsch nach Neuenburg kam, fand ich in dem ersten Gasthofe beinahe keinen Fremden, und die Straßen durchaus nur von dem gewöhnlichen, nicht sehr bedeutenden [617] Verkehr belebt. Vielleicht mochte eben die Erinnerung an daheim Erlebtes die Reisenden abgehalten haben. Sie erinnerten sich an die mancherlei Wahrzeichen und Maßregeln des Kriegs- und Belagerungszustandes, an Patrouillen, Paßpolizeiverschärfungen und dergleichen Dinge. Sie wollten sich den harmlosen Genuß ihrer Reise nicht dadurch stören lassen. Sie hätten getrost Neuenburg besuchen können, und wenn es damals möglich, namentlich in der Schweiz möglich gewesen wäre, von dem Neuenburger Putsch ununterrichtet zu sein, so würde ein Reisender in Neuenburg selbst keine Ahnung davon gehabt haben, daß es vor wenigen Tagen der Schauplatz eines einen Tag lang sieghaften und dann mit Waffengewalt schnell wieder unterdrückten Aufstandes gewesen sei; es sei denn, daß es ihm eingefallen wäre, das an sich wenig sehenswerthe Schloß zu besuchen, und nach der Bedeutung der an einigen öffentlichen Gebäuden noch flatternden eidgenössischen und Neuenburger Fahnen, oder nach dem Grunde zu fragen, warum er an einer Menge palastähnlicher Wohnhäuser die unverkennbaren Zeichen der Ausgestorbenheit finde.

Mit der Post von Bern kommend, hatte ich sofort Gelegenheit, die letztangedeutete Bemerkung zu machen. Die nach dieser Seite hin liegende Vorstadt ist eine Straße von Palästen, an der einen Seite bis an das Seeufer herantretend, an der andern blühende Gartenterrassen den den See einfassenden Bergwällen anlehnend. Der ochergelbliche Kalkstein, der sich zwischen den See und die Juraschichten einschickt, und welcher allein das Baumaterial für die Neuenburger liefert, verleiht den ohnehin eleganten Häusern ein nobles Ansehen. Aber, wie gesagt, sie standen verlassen, die Läden verschlossen, die mit vornehmen Eisengittern abgegrenzten Vorhöfe unbelebt, wie man es wohl in einer sommerverlassenen Residenzstadt, aber nicht am lachenden Ufer des schönen Neuenburger Sees im Sommer erwartet. Nur einige Fenster im Erdgeschoß waren unverschlossen und bezeichneten „des Hauses redlichen Hüter,“ der einstweilen in den öden Räumen allein auch der Gebieter war.

Die Gartenlaube (1856) b 617.jpg

Gymnasium.             Hôtel des Alpes.       Schloß.
Neuenburg.

Am andern Morgen besah ich mir die Stadt, deren Ruf großen Reichthums auf solider Grundlage ruhen mag. Ein Freund führte mich in das palastähnliche Gymnasium, welches auf unserem Bilde besonders deutlich hervortritt, wo ich eine reiche, sehr gut gepflegte naturwissenschaftliche Sammlung fand, wie sie manche deutsche Universität nicht hat. Mit der Karte eines andern Freundes verschaffte ich mir Eintritt in das Innere des Schlosses, wo noch Alles so ziemlich im Zustand des 4. Septbr. belassen war. Wenn es mir nicht längst aus den Zeitungen bekannt gewesen wäre, so hätte es mir aus der Oertlichkeit sofort klar werden müssen, daß es den Royalisien nur um eine Demonstration zu thun gewesen sei. Eine nur halb ernstlich gemeinte Vertheidigung mußte ein großes Blutbad herbeiführen, denn die Vertheidigung war durch die Oertlichkeit sehr begünstigt. Zwei ziemlich steil ansteigende enge Straßen führen aus der Mitte der Stadt nach dem Schlosse empor. Die eine, längere, macht da, wo die andere, ihr von der entgegengesetzten Seite entgegen kommende, in sie einmündet, ein Knie, und von diesem Punkte aus geht eine Fortsetzung der andern ebenfalls gebrochenen Straße in kürzerer Linie auf Stiegen empor, während die obere Hälfte der ersteren in gerader Linie etwa 60 Schritt nach dem Schloßhofe vollends hinaufführt. Jene kürzere Straßenhälfte fand ich noch mit Eisenbahnschwellen verbarrikadirt. Am Eingange in den Schloßhof stand noch das aus Eisenbahnschwellen aufgeschichtete Thor, neben welchem beiderseits eine Kanone aus einer [618] gelassenen Luke herausdrehte, wie sie die Untergebenen des Herrn de Meuron aufgefahren hatten. Ein günstigeres Terrain für eine entschlossene Vertheidigung war kaum möglich. Oben stößt an den Vorplatz der Schloßkirche, welche dicht am Schlosse steht, ein terrassenförmig bin zur Stadt herabsteigender ziemlich unbedeutender Garten, auf dessen untere Mauer die von Locle herkommende Straße stößt. Eine Thür in dieser untern Gartenmauer war nicht einmal verschlossen, viel weniger vertheidigt gewesen. Durch sie waren die Locler eingedrungen und mit Sturmleitern fast ohne Gegenwehr der Royalisten auf die Höhe des Schlosses gekommen. Der Todesmuth der Republikaner, welche von der Stadt her den Kanonen entgegenstürmten, war von diesen durch Schweigen gehöhnt worden. Vielleicht waren sie nicht einmal geladen. Die Einzelnheiten des kurzen Kampfes beschreibe ich nicht, denn mein Gedächtniß ist, wie es scheint, für so etwas nicht geschaffen und zudem ist er den Lesern der Gartenlaube ohne Zweifel durch geschäftige Zeitungszungen seiner Zeit des Breiteren erzählt worden. Beide Gegner rochen dabei das erste feindliche Pulver und unkundig der Regeln des ernstlichen Mordhandwerks sollen einige wahrhaft tragikomische Scenen vorgekommen sein. Als unter anderen ein republikanischer Offizier mit einem kleinen Detachement von 14 Mann, mit denen er sich Stunden lang aus einem Hause gegen 500 Royalisten gewehrt hatte, sich zuletzt ergeben mußte, fragte ihn sein Gegner: „mein Herr, wenn ich nicht irre, müssen Sie mir nun ihren Degen übergeben,“ worauf ihm der Gefangene erwiederte, es komme ihm auch so vor. Mit edelem Muthe mußte nachher der Royalistenführer seine Gefangenen gegen seine eigenen Leute vertheidigen, welche wüthend darüber waren, von nur vierzehn Leuten, die sie nur für eine Vorhut hielten, so lange aufgehalten worden zu sein und die sie nun, nachdem sie sich ergeben hatten, in Stücke hauen wollten. Mißtrauend der Sache, welcher er diente, sagte dann der Royalistenoffizier zu seinem Gefangenen, morgen vielleicht könne dieser ihm seinen Liebesdienst heimzahlen. Auch der Witz hat sich hinterher der Sache bemächtigt, denn ein Calembourg, den man mir in Neuenburg erzählte, ist doch wohl nur ein gemachter, obgleich ein gut gemachter: Als nach dem schnell beendigten Kampfe auf dem Schloßplatze ein Royalist den Herrn de Meuron fliehen sah, rief er ihm zu: „de Meuron, de Meuron!“ worauf dieser erwiederte: „demeurez s’il vous plait!“

Einige zerbrochene Fensterscheiben und einige wenige durch Flintenkugeln geschlagene Löcher an zwei oder drei Häusern ausgenommen bemerkte ich auf dem Kampfplatze keine weiteren Zeichen der geschlagenen Schlacht. In dem kleinen Schloßhofe und vor dessen Eingängen standen nur einige Wachtposten mehr als gewöhnlich, von denen nur der vor dem innersten Hofe stehende die Vorzeigung meiner Karte verlangte. In der Kirche, aus welcher die Bänke auf den Vorplatz, den einige alte Ulmen beschatten, herausgebracht waren, saßen noch 111 Gefangene, denen man eben, es war zehn Uhr, ihre gute Morgensuppe und weißes Brod brachte. In der näheren Umgebung der Stadt, welche meist von Weinbergen gebildet wird, bemerkte ich einzelne mit einer Flinte bewaffnete Bürger, welche auf die auf den Zugängen der Stadt sich bewegende Bevölkerung und etwaige neue Zuzüge von Royalisten aus dem Kanton Acht hatten. Sie trugen auf ihrem bürgerlichen Kleide als Abzeichen nur das eidgenössische weiße Kreuz in einem rothen Armbande.

Das war Alles, was von dem Putsch nach 14 Tagen noch übrig geblieben war. Die ruhige Ordnung des Verkehrs war in keiner Weise durch Gewaltmaßregeln der siegenden Staatsgewalt gehemmt worden. Obgleich Sonntag war, so war selbst oben am Schloßhofe die Zahl der Neugierigen sehr gering. Dennoch schwärmten, wie man mir sagte, die Royalisten vom 14. Oktober, wo die preußische Fahne wieder auf dem Schlosse Neuenburgs wehen werde. Er ist ohne Erfüllung dieser Hoffnung ruhig vorüber gegangen.

Die Royalistenführer hatten sich eben ganz einfach verrechnet, vielleicht blos dadurch, daß sie, vornehme Leute, sich vorher nicht die Mühe genommen hatten, die Stimmung des „Volkes“ kennen zu lernen. Sie mußten zu ihrem Nachtheile erfahren, was sonst von ihrem Standpunkte aus gegen Volksaufstände geltend gemacht wird, daß sich die träge Masse der Besitzenden in der Regel nicht zum Aufstande erhebt, sei es für einen König, sei es gegen einen solchen. Diese träge Ruhe, die wohl nur Feigheit und Furcht für ihren Besitz war, machten bald nach der Unterdrückung des Aufstandes die Bourgeois gegen die Sieger als ein Verdienst geltend und wollten sie als „Adhäsion“ an die Republik ausgeben. Sie nannten sich „Unschuldige,“ die man durch die Aufhebung der Bourgeoisie doch nicht mit werde strafen wollen. Die guten Leute gehen durch Passivität immer Nummer Sicher und ernten dafür bei besiegten Volksaufständen Ruhm und Ehre. In vorliegendem Falle droht ihnen das Gegentheil. Mit der „Aufhebung der Bourgeoisie“ in Neuenburg hat es folgende Bewandtniß. Von Alters her besteht dort eine Minderheit der Bewohner, welche officiell Bourgeoisie heißt und allein im Besitz des städtischen Vermögens, der Verwaltung, steuerfrei und auch sonst noch vor der übergroßen Mehrheit bevorzugt ist. Dieses wahrhaftig in unsere Zeit nicht mehr passende Verhältniß, wodurch die Mehrheit der Neuenburger zu Heloten herabsinkt, will man jetzt aufheben und wie in der übrigen Schweiz Gleichheit unter den Bewohnern der Stadt Neuenburg herstellen. Da schreien nun die Bourgeois Gewalt, weil sie doch nicht „mitgethan“ haben. Sie haben eben wie gewöhnlich ihren König eben so gut im Stiche gelassen, wie sie es anderwärts im umgekehrten Sinne thun, und – wollen dafür nun von den Gegnern ihres Königs belohnt sein! Die Aufhebung der Bourgeoisie in Neuenburg muß aber gar nicht als Strafe an den wenigen ihrer Mitglieder, die den Aufstand mitmachten, angesehen werden, sondern einfach als Beseitigung eines längst der neuen Zeit verfallenen Mißstandes. Wenn die Bourgeoisie Strafe verdient hat, so ist es von einer ganz anderen Seite, die jetzt, zum Glück für sie, keine Macht über sie hat. Hätte die Bourgeoisie ein kleines Bischen mehr Courage und für ihre preußischen Sympathien einige ihrer lieben Francs bereit gehabt, so hätte sich das Schloß leicht bis zum Eintreffen der eidgenössischen Bataillone halten lassen – und darum handelte es sich ja doch nur. Wie wenig Muth!

Doch sehen wir uns noch etwas in der Stadt Neuenburg um. Seine Lage bietet keine großartige Schönheit dar, aber sie ist ungemein lieblich. Der blaue Seespiegel berührt unmittelbar den Fuß der Stadt, für welche zwischen ihm und den meist ziemlich gleichlaufend mit dem See langgestreckten Juraketten nur wenig ebener Flächenraum übrig bleibt, so daß die landeinwärts gelegenen Gassen der kleinen Stadt zum Theil schon den Abhang hinansteigen müssen. Jenseit des Sees, der durch die kleine Zieht in den kleineren Bielersee und mit diesem dann weiter in die Aar abfließt, dehnen sich in weiter Ferne die weißen Ketten des Berner Oberlandes und mehr rechts des Montblanc aus. Unweit der Stadt etwas nördlich erhebt sich über 2322 Fuß über dem Spiegel des Sees der Chaumont, von dem aus man bei hellem Wetter die ganze Alpenkette vom hohen Säntis bis zum Montblanc übersieht. Unser Bild zeigt uns über der Stadt den tiefen Thaleinschnitt des gewerbfleißigen Val de Travers zwischen zwei Bergen, von denen der linke der 4510 Fuß hohe Creux du Vent ist. Weiter nördlich liegt hinter dem Tête de Rang die Gemeinde la Sagne, deren Bewohner ein eigenthümlich roher Menschenschlag sein sollen. Bekanntlich waren die Helden des 3. September vorzugsweise Sagnards. Unter den ansehnlichen Häusern, welche unser Bild zeigt, tritt namentlich das stattliche Gymnasium hervor, in edelem Styl gebaut und mit einem imposanten, dem Louvre nachgeahmten Treppenhause. Rechts davon steht das prächtige Rathhaus, von welchem eben noch eine mächtige eidgenössische Fahne vom Südwinde bewegt wie zur Abwehr nach Norden ihre Faltenwellen spielen ließ. Wie Genf so hat sich auch Neuenburg schon seit langer Zeit durch Pflege von Kunst und Wissenschaft ausgezeichnet. Von Agassiz, Coulon und Desor, den berühmten Naturforschern, die hier lehrten und noch lehren ist das bekannt; eben so daß Calame von Geburt ein Neuenburger ist. Aber in gewerblicher und commercieller Hinsicht steht Neuenburg noch ziemlich tief, namentlich tief unter Chaux de Fonds und Locle. Wenige Tage nach dem Putsch erschien im „Bund“ „von einem Manne, welcher der Tagespolitik fern steht“ und zwar in Neuenburg selbst, ein sehr wohlmeinender Artikel, welcher hierauf aufmerksam macht. „Die Stadt Neuenburg,“ sagt er, „könnte, vermöge ihrer vortrefflichen Lage längst ein zweites Basel oder Genf sein; es ist der natürliche Ruhepunkt zwischen beiden Grenzstädten. Allein die frühere Herrschaft dachte anders: sie wollte den dasigen Geburts- [619] und Geld-Adel nicht durch industrielle und kommerzielle Kräfte überflügeln und verdunkeln lassen. Deshalb verbannte sie die Uhrmacherei in die Berge und in’s Travers-Thal und ließ in der Hauptstadt nur solche Geschäfte aufkommen und bestehen, welche zum Unterhalt und zur Befriedigung des gewöhnlichen Lebens dienen.“ Die Aufhebung der Bourgeoisie wird ohne Zweifel wesentlich dazu beitragen, hier einschlagende Verbesserungen zu erleichtern und den aristokratischen Anstrich, den Neuenburg jetzt in auffallender Weise hat, in eine Ähnlichkeit mit Genf, dem rührigen Klein-Paris, zu verwandeln.