Carl Wilhelm vor zwanzig Jahren

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Titel: Carl Wilhelm vor zwanzig Jahren
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aus: Die Gartenlaube, Heft 36, S. 579–582
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1870
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Carl Wilhelm vor zwanzig Jahren.

Es war in den Jahren 1844 und 45, als ich nach Tages Last und Mühen jede freie Stunde dazu benutzte, in einer angenehmeren, ruhig gelegenen Straße Crefelds die Fenster eines recht stattlichen Hauses zu belauschen. Obwohl ich dem Alter angehörte, in welchem die „Flegeljahre“ in ihre sentimentale Kehrseite umzuschlagen pflegen, war es doch keine holde Schöne, der meine abendlichen Spaziergänge galten: die in stiller Luft weithin und deutlich erschallenden Töne eines herrlichen Flügels waren es vielmehr, welche ihren unwiderstehlichen Zauber auf mich ausübten. An diesem Flügel, das wußte ich, saß der bedeutendste Künstler Crefelds, der Musikdirektor Carl Wilhelm, derselbe, dessen Name jetzt in Aller Munde lebt. Ein trefflicher Pianist, war ihm, wie in ganz Crefeld bekannt, ein hervorragendes Talent für freies Phantasiren auf seinem Instrument eigen. Ich entsinne mich noch gar wohl, wie sehr mich damals an einem schönen Abende die Klänge einer musikalischen Paraphrase und Variirung des Beethoven-Schubert’schen Sehnsuchtswalzers entzückten. Die Jahre 48 und 49 führten nebst so manchen großen Veränderungen auch in meinem Leben einen Umschwung herbei, welcher mich auf einige Zeit mit Wilhelm in häufigen persönlichen Verkehr brachte. Ich trat nun ein in jene Räume, vor deren Fenstern ich so manches Mal gelauscht, und fand dort eine in ihrer künstlerischen Unordnung mich ganz sympathisch berührende Garçonwohnung, die, obwohl bescheiden, doch nicht ohne Eleganz und vielfach mit jenen zierlich schmückenden Luxusgegenständen ausgestattet war, an denen es in den Heimstätten beliebter ausübender Künstler ebensowenig zu mangeln pflegt, als es den Letzteren selbst an verehrenden Damenkreisen fehlt. Das Flügelzimmer war durch dichten an den Wänden hinrankenden Epheu in eine Laube verwandelt. Unter den Musikalien, welche auf dem Instrumente herumlagen, fand mein spähendes Auge bald einige mit zierlicher Hand geschriebene Manuscripte heraus, Compositionen des damals noch jugendlichen Tonsetzers, dessen Persönlichkeit selbst einen gewinnenden Eindruck hervorbrachte.

Wilhelm war von nicht großem, bei aller Kraft eher zierlich zu nennendem Körperbau von schönem Ebenmaß; seine eng anschließende Kleidung sorgfältig und sauber gehalten, sein Gang, seine Bewegungen knapp und bestimmt. Außerhalb seines Berufes sprach er wenig, war meist verschlossen und zurückhaltend, wenn nicht fröhliche Gesellschaft und trauliche Stunde die Zunge lösten. Im ganzen Auftreten lag etwas Feines, Aristokratisches, und so wenig man ihm Pedanterie vorwerfen konnte, so wurden doch – wie es mir schien – seine zartbesaiteten Nerven, ohnehin durch häufige körperliche Leiden noch empfindlicher gemacht, von dem wenn auch meist gut gemeinten, aber häufig bis zur Derbheit entschiedenen Auftreten der Rheinländer nicht immer sympathisch berührt, wobei ich nicht verschweigen will, daß viele seiner Bekannten auf ihn die zarteste Rücksicht nahmen. Als Dirigent der Crefelder Liedertafel und des (gemischten) Singvereins betonte er stets eine musikalisch edlere Geschmacksrichtung und hatte damals manchen Kampf zu bestehen, wenn er auf die in so vielen Männergesangvereinen beliebten sogenannten „Schmachtlappen“ und ähnliche Werke sich durchaus nicht einlassen wollte. Viele Mitglieder seines wohlbesetzten, gesellschaftlich angesehenen und stimmlich ganz vortrefflich ausgestatteten Männerchores standen ihm bei diesen Bestrebungen „fest und treu“ zur Seite. Daß er aber bei seinem künstlerisch feinfühligen Wesen manchen Aerger zu erleben hatte, war kein Wunder. War er doch überhaupt eine „Künstlernatur“. Sein Directionstalent war sehr bedeutend, er verstand es ganz außerordentlich, genau und fein musikalisch einzustudiren, die Sänger zu fesseln und durch seine bei großer Bestimmtheit außerordentlich zierliche und elegante Direction zu beleben und zu begeistern. Die Crefelder Liedertafel war, wo sie auf den damals häufig stattfindenden rheinischen Männergesangsfesten auftrat, eine sehr geachtete Erscheinung und konnte sich unter Wilhelm’s Leitung mancher schönen Erfolge rühmen.

Wie man mir erzählt, hat Mendelssohn nach einer derartigen hervortretenden künstlerischen Leistung auf einem Kölner Feste Wilhelm vor dem ganzen Publicum entzückt in die Arme geschlossen. Auch größere Chormassen und das Orchester wußte er sicher zu beherrschen. Viele gelungene Oratorienaufführungen in Crefeld legen dafür Zeugniß ab. Es ist sehr zu bedauern, daß diese hervorragende Dirigentkraft nicht in einem größeren Wirkungskreise dauernde Stellung gefunden hat. –

Aus der soliden Schule des verstorbenen berühmten Aloys Schmitt in Frankfurt am Main hervorgegangen, zeichnete Wilhelm sich als Pianist vortheilhaft aus. Wie schon bemerkt, besaß er in seltener Weise die Gabe musikalischer Improvisation. Dabei fiel es ihm nicht schwer, geschlossene Formen auf das Leichteste zu beherrschen, und ich entsinne mich, wie er eines Abends, besonders gut gelaunt, eine Sonate ganz formgerecht von Anfang bis zu Ende improvisirte. Er war aber nicht etwa jenen Künstlern beizuzählen, die sich selbst nicht genug hören und bewundern lassen können, im Gegentheil mußte man seine Gaben ihm oft genug abnöthigen. Andererseits, wenn nach der officiellen Uebungszeit die meisten Herren, als echte Rheinländer, noch lange traulich zusammenblieben, um beim goldenen Naß der Geselligkeit zu pflegen, munterte Wilhelm die begabten Solokräfte seines Vereins in liebenswürdigster Weise zur Darlegung ihrer Talente auf. Wer von den Genossen jenes Kreises sollte sich nicht der herzgewinnenden Baritonstimme des durch und durch musikalischen, leider so früh dahingeschiedenen Julius Kremling erinnern, ein Dilettant, dessen Compositionstalent so manches reizende Lied schuf; wer wird nicht des überaus gewandten Clavierspiels Amel’s gedenken? Und diese jungen Leute waren es, die in jener Zeit schon im Verein [580] mit Wilhelm für die Lieder von Robert Franz Propaganda machten und die vor zwanzig Jahren am Rhein noch ziemlich verpönten Pianofortecompositionen Robert Schumann’s vortrugen. Wilhelm’s Leistungen übertrafen selbstverständlich alle die seiner Umgebung bei weitem. Einer seiner Bekannten erzählte mir, daß einst zwei Freunde Wilhelm’s in seiner Wohnung nach heftigem Wortwechsel sich entzweit und dann mürrisch und verdrossen in den Schmollwinkel zurückgezogen hatten. Wilhelm sprach kein Wort, setzte sich an den Flügel und phantasirte. Sein ergreifendes Spiel stimmte die Grollenden so weich, daß sie sich die Hände reichten und sich gerührt umarmten.

Als Componist hat Wilhelm nur in kleinen Formen sich bethätigt. Lieder für einzelne Singstimmen, Männerchöre, Quartette für gemischten Chor, Pianoforte-Etuden, Salonsachen edlern Styls, selbst geschmackvolle Tänze und Märsche, um deren Composition man den stets gefälligen Musikdirector bei Gelegenheiten ersuchte, waren von dem ziemlich wählerischen Tonsetzer bekannt geworden. Von Männerchören wurde „Kriegers Abschied“ (Mädchen, wenn ich von dir gehe), nach einer serbischen Dichtung, mit Vorliebe gesungen und gehört. „Wilhelm weiß seinen Melodien die Süßigkeit und Popularität der alten Troubadours zu verleihen,“ bemerkte mir einst der obenerwähnte Jul. Kremling. Der alte Crefelder Kaufmann Scheibler, ein eifriger Kunstfreund – wenn ich nicht irre, hat er sogar ein Werkchen musikalisch-akustischen Inhalts [582] herausgegeben – hatte Wilhelm veranlaßt, von Frankfurt a. M., wo Wilhelm beliebter Musiklehrer war, nach Crefeld überzusiedeln. Dort war er in den angesehensten Familien sehr beliebt und verstand es, in dieser Stellung mit dem gerechten Stolze eines bescheidenen, aber von seinem Werthe überzeugten Künstlers sich zu bewegen. Er hatte, wie man sich denken kann, zahlreiche Schüler. Den begabten und strebsamen war er ein anerkannt trefflicher Lehrer. Gedächtnißzerstreutheit ließ ihn allerdings diese und jene Lection vergessen. Eine einzige Lection, welche ihm durch einen talentlosen oder musikalisch nicht ernstgesinnten Schüler verbittert worden, konnte den nervösen, äußerst feinfühligen Mann für den ganzen Tag verstimmen und ungenießbar machen.

Schon oben sagte ich: er war eine „Künstlernatur“. Er war es auch in dem Sinne, daß er Geldangelegenheiten, oft genug zu seinem Nachtheil, mit großer Sorglosigkeit behandelte. Sicher ist, daß er das Metall in den Kehlen seiner Sängerschaaren besser zu bewahren und zu dirigiren verstand, als das Silber seiner Casse. Zum Banquier – dies Geständniß wird mir der verehrte Meister nicht übel nehmen – war Wilhelm entschieden nicht geboren, es müßte denn sein, daß die Folgezeit meine Meinung Lügen gestraft hätte. Als Künstler dagegen hat er stets das Seine geleistet und auch, wie es obige Andeutungen bestätigen, im engern Kreise mit Ernst, Umsicht, großer Begabung und – mit Erfolg für Verbreitung guter Musikpflege gewirkt.

In welch vortheilhaftes Licht sein Name als Componist des Liedes „Die Wacht am Rhein“ getreten ist, braucht hier nicht ausgeführt zu werden. Es ist wahr, das Gedicht des verstorbenen Schneckenburger selbst hat sein gut Theil an der Anfeuerung, die es bei Deutschlands Bürgern und Kriegern bewirkt, doch darf, ohne dem ehrenwerthen patriotischen Dichter zu nahe treten zu wollen, nicht übersehen werden, daß es in der Zeit seiner Entstehung – 1840 – und lange Jahre nachher, so gut wie unbekannt blieb, während das gleichzeitig entstandene Nicolaus Becker’sche Lied die Runde machte. Auch etwelche Musik zu dem Gedicht ist an und für sich nicht fördernd und entscheidend gewesen, von dem Vorhandensein der Mende’schen Composition hat man eigentlich erst jetzt etwas erfahren. Die rechten Töne, welche den Worten Harnisch und Flügel verliehen, daß es gleichsam wie ein Erzengel Michael mit flammendem Schwerte die Heerschaaren begleitet – sie fand erst Carl Wilhelm 1854. Einige Jahre später war das Lied schon von allen besseren Männerchören gekannt und geliebt, was sowohl für den glücklich getroffenen populären Ton, als für den absoluten musikalischen Werth spricht.

Nicht allen Lesern der Gartenlaube wird es bekannt sein, daß Frankreichs berühmtes Kriegslied „Die Marseillaise“ den letzteren Namen erst später erhielt, von dem Dichterkomponisten Rouget de Lisle dagegen „Schlachtgesang der Rheinarmee“ genannt wurde. Nun wohl, Wilhelm’s Lied ist in der That ein „Schlachtgesang der deutschen Rheinarmee“ geworden, und wird fortan zu den durch Bluttaufe geheiligten Nationalliedern der Deutschen gehören. Frankreich sprach Rouget de Lisle eine Pension von jährlich sechstausend Francs (sechszehnhundert Thaler) zu. Was wird Deutschland Carl Wilhelm gegenüber thun? Welchen begeisternden Eindruck hat nicht das Lied im ganzen deutschen Vaterlande hervorgebracht, bei wie viel Strapazen, in wie mancher Drangsal hat es die deutschen Krieger aufgerichtet und gestärkt, wie oft haben seine Klänge den Muth unserer Helden bis zur Todesverachtung entflammt! Preußens Königin Auguste hat bereits anerkennend der Urheber des neuen Bannerliedes gedacht; der greise Schirmherr Deutschlands, König Wilhelm von Preußen, der jetzt in Wahrheit als deutscher Kriegs-„Herzog“ die tapferen Schaaren in das Herz von Frankreich hineinführt, er wird am wenigsten verkennen, wie Carl Wilhelm von Schmalkalden durch sein Lied dem deutschen Heere ein musikalischer Herzog geworden ist und an den erfochtenen Siegen großen geistigen Antheil hat. Nicht nur Ehrengaben aller Art sollten Einzelne, sollten Corporationen, musikalische, wie vaterländische, dem mit Worten und in Gedanken so hochgeehrten Componisten darbieten – die gerechteste Belohnung wäre es, wenn die ganze Nation, wenn die deutschen Bundesregierungen im Verein mit dem gesammten deutschen Parlament Carl Wilhelm, welcher in diesem Jahre sein Jupiteralter antritt, für den Abend seines Lebens vor allen äußeren Sorgen sicherten und ihn in Stand setzten, ungehindert den Trieben seiner hohen musikalischen Begabung folgen zu können.

Wir hoffen mit Sicherheit, daß dieser Vorschlag in Ausführung kommt.