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Textdaten
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Autor: J. L.
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Titel: Californische Seelöwen in Hamburg
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aus: Die Gartenlaube
Herausgeber: Ernst Keil
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1875
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Californische Seelöwen in Hamburg.

Mit Abbildung.

Zu den seltensten Bewohnern unserer Thiergärten gehören unstreitig die größeren Robbenarten, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ihr Transport mit bedeutenden Schwierigkeiten zu kämpfen hat. Die Entlegenheit der Küsten, die sie bewohnen, der Umstand, daß sie während des größten Theils der Reise mit einer gewissen Quantität Wasser versorgt werden müssen, um sich darin aufzuhalten, die Schwierigkeit endlich, das nur aus Seefischen bestehende Futter ununterbrochen in genügender Menge herbeizuschaffen, alles dies tritt der Ueberführung nach Europa hindernd in den Weg.

Bis jetzt konnte nur der zoologische Garten zu London sich rühmen, Thiere dieser Art zu besitzen, und wer ihn in den letzten Jahren besuchte, wird sich sicherlich der beiden dortigen Seelöwen erinnern. Es sind in der That imposante Geschöpfe, diese Riesen ihrer Familie, ob sie nun in träger Ruhe hingegossen, die kolossalen Leiber an einander gedrängt, am Rande ihres Bassins lagern, oder ob sie pfeilschnell mit unglaublicher Leichtigkeit durch das Wasser dahinschießen.

Ihr Bassin ist in der Regel von Besuchern umringt, denn sie erfreuen sich einer großen und verdienten Popularität; in den riesigen Leibern nämlich schlägt ein warmes, für das Gefühl der Freundschaft empfängliches Herz, das jede Gelegenheit benutzt, seine Anhänglichkeit und Dankbarkeit zu beweisen. Um dieses nicht für Uebertreibung zu halten, muß man es mit angesehen haben, wenn ihr Wärter, ein alter Franzose, sie in ihrem Bassin besucht. Freundlich brummend folgen sie mit erhobenem Kopfe seinen Bewegungen, sobald er aber zu ihnen in das Bassin gestiegen ist, schwimmen sie brüllend vor Freude an ihn heran, liebkosen ihn, indem sie mit der Schnauze sein Gesicht zu berühren suchen, und nun folgt eine Scene, die kaum zu beschreiben ist, Wärter und Thiere jagen und necken sich und spielen mit einander, daß das Wasser hoch aufspritzt und man vollständig in Zweifel ist, wer sich mehr dabei amüsirt, ob der alte Franzose oder seine riesigen Pfleglinge. Der Londoner Garten erhielt diese Thiere vor etwa vier Jahren von den Falklandsinseln. Es sind Seelöwen des Südens, die Otaria jubata, welche beide Weltmeere an der Südspitze Amerikas bewohnt.

Seit Kurzem sind nun auch in den zoologischen Garten zu Hamburg größere Robben gelangt. Es ist dort augenblicklich ein Paar nordischer Seelöwen, die Otaria Stelleri ausgestellt, eine Ohrrobbe, die in diesen beiden Exemplaren zum ersten Male nach Europa gebracht worden ist.

Der nordische Seelöwe unterscheidet sich bekanntlich von seinen südlichen Verwandten durch geringere Größe, durch die nur angedeutete, oder wie einige Forscher wollen, fehlende Mähne des alten Männchens und endlich durch den minder breiten, mehr gestreckten, weit weniger kräftig entwickelten Schädel. Er bewohnt den nördlichen Theil des großen Oceans, von der Beringsstraße abwärts bis Japan und Californien, und wird hier vielfach gejagt theils der Haut, theils des Fleisches wegen, das z. B. von den Aleuten gegessen wird.

Die beiden in Hamburg befindlichen Thiere, deren beigegebene Abbildung als höchst gelungen bezeichnet werden darf, stammen aus Californien. Es sind, nach dem fast geradlinigen Profile des Schädels zu urtheilen, noch junge Thiere. Die Länge des Männchens beträgt fünfundeinhalb, die des Weibchens vier Fuß. Die Behaarung ist, wenn naß, dunkelkastanienbraun, wenn trocken, gelblichbraun; an der Schnauze stehen lange, silberweiße, anliegende Schnurrborsten; die Ohrmuschel ist klein, spitz und schwärzlich, das Auge groß und dunkelbraun; der Rachen klafft weit und zeigt ein sehr respectables Gebiß. Um die Thiere in mannigfaltigeren Stellungen zur Anschauung zu bringen, hat der Zeichner statt der zwei Seelöwen deren vier dargestellt.

Besonders auffallend ist der verhältnißmäßig geringe Umfang des Kopfes und die Länge des Halses; letzterer wird zuweilen höchst eigenthümlich vorgeschoben und verlängert, so daß die sonst sichtbare Abgrenzung zwischen ihm und dem Schädel völlig verschwindet. In dieser sonderbaren Haltung, die namentlich beim Heraussteigen aus dem Bassin und beim aufmerksamen Umherschauen angenommen wird, erinnert besonders das Männchen lebhaft an die nach dem Skelet entworfenen, idealen Umrisse gewisser langhalsiger Wasserbewohner der Urwelt. Noch eine andere Eigenthümlichkeit kommt bei gewissen Stellungen zum Vorscheine; es ist dies das starke Hervortreten der Schulterblätter, wodurch die Thiere gleichsam einen Höcker am Nacken erhalten, wie man das an dem einen der abgebildeten Exemplare bemerken kann. Trotz ihrer Schwere und Größe sind sie weit behender, als man es voraussetzen würde. Im Wasser bewegen sie sich leicht und graziös, wie die Otter, aber auch auf dem Lande sind sie nichts weniger als unbeholfen und zeigen zuweilen eine Gelenkigkeit, die geradezu überrascht; so ist es ihnen ein Leichtes, sich in der bekannten Hundemanier mit einer ihrer Hinterflossen am Kopfe zu kratzen; auch bewegen sie sich, wenn es gilt, erstaunlich schnell vorwärts, wobei sie fast regelrechte Schritte machen, während der hochgehobene Rumpf sich abwechselnd auf die rechtwinkelig nach unten und hinten gebogenen Hinterflossen und auf die Knöchel der nach außen gehaltenen Vorderflossen stützt.

Ihre Tauchfertigkeit ist natürlich eine sehr ausgebildete. Nachdem sie minutenlang unter Wasser gewesen, genügt nach dem Emporkommen ein einmaliges Aus- und Einathmen, um sie sofort wieder zum Tauchen zu befähigen. Ruhen sie auf dem Lande von ihren Schwimm- und Tauchübungen aus, so schmiegen sie sich meist dicht an einander, wobei sie durch gegenseitige Berührungen der Schnauzen sich zärtlich liebkosen. Die Stimme, die namentlich das Männchen fleißig hören läßt, ist höchst unangenehm. Der Klang liegt zwischen Geblök und Gebrüll in der Mitte und ähnelt dem Brüllen eines jungen Rindes; dabei schallt die Stimme auf enorme Entfernungen hin, so daß sie in einem Abstande von etwa zwanzig Minuten gewöhnlichen Schrittgehens, trotz des Straßenlärms der großen Stadt, deutlich vernommen wird. Geistig stehen die Ohrrobben entschieden höher als die ohrlosen Robben; die Hamburger Exemplare bekunden das durch ihr lebhaftes Betragen, durch das genaue Beobachten ihrer Umgebung und durch eine gewisse Ueberlegung, die sich bei ihnen z. B. darin äußert, daß man sie durch eine vorgespiegelte Fütterung wohl einmal, nicht aber unmittelbar darauf zum zweiten Male täuschen und aus dem Wasser an das Gitter ihres Geheges heranlocken kann.

Diese geistige Befähigung macht es äußerst wahrscheinlich, daß sie mit der Zeit ebenso zahm und zutraulich werden dürften, wie ihre Verwandten in London, besonders wenn sie, wie jene, einen Wärter finden, der ihre Freundschaft zu erlangen weiß. Da die Thiere nicht das Eigenthum des Gartens zu Hamburg sind – sie gehören dem Herrn Chs. Reiche in Alfeld – so werden sie wahrscheinlich auch andere Städte Deutschlands besuchen; wir aber sind überzeugt davon, daß sie überall ein ebenso lebhaftes wie gerechtfertigtes Interesse erregen werden.
J. L.
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Die Gartenlaube (1875) b 505.jpg

Die Seelöwen im zoologischen Garten zu Hamburg.
Nach der Natur aufgenommen von G. Marx in Hamburg.