Burney Tagebuch 3/Gröningen

Bremen Tagebuch einer musikalischen Reise (1773) von Charles Burney
Gröningen
Amsterdam


[222]
Holland.
Gröningen.


Ich vermuthete wenig, daß ich hier etwas von Belang, das die Musik anginge, finden würde. Da ich mich aber nach dem Organisten an der vornehmsten Hauptkirche, St. Martin, erkundigte, ward mir gesagt, er hiesse Lustig. Nun [223] fiel mir ein, daß ich schon vor vielen Jahren einige Claviersuiten von einem Komponisten dieses Namens gesehen hatte, die völlig so gut waren, als irgend andre zu der Zeit; und zu Antwerpen hatte ich eine Abhandlung über die Musik, in holländischer Sprache, gekauft, deren Verfasser gleichfalls so hieß; es war mir aber nicht in den Sinn gekommen, daß beydes von dem Organisten zu Gröningen herrühren sollte. Indessen, als ich nach seinem Hause ging, um mir seine Erlaubniß auszubitten, daß ich die Orgel besehen könnte, entdeckte ich sehr bald, daß er der Verfasser der obgenannten, und noch verschiedener andern Werke mehr war, wovon er mir nicht nur ein Verzeichniß zustellte, sondern mir auch eine neue Edition von seiner Abhandlung schenkte.

Die Orgel in der Martinskirche ist ursprünglich von dem berühmten Rudolph Agricola[1] gebauet; es ist aber in der Folge vieles dazu gemacht worden. Was aber von Agricola ist, besonders einige Rohrstimmen, bleibt noch immer das Vorzüglichste. Die Voxhumana ist sehr lieblich, [224] ob sie gleich einer schönen Hoboe oder Clarinette mehr, als einer Menschenstimme nahe kömmt. Sie hat vier Manuale, 54 Register, wovon einige im Pedal 32füssig sind. Im Ganzen genommen ist dieses Werk eines der angenehmsten, die ich gehört habe.

Herr Lustig, ein gebohrner Hamburger, der ein Scholar von Mattheson und Telemann war, hat schon 44 Jahr als Organist an dieser Kirche gestanden. Er ist ein sehr verständiger Mann, der viele Lebensart hat. Er hat manchen guten Schüler gezogen. Fertigkeit besitzt er noch genug, und wenn man dafür Etwas abrechnet, daß der Geschmack sich geändert hat, so ist er ein sehr guter und geschickter Organist.

Hier befand ich mich abermals im Lande der Glockenspiele; zu Bremen hatte ich zwar auch einige kleine Versuche gehört, aber hier wird einem eine jede Stunde vom Glockenspiele zugemessen.[H 1]

Anmerkungen

  1. Rudolph Agricola war 1442 zu Bafflon, einem Dorfe bey Gröningen gebohren. Wenn wir seinem Biographen, Melchior Adami, trauen dürfen, so war Agricola ein Mann von allgemeiner Kenntniß; indessen sagt er von ihm nicht, daß er ein Orgelbauer gewesen, ob er ihn gleich zu einem votreflichen Tonkünstler macht. Canebat voce, flatu, pulsu. Vitæ Philos.

Anmerkungen (H)

  1. [314] Hamburg ist glücklich durchgekommen bey unserm Verfasser! Es hat wirklich zwey Glockenspiele, die theils durch Walzen alle Stunden, und zu andern gewissen Zeiten, auch bey freudigen und traurigen Veranlassungen, von Menschenhänden gespielt werden.
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