Burney Tagebuch 3/Bremen

Hamburg Tagebuch einer musikalischen Reise (1773) von Charles Burney
Bremen
Gröningen


[220]
Bremen.


Auf meiner Reise von Hamburg nach Amsterdam hielt ich mich bloß einige Stunden in dieser Stadt auf, weil sie keine musikalische Reizungen hat, die mich zu einem längern Aufenthalt hätten bewegen können.

Ich ging indessen doch nach der Thumkirche, welche die Lutheraner inne haben, woselbst ich die [221] Gemeine, ohne die Orgel, eine jämmerliche Melodie singen hörte. Als dieser Gesang zu Ende gebracht war, preludirte der Organist zu einem Chorale, aber herzlich schleppend und elend. Die Orgel ist groß und das vollangezogne Werk ist edel und wohllautend, das Spielen aber war so altvätrisch, daß ich glaube, man hat in unsern (den engländischen) Landstädtchens schon im vorigen Jahrhunderte moderner und besser gespielt. Die Zwischenspiele am Ende einer jeden Zeile waren beständig einerley, und von folgender Art:

Burney Reisen Bd3 S221 Notenbeispiel.png

Nachdem ich das so ein Zehn bis zwölfmal angehört hatte, ging ich davon, um mich ein wenig in der Stadt umher zu sehen, und als ich in zwo Stunden[H 1] wieder zu dieser Kirche kam, hörte ich [222] die Leute noch alle im Einklange, und so laut als sie konnten, eben dieselbe Melodie, und mit eben derselben Begleitung singen. Ich ging nach dem Posthause, um meine Abreise zu veranstalten; und mehr Wunderswegen, als aus Liebe zur Musik, ging ich noch einmal nach der Thumkirche, und, siehe da! zu meinem grossen Erstaunen, fand ich die Leute noch eben so bey ihrem ewigen Liede, das nach meiner Meynung noch länger seyn mußte, als die schottländischen Psalmen zu den Zeiten Carls des Ersten.

Dieses mag einigermassen einen Begriff davon geben, wie nothwendig in einigen Gegenden Deutschlands erfodert wird, daß ein musikalisches Stück lang sey.[H 2] In dieser Stadt ist weder eine Hofhaltung noch ein Theater, daher man also natürlicherweise annehmen muß, daß hier die Musik nicht sonderlich kultivirt worden.

Anmerkungen (H)

  1. [313] Welch eine Figur für einen Geschichtschreiber! Sollten ihm auch seine eigen Landesleute wohl glauben, daß die Deutschen in ihren Kirchen einen Gesang von zwo Stunden sängen? Wenn nun während seines Spazierganges,[WS 1] die Predigt gehalten worden, und man nach derselben einen Gesang nach der vorigen Melodie sang, fand er sie dann noch (Still) bey derselben? Es ist wirklich nicht fein, solche Data zu machen, und dann eine ganze Nation darnach zu schildern, und mit einem Sneer zu sagen, die musikalischen Tugenden der Deutschen bestehen in Geduld und Gründlichkeit!
  2. [313] Der Beweiß, wenn auch alles seine Richtigkeit hätte, wäre doch wenigstens wohl nur aus dem 16. Jahrhunderte, denn neue Gesänge hat man in Bremen wohl nicht. Sonst findet man auch unter allen deutschen Tanzmelodien, Liedern u. s. w. der verschiedenen Provinzen, viele die sehr kurz sind; [314] dieses möchte auch einigermaßen einen Begriff geben, wie nothwendig in Deutschland erfodert wird, daß ein musikalisches Stück kurz sey. Der Schluß von 100 Liedchen ist ja wohl eines von einem Gesange werth!

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Spagierganges
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