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Besuch in einer englischen Kohlen- und Eisenstadt

Textdaten
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Titel: Besuch in einer englischen Kohlen- und Eisenstadt
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 40, S. 530-533
Herausgeber: Ferdinand Stolle
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Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1855
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
Originalsubtitel:
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Besuch der Industriekombinate um die walisische Stadt Merthyr Tydfil
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[530]
Besuch in einer englischen Kohlen- und Eisenstadt.
Wales im Allgemeinen. – Ansicht von Merhyr-Tydvil. – Was die Stadt producirt. – Schwarze Trostlosigkeit der Stadt und Umgegend. – Kein Baum, kein Gras. – Der Schmelzungsprozeß. – Der Werth des Bodens und der Werth der Menschen. –Die Rebekka-Tumulte in Wales.

Im Allgemeinen kennt man in Europa, einschließlich England, Wales nur als den Titel, welchen der Erstgeborne jedes englischen Staatsoberhauptes mit auf die Welt bringt, „Prinz von Wales.“ Und doch ist dieses im äußersten Westen von England zwischen großartige, reiche Felsennatur zusammengedrängte, gleichsam vorsündfluthliche Volk in seiner Natur, seiner Geschichte, Poesie, Kultur und gegenwärtigen Industrie mit seinen stammverwandten schottischen Hochländern und den Bretagnern in Frankreich eins der interessantesten für fast alle möglichen Ansprüche. Historiker, Alterthumsforscher, Poeten, Geologen, Landschafts- und Genremaler, Verehrer des Tragischen, Schrecklichen, Heroischen in der Geschichte, Sammler von Legenden und Sagen, Schieferdecker und Kinder, die auf Schiefertafeln rechnen lerne, Eisen-verständige, Interessenten für die besten Steinkohlen der Erde oder den besten Flanell, Gewerbtreibende aller Art, Schifffahrt und Handel – Jeder findet hier reichen Stoff für seine besondere Sphäre. Die Engländer haben erst ganz neuerdings angefangen, Wales als diesen Schatz zu entdecken. Sie reisen zuweilen schon nach Wales statt auf den Continent. Und wie zwei Deutsche herüber geholt werden mußten, [1] um die Engländer zu lehren, wie man den ungeheuren Mineralreichthum von Wales bergmännisch behandeln müsse, sind es auch jetzt besonders zwei Germanen [2], welche es zuerst wissenschaftlich wagten, in den geheimnißvollen, tiefen, poesiereichen Sprachschatz dieser Ueberbleibsel der alten Briten hinabzusteigen. Wales ist das Land des Unterirdischen, Vorsündfluthlichen, des Eisens, der Kohlen und von Gebirgsformationen vor Erschaffung der Erde, des Romantischen und der Legende, geschichtlicher Monumente vorchristlicher Zeit, der alten Römer, der eingebornen Briten, das letzte Land der Barden, welche den Ruhm großer Helden sangen, wie einst die Homer’s bei den alten Griechen, bis sie wehklagend den tragischen Tod ihres letzten Heroen Llewellyn gedichtet und gespielt hatten. Dann sprangen die Saiten ihrer Harfen und sie wurden stumm vor dem Eroberer, der sie tief in die Bergwerke und hoch in die Schluchten von Schieferfelsen und in hoch aufflackernde, nie erkaltende Eisenöfen sandte, um Geld aus ihnen zu machen.


Durch das Paradies der Obst- und Viehzucht, immerwährend durch blühende Wiesenwellen und Obstgärten, durch die Windungen des duftigen Thales Stroud, wo uns von allen Seiten herrliche Landhäuser aus saftigem Grün entgegenlachen, jagt uns der Dampf zu schnell nach Gloucester (gesprochen: Gloster) mit seiner berühmten Kathedrale und den Klöstern, die ganz so geblieben sind, wie sie waren, als die Reformation die Mönche heraustrieb. Für zwei Schillinge Entree bekamen wir auch das furchtbare unterirdische Gewölbe der Kirche zu sehen, in welchem wenigstens zwanzig Fuder Schädel, Knochen und Rippen ehemaliger Menschen, die der Todtengräber im Kirchhofe ringsum ausgräbt, um den durch Rang und Vermögen sich so sorgfältig abscheidenden Engländer für neue brüderliche Verwesung Platz zu machen, ganz ohne Berücksichtigung ihrer ehemaligen Unterschiede aufgehäuft sind. – Von Gloucester [531] aus brachte uns die Landkutsche durch eine Reihe blühender Landschaftsbilder und Städte an dem Silberband von Wales und Hereford, dem Flusse Wye (Uei) herunter – durch das malerischste Labyrinth von Thal und Hügel und Felsen und Landhäusern und feinstem Ackerbau und Industrie – durch lauter lachende, thätige, lustige, blühende Civilisation plötzlich vor ein Thal unter uns, das dem aus dem Paradiese von Hereford kommenden Auge unsäglich furchtbar und haarsträubend erschien. Ein unentwirrbares Gewinde von Rauch und Asche und verbrannten Gebirgen, als hätte hier eine ungeheure Feuersbrunst jede Spur grünen Lebens gemordet und das Ganze mit schwarzen Schlacken und Ruß dicht belegt, damit nie wieder etwas wachsen solle. Wir standen eben vor dem Thale Toff, aus welchem sich in dickem Qualme, der Himmel und Erde in ein ewiges Chaos zusammen zu mischen scheint, die neue Hauptstadt der Eisen-Industrie von Süd-Wales erhebt, Merthyr-Tydvil.

Die Stadt ist in England beinahe sprüchwörtlich geworden in ihrer ewig rauchenden und brennenden Erhabenheit, und jeder setzt hinzu, daß man im Finstern zu ihr herunter fahren müsse, um sich den Genuß der Erhabenheit des Schrecklichen zu verschaffen. So warteten wir denn die Dunkelheit ab, um zu sehen, wie mit dem verlöschenden, öden Tageslicht in dem Chaos schwarzen Qualmes glühende Feuersäulen immer goldener und phantastischer sich zwischen Himmel und Erde aufstellten, hier groß und hell und nahe, dort sich verlierend in immer fernere, geisterhafte Gestalten von Rauch, Licht und Hitze. Je näher wir kamen, durch entsetzliche Gebirge von Schlacken, desto blendender öffneten sich hier und da die Rachen der Oefen, die wie Vulkane mit dämonischer Leidenschaft Feuer und Flamme speien, ohne sich jemals Ruhe zu gönnen.

[531] Merthyr-Tydvil, 1831 noch mit 22,000 Einwohnern, arbeitet jetzt mit seinen 54,000 Menschen fast nur mit Ausschluß von Greisen und Kindern in den Eisenschmelzwerken von fünf Compagnien. Die einzige Dowley-Compagnie nährt allein zwölf Tausend Menschen (mit Einschluß der Weiber und Kinder) und zahlt wöchentlich über 3000 Pfund (über zwanzig Tausend Thaler) Lohn. Aus ihren neunzehn Oefen fließen jährlich 87,000 bis 90,000 Tonnen (1,080,000 Centner) Eisen. Das Cyfarthfa-Etablissement hat dreizehn, Pen-y-Darren acht, und das Plymouth-Etablissment ebenfalls acht Oefen. Das Hirwain-Etablissement mit vier Oefen liegt etwas weit ab. Weiter unten am reißenden, schwarzen Toff-Flusse, an welchem sich Merthyr-Tydvil ausdehnt, blasen unaufhörlich zwölf Oefen am Tage Rauch- und des Nachts Feuersäulen gegen den unsichtbaren Himmel. Die ganze Landstrecke nach dem Bristol-Kanal hinunter, etwa zehn deutsche Meilen breit, ist in Hügel und Thal mit Flüssen zerschnitten und ausgefüllt mit riesigen Eisenschmelzwerken. Wir würden sie nennen, wenn die Worte nicht so furchtbar Welsch aussähen. Wer kann solche Namen „Pant-y-glo in Ebbw-Vach“ behalten? Wir beschränken uns deshalb auf Merthyr-Tydvil, deren Werke und Bewohner blos dich beisammen sind, was die andern zerstreut durch das ganze Eisen- und Kohlenlabyrith dieser Grafschaft Glamorgan. Als Stadt architektonisch genommen, ist Merthyr-Tydvil fürcherlich. Oede, dick eingeräucherte Häuserreihen strecken sich lang, und in den Nebenstraßen laufen Gebirge von Dünghügeln dazwischen hin, in denen hier und da schmutzige Kinder traurige Versuche machen, zu spielen. Alles was man ansieht, Alles, was man anfaßt, jeder Athemzug ist dichter Kohlenruß. Wie eine schwerfällige Masse Druckerschwärze läuft der Fluß Toff hindurch und schwärzt noch bei seiner Mündung in’s Meere fünf Meilen weiter unten das Wasser weit in seine Wogen hinein. Ringsum nichts als Gebirge von Schlacken, schwarz, trostlos, vielleicht erst nach Jahrtausenden einer Vegetation fähig, wenn die Kunst diese aufgehäuften Eisenleichen nicht mit befruchtender Erde bedeckt. Aber Erde, wo diese hier herkommen? Alles unter den Füßen ist Eisen und Kohle, bedeckt mit Asche, Rauch und Schmutz. Und was in weiterer Ferne noch [532] fähig ist, einsame Ziegen zu nähren, wird mit zunehmender Geschwindigkeit unter neue Schlackengebirge begraben. Man denke, daß Dowlais-Oefen allein täglich 17 bis 1800 Tonnen Kohlen verzehren, und 560,000 Tonnen Kohlen und 80,000 Tonnen Eisen jährlich eine kleine sächsische Schweiz von Schlacken zurücklassen, während sie selbst Eisen auf Eisen fortwährend auf der Eisenbahn hinunterrollen nach Cardiff, wo fertige und im Bau begriffenen Schiffe sich stets beeilen, Eisen und Wales-Kohlen nach aller Welt zu vertreiben. In dem Reiche der Dowlais-Werke, wohin uns eine öde Doppelhäuserreihe, beinahe eine halbe deutsche Meile lang, führte, unterrichtete uns einer der (englischen) Werkführer, daß von Pontypool im Osten Merthyr-Tydvils, bis nach Swansea am Meere, einer Strecke von mindestens zehn deutschen Meilen, ein ununterbrochenes Lager von Kohlen und Eisen (in Schichten über einander abwechselnd) bis efl Tausend Fuß tief – beinahe eine deutsche Meile – liege. Sir H. de la Beche habe das Lager geologisch untersucht und diese Tiefe herausgefunden. Freilich setzte er zugleich auch auseinander, daß die Lager von einer Tiefe, mehr als 350 Fuß, nicht mehr mit Profit ausgebeutet werden könnten, und die tieferen Schätze daher vorläufig ohne Werth seien, bis Maschinenkraft und wissenschaftlichere Behandlung der Minen das Losbrechen und Heraufwinden erleichtert haben würden.

Hernach machte er uns mit d em Schmelzungsprozeß eines der achtzehn Oefen bekannt. Jeder schmilzt täglich im Durchschnitt Tausend Centner Roheisen aus dem Eisenstein, der ununterbrochen abwechselnd mit Kohlen und Kalkstein von oben aus Karren in den glühenden Schlund hinein gestürzt wird. Wie diese Leute sich daran gewöhnt haben, immerwährend dicht an diesen Schlund hinzufahren, und dann aus kalter Luft immer wieder neue Massen zu holen, bleibt mir unbegreiflich. Wir konnten’s in einer Entfernung von funfzehn Schritt kaum aushalten. Die weißglühend aus dem Schlunde emporzischende Feuersäule ist draußen in der Nacht auf zehn englische Meilen weit zu sehen. Und hier karren Menschen von Fleisch und Blut ununterbrochen Tag und Nacht, Woche und Sonntag Eisen und Kohlen in den Schlund hinein. Der Ofen, 40 bis 50 Fuß hoch, gleicht einer viereckigen Pyramide (die in Schottland sind rund) und ist aus Stein- und Thonmassen gemauert und geknetet. Im Ganzen ist der Proceß der Eisenproduktion nicht unbekannt, in seinen verschiedenen Stadien aber doch ein gutes Stück Wissenschaft.

Wir unsrerseits begnügen uns zu bemerken, daß hier eine besondere Dampfmaschine damit beschäftigt ist, die Luft, welche in den Ofen getrieben werden soll, vorher bis zu einem sehr hohen Grade zu heizen. Mit dieser glühenden Luft zwingt man das Eisen natürlich viel gewaltiger, aus den weißglühenden Schlacken herauszuschmelzen. – Wenn die metallische Substanz des Eisens sich von seinen steinigen Bestandtheilen getrennt und unten im Ofen sich als eine goldene Suppe gesmmelt hat, kommt Abends der Proceß des Zapfens, dessen wilde Erhabenheit weder Worte noch Pinsel zeichnen können. Ein schwarzer Cyclop attachirt den großen Thurm des Ofens unten mit einer großen Eisenstange, nachdem vor demselben verschiedene Kanäle in feinen Sand gezogen sind. Nach dem letzten Stoße brigcht der dicke goldene Strom hervor und füllt schnell alle Kanäle, die nur mit dämonischem Lichte und Höllenglut die ungeheuern dunkeln Räume erleuchten und den umher eilenden Menschen ein geisterhaftes Ansehen geben. Wie nun die in den Sandkanälen sich bildenden „pigs“ („Schweine“ = Roheisenstückchen) in dem Fegefeuer eines andern Ofens verfeinert und in eine Art von Kuchen verwandelt (Kohlensäzure und Sauerstoff freies Eisen), dann von riesigen Dampfhammerwerken in Stücke zerschlagen und diese gepuddlet, d. h. in Stabeisen verwandelt werden, das schildert wohl einmal eine andere Feder, die genau mit dieser Praxis Bescheid weiß. Ich erinnere mich nur mit Schauder der „Puddler,“ welche die flüssigen Eisenmassen in großen Kesseln umrührten, bis sie sich in feurige, feste Klumpen verwandelten, die von ungeheuern Zangen gepackt auf dem eisernen Boden hingeschleppt und riesigen Kneipzangen in die Zähne geworfen wurden, welche alle fremdartigen Bestandtheile vollends aus- und die runden Klumpen in viereckige Stücke preßten. Die Stücke wurden zuletzt unter schweren Walzen in Stangeneisen à zwölf Fuß lang und drei Zoll dick zurecht gerollt und geschnitten. Das Schauspiel im Ganzen gehört gewiß zu dem Dämonischsten, was man auf Erden haben kann. Diese schweigsamen, dunkeln Menschenmassen, umbraus’t von ungeheuern Maschinen und umflossen und besprüht von dem flüssigen Golde des Eisens – und das Alles in so furchtbarer Größe, Menge, Masse, Lebensgefahr, Ordnung und Bemeisterung der intensivsten Natur- und Maschinenkräfte – läßt unverwischbare, glühende Eindrücke zurück.

Doch nun hinaus, hinaus, hinaus in Licht und Luft und Grünes! die Menschen sehen hier alle so verräuchert aus, wie die ganze Stadt. Und kein weibliches Gesicht unter seinem spitzzulaufenden Männerhute bringt uns die Schönheit menschlicher Gestalt in Erinnerung. Alle sehen grob, stumpf und massiv aus. Die Meisten arbeiten ja in den Eisenwerken mit, karren sogar Tag und Nacht Eisenstein mit oben in die unersättlichen Schmelzöfen. Und Kinder von zehn bis zwölf Jahren helfen Eisen- und Kalkstein calciniren, andere Kinder Schlacken wegschaffen und Thon kneten. Aber die englischen Meister dieser Welschen sind zufrieden mit ihrem Gewinn aus ihnen, ohne den Verlust, den die Menschen erleiden, auf Rechnung zu bringen. Gingen doch auf dem einzigen Glamorganshire-Kanal von Merthyr-Tydvil nach Cardiff hinunter, im vorigen Jahre zehn Millionen Centner Kohlen und drei Millionen Centner Eisen, ohne die Massen, die mit der Eisenbahn und auf andern Flüssen und Kanälen von Süd-Wales in den Bristol-Kanal hinuntersteigen.

Der Werth des Bodens um Merthyr-Tydvil ist durch Eisen und Kohlen so bedeutend gestiegen, daß ein Grundstück, welches unter Karl II. für 27 Pfund verkauft wurde, jetzt tausend Pfund jährlich Rente bringt; aber der Werth der Menschen ist gefallen. Man hat ihnen die Natur genommen und dafür Industrie gegeben, wo allerdings Jeder im Durchschnitt wöchentlich ein Pfund verdienen, aber sich kaum anders des Lebens freuen kann, als sich Sonnabends in der Nacht zu betrinken. Die Welschen haben wiederholt Versuche gemacht, ihre Sprache, Nationalität, Sitten und Gebräuche vor der Uebermacht anglo-sächsischer Industrie zu retten, aber vergebens. Ihre Cymreygyddion-Gesellschaften, die sich durch ganz Wales gebildet und ihren Mittelpunkt in Abergavenny haben, um jährliche Preise für den besten Aufsatz in der Sprache von Wales, die beste Ode, das beste Spiel auf der alten gälischen Bardenharfe u. s. w. zu vertheilen, können den Untergang und das Aufgehen in das große, zähe, praktische Mischvolk der Anglo-Sachsen wohl verzögern, aber nicht abwenden. – Es gab schon edlere, gebildetere Völker, die gleichwohl in all ihrer nationalen Besonderheit und Herrlichkeit untergingen, um mit verklärtem Leibe als menschliche Kulturträger wieder aufzuerstehen.

Ich erwähnte vorhin Eisenbahn und Kanal und bemerke nur noch, daß alle die vielen Schluchten und Thäler, welche in den Bristol-Kanal hinunterlaufen, von den Schmelzwerken aus mit Eisenbahnen, Kanälen oder natürlichen Flüssen versehen sind. Zwischen den Thälern lagern und thürmen sich in endloser Verwirrung Hügel, Berge und Gebirge, die nach unten, wenn der Wind vom Meere her weht, in klaren Umrissen sich abmarken, hier und weiter unten mit etwas Grün, Ziegen und Schafen geschmückt, nach oben kahl und baumlos, blos von der Sage und Geschichte blutig gezeichnet. Diese Berge wimmeln von Erinnerungen an Kämpfe und Schlachten zwischen alten gälischen Häuptern und späterer, Jahrhunderte lang andauernder Freiheitskämpfe gegen die alten Sachsen, Normannen und den daraus hervorgewachsenen Engländern.

als wir uns endlich, nachdem wir noch der alten römischen Hauptstadt von Wales, Kaerleon, einen Besuch abgestattet hatten, durch Gebirg und Thal und manche Schlagbäume von Landstraßen wieder zu menschlichen Wohnungen und in ein erfrischendes Kaffeehaus hindurchgewunden hatten, erzählte uns der englisch sprechende Wirth unendliche Massen von Sagen, die seit Jahrhunderten in diesen Thälern und auf diesen Bergen wohnen. Ich will nur seine Schilderung der Rebekka-Tumulte von Süd-Wales kurz anführen.

Die eingedrungenen Engländer hatten überall Schlagbäume mit Zollhäusern aufgeschlagen, um auf diese bequeme Weise den unterjochten Celten möglichst viel Geld abzunehmen. Im Jahre 1839 wurden neue Schlagbäume gebaut und die Wegezölle erhöht, besonders in den beiden südwestlichsten Grafschaften Caermarthen und Pembroke. Eines Abends versammelt sich Volk um einen neuen Schlagbaum und reißt plötzlich den ganzen Apparat nieder. Der Magistrat der Stadt verweigert den Schaden zu heilen und giebt dadurch der Schlagbaumunzufriedenheit so viel Feuer, daß sie in ganz Süd-Wales zu einer [533] langen, organisirten, religiösen Revolution der „Rebekkaiten“ wird, die das nächtliche Werk ihrer Aexte, Sägen und Beile und ihren weiblichen Anzug auf die Stelle im ersten Buch Mosis gründeten: „Und sie segneten Rebekka und sagte zu ihr: Du bist unsere Schwester, sei Du die Mutter von Tausenden von Millionen und laß Deinen Saamen besitzen das Thor Derer, die Dich hassen,“ „Thor“ = Schlagbaum. „Die Dich hassen,“ = Engländer, „Rebekka,“ = Mutter der Welschen. So war die Revolution biblisch begründet. Die Rebekkaiten amüsirten sich später noch unter Mitwirkung einer englischen „Miß Cromwell,“ vier Jahre lang mit Zerstörung und Wiederzerstörung von Schlagbäumen auf die consequenteste Weise und ganz systematisch. Die Bewohner eines Dorfes wählten sich Abends in geheimer Versammlung von Knechten und Burschen eine „Rebekka,“ welche nun General gegen einen bestimmten Schlagbaum ward. Gegen Mitternacht kamen die in weibliche Kleidung versteckten Verschwornen von verschiedenen Seiten gegen den Feind angerückt, hieben, sägten und hackten ihn auseinander und zogen dann ruhig wieder ab. Am folgenden Morgen erschien Jeder wieder bei seiner gewöhnlichen Arbeit und es war nichts herauszubringen, weil sich Alle im Stillen über die so gebahnte Wegefreiheit freuten und Keiner den Andern verrieth. Im Jahr 1843 war es so arg geworden, daß die Regierung nicht blos eine Menge Soldaten schickte, sondern auch das ganze Schlagbaumsystem unter bessere Verwaltung stellen und die Abgaben erniedrigen ließ. Es wäre ihr auch dann noch schwer geworden, wenn jetzt der ganze bessere Theil der Bevölkerung sie nicht unterstützt hätte. Eine Menge Diebe und Einbrecher hatten nämlich unter der Firma „Rebekkaiten“ zu Rauben und zu plündern angefangen und den alten biblischen Rebekkaismus in gründlichen Mißcredit gebracht.

Im Ganzen scheinen die Welschen noch sehr revolutionär zu sein. Die Chartisten von 1848 fanden unter ihnen die eifrigsten Anhänger und wenn, wie es scheint, das „strike“-Fieber auch unter ihnen sich ausbreitet, muß die dämonische Industrie in eine größere Krise fallen, als in der Baumwollen-Grafschaft von Lancashire im Norden von Wales.



  1. Thomas Thurland und Daniel Hoffsteller unter Königin Elisabeth zu Ende des 16ten Jahrhunderts. Schon Heinrich VI. hatte im Jahre 1452 drei deutsche Bergleute zu demselben Zweck verschrieben.
  2. Dr. Siegfried in London, aus Dessau und herr Zeus. Letzterer hat die erste vollständige Grammatik der celtischen Sprachen unlängst vollendet.