Bestrafter Vandalismus

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Titel: Bestrafter Vandalismus
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aus: Die Gartenlaube, Heft 33, S. 558-560
Herausgeber: Ernst Keil
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Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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Bestrafter Vandalismus.


Es war eine reizende Schilderung, welche vor fünfzehn Jahren in unserer „Gartenlaube“ M. M. von Weber dem Elbgestade der sogenannten Sächsischen Schweiz widmete. „Fast vertikale Felswände,“ schrieb er, „auf deren Vorland und Kamm kräftiger, duftreicher Forst von kerzengeraden Tannen und hellgrünen Buchen und Birken sich emporstreckt, in deren kühlen, quellenreichen Schluchten, von keinem Windzuge berührt, das edle Farrnkraut seine tropischen Formen in üppiger Fülle aus tiefem Moose auftreibt und Wald von zauberischem Grün seine sonndurchglitzerte Wölbung gegen einen schmalen Streifen blauen Himmels abschließt, begleiten links und rechts den mäandrischen Lauf der Elbe von der böhmischen Grenze bis Pirna herunter. Das tausendfache Echo dieser Felswände, an deren barocken, bald gnomenhaft hockenden, bald langgedehnt in die Luft strebenden Formen der Schall sich wunderlich bricht, leiht dem engen Stromthale eine wohllautvolle, nie ermüdende Stimme. Das tiefe, wandernde Sausen des Waldes mischt sich hier mit dem rauschenden Ruderschlage fernherkommender Dampfböte, dem weithinschallenden monotonen Rollen der Eisenbahnzüge, dem Murmeln des Stromes und dem Brausen der Mühlen in den Gründen zu einer melancholisch tönenden, aber beredten Sprache unendlichen Lebens.“ Leider ist diese Schilderung nur noch zum Theil richtig. Auf drei Viertheilen der angegebenen Strecke, von Pirna bis Schandau, ist die ehemalige Fels- und Waldpracht der Ufer vernichtet, häßliche gelbe Sandhalden stoßen an den Strom und ziehen sich hinauf bis zu dem gespaltenen Gesteine, über dessen grell leuchtenden Wundflächen noch ärmliche Reste des ehemaligen Uferschmuckes stecken, die Niemand ohne Entrüstung ansehen kann. Nur der böhmische Elblauf von Tetschen und die kurze sächsische Strecke bis Schandau zeigen uns noch das Gestade in seiner wirklich entzückenden Herrlichkeit; von da an besteigt der Reisende am besten den Eisenbahnwaggon und drückt die Augen zu, um an den Zeugnissen eines Raubbaues, wie er nicht ärger getrieben werden kann, unverletzt in seinen Gefühlen vorüber zu kommen.

Wenn Mißbrauch durch das Alter geweiht werden könnte, so wäre hier freilich die Weihe vollständig. Da zwar das Resultat vor Aller Augen steht, die Art dieser Felsenverwüstung zur billigsten Bausteingewinnung jedoch weniger bekannt ist, so lassen wir hier die zu obiger Elbthal-Schilderung gehörige Beschreibung[1] derselben aus der Feder des auf diesem Gebiete sachverständigen M. M. von Weber folgen: „Seit den Jahrhunderten,“ sagt er, „in denen aus dem berühmten, schönen Steine, welcher ‚Pirnaischer Sandstein‘ heißt, in Nähe und weiter Ferne Kirchen und Brücken, Paläste und Festungsmauern, Museen und Wohnhäuser gebaut worden sind, wird dieser Stein in unveränderter, unverbesserter, gefahrvoller Weise gewonnen.

In mehr oder minder mächtigen, fast ganz horizontal gelagerten Bänken, die unter einander so gut wie gar nicht verbunden sind, thürmt sich dieser Thonsandstein zu den Felsen der Sächsischen Schweiz auf. In höchst unregelmäßiger Vertheilung durchfahren diese Bänke Verticalklüfte, die meist mehrere derselben mit scharfen, glatten Flächen durchschneiden. In der Steinbrechersprache heißen die Klüfte ‚Lose‘, d. h. Stellen, wo der Stein selbst losbricht, wenn ihm seine Unterstützung genommen wird. Auf diese Formation des Sandsteins der Sächsischen Schweiz gründet sich die Methode von dessen Gewinnung.

Man sucht eine Felsmasse guter, bauwürdiger Beschaffenheit aus, die durch ‚Lose‘ von der Gesammtmasse genügend getrennt erscheint. Einen solchen Felsenkörper nennen die Steinbrecher ‚eine Wand‘. Man arbeitet die unterste Felsenbank desselben so lange und so tief heraus, bis die Masse sich in verticaler Richtung in den Losen, in horizontaler, vermöge des Durchbrechens der festen Bänke, vom Felsen trennt, das Uebergewicht nach vorn bekommt und, sich selbst in leichter behandelbare Stücke zertrümmernd, zusammenstürzt. Die so mit einem Male herabgeworfenen Massen variiren an Gewicht von zehntausend bis mehrere hunderttausend Centner.

Wie nahe der Augenblick des Ueberstürzens an den des Feststehens grenzt, wie schwer sich alle Einwirkungen von Nässe, Temperatur, wechselndem Anquellen und Zusammentrocknen des Erdreichs, der Wechsel der Cohäsion und Reibung des Gesteins, Angesichts so ungeheurer, unregelmäßiger Massen, deren Schwerpunkt nur ganz ungefähr zu taxiren ist, abschätzen lassen, liegt auf der Hand, und damit tritt auch das ganze, ungeheure Maß der Gefahr, das mit den letzten Arbeiten beim ‚Hohlmachen‘, so heißt in der Steinbrechersprache das Unterminiren der Felswände, verknüpft ist, vor die Seele. Aber diese Gefahr wird noch wesentlich durch die Form, in der die Arbeit ausgeführt wird, vermehrt.

Meist wird, um Gestein, Material und Arbeitslohn zu sparen, die ‚Hohlung‘, welche oft 20 und 30 Ellen tief, bei einer Breite von 30 bis 100 Ellen, in den Felsen hineinreicht, so niedrig gemacht, daß der Arbeiter nur liegend arbeiten kann, indem er auf einem Strohkissen mit der linken Schulter ruht und nur kriechend die furchtbare grabähnliche Kluft zu verlassen im Stande ist. An ein schnelles Entfliehen ist daher, wenn ‚die Wand‘ Zeichen von Bewegung geben sollte, nicht zu denken.

Die ersten dieser Zeichen bestehen in dumpfen, kanonenschußähnlichen Knallen im Innern der Felsmasse, wodurch sich das Durchbrechen der Gesteinbänke zu erkennen giebt. Die Steinbrecher [560] sagen, wenn diese schauerlichen Warnungssalven aus dem Innern des Gebirgs heraus erschallen: ‚die Wand schreit‘. Stählerne Nerven gehören dazu, um es bei diesen Dröhnungen in der Nähe einer solchen Wand auszuhalten!

Meist aber dauert dies Knurren im Felsenstocke Tage und Wochen lang, ehe sich eine merkliche Bewegung der Wand zeigt. In Steinbrüchen, welche mit einiger Vorsicht betrieben werden, unterstützt man, vom ersten Schreien der Wand an, dieselbe mit einer großen Anzahl mannsstarker Stempel von kräftigem Holz, um dem allzu plötzlichen Sturze vorzubeugen.

Sorgsam legt der gewissenhafte Bruchmeister zwischen einige dieser Stempel und die Felsendecke alte Tassen, Pfeifenköpfe oder die Scherben des Bierseidels, das bei der letzten Flucht von stürzendem Gestein zerschlagen wurde. Das allergeringste Herabrücken der ‚Wand‘ zerdrückt diese Scherben dann mit lautknirschendem Klirren. Dies ist den in der Höhlung Arbeitenden dann das Signal zu eiliger Flucht. Kaum aber haben die Symptome der Bewegung wieder aufgehört, hat die Wand sich wieder ‚gesetzt‘, so sieht man auch die tollkühnen Steinbrecher wieder in die schauerliche Gruft der ‚Hohlung‘ kriechen, und auf’s Neue hört man, tief hinten in der feuchten, niedrigen, lichtlosen Kluft allenthalben Eisen auf Stein klingen, um die Hohlung noch tiefer zu machen.

Nach den ersten deutlichen Bewegungen der ‚Wand‘ hört das Knacken, Knallen und zornige Poltern im Innern des in seiner Ruhe gestörten steinernen Riesen nicht auf. Da hört man Sand rieseln, Kiesel in Spalten kollern; Gesteinschalen lösen sich und schlagen klatschend herab, Felsbänke verschieben sich mit tiefem, mächtigem Knirschen, und in den oben erwähnten Losen lockert sich Geröll und Lehm und zeigt die tief hineingehenden, trennenden Spalten. Und endlich löst sich auch der moosige Waldboden auf dem Kamme der Wand! Die alten Stämme, die seit hundert Jahren die Zweige im Sturme kämpfend verschränkten, rücken auseinander; die uralt verschlungenen Wurzeln zerren sich wundgerungen aus dem dichten Geflecht, das zerrissene Moos hängt in Festons in der neuerstandenen Kluft, und ein Stück duftender, rauschender Wald neigt mit der sinkenden ‚Wand‘ dem kahlen steinigen Abgrunde zu.

Ist es aber so weit nun mit dem sterbenden Felsgliede, dann werden, von vorsichtigen Brechern, Reihen von mächtigen Holzkeilen auf der Höhe in die gebildeten Spalten getrieben, ein Theil der stützenden Stempel wird dünn gehackt und der Rest mit tiefen Bohrlöchern versehen, die man mit Pulver füllt und mit langsam brennenden Zündern versorgt. Mit gewaltigen Holzschlägeln wird, von colonnenweis aufgestellten Leuten, oben auf die Keile geschlagen und Keil vor Keil gesetzt, wie der Spalt sich weitert und der Felskoloß sich neigt. Ununterbrochener wird Knallen, Prasseln, Rieseln und Kollern im Innern – jetzt neigen sich die ersten Stämmchen auf dem Kamme und stürzen mit einem mächtigen Gusse von Schutt in die Tiefe, jetzt folgen ihnen große Geröllsteine und donnern, in Staub zerberstend, auf das Holz herab – jetzt lösen sich Schalen, Hunderte von Centnern an Gewicht, und erfüllen das Thal mit hallendem Donner. Immer leichter ziehen die Keile! Jetzt wird von einem beherzten Manne Feuer an die Zünder in den stützenden Stempeln gelegt. Weit hinaus weckt der Knall des zersplitternden Holzes das Echo der Waldberge, der leichte, blaue Pulverrauch wirbelt empor. – – Jetzt der zweite Schuß, der dritte, fünfte, zehnte – das Echo braust ununterbrochen – die Wand hüllt sich in blaue Pulverschleier! – Da schüttelt sie plötzlich die Krone von Wald von ihrer hohen Stirn – mit stöhnendem Sausen stürzen die Reihen der Fichten, in der Luft wirbelnd, mit Grund und Boden, Schutt und Land in die Tiefe. Ein Katarakt von Geröll folgt! – ‚Die Wand kömmt!‘ Die Erde scheint sich zu spalten, denn riesige Risse schießen, so weit und breit der Blick die Felswand umfaßt, über die hohe Steinmasse dahin. – Dem Zuschauer schwindelt – die Grundfeste der Erde scheint in Bewegung – die Wand neigt sich – und nun ist nichts als Erdezittern und Donnern und Durcheinanderwälzen von Felsblöcken und unermeßliches Staubgewölk, über das, wie vulcanisch geschleudert, Baumstämme und Felsen emporspringen und aus dem hervor eine Anzahl hausgroßer, unförmlicher Blöcke, wie eine Heerde wildgewordener Elephanten, den Wald wie Gras zerquetschend, hinunter nach dem Strome setzen. – Und die ganze Atmosphäre ist nur eine Sturmesbewegung von Schall und Luftdruck – und dann wieder vollkommene Todesstille. Die erschütterten Menschen schweigen, wie die erschrockenen Vögel. – Alles ist vorüber, und nur der Fels sieht so ganz anders aus, wie seit zehntausend Jahren. –

So fällt die vorsichtig gefällte, glücklich stürzende Wand.“

Daß aber die größte Vorsicht nicht vor unvermuthetem Sturz einer Wand schützt und wie Unvorsichtigkeit sich rächt, dafür hat die jüngste Zeit zwei Beispiele gegeben: jenen Bergsturz bei Schandau, am 25. Januar 1862, und den jüngsten unweit Wehlen, am 23. Juli dieses Jahres. Beide waren vom höchsten Glück begleitet: bei dem furchtbaren Ereigniß ging kein Menschenleben verloren. Aber ein Unterschied herrscht zwischen beiden: bei Schandau wurden vierundzwanzig verschüttete Steinbrecher mit ewig bewundernswürdigem Heldenmuth unter Tausenden von Centnern Gesteins hervor gerettet – und bei Wehlen hat der sträflichste Leichtsinn viele Menschen in äußerste Lebensgefahr versetzt.

Auch der prachtvolle Stromschmuck in der Nähe der allbekannten Basteifelsen mußte der Speculation zum Steinopfer fallen. Eine sehr hohe Wand war durch „Hohlmachen“ zum Sturz vorbereitet. Man mußte obrigkeitlich die Möglichkeit, daß Gestein in den Fluß fallen könne, voraussehen, denn die Bruchunternehmer hatten für etwaige Räumungskosten eine ansehnliche Caution erlegt. Noch am Sonntag, den 22. Juli, stand die Wand ruhig. Die Anzeichen des nahe bevorstehenden Sturzes bemerkte man am folgenden Tage gegen sechs Uhr Abends. Von da an war auf keines Augenblickes Länge mehr der Niederbruch zu berechnen. Die Warnungsposten standen an den Ufern. Da kommt sieben Uhr fünfzehn Minuten das Dampfschiff stromab von Rathen her. Das vom Ufer aus gegebene Signal zum „Stoppen!“ wird auf dem Schiff nicht verstanden; es fährt ruhig vorwärts. Endlich merkt man auch dort die Gefahr, aber indem die Schaufelräder zum Stillstand gebracht werden, rufen die „Hohlmacher“: „Die Wand steht still“ und der Bruchmeister giebt das Signal: „Passiren mit voller Kraft!“ So fuhr das Schiff hart am drohenden Felskoloß über die Stelle hin, auf welcher fünf Minuten später Tausende von Centnern riesiger Felsentrümmer das Strombett bedeckten. Schon eine Minute nach der Vorüberfahrt des Dampfers erdröhnte im Innern des Bergs das Krachen vor dem Sturz. –

Da an die unterhöhlte Wand eine größere Masse Gesteins in der Höhe sich zum Sturze anschloß, als fachmännisch angenommen werden konnte, so überschlug sie sich und sperrt nun mit den zerrissenen ungeheuren Fetzen der einstigen Uferzierde drei Viertheile des Stromes.

Ob nach solchen Erfahrungen dem so ehrwürdig alten und beliebten Raubbau zur Steingewinnung im Felsenpark der Sächsischen Schweiz ein Ende gemacht werde, ist in Geduld abzuwarten. Verschweigen dürfen wir aber nicht die Wahrnehmung eines Berichterstatters des „Leipziger Tageblattes“. Er sagt: „Zu dem weltberühmten ‚Basteifelsen‘, zu dem alljährlich tausend und aber tausend Sommerfrischler aus allen Welttheilen wallfahrten, gehört ein herrlicher Ausflug auf einer kurz vorspringenden Felskante nach der Elbe zu, von wo aus man eine wunderbare Rundschau genießt. Diese Felskante, auf ihrer Krone mit einem kreisförmigen Geländer versehen und mit einer großen Flaggenstange ausgestattet, bildet nach der Elbe zu eine förmliche Nase, welche die unteren Felspartien überragt und so zu sagen in der bloßen Luft hängt. Auch diesem seit altersgrauer Zeit von aller Welt gekannten und geschätzten Aussichtspunkt ist von der steinwühlenden Speculation der Untergang geschworen; denn unter diesem Felsvorsprunge hat man viele, viele Meter tief in den Berg hinein Steine gebrochen, unbekümmert um das Schicksal der thronenden Felskante! Bei dem steilen Abstreichen der Gesteinmassen des Basteifelsens ist es nur eine Frage der Zeit, ob nicht jener herrliche Aussichtspunkt über lang oder kurz ebenfalls in den Fluthen der Elbe sein Grab findet!“

Sollte die Achtung vor der Schönheit der Natur nicht stark genug zur Erzeugung stromsichernderer Beschlüsse sein, so wird der Stromverkehr, welchem in seinen drei Hauptclassen: der Dampfschifffahrt, der Kettenschleppschifffahrt und der Flößerei, durch solche Störungen sehr bedeutende Verluste drohen, mit dem Gewicht des Geldkastenschlüssels wohl noch zum Rechten hinlenken.



  1. Vgl. „Der Bergsturz bei Schandau“. Jahrgang 1862 der „Gartenlaube“, Nr. 10 und 11.