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Textdaten
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Autor: E. Werber
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Titel: Charlotte Venloo
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30-34, S. 499-502, 515-518, 531-534, 556-558, 573-577
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1877
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Originaltitel:
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Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[499]
Charlotte Venloo.
Von E. Werber.[1]


Die meisten Häuser alter und neuer Städte sagen uns weiter nichts, als: Ich habe eine Thür und so und so viele Fenster. Einige sagen uns: Ich bin von Adel; oder: Ich bin schön; oder: Ich bin Millionen werth. Es giebt noch einige andere – sie sind selten – diese besitzen mehr als vornehme Herkunft, mehr als Reichthum und mehr als Schönheit, sie haben eine Seele; sie durchathmet Stein und Mörtel und zieht uns an wie ein Magnet.

Ein solches Haus befindet sich in einer der engsten Straßen von Brüssel, welche hinter der Universität in sanfter Steigung sich zum höhern Terrain hinanzieht. Jenes Haus ist sehr breit und hoch, so hoch, daß man, um den Ansatz des Daches zu sehen, den Kopf ganz auf den Nacken legen muß. Es hat, abweichend von der Bauart der alten brabantischen Häuser, keinen Giebel; eine Reihe niederer, eng beieinander stehender Fenster bildet gleichsam ein durchgittertes Fries, denn sie liegen dicht unter dem Dache. Dann kommt ein großer Zwischenraum, ein Zwischenraum, welchen bequem ein Stockwerk ausfüllen könnte. Noch tiefer und nicht ganz aus der Mitte der Façade tritt einsam und schwermüthig ein Erker mit sechs hohen Spitzbogenfenstern hervor, deren Einfassung sich zu einem Bündel schlank aufstrebender Säulen vereinigt. Diese sind von einer steinernen, mit halbverwischten Farben bemalten Blumenkrone zusammengehalten, aus welcher die Enden der Säulen, gleich versteinerten Straußenfedern, sich anmuthig niederbeugen. Unter diesem Erker befinden sich drei breite vergitterte Fenster und die Hausthür von dunkelem Eichenholz; sie hat zwei Flügel, jeder in fünf horizontale geschnitzte Felder getheilt, und einen vergitterten maurischen Fensteraufsatz, über welchem ein Wappen eingehauen ist, das ein geschlossenes Visir und zwei Löwenköpfe enthält. Der dunkelgraue Mörtel, welcher das Haus bedeckt, zerbröckelt da und dort und läßt den röthlichen Stein sichtbar werden.

Wer entschlossen wäre, gegen einen tiefen, unheilbaren Gram nicht mehr anzukämpfen, sondern in stolzer Ergebenheit sich mit ihm von dem Geräusch des Lebens abzuschließen, müßte, sähe er jenes Haus, sich sagen: „Dieses Haus ist vor dreihundert Jahren für mich gebaut worden; hier will ich wohnen.“

Im Jahre 1825 wohnte ich dem eben beschriebenen Hause gegenüber. Als ich am Morgen nach meiner Ankunft die Vorhänge meines Fensters zurückzog und das bizarre Haus mit seiner melancholischen Façade erblickte, faßte es mich wie eine Art Schwindel; der Erker war der einzige Ruhepunkt für mein Auge. Blaßgrüne, schwere Gardinen flossen, dicht zusammengezogen, an seinen Fenstern nieder; unter der steinernen Blumenkrone nisteten Schwalben. Ich weiß nicht, wie es kam – ich dachte plötzlich, hinter diesen finstern Mauern müsse es himmlisch sein, mit einem geliebten Wesen zu leben, so ganz verborgen, ganz verloren. –

Dieses Haus war für mich nicht ein Gegenstand der Neugierde, sondern einer wirklichen seelischen Unruhe. Stundenlang stand ich, gleich einem Eifersüchtigen, hinter meinen Mousselin-Vorhängen und spähete nach einer Bewegung der grünen Gardinen. Endlich, nach einer Woche, sah ich etwas. Ich schrieb; plötzlich, wie auf einen inneren Ruf, blickte ich zum Erker hinüber: zwischen zwei von weißen Händen auseinander gehaltenen Gardinen stand eine zarte Frauengestalt und blickte mit großen, schwarzen Augen zum Himmel hinauf. Schwarz war auch ihr Haar und ihr Gewand. Ein sanfter Mund lag wie eine stumme Klage zwischen ihre blassen Wangen gebettet. Dieses Gesicht, vom reinsten Oval, hatte, wie das Haus, eine Seele. Es fiel mir nicht ein, die Linien ihrer Stirn oder ihres Mundes oder sonst eines Zuges zu prüfen – es war so zu sagen nicht nothwendig, um ihr Gesicht zu kennen, das ganz Inhalt war. Ich bemerkte, daß ein blondes Köpfchen, in etwa gleicher Höhe, neben dem ihrigen sichtbar wurde. Wahrscheinlich schaute die Blondine auch zum Himmel hinauf, aber ich sah es nicht. Die Andere fesselte mich ganz. Wie lange sie Beide am Fenster standen, weiß ich nicht; sie verschwanden hinter den zusammenfließenden Vorhängen gleich Nixen, die in’s Wasser zurücktauchen.

Etwa eine Stunde später rasselte ein Reisewagen die Straße herab und hielt vor dem Hause mit dem Erker. Das Herz bebte mir: „Sie wird doch nicht verreisen?“ dachte ich und trat an’s Fenster. Gleich darauf öffnete sich die Hausthür; zwei Koffer wurden herausgetragen und auf den Wagen geladen. Ein alter Mann trat aus der Thür, und ihm folgte sie, die Schwarze, in einen langen Mantel gehüllt. Sie stiegen Beide in den Wagen, welcher ohne weitern Aufenthalt fort fuhr. Unter der Hausthür standen die Blondine und eine ältliche Frau, welche sich die Augen mit einem weißen Tüchlein trocknete. Ich sank auf einen Stuhl; mir war, als seien meine Kniee gelähmt.

Hätte ich mich in ein Wesen verliebt, das ich vielleicht nur eine Secunde sah? Warum nicht? Und dennoch schien es mir, als sei ich nicht in sie verliebt; ihre Erscheinung und die Erinnerung daran gaben mir eine Empfindung, ähnlich der, welche Sterne von großer Lichtgewalt in uns erwecken – eine Mischung von Verlangen und Scheu.

Einige Wochen vergingen; die blaßgrünen Vorhänge am Erkerfenster hingen regungslos nieder, wie stehen gebliebene Wasserfälle. Zweimal sah ich die Blondine und die ältliche Frau [500] aus der Hausthür treten und die Straße hinauf gehen; ich bemerkte, daß die Blondine sehr hübsch war.

Ich hatte mit so viel Discretion wie möglich mich da und dort erkundigt, wer das melancholische Haus bewohne – Niemand wußte es.

Um diese Zeit erhielt ich einen Brief von der Mutter meines besten Freundes. Sie bewohnte ein kleines Landhaus nicht sehr weit von Dinant, aber doch schon ganz in den Ardennen; es war eigentlich mehr ein verschönertes Bauernhaus, als ein Landhaus zu nennen. Etwas Feld und Wiesen und ein Stück Wald gehörten dazu, und von dem mäßigen Ertrag dieses kleinen Besitzthums lebte die kluge und herzensgute Frau.

Ihr Sohn, Henry Flomberg, der schon früher eine außerordentliche Befähigung für Musik und Mathematik gezeigt hatte, spielte die Violine wie ein Künstler und kannte die Astronomie wie ein Gelehrter. Musik und Astronomie, haben sie nicht eine innere Verwandtschaft? – Henry war neunundzwanzig Jahre alt geworden, ohne eine eigentliche Stellung zu haben. Er war zwar als Aspirant am Observatorium aufgenommen worden, allein ein Bändchen, welches er herausgab und in dem er mit wissenschaftlichen Anhaltspunkten die Ueberzeugung aussprach, daß nicht nur alle Planeten unseres Sonnensystems, sondern auch jene aller anderen Sonnensysteme bewohnbar und folglich, wenn auch von verschieden organisirten Wesen, bewohnt seien, war ihm nachteilig geworden.

Die Gelehrten fanden es anmaßend von einem jungen Manne, gescheuter als die Alten sein zu wollen, und obschon sie die Möglichkeit zugaben, daß die Sterne bewohnt seien, so sagten die Einen doch, Flomberg sei nicht der Erste, welcher diese Ansicht gehabt, und er habe nur Anderen nachgeredet; ein anderer Theil der Gelehrten erklärte seine „Bewohntheit der Welten“ für eine phantastische Arbeit, welcher höchstens ein literarischer Werth zuzuerkennen sei. Die Geistlichkeit, in deren schwarzem Mantel die gebildete Gesellschaft gleich einem Kinde im Tragbette eingewickelt war, verdammte den „verwegenen Ketzer“, der sich vermaß, eine Theorie aufzustellen, welche den Gesichtskreis der Menschen erweitern und sie aus dem herkömmlichen Geleise auf höhere Bahnen führen wollte. Henry, von der einen Seite ignorirt, von der andern angefeindet, verließ Belgien und begab sich nach Italien und von da nach Spanien. Er war etwa seit drei Jahren abwesend, als seine Mutter mir schrieb:

„Henry schreibt mir von England, von London, wo er sich verlobt hat. Er sagt mir nicht, wer die Familie seiner Braut ist, noch irgend etwas, das mich befriedigen könnte; er spricht nur von ihrer Schönheit und zwar mit einer Begeisterung, die mich fürchten läßt, mein geistvoller Sohn habe einen dummen Streich gemacht. Schon in vier Wochen will er sich verheirathen. Haben Sie vielleicht eingehendere Nachricht von ihm? etc.“

Der letzte Brief, den ich von Henry erhalten hatte, war von Barcelona datirt; von seinem Aufenthalt in England hatte ich keine Ahnung gehabt. Die Befürchtung seiner heitern und außerordentlich klugen Mutter steckte mich an; meine Freundschaft für Flomberg. den ich seit frühester Jugend kannte, war keine oberflächliche; die Ereignisse seines Lebens waren mir stets so nahe gegangen, wie die meines eigenen Lebens. Ich war in einer unabhängigen Stellung; ohne nur eine Stunde zu zögern, ließ ich meinen Paß visiren, packte einen kleinen Koffer und reiste mit der Abendpost nach Ostende, wo ich mich einschiffte. Ich mußte die Braut sehen, ehe sie seine Frau wurde.

Flomberg war sehr erstaunt, mich in London zu sehen; ich schützte als Grund meiner Reise ein Kopfleiden vor, gegen welches mir Luftveränderung verordnet worden sei. Henry's äußere Erscheinung war unverändert geblieben; sein krauses, nußbraunes Haar hatte noch den wunderbaren Glanz, der Jedermann auffiel, und wenn er mit seinen weichen Fingern im Gespräche durch die lockigen Büschel fuhr, so hörte ich, wie früher, ein elektrisches Knistern. Sein lang geschnittenes, grau-grünes Auge hatte noch den eigenthümlichen Schimmer und den beherrschenden Blick, und im Lächeln seines Mundes fand ich noch jenen gutmüthigen Zug, von welchem seine Mutter zu sagen pflegte, er habe ihn mit auf die Welt gebracht.

„Du hast wohl durch meine Mutter erfahren, daß ich mich verlobt habe,“ sagte er heiter. „Meine Braut ist eine zweiundzwanzigjährige Wittwe, classisch schön und immer schön. Morgens, Mittags, Abends, immer ist sie schön. Du mußt sie kennen lernen; ich werde Dich zu ihr führen. Weißt Du, wem ich meine Braut verdanke? Der Insel Wight – dort fand ich sie, am Strande auf und ab gehend. Ihr vom Bade noch feuchtes Haar floß in dicken Strähnen auf den weißen Flanellmantel, der sie sackartig umschloß. Du wirst zugeben, daß nur eine Göttin in einem solchen Costüme schön zu sein vermag.

Am folgenden Tage führte er mich zu ihr. In einem reich ausgestatteten Salon, welcher nicht das geringste individuelle Interesse bot, saß in einem Schaukelstuhle die „Göttin“. Sie reichte Henry die Hand zum Kusse, eine schöne, wohlgepflegte Hand, und lud mich ein, ihr gegenüber Platz zu nehmen. Mistreß Stephenson war groß und von vollendeter Körperform; ihr Gesicht hatte den griechischen Typus. Ich bekenne, daß ich kein Verehrer der griechischen Schönheit bin, das heißt, ich bewundere sie in der antiken Statue, allein ich bewundere und liebe sie nicht in der modernen, in der lebenden Frau, denn sie schließt die Individualität aus.

Mistreß Stephenson's Haar hatte die Farbe eines Goldstückes, welches viel Kupfer enthält, und war mit Sorgfalt in großen Schleifen mit einem Perlmutterkamm nach der damaligen Mode hoch aufgesteckt. Ueber dem linken Ohre tauchten zwischen den Haarschleifen purpurrothe und grüne Bandschleifen empor. Sie trug ein hartblaues Kleid, in welches bunte Blumen eingewirkt waren; an ihren Ohren, an den Armen und Fingern und am Halse schimmerten goldene Ringe und Ketten. Es lag, trotz dieser entsetzlichen Toilette, ein unbestreitbarer Farbenreiz in ihrer Erscheinung; ihr Gesicht, ihre Augen und ihr Haar waren wirklich Lilien und Rosen, Sapphiren und dem edlen Golde vergleichbar. Allein schöne Farben und regelmäßige Züge waren auch alles, was diese Frau besaß; sie war eine rein animalische Schönheit; ihr Gesicht war leer, ohne jede Spur geistigen Lebens. Wenn sie lächelte, machten mir ihre gesunden, weißen Zähne stets den fatalen Eindruck, als lechzten sie nach einer Hammelcotelette. Selbst ihre Finger waren animalisch, rund und träge und ohne jeden seelischen Accent.

„O Mutter Flomberg,“ dachte ich, „dein Sohn hat einen dummen Streich gemacht.“

Je näher ich Mistreß Stephenson kennen lernte, desto mehr fand ich mein erstes Gefühlsurtheil über sie bestätigt. Aber er, Henry, erkannte er denn ihre Geistesarmuth nicht? Fühlte er nicht die Nüchternheit, die Dürftigkeit ihres Gemüthes? Konne diese schön angestrichene Puppe ihn glücklich machen? Hatte er gar keine Angst? Es schien mir so völlig unbegreiflich, daß sich eines Tages der Verdacht in mir regte, Henry, dessen väterliches, ihm von der Mutter überlassenes Vermögen unbedeutend war, sei für Mistreß Stephenson's Vermögen nicht unempfindlich und dieses habe ihn zu einer Verbindung mit ihr verführt. Allein ich kannte seine einfache, beinahe bedürfnißlose Lebensweise und die Noblesse seines Charakters; auch hatte ich bald Gelegenheit zu erfahren, daß Mistreß Stephenson nicht eigentlich reich sei.

Es war unmöglich, daß Henry diese Frau liebte, er täuschte sich über seine eigenen Gefühle. Wie hoch hatte er früher das Ideal gestellt, das er lieben könnte! Wie oft hatte er, wenn ich ihm ein hübsches Mädchen zeigte, achselzuckend zu mir gesagt: „Eine hübsche Puppe, weiter nichts!“

Und Mistreß Stephenson, liebte sie ihn? Konnte diese Frau ihn lieben? Er war nicht groß, nicht stattlich; seine Gestalt war fein und nervös; der Reiz seiner Person war geistiger Art, und dafür hatte Mistreß Stephenson gar kein Organ. Warum wollte sie ihn heirathen? Er hatte keine Stellung und war in seinem Lande angefeindet. Heirathete er Mistreß Stephenson, so war er nach sechs Monaten ein unglücklicher Mann, ja, er war im Stande, seine Frau zu hassen. Aber wie ihm die Augen öffnen? Mit unendlicher Vorsicht ließ ich dann und wann einen kleinen Zweifel über sein künftiges Glück laut werden. Nie hatte ich in seiner Braut auch nur das geringste Interesse für seinen Geist, für seine Wissenschaft, ja kaum für seine Violine entdeckt. Ich hatte sie gähnen sehen, als er die Geige spielte und langgezogene, bebende Töne ihr entlockte, die heiß wie glühende Tropfen in mein Herz fielen. Die Geige wurde in seinen Händen eine Seele, und seine Braut – gähnte!

Ich sagte es ihm später; er lachte und sagte unbefangen: „Harriet liebt die heitere Musik. Wenn ich ihr den 'Carneval von Venedig' spiele, ist sie glücklich.“

[501] „Sie ist also nicht fähig, die wirkliche Musik und Dein innerstes Wesen zu verstehen, nicht einmal durch das Gefühl,“ bemerkte ich.

Er schwieg eine Weile und sagte dann: „Harriet gefällt Dir nicht, ich habe es gleich anfangs bemerkt. Was hast Du an ihr auszusetzen?“

„Nichts, als daß sie Dich heirathen will.“

„Wenn sie Dich heirathen wollte, hättest Du vielleicht nichts daran auszusetzen,“ sagte er piquirt.

„O! mich heirathen! In diesen Fall würde sie nie gerathen. Lieber keine Frau, als eine Frau ohne Seele!“ rief ich.

„Du wirst beleidigend,“ sagte Henry gereizt. „Hast Du denn kein Auge für ihre Schönheit? Ist sie nicht tadellos, bezaubernd schön?“

„Sie ist zu schön,“ sagte ich.

„Zu schön! Fühlst Du denn nicht die Poesie, die in einer vollendeten Schönheit liegt, und die Gedanken, die ein Mann von Geist aus ihr schöpfen kann?“

„Ei, so kaufe Dir eine lebensgroße Venus von Milo und eine von Medicis, eine von Arles, eine Venus Genitrix und eine Venus Urania, alle Meisterwerke der alten und neuen Bildhauerei und begeistere Dich daran! Du brauchst dann keine Harriet Stephenson.“

Er lachte. „Du bist ein Pedant,“ sagte er. „Du hast wohl noch nie in ihr blaues Auge geschaut?“

„O ja, ich schaue immer und suche und finde nichts darin, als blaue Farbe.“

„Dann findest Du in dem meinen wohl auch nichts, als grüne Farbe?“ sagte er lachend, aber sein Lachen war bitter.

Am folgenden Tage gingen wir mit ihr über die Straße. Ein blinder Mann stand in der Wölbung einer Hausthür und schaute mit den weißen, leeren Augen unverwandt zum Himmel, als ob er dort etwas suchte. Ein schwarzer Pudel war mit einer Schnur an seinen Arm gebunden und hielt ein leeres Körbchen zwischen den Zähnen; seine Augen, die des Pudels, drückten das Unglück seines Herrn aus, rührender, als irgend Worte es vermocht hätten. Henry und ich blieben stehen, um ein Geldstück in das leere Körbchen zu legen.

„Wenn wir bei jedem Bettler, dem wir begegnen werden, stehen bleiben, so werden wir nicht weit kommen,“ sagte Mistreß Stephenson übelgelaunt.

Henry wurde sehr blaß. „Ich kann keine Blinden sehen, ohne daß sich mir das Herz im Leibe umkehrt,“ erwiderte er sanft.

„O, wenn man in London lebt, gewöhnt man sich an solche Dinge,“ sagte sie und zog ihn fort. Er ging schweigend an ihrer Seite. Wir wohnten einem Morgenconcerte bei; der Zufall wollte, daß wir nicht drei Plätze nebeneinander fanden. Ich wollte mich von Henry und seiner Braut trennen; er faßte meinen Arm und sagte: „Bitte, setze Dich neben Harriet! Ich setze mich seitwärts.“

Er will sie beobachten, dachte ich; er that es wirklich; sein Auge ruhte unverwandt auf ihr; ich bin überzeugt, daß er vom ganzen Concerte nichts hörte. Sie nahm oft ihre Lorgnette und musterte die Hüte und die Kleider der anwesenden Damen; sie gähnte siebenmal, und obschon sie ihre Hand vor den Mund hielt, sah er es dennoch. Nach dem Concerte fuhren wir nach Hydepark. Henry setzte sich ihr gegenüber, sprach wenig, sah aber beinahe unverwandt in die Augen seiner Braut. Er fand diesmal vielleicht auch nichts darin, als blaue Farbe. – Wenn Mistreß Stephenson nur ein schwaches Fünkchen von Geist besessen hätte, so würde sie den beobachtenden Blick ihres Bräutigams verstanden haben, allein sie blieb völlig unbefangen; es ging gar nichts in ihr vor.

Da ich sah, daß Henry anfing, sie zu beobachten, hoffte ich, er werde zeitig genug seinen Irrthum erkennen. Indessen sann ich auf ein Mittel, ihn von London zu entfernen, da Mistreß Stephenson, wenn sie mit ihm allein war, vielleicht Liebenswürdigkeiten für ihn hatte, die ihn stets wieder in die Verblendung zurückführen konnten.

Da kam unerwartete Hülfe. Die neue Regierung rief ihn nach Brüssel, um ihm eine Stellung am Observatorium anzubieten; die näheren Bedingungen sollten mündlich zwischen ihm und dem Director des Observatoriums besprochen werden.

„Es ist fatal,“ sagte Henry, der sehr erregt mit dem Briefe zu mir kam, „daß meine Verheirathung erst in einigen Wochen stattfinden kann, denn ich werde bis dahin meine Abreise nach Brüssel aufschieben müssen. Harriet sagt, es sei ihr unmöglich, ihre Papiere, ihren Haushalt und ich weiß nicht was für Dinge noch früher in Ordnung zu bringen.“

„Reise gleich und hole Deine Braut später!“ sagte ich.

„Meinst Du? – Ich kann das nicht wohl thun; ich kann Harriet nicht so allein lassen.“

„Warum nicht?“

„Ich fürchte, sie wird einen solchen Vorschlag sehr empfindlich aufnehmen.“

„Es handelt sich aber um eine wichtige Sache, um Deine Stellung –“

„Ich weiß.“ Er schritt unruhig im Zimmer auf und ab; plötzlich nahm er seinen Hut und ging mit den Worten: „Wir reisen morgen, Du und ich, Harriet muß einwilligen, ich gehe, ihr meine Abreise anzuzeigen.“

Er konnte kaum auf der Treppe gewesen sein, als er die Thür wieder öffnete und mit wunderschön verklärtem Gesicht und weicher Stimme sagte: „Ich habe, seit ich hier bin, fast gar nie an meine Mutter gedacht; welche Freude wird sie haben, mich wieder zu sehen! Auf jeden Fall reisen wir morgen.“

Als er gegangen war, fragte ich mich, ob er wirklich körperlich eben unter der Thür gestanden?

Am folgenden Tage reisten wir nach Dover, und am zweiten fuhren wir auf dem Meere Ostende zu. Es gingen damals bekanntlich noch keine Dampfschiffe. Man brauchte bei gutem Wind etwa einen Tag und eine Nacht, um von Dover nach Ostende zu fahren. Ich hatte das Unglück, nach kaum einer Stunde so seekrank zu werden, daß ich mich weder um die Schönheit des Meeres, noch um die Passagiere bekümmern konnte, sondern, auf meiner Matratze in der Nähe des Steuermanns liegend, mich ganz dem unbeschreiblichen Gefühle meines Elends hingab. Henry, der nicht seekrank war, kam von Zeit zu Zeit zu mir, bedauerte mich, pries die Herrlichkeit des Meeres, den Genuß der frischen Seeluft und schien die Trennung von Mistreß Stephenson recht gut zu ertragen.

Gegen Abend, als die Sonne Gold und Purpur in das Meer goß und der blaue Himmel rosenroth ward, ertönte am andern Ende des Schiffes Henry’s Geige. Die süßen Töne einer leidenschaftlichen Klage schwebten über das stille Meer hin. Ich erhob den Blick: die weißen Segel, in welchen die Brise sanfte Hügel schwellen ließ, waren von zarter Gluth überhaucht, während die Segelstangen dunkelroth erglühten und das Tauwerk golden schimmerte. Mit leisem Murmeln trugen uns die durchschnittenen Wellen; dann und wann ging der schrille Ruf einer Möve durch die Luft. Als ich den Blick wieder senkte, hatte das Deck, auf dem ich lag, einen Goldglanz, so intensiv und strahlend, daß ich darüber erschrak. Das Gesicht des Steuermanns war wie von rothem Licht getränkt, und auf seiner Jacke lag eine Atmosphäre von Goldstaub. Ich schloß die Augen und betete, gleich einem alten Perser, die Sonne an. Vom Gebet kam ich in’s Träumen. Die Geige sang und weinte und jubelte und schluchzte wie ein Mensch; sie hatte Töne, die mir das Herz buchstäblich erzittern machten. Ich habe oft gedacht, die Musik besitze nicht nur eine seelische Macht, sondern auch eine substantiöse, wie etwa der Wein. Die Musik kann auch berauschen.

Ich hatte lange mit geschlossenen Augen gelegen und den Tönen der Geige gelauscht; plötzlich fühlte ich eine sonderbare elektrische Spannung in meinem Körper; ein Luftstoß fuhr heiß über mein Gesicht, und ihm folgte der kalte Gischt des Wassers. Ich erhob mich und rieb mir die Augen. Die Sonne war untergegangen; das Meer hatte eine kalte, schwarzgrüne Farbe, und der Horizont war violet und von schwefelgelben Streifen durchschnitten, welche in kurzer Zeit ihre Farbe verloren und bleigrau wurden.

„Wir werden ein Gewitter bekommen, nicht wahr?“ fragte ich den Steuermann.

„Möglich,“ antwortete er ruhig.

Ich fühlte keine Seekrankheit mehr; im Gegentheil, ich fühlte mich froh und außerordentlich angeregt. Henry stand, gegen Westen gewandt, am Geländer des Schiffes, ganz in Musik verloren; seine Geige und er waren Eins geworden. Indem ich auf ihn zutrat, bemerkte ich die wenigen Passagiere, die theils stehend, theils sitzend seinem Spiele lauschten. Unter ihnen fielen

[502] mir ein großer, schon bejahrter Mann auf und eine junge Frau, welche vor ihm auf einem niedrigen Bänkchen saß. Sie war in einen schwarzen Atlasmantel gehüllt, auf den ein Spitzentuch fiel, mit einer goldenen Nadel am Kopfe befestigt und auf der Brust leicht geschlungen. Sie saß so, daß ihr Profil mir zugewandt war. Was mir an diesem Profil auffiel, war der wunderschöne Rücken der Nase, welche gerade war und, ohne groß zu sein, ein wenig aus dem Gesichte vorstand, und das Kinn, dessen kaum bemerkbar zurückweichende Linie diesem Profile eine unbeschreibliche Anmuth und Sanftmuth verlieh. Ihr Haar, in der Mitte gescheitelt und an den Schläfen locker geflochten, floß unter dem Ohre gegen den Nacken hin und war so schwarz, daß es blaue Reflexe hatte. Ihr Auge war zu Boden gesenkt; ihre Hände ruhten, in einander verschlungen, auf den Knieen; unter dem Saume des Kleides streckte sich, wie unbewußt, ein feingebautes Füßchen vor, welches ein ausgeschnittener schwarzer Sammtschuh und ein blaßrosenrother Seidenstrumpf bekleideten. Sie lauschte offenbar den Tönen der Geige und zwar mit ganzer Seele. Das schwarze Spitzentuch hob und senkte sich, durch schnelle und tiefe Athemzüge bewegt. Die Weichheit und Poesie dieser Erscheinung fesselten mich; sie hatte etwas, das wohl that.

Henry’s Geige schwieg jetzt; er trat her zu mir und sagte, wie aus einem Traume erwachend: „Wo sind wir?“

In diesem Augenblicke erhob sich die Dame, auch wie aus einem Traume erwachend, und wandte uns ihr Gesicht zu. Alles Blut schoß mir zum Herzen. Es war mir, als ob mich eine Schraube im Genick faßte und niederrisse, und ich taumelte einen Schritt rückwärts. Die Dame war dieselbe, welche ich am Erkerfenster in Brüssel, mir gegenüber, gesehen hatte und die ich seitdem mit verschwiegener Anbetung in der Seele trug.

Sie ging an uns vorüber, ohne uns anzusehen; sie sah die Geige an, welche an Henry’s Hand hing. Der alte Herr, der hinter ihr gestanden, bot ihr jetzt den Arm; sie zog ein Ende ihres Spitzentuches vor’s Gesicht und ging langsam mit ihrem Begleiter auf und ab.

Henry’s Blick, welchem meine Bewegung entgangen war, folgte unverwandt der sympathischen Erscheinung.

„Sieh doch diese Gestalt! Ist sie nicht wie Musik?“ sagte er.

Die bleigrauen Streifen am Horizont klärten sich mehr und mehr; die bange Färbung des Himmels sänftigte sich. „Es ist nicht gut, daß das Gewitter sich verzieht, wir werden nun unruhiges Wasser bekommen,“ sagte der Steuermann. Die Nacht kam schnell; ihre braunen Schatten sanken sichtlich einer nach dem anderen und immer dichter und dichter herab; die Luft wurde empfindlich kühl, das Meer unruhig. Ein Matrose zündete die Schiffslaternen an; ihr schmutziges Licht glotzte unheimlich in die Nacht hinaus.

Mein Herz klopfte noch heftig von dem süßen Schrecken, den es erlitten hatte, und ich verwünschte die Nacht, die so eilig herab kam und das blasse Gesicht unter dem Spitzenschleier kaum noch errathen ließ.

„Hast Du die Dame genau angesehen? Ist sie schön?“ fragte mich Henry.

„Ich weiß nicht; ich gab nicht darauf Acht,“ erwiderte ich ausweichend.

„Es ist merkwürdig –“ fing er wieder an, „mich frappirte ihre Physiognomie, und doch weiß ich nicht, wie sie aussieht, ob sie schön oder nicht schön ist; ich habe über das Ganze die Einzelheiten vergessen.“

„Sie ist jedenfalls ein Gegensatz zu Mistreß Stephenson.“

„O, ganz entschieden ein Gegensatz,“ sagte er mit einem Tone, der fest und träumerisch zugleich war. Dann fügte er hinzu: „Arme Harriet, wie wird sie sich jetzt einsam fühlen!“

Die Passagiere, auch sie, der schwarze Stern, gingen in die Cabine hinab, an deren Wänden gepolsterte Ruhebänke hinliefen.

Henry und ich blieben auf dem Verdeck und legten uns, in wollene Decken und Pelze gehüllt, auf eine Matratze. Die Nacht wurde sehr finster; das Meer warf schwarze Wogen und phosphorescirenden Schaum in die Höhe und begleitete den munteren Gesang der Matrosen mit urweltlichen Accorden.

„Ich kenne drei Dinge, die alles Kleinliche im Gemüth zur Ruhe bringen: die Musik, das Meer und die Sterne,“ sagte Henry.

„Und die Liebe?“ fragte ich.

„O, die Liebe! Wer liebt, hat nichts Kleinliches mehr; wer liebt, der ist ein Gott!“

„Also bist Du ein Gott?“ fragte ich.

Er antwortete nicht. Wir sprachen nun nicht mehr und gingen, da die Kälte und Feuchtigkeit der Luft uns unangenehm wurden, bald in die Cabine hinab, wo im blassen Schimmer einiger Oellampen die Passagiere zerstreut lagen. Wir suchten uns eine bequeme Ecke und schliefen bald ein.

Ich erwachte, wie durch Rufe erweckt, und erhob mich. Die Passagiere schienen alle fest zu schlafen; ich weckte Henry und sah auf meine Uhr; es war zwei Uhr Morgens. Plötzlich schmetterte mich ein furchtbarer Stoß zu Boden; es fuhr durch das Schiff ein Krach, als sprängen über uns die Pforten der Ewigkeit entzwei. Der Schrei: „Wir sind verloren,“ tönte von allen Lippen. Ich raffte mich auf und tastete nach Henry – er war nicht mehr neben mir; ich blickte um mich – hinter mir stand die junge Frau. Ich legte meinen Arm um sie und zog sie zur Treppe hin.

„Retten Sie meinen Freund, den alten Mann!“ rief sie; „er hat ein Kind; ich habe Niemanden. Retten Sie ihn, ihn!“

„Ich rette Sie Beide, wenn es in meiner Macht liegt!“ rief ich, und nahm den alten Mann an der Hand. So kämpfte ich mich die Treppe hinauf, von welcher uns das Wasser entgegen kam. Die Matrosen warfen Seile herab, die wir erfaßten, und sie zogen uns so die Stufen hinan. Ich hielt meinen Stern fest umfaßt und fühlte des alten Mannes knöcherne Hand die meine verlassen und sich an dem Kragen meines Rockes festklammern. Als wir auf dem Verdeck waren, riß ich meinen Stern und den alten Mann, der mir grauenhaft am Rücken hing, vorwärts – da kam ein Berg und warf mich um. Das Wasser drang mir in Mund, Nase und Ohr; meine Hände lagen beide flach am Boden – wo, Gott, wo war mein Stern? Wo?! Der alte Mann lag auf mir. Seine Finger krallten sich in meinen Nacken und seine Zähne packten mein Haar. Jetzt kam noch ein Berg; der warf mich in die Höhe und seitwärts, dann jäh hinab. – „Das ist der Tod,“ dachte ich. Im nächsten Augenblicke schwoll das Wasser unter mir und trieb mich wieder nach oben; ich hörte schreiende Stimmen und griff um mich; meine Hand faßte ein Schiffstau, und da ich fühlte, daß es von oben herab hing und befestigt war, klammerte ich mich daran. Eine Woge schleuderte mich gegen etwas Hartes, und als sie über meinen Kopf hin gerauscht war, fühlte ich, daß ich auf festem Boden lag. Das Brausen des Meeres und das Pfeifen des Windes, die Gebete, die Flüche, die Aufschreie von Stimmen, die beinahe nichts Menschliches mehr hatten, drangen in mein Ohr wie Marterinstrumente; meine Schläfe pochten zum Zerspringen und ich gerieth in eine Exaltation, welche mir das Bewußtsein der Wirklichkeit raubte. Ich dachte, ein Planet, von Dämonen bewohnt, sei aus dem Himmelsraum herab gefallen und die Menschen lägen mit den Dämonen im Kampf. Ich öffnete die Augen – es war grauenhaft. Alles schwarz, ganz schwarz. In dieser Finsterniß hing ein rother, glühender Punkt, ein Feuertropfen – es war das Strandlicht von Ostende, allein ich erkannte es nicht. „Die Welt ist untergegangen, und ich bin gestorben,“ dachte ich; „wo nehm’ ich jetzt Flügel her, um meinem Sterne nachzufliegen?“

Eine Woge wälzte sich schwer und langsam über mich – ich erstarrte.

[515] Zwölf Stunden später saß ich in einem Häuschen des belgischen Dorfes Huys. Henry Flomberg saß neben mir; uns gegenüber in einer Nische lag im hochgethürmten Bett der alte Caspar Raick, der Begleiter meines „Sterns“, den die Gewalt des Wassers von mir gerissen hatte. Am Kaminfeuer saßen ein Matrose, der einzige Gerettete der Mannschaft, und Herr Delheid, ein Kaufmann aus Gent. Der Matrose saß mit gebeugtem Haupte und Thränen fielen in seinen Bart – sein Sohn lag auf dem Grunde des Meeres.

Unser Schiff war von einem plötzlichen Sturme aus seiner Linie gerissen und gegen ein anderes, schwerbeladenes, von Dünkirchen kommendes geschleudert worden; sein Vordertheil ward gänzlich zerschmettert. Das Schiff, an dem das unsrige zu Grunde ging, brachte uns, die Geretteten, bei Tagesanbruch an’s Land, fünf Meilen oberhalb Ostende. Mein Freund, welcher, nachdem ich ihn geweckt hatte, auf's Verdeck geeilt war, um sich zu überzeugen, was geschehen sei, wurde augenblicklich von der Wucht des anstürzenden Wassers zu Boden geworfen und verlor die Besinnung. Als er wieder zu sich kann, befand er sich schon auf dem andern Schiffe und mit ihm waren Caspar Raick und – mein Stern. Erst später brachte man mich zu ihnen, allein ich war noch ohne Bewußtsein. Als wir an’s Land gebracht wurden, schlug ich zum ersten Male die Augen auf; der Freund trug mit Hülfe eines Herrn, den ich nicht kannte, eine Frau, deren Gewänder und Haar trieften. Mit großer Anstrengung ging ich zu der Gruppe und blickte in’s Angesicht dieser Frau – sie war es, mein Stern, und das Leben kehrte vollströmend in mich zurück. Henry sah mich seltsam an, prüfend und dann mit einer Art von Grauen und Mitleid. Endlich sagte er stotternd: „Du bist’s, Du, Eugen?“

„Bin ich denn so verändert?“

Er antwortete mir nicht. Wir gingen nun, eine kleine, traurige Karawane von sechs Menschen, welche das Meer verschont hatte, während zwölf andere seine Beute geworden, auf dem Strande landeinwärts. Der Matrose führte Caspar Raick; ich ging neben Henry. Keiner sprach ein Wort. Der Morgen stieg hinter den Häusern des Dorfes herauf und warf ein weißes Licht auf den weißen Sand, der unter unsern Füßen knirschte. Als wir in die Stube des ersten Hauses getreten waren und meinen Stern, den ich künftig bei seinem Namen, Madame Venloo, nennen werde, der Frau des Fischers anvertraut hatten, welche sie in die obere Stube brachte, bemerkte ich einen Spiegel in einer Ecke und ging hinzu. Henry ergriff meinen Arm und sagte schmerzlich:

„Eugen, erschrick nicht! Dein Haar ist grau – –“

Die Fischerleute gaben uns Wäsche und Kleider, welche wir anzogen, während die unseren am Herde trockneten. Am Abend kam eine Kutsche, Henry, Herrn Delheid und mich nach Ostende zu bringen. Im Augenblicke, als wir uns zur Abreise rüsteten, trat Madame Venloo in unsere Stube. Ihr langes Haar floß wie ein Schleier auf den groben, faltigen flämischen Frauenmantel, in welchen sie gehüllt war. Ihre kleinen Füße bekleideten grobe blaue Strümpfe und Holzschuhe, in denen sie kaum gehen konnte. Aus dieser bäurischen Hülle trat ihr feines, seelenvolles Wesen wahrhaft leuchtend hervor.

Sie ging zu Caspar Raick und sprach leise mit ihm; dann trat sie mit bescheidener Haltung zu uns und sagte mit einer Stimme, welche wie Gesang war: „Meine Herren, ich glaube, wir sollen einander nicht fremd bleiben. – Sie reisen schon weg?“

Henry sagte, daß wir die Nachtpost in Ostende benutzen wollten, um gegen Mittag des nächsten Tages in Brüssel zu sein. „Wohnen Sie in Brüssel? Können wir Ihnen in irgend einer Weise nützlich sein?“ fügte er hinzu.

„Ich danke Ihnen. Ja, ich bitte Sie um eine große Güte. Wir werden in Brüssel morgen Mittag erwartet, Herr Raick kann aber unmöglich heute, auch morgen noch nicht reisen. Ich finde hier weder Papier noch Feder, um zu schreiben. Wollen Sie die Güte haben, der Tochter Herrn Raick’s und ihrer Tante, welche in Brüssel geblieben sind, unsere verspätete Ankunft anzuzeigen?“

Sie nannte nun die Straße und Hausnummer, die ich so gut kannte. Dann blickte sie uns der Reihe nach an und sagte: „Ich weiß nicht, war es einer von Ihnen, meine Herren, welcher Raick und mich von der Cabine auf’s Verdeck brachte?“

Henry und Delheid blickten erst sich, dann mich an; ich erröthete, und Henry sagte: „Du warst es wohl, Eugen?“

Ich verbeugte mich und verharrte gesenkten Hauptes, als sie mir ihre sammetweiche Hand reichte. Sie sagte: „Ich danke Ihnen,“ sonst nichts. Ich erhob meinen Blick und sah, daß sie mein graues Haar betrachtete. „Haben Sie auch eine Tochter, wie Herr Raick?“ fragte sie unschuldig. Ich glaubte zu sterben.

„Nein, Madame, ich habe keine Tochter,“ antwortete ich tonlos.

Ich war ein alter Mann, wie Caspar Raick – sie sagte es – sie!

„Madame, mein Freund hatte gestern noch braunes Haar; er ist über Nacht grau geworden,“ flüsterte ihr Henry zu.

Da nahm sie meine beiden Hände in die ihren, welche zitterten, und sagte: „Die Jugend liegt nicht im Haar, sondern [516] im Herzen. Verzeihen Sie mir demnach! Ich sehe jetzt, daß Ihr Gesicht jung ist. Haben Sie – haben Sie gestern die Geige gespielt?“

„Nein, dieser hier!“ antwortete ich und zeigte mit dem Blick auf Henry.

„Ich bitte Sie, meine Herren, besuchen Sie mich in Brüssel! Ich lebe still; ich sehe Niemanden bei mir, aber Sie werde ich mit Vergnügen empfangen. Wenn man mit einander Schiffbruch gelitten hat, so ist es, als ob man sich schon seit Jahren kennte.“

Nun ging sie; mein Ohr folgte dem Laut ihrer Holzschuhe, bis er sich auf der Treppe verlor.

Gleich nach unserer Ankunft in Brüssel gingen Henry und ich nach Madame Venloo’s Wohnung. Die alte Frau öffnete uns die Hausthür und führte uns durch den weiten Flur, an dessen Ende ein mit Bäumen geschmückter Hof sichtbar wurde, in eine große Stube, wo am offenen Fenster ein blondes junges Mädchen saß und Spitzen klöppelte. Als wir eintraten, erhob sie sich und sagte ahnungsvoll: „Ist meinem Vater ein Unglück begegnet?“ Wir beruhigten sie und vermieden in unserer Erzählung alle Umstände, welche sie auf’s Neue hätten in Angst versetzen können.

Die alte Frau, Denise Raick, Caspar’s Schwester, sank auf einen Stuhl, als sie den Schiffbruch vernahm, und rief ihren Schutzheiligen an. Und dann: „O, die gute Madame Venloo! O, Madame Venloo ist eine Heilige. Sie verläßt ihren alten Diener nicht; sie bleibt bei ihm; sie pflegt ihn. Marion,“ sie wandte sich zu dem jungen Mädchen – „Marion, Du wirst ihr die Füße küssen, wenn sie kommt. Ja, meine Herren, eine Heilige ist sie. Als ihr Mann in Spanien gestorben war und ihr Vater auch, da nahm sie den alten Caspar und sein Kind zu sich und sie ehrt ihn, als ob er ein Herr wäre, und er war doch nur der Gehülfe ihres Vaters. Dieser war aus unserem Lande, meine Herren, aber er ging jung nach Spanien und schliff dort die Edelsteine des Königs und der Königin und wurde ein reicher Herr und da ließ er den Caspar nach Spanien kommen. Das ist sehr weit, meine Herren, und das Land ist sehr heiß, und da wollte er die Marion nicht mitnehmen, die noch ein ganz kleines Kind war und keine Mutter mehr hatte, und so blieb sie bei mir, und mein Bruder schickte immer Geld. Ja, meine Herren, er hat alles bezahlt, alles, was die Marion gelernt hat. Und die gute Madame Venloo verlor auch ihre Mutter früh, die war eine Spanierin, meine Herren, ja, eine Spanierin, und das sind sehr stolze Frauenzimmer. Aber die gute Madame Venloo ist nicht einmal eine halbe Spanierin; sie ist ganz der Vater. Nur die schwarze Farbe hat sie von der Mutter. Und jetzt ist es schon über ein Jahr, daß sie mit dem Caspar gekommen ist, und da hat sie dieses Haus gemiethet und uns alle dann zu sich genommen. Sie ist eine Heilige und hat eine große Traurigkeit in ihrem Gemüth. Und da kommt sie manchmal mit ihren kleinen Füßen zu mir herunter und sagt: ‚Meine gute, liebe Madame Denise,‘ ja, meine Herren, immer sagt sie: ‚meine gute, liebe Madame Denise – erzählen Sie mir eine von Ihren alten Geschichten, damit ich ein wenig lachen kann.‘“

Und jetzt erst holte sie Athem, die gute, liebe Madame Denise. Die blonde Marion, die wie auf Kohlen gestanden hatte, benützte die Pause und fragte, ob sie nicht etwa Madame Venloo einige Kleidungsstücke schicken solle. Henry sagte ihr, daß die ihrigen wohl trocknen würden, daß sie Schuhe von Ostende kommen lassen werde und bis dahin Holzschuhe trage.

„Holzschuhe!“ rief Madame Denise, „das zarte, feine Frauchen Holzschuhe! Siehst Du, Marion, sie ist gar nicht so stolz und gar nicht eitel, ich hab’ es immer gesagt, und sie hat doch viel kleinere Füße als Du!“

Marion versteckte schnell ihre Füße, und da sie gleich darauf mit einer geschickten Wendung aus dem Zimmer lief, gleich einem scheuen Hasen, so konnte ich nicht schnell genug erfahren, ob ihre Füße groß oder klein waren. Wir saßen noch eine Weile bei Madame Denise, welche die Schleuße ihrer unbeschreiblichen Beredsamkeit über uns ergoß. Wir erfuhren, natürlich ohne zu fragen, daß Madame Venloo einen spanischen hohen Beamten geheirathet habe, der vor zwei Jahren gestorben sei; daß sie eigentlich nicht Venloo, sondern Huesbar heiße, aber hier in Brüssel den Namen ihres Vaters führe. Der spanische Gesandte allein kenne ihren wahren Namen und sei auch der einzige Mensch, dessen Besuche sie annehme.

„Huesbar – wo habe ich nur diesen Namen schon gehört?“ sagte Henry, als wir in meine Stube traten.

„In Spanien vermuthlich,“ bemerkte ich.

„Ja wohl, in Spanien, allein es waren besondere Umstände damit verknüpft, deren ich mich nicht mehr erinnere.“

Am nächsten Morgen ging Henry zum Director des Observatoriums und brachte mir nach zwei Stunden die erfreuliche Nachricht, daß er nun mit einem nicht unbedeutenden Gehalte dem Observatorium angehöre. Mit dieser frohen Botschaft fuhr er nach Dinant zu seiner Mutter. „Vergiß nicht, an Mistreß Stephenson zu schreiben!“ sagte ich lächelnd, als er in den Postwagen stieg. Eine auffallende Blässe überzog sein Gesicht: „Wie habe ich dies bis jetzt vergessen können?“ rief er und fuhr mit der Hand über die Stirn, auf welche eine finstere Falte trat. „Es ist merkwürdig, ich habe im Sturm, im Augenblick des Todes nicht an Harriet gedacht. – O welch schlechtes Gedächtniß hat mein Herz!“

Mein Schatz, der wohnt in Engelland
Und schaut auf’s Meer hinaus
Und über das Meer in’s Niederland –

blies der Postillon. „Hörst Du, was er bläst?“ fragte Henry, mich mit Schrecken anblickend – und fort rollte der Wagen.

Drei Tage nach Henry’s Abreise kam Madame Venloo mit Caspar Raick in Brüssel an. Sie wußte nicht, daß ich ihr gegenüber wohnte; ich hatte es auch der mittheilsamen Madame Denise verschwiegen. Am Tage ihrer Ankunft waren die Erkerfenster weit geöffnet worden und hatten mir einen Einblick in das Zimmer gestattet. Ich sah, daß es außerordentlich groß und mit einem dunkeln, tiefrothen Stoffe tapezirt war.

Mit Hülfe einer Opernlunette entdeckte ich eine rothe Ampel, welche von dem mit großen, wahrscheinlich mythologischen Figuren bemalten Plafond an messingener Kette herabhing, die blaßgrünen Gardinen eines Himmelbettes und einen hohen weißen Marmorkamin, dessen tief herabgehendes Dach von Säulen gestützt wurde, an welchen ich eine guirlandenartige Vergoldung wahrnahm.

Hier also schlief Madame Venloo; hier träumte sie; hier hatte sie, am mittelalterlichen Heerde sitzend, die „tiefe Traurigkeit im Gemüth“.

Da ich Henry in den nächsten Tagen zurückerwartete, verschob ich meinen Besuch bei ihr bis nach seiner Ankunft.

Seine erste Frage an mich war: „Ist Madame Venloo angekommen?“ und seine zweite: „Ist ein Brief von Harriet für mich hier?“

Ich konnte ihm beide Fragen mit „Ja“ beantworten.

Er öffnete den Brief und sagte: „Welch sonderbare Handschrift!“ Dann las er schnell die zwei beschriebenen Seiten; sein Gesicht wurde roth, und er steckte das Blatt in seine Tasche.

„Hast Du gute Nachrichten?“

Er antwortete nicht.

„Was schreibt Mistreß Harriet?“

„Ich weiß es nicht.“

„Du weißt es nicht? Du hast ja soeben den Brief gelesen –“

„In dem Briefe steht nichts,“ sagte er kurz.

„Sie hat Dir doch kein leeres Blatt geschickt,“ fuhr ich unbarmherzig fort.

„O – willst Du die Ueberschrift sehen? Aber nur die Ueberschrift!“

Er nahm das Blatt aus seiner Tasche und gab es mir. Unter den großen, in einer Vignette ruhenden goldenen Buchstaben H und S standen die schläfrig geschriebenen Worte: „Mein lieber kleiner Master Flomberg!“

Ich mußte lachen.

„Du findest das wohl hübsch?“ fuhr mich Henry an.

„Ich hätte nicht gedacht, daß Mistreß Harriet so originell sein könnte,“ gab ich ihm zur Antwort; „was schreibt sie wegen unseres Schiffbruches?“

„Sie ist ‚verry happy‘, daß ich nicht ertrunken bin.“

Er setzte sich und stand wieder auf und setzte sich wieder; dann trat er an’s Fenster und lüftete ein wenig den Vorhang. „Findest Du nicht,“ sagte er, „daß die blaßgrünen Gardinen da drüben außerordentlich sympathisch sind?“

„Ja, sehr sympathisch.“

„Wann werden wir Madame Venloo unsern Besuch machen?“

„Sobald Du willst.“

[517] „Wenn wir heute Nachmittag hinübergingen?“

„Gut, gehen wir heute Nachmittag.“

Die Sonne warf einen goldenen Strahl, gleich einem Kometenschweif, über die breite, wunderschön geschnitzte Treppe des alten Hauses, als wir, von Caspar Raick geführt, zum ersten Stockwerk hinanstiegen.

„Die eigentliche Façade des Hauses,“ sagte er, „liegt dem Hofe zugewandt; auf dieser Seite liegen auch alle Zimmer, mit Ausnahme des Erkersaales, welcher ursprünglich die ganze Tiefe des Hauses einnahm und späterhin durch eine Holzwand in zwei Theile getheilt wurde.“

Caspar Raick hatte eine ruhige Art zu sprechen und sprach, im Gegensatze zu seiner Schwester, sehr wenig. Sein graublaues Auge war ehrlich und verständig und seine Haltung würdig und bescheiden. Das Grauen, welches mir die Erinnerung an ihn bisher in alle Nerven schüttete, verlor sich indeß nie ganz, und Caspar Raick und ich wurden nur kühle Freunde.

Wir traten in ein Vorzimmer und von da in einen mäßig großen Salon, dessen braune Ledertapete ein hohes Alter verrieth; die Goldsternchen, mit welchen sie besäet war, hatten nur noch einen matten Glanz. Gelblich-weiße, mit bunten Blumen durchwirkte schwere Vorhänge hingen zusammengezogen von den Fenstern nieder, welchen gegenüber ein Kamin von fleischfarbenem Marmor sich erhob. Zwischen den beiden hohen Fenstern hing, vom Boden bis zur Decke reichend, ein Spiegel, dessen Rahmen aus buntem, mosaikartig zusammengesetztem Glase bestand und sozusagen hunderte von farbigen Spiegeln enthielt. „Alles dies,“ sagte Caspar Raick, „gehört zum Hause; Alles ist sehr alt. Man sagt, nach Befreiung der Niederlande sei das Haus bis Anfang dieses Jahrhunderts im Besitze der brabantischen Familie Tourstenaert gewesen und, nachdem dieselbe ausgestorben, von einem reichen Tuchfabrikanten angekauft worden, dessen Familie es längst nicht mehr bewohnt, sondern vermiethet. Es ist ein wenig melancholisch, das Haus“ – er lächelte – „aber Madame Venloo liebt das.“

Henry deutete auf die zusammengezogenen Vorhänge, welche ein köstliches Halbdunkel, ähnlich einem schwachen Gewitterscheine, im Zimmer verbreiteten. „Madame Venloo liebt die Stimmungen,“ flüsterte er mir zu; „wie sehr ist diese Frau innerlich!“

Da trat sie durch eine hohe braune Thür herein und sagte, traurig lächelnd: „Geht es Ihnen auch wie mir? Ich träume jede Nacht von unserm Schiffbruche, und am Tage kommt mir die Thatsache selbst wie ein Traum vor.“

„Manchmal däucht sie auch mir ein Traum zu sein; in diesem Augenblicke aber habe ich die Gewißheit, daß sie wirklich ist,“ erwiderte Henry.

Sie bat uns, einen Jeden, ihr zu erzählen, was mit uns vom Zusammenstoße der Schiffe bis zum Verluste unseres Bewußtseins geschehen war und was wir gedacht und empfunden. Henry wußte nicht viel zu erzählen, da er gleich das Bewußtsein verloren hatte, und da ich ihr nicht sagen konnte, was ich wirklich gedacht und empfunden, so log ich mich in eine brutale, egoistische Angst für mein Leben hinein, die nichts weniger als einen günstigen Eindruck auf sie hervorbringen konnte.

„Nun will auch ich aufrichtig sein,“ sagte sie. „Mein erster Impuls war gut und tapfer; ich dachte nur an Caspar, der eine Tochter hat, während ich Niemanden habe, Niemanden, und da ich nicht wußte, was geschehen war, und dachte, Sie, mein gütiger Herr“ – sie wandte sich zu mir – „könnten wohl eine, aber nicht zwei Personen retten, so empfand ich gar kein Entsetzen, als das Wasser mich von Ihnen losriß. Wenn nur Caspar gerettet wird, dachte ich; dann kam ein Moment der Betäubung. Als er vorüber war, wunderte ich mich, daß ich noch lebte, und dachte: Caspar ist ertrunken, Du nicht – und es war mir recht, daß nicht ich ertrunken war. Jetzt machte das Schiff eine entsetzliche Bewegung, und ich glitt nach vorn in die Tiefe. Ich empfand die furchtbarste Todesangst; ich dachte an die Qual des Ertrinkens und schrie – ich schrie, bis ich das Bewußtsein verlor. So wenig heldenhaft, so ganz jämmerlich bin ich gestorben, meine Herren. Ich versichere Sie, daß ich vor mir selbst beschämt bin.“

Wir beruhigten sie einigermaßen über diesen Punkt. Natürlich sprachen wir bei diesem ersten Besuche kaum von etwas Anderem, als dem Schiffbruche. Ich bemerkte, daß ihre Augen weniger groß waren, als ich geglaubt, und daß die Wärme ihres Blickes diese Täuschung hervorbrachte, vielleicht auch die langen schwarzen Wimpern. Ihr Lächeln hatte einen ganz besondern Reiz; ihre kleinen weißen Zähne schimmerten feucht wie Kürbiskerne zwischen den sanften Lippen. Sie trug bei unserm ersten Besuche ein Kleid von damascirter Seide, welches vom Halse bis zur Fußspitze durch hellblaue Gazeschleifen geschlossen war. Ich habe Madame Venloo nie anders, als in einem schwarzen Kleide und dem großen weißen Kragen gesehen, welcher in den zwanziger Jahren Mode war. Niemals trug sie andern Schmuck, als die große Goldnadel, mit welcher sie ihre Flechten am Hinterkopfe, ganz der Mode zuwider, aufsteckte.

„Welch reizender Gedanke!“ sagte Henry auf der Straße zu mir, „welch reizender Gedanke, ein Kleid mit Schmetterlingen zu schließen!“

„Schmetterlingen? Ich bitte Dich, es waren keine Schmetterlinge, sondern Bandschleifen.“

Ungeduldig sagte er: „Als ob solch leichte Schleifen etwas anderes wären, als fixirte Schmetterlinge! Die Schleife ist keine Erfindung; sie ist eine Nachahmung; frage Madame Venloo, ob ich nicht Recht habe.“

„Madame Venloo wäre wohl sehr erstaunt, wenn ich sie danach fragte.“

„Erstaunt? Diese Frau versteht Alles, denn sie fühlt Alles. Ich bin überzeugt, daß sie an die Bewohntheit der Welten glaubt.“

„Das ist sehr möglich.“

„Nein, das ist gewiß,“ sagte er und blieb stehen.

„Was denkt Mistreß Stephenson darüber?“ frug ich.

Er warf mir einen scheuen Blick zu. „O, ich verstehe Dich,“ sagte er; „übrigens heirathet man eine Frau nicht, um mit ihr über Astronomie zu sprechen.“

„Das ist wahr, man macht sie im Gegentheil zu einem Stern und wird ihr Trabant, besonders, wenn man so ein lieber, kleiner Master Flomberg ist,“ sagte ich.




Henry hatte stets eine fast absurde Antipathie gegen das „am Fenster sitzen“ gehabt. Die Personen, welche diese Gewohnheit hatten, waren ihm in innerster Seele zuwider; er selbst setzte sich, auch wenn er las, in möglichst große Entfernung der Fenster, und diese waren stets so vollständig verhängt, daß auch nicht die leiseste Lücke zwischen den Vorhängen sichtbar war.

Aber nun! Wenn er zu mir kam – und er kam mehr denn einmal am Tage – war seine erste Bewegung, einen Stuhl an’s Fenster zu rücken, mit einem Papiermesser oder einem Zirkel die Mousselinvorhänge auseinander zu halten und sich genau so zu setzen, daß, wenn er vom Buche, in welchem er bei mir zu lesen pflegte, seitwärts sah, sein Auge durch die Lücke der Vorhänge auf den Erker treffen mußte. Ich beherbergte so zu sagen meinen Doppelgänger. –

„Ich habe Harriet geschrieben,“ sagte er eines Tages, „daß es mir unmöglich ist, in den nächsten vier Wochen eine Wohnung zu suchen und alle zur Verheirathung nöthigen Schritte zu thun. Ich habe sie um Geduld gebeten für zwei, für drei Monate. –“

Er kämpfte.

Wir gingen öfter zu Madame Venloo und brachten in ungezwungener Weise unvergeßliche Stunden bei ihr zu. Selten saßen wir im Salon, meist in einem großen, neben dem Salon liegenden Zimmer, welches die zweite Hälfte des Erkersaales war, was ich sogleich an dem gemalten Plafond und der den Fenstern entgegengesetzten, getäfelten Holzwand errieth. Die Fenster waren ungleich; in der Mitte befand sich ein breites, aus drei Flügeln bestehendes, und zur Seite je ein schmales, die einen maurischen Aufsatz hatten, in welchen farbiges Glas gefügt war. Taubengraue Seidenvorhänge drapirten Fenster und Thüren und milderten den Tag durch einen sanften Silberschimmer. Möbel von gleichem Stoffe standen regellos in dem großen Raume, dessen Mitte ein länglicher, geschnitzter Tisch von mattem Holze einnahm. In zwei der Ecken des Zimmers standen hohe Etageren, welche blühende Pflanzen trugen; an einer der Seitenwände erhoben sich zierliche geschnitzte Bücherschränke; [518] aus der andern trat ein hoher Mantel-Kamin von blaugrüner Fayence, an welchem sich gut träumen ließ. Madame Venloo liebte es zu träumen – dies sagten ihre Augen und ihre Zimmer.

Ein Clavier hatte dieses Boudoir nicht aufzuweisen. Madame Venloo spielte nicht Clavier. Eine Frau der damaligen Zeit konnte gebildet sein, ohne Clavier zu spielen. (Ich kenne mehrere Männer, welche die Männer der damaligen Zeit unendlich, ja mit Ingrimm beneiden.)

Madame Venloo spielte ein anderes Instrument, ein Instrument voll süßer Poesie: die spanische Mandoline, welche über einem Divan an der Wand hing, von einem purpurfarbigen Bande gehalten, das über dem Perlmuttergriff zu einer bauschigen Schleife geschlungen war. Weder Gemälde noch Kupferstiche, so sehr in der Mode damals, schmückten diese Zimmer. „Wenn ich ein Bild sehen will,“ sagte Madame Venloo, „so gehe ich in eine Bildergalerie; mir scheint, man sollte Kunstwerke nicht beständig vor sich haben; man gewöhnt sich so an sie, daß man sie zuletzt gar nicht mehr ansieht.“

In diesem Raume saßen Madame Venloo und ich und lauschten Henry’s Geigenspiel, das aus einer dämmerigen Ecke, welche sein Lieblingsplatz war, geheimnißvoll erklang. Gar bald bemerkte ich, daß mein schwarzer Stern seinen Doppelstern in Henry gefunden hatte. Der Strahl ihres Auges ruhte nicht nur unverwandt auf seinem Angesicht, das, wenn er spielte, wunderschön ward, er wurde magisch – er wuchs in sein Angesicht hinein. Und ihre Züge, ihre Haltung! Sie saß wie in sich geknickt, ihre Arme ruhten ausgestreckt auf den Armen des Sessels und an ihren herabhängenden Händen spreizten sich ihre Finger ein wenig wie unter einer ekstatischen Spannung. Ja, sie horchte nicht nur mit dem Ohr, sie horchte auch mit den Augen und mit dem Munde. Wenn er dann geendet hatte, so sprach sie lange kein einziges Wort. Zuweilen rief sie die blonde Marion; diese setzte sich dann mit ihrem Klöppelkissen zu uns und warf die Spulen mit unfaßlicher Geschwindigkeit und Sicherheit herüber und hinüber. Manchmal saß Caspar bei uns und sprach über die Kunst des Edelsteinschleifens; oder er knetete aus weichem Brod allerhand Thiere und Menschenköpfe. Zuweilen – und das waren die süßesten Stunden – nahm Madame Venloo die Mandoline von der Wand und begleitete sich darauf zum Gesange alter spanischer Romanzen. Das Wort „Gesang“ ist eigentlich hier nicht richtig, denn sie sang mit weniger als halber Stimme, aber dieser schüchterne Hauch einer Stimme war so angenehm, so sympathisch, so ausdrucksvoll, daß Henry’s Bemerkung, ihre Stimme sei eine „Offenbarung“, vollständig richtig war. Die spanische Mandoline, die kleine, welche nur mittlere und tiefe Saiten hat, besitzt einen weichen, dunkeln Ton voll süßester Melancholie, ähnlich dem der Viole d'amour. Wenn man eine oder zwei nebeneinander liegende Saiten längere Zeit leise und sehr schnell anschlägt, so entsteht ein eigenthümlicher Laut, welcher an das träumerische „ronron“ der Katze erinnert. Die Begleitung jeder Strophe einer Romanze fängt mit diesem sanften „ronron“ an, und es bleibt dem Geist und der Empfindung des Sängers überlassen, es nach dem Inhalt der Strophe zu verstärken und durch volle und gebrochene Accorde zu unterbrechen. Madame Venloo verstand es, der Begleitung reiche und charakteristische Nüancen zu geben. Beim Klang ihrer Stimme und der Mandoline vergaß man Ort und Zeit; man war nicht mehr in Brüssel oder Gent, man war in Sevilla und sah die Blüthe spanischer Ritterschaft auf geharnischten Rossen durch die Straßen ziehen; man stand im Mondschein vor einem Thurme zu Cordova und lauschte den Liebesklagen einer gefangenen Zuleima und sah am Gitter ihren weißen Schleier flattern; man stand im Löwenhofe der Alhambra, wo die Wasser plätschern, und hörte Schwerter klingen und sah im Auge der Maurin Blut und Thränen funkeln; man lehnte an einer Säule der Kathedrale zu Burgos und sah Donna Inez mit niedergeschlagenen Augen vor der großen Muttergottes knieen und die Achatkugeln ihres Rosenkranzes über die weißen Finger gleiten.

Nach solchen Abendstunden hatte ich mit meinem Herzen jedes Mal einen neuen Kampf zu bestehen. „Was kann ich dafür, daß du graue Haare hast?“ sagte es zu mir.

Henry überraschte mich eines Tages durch die Frage: „Hast Du Marion schon genau angesehen? Thue es! Sie gefällt mir nicht; sie hat einen lauernden Blick und einen alten Zug in ihrem jungen Gesicht, der ein Zeichen von wenig Güte ist.“

Es war mir nie eingefallen, Marion besonders anzusehen, allein ich hatte, wenn sie zugegen war, stets ein leises Unbehagen empfunden. Jetzt, nach Henry’s Bemerkung, fing ich an sie zu beabachten. Hundertmal sah sie während des Klöppelns von unten herauf nach Madame Venloo und nach Henry hinüber, schnell und unbemerkbar für Jeden, der sie nicht aufmerksam beobachtete. Ich begann absichtlich ein Gespräch mit ihr und fand, daß ihr hellblaues Auge einen kalten, harten Glanz hatte, ähnlich einem Eistropfen.

„Glauben Sie,“ sagte ich zu Madame Venloo, „daß Marion einen guten Charakter habe?“

„Nein, das glaube ich nicht,“ antwortete sie unbefangen. „Allein sie ist noch sehr jung; ich ziehe sie durch Güte vielleicht an mich heran. Sie ist sehr begabt, sehr lernbegierig, aber ziemlich gemüthlos. Indessen hoffe ich dennoch –“

„Ihr ein Herz zu geben? Das können Sie nicht,“ rief Henry.

„Sie nehmen es sehr ernsthaft,“ sagte Madame Venloo lächelnd.

„Wenn Sie wüßten, wie mir ihre Gegenwart das Gemüth einengt!“ klagte Henry.

„O – ist es möglich? Dann werde ich sie nur selten, nur ganz selten herauf rufen.“

Henry überließ sich seinem Herzen mit einer Unvorsichtigkeit, die mich beunruhigte. Ein Kind hätte errathen, daß er brannte; wie hätte Madame Venloo es nicht errathen sollen? Wenn wir bei ihr eintraten, strahlte sein Gesicht, und er hielt ihr, ganz gegen die Sitte, seine Hand hin, bis sie sie endlich ergriff, denn sie zögerte jedes Mal. Dann beugte er sich über diese weiße Hand, seine Lippen berührten sie kaum, aber länger, als es üblich ist. Und jedes Mal wandte sie sich dann erröthend zu mir und sagte: „Wie geht es Ihnen?“ Sie dachte offenbar nichts dabei, sie, die sonst nie eine alltägliche, gedankenlose Frage that. Dieses „Wie geht es Ihnen?“ war ein höflicher Hülferuf in ihrer Verlegenheit. Henry sprach ein wenig spanisch; wenn er nun im Gespräche einem Worte oder einem Satze besondern Nachdruck geben wollte, so gebrauchte er spanische Worte; er warf ihr diese Worte wie glühende Blumensträuße zu, und ich sah, daß ihr Duft sie berauschte. Zugleich aber bemerkte ich auch, daß die „große Traurigkeit in ihrem Gemüth“ mit Spanien im Zusammenhange stand. Sie selbst sprach nie von Spanien, und, wenn Henry es that, so wurde sie einsilbig und es trat ein Schatten auf ihre Stirn.

Ich fühlte, daß hier ein Geheimniß lag; ich war überzeugt, daß sie den Tod ihres Mannes nicht betrauerte.

Wenn wir sie verließen, verlor Henry, der sonst so gewandt war, alle Haltung. Es war, als wenn eine bleiche, kalte Finsterniß ihn jäh überfiele, wenn ich das Zeichen zum Aufbruche gab; seine Hände zitterten; die Sprache versagte ihm; er sagte Madame Venloo nur mit den Augen Adieu und ging wie ein Mensch, der Alles verloren hat, neben mir die Treppe hinab.

[531] Wochen waren vergangen. Die Frist, welche Henry von Mistreß Harriet erbeten hatte, war ihrem Ende nahe, und er dachte nicht an die nöthigen Schritte zu seiner Verheirathung. Er war oft von einer beunruhigenden Düsterheit befallen, hauptsächlich an den Tagen, die auf seine der Astronomie gewidmeten Nächte folgten.

Ich fragte ihn nach der Ursache: „Bist Du mit Deiner Stellung am Observatorium unzufrieden?“

„Nein, im Gegentheil, sie ist in jeder Beziehung angenehm.“

„Quält Dich eine astronomische Schwierigkeit? Suchst Du eine neue Nebulose?“

Er schüttelte den Kopf. „Nichts von alle dem. Sieh, wenn ich so eine ganze Nacht in der Unendlichkeit der Himmel gewesen bin und durch diese Straße nach meiner Wohnung gehe und blicke zu dem dunkeln Erker hinauf und grüße im Geiste Charlotte Venloo, so bleibt mir die ganze Erhebung der Seele. Und gehe ich dann weiter und schließe meine Hausthür auf und denke: in einigen Wochen findest du in deinem Zimmer Harriet, deine Frau – dann sinkt der Thermometer meiner Seele auf Null, die Sterne fliehen, und ich verliere mich selbst.“

„Ich weiß,“ sagte ich, „Deine Situation wird unmöglich auf die Länge; Du mußt zu einem Entschlusse kommen, Du bist es Harriet, Dir – und Madame Venloo schuldig.“

„Wie? Glaubst Du, daß sie mich – daß ich ihr nicht gleichgültig bin?“

„Ich weiß nicht, ob ich es glaube; allein ich bin überzeugt, daß sie Dich versteht und zu lieben vermöchte. Nun mußt Du wohl auch bemerkt haben, daß ihr alle Deine Ideen sympathisch sind, daß sie Alles, was Du sagst, so eigenthümlich es auch sein mag, in sich aufnimmt, ihre Ueberzeugungen in den Deinen erlöschen läßt und sich, jedenfalls unbewußt, nichts Eigenes mehr Dir gegenüber bewahrt. Ihr beide spielt mit dem Feuer wie Kinder und merkt nicht, daß Eure Finger schon heiß werden. Gar Du! Du siehst sie mit Blicken an, welche Alles sagen, nur das nicht: ich habe eine Braut in England.“

„O, ich würde sie mit noch ganz anderen Blicken ansehen, wenn ich mir nicht stets vorsagte: du hast eine Braut in England. England! Sieh, dieses Wort, wenn ich es lese – und es steht in allen Zeitungen und in fast allen Büchern – macht mich physisch krank; – es treibt mir alles Blut zum Kopfe; es macht mir die Kniee zittern und das Herz stille stehen. Auf einer ganzen gedruckten Seite lese ich nichts als: England, England, England! – Wäre ich ein Titane, ich würde die ganze Insel in’s Meer stürzen.“

Er bebte, und seine Augen schlossen sich krampfhaft.

„Laß Dir von Mistreß Harriet das Wort zurückgeben!“ sagte ich.

„Wie kann ich das? Sie vertraut mir; sie baut auf mich; ich kann sie nicht unglücklich machen. Ich selbst wäre dann keines Glückes mehr würdig.“

„Es fragt sich, ob sie unglücklich würde. Ich kann, ohne Dich beleidigen zu wollen, nicht glauben, daß sie Dich liebe.“

„Immerhin habe ich ihr mein Wort gegeben.“

„Wenn Du nicht mit ihr brechen willst, so bleibt Dir nichts übrig, als noch in dieser Stunde von Madame Venloo zu fliehen.“

„Schweig, schweig!“ rief er und stürzte zum Zimmer hinaus.

Was war zu thun? – „Schreibe seiner Mutter!“ rief eine Stimme in mir. Sogleich entwarf ich einen Brief an sie, die Situation ihres Sohnes und seine Seelennoth schildernd. Ihre Antwort war kurz und überraschte mich durch ihre Bestimmtheit. Die vortreffliche Frau schrieb:

„Henry kann schwerlich sein Wort zurücknehmen; es wäre gut, zu wissen, ob sie unter Umständen nicht das ihrige zurücknähme. Schreiben Sie mir umgehend, ob Mistreß Stephenson französisch versteht! Drängen Sie Henry vor der Hand zu keinem Entschlusse und lassen Sie ihn zu der Dame gehen, von der Sie mir so viel Gutes sagen!“

Ich schrieb ihr noch kürzer:

„Mistreß Stephenson versteht französisch und spricht es leidlich. Sie sind ein Genie – aus Liebe.“

Ich zerbrach mir den Kopf mit allen möglichen Versuchen, Mutter Flomberg’s Plan zu errathen – ich errieth ihn nicht. Nie wird ein Mann mit all seinem Scharfsinn eine Frau an Erfindung und Kühnheit erreichen, wenn es sich darum handelt, ihr Kind oder den Mann, welchen sie liebt, aus einer Gefahr zu retten.

Zwei Tage nach unserm letzten Gespräche erhielt Henry einen Brief von Mistreß Stephenson, in welchem sie ihn bat, die Verheirathung um noch einen Monat zu verschieben, da sie ihren Bruder von den Azoren erwarte, der ihrer Trauung beizuwohnen wünsche. Henry athmete auf; ich hoffte, der liebe Bruder von den Azoren werde durch eine Windstille eine recht, recht lange Fahrt bekommen.


[532] Etwa um diese Zeit machte ich durch einen Zufall die Bekanntschaft des spanischen Gesandten, welcher mir viele Sympathie zeigte und mich und, da Henry und ich unzertrennlich waren, auch ihn in seinen engeren Kreis zog. Er war seit drei Jahren in Brüssel und vordem lange Jahre Gesandter in Schweden gewesen. Bei ihm lernten wir einen Cubaner kennen, einen Mann von großem Wissen und feiner Weltbildung. Sein Alter zu errathen war kaum möglich, da sein braunes Gesicht von Blatternarben ganz zerrissen war und die vielleicht ursprünglich schönen Züge eine entsetzliche Zusammenziehung erlitten hatten. Dieser Mann war mir nicht angenehm, Henry hingegen fühlte sich zu ihm hingezogen. Er lobte sein reiches Wissen, seinen glänzenden Witz und die Courtoisie seines Benehmens. Ich mußte dies Alles zugeben, allein ich konnte mich von dem Gefühle eines Unbehagens ihm gegenüber nicht frei machen. Was war es denn, das mich von diesem Manne abstieß? Vielleicht der durchdringende, zu sehr beharrende Blick seines tiefliegenden Auges, das dunkel und klar wie ein Kaffeetropfen war? Vielleicht die etwas stolze Art, mit welcher er sich im Gespräche gleichsam in die Mitte stellte, wie die Geisterbeschwörer thun, damit sich kein Atom ihrer Kraft über den gezogenen Kreis hinaus verliere?

Ich beschäftigte mich in meiner Jugend mit der Baukunst. Vialez, der Cubaner, bewohnte ein kleines Haus, in welchem er einige Veränderungen vorzunehmen wünschte; er hatte sich entschlossen, Brüssel für mehrere Jahre, wenn nicht für immer, zu bewohnen. Ich konnte seine Bitte, das Haus anzusehen und ihm meine Ansicht über seinen Plan zu sagen, nicht ausschlagen. Es ist unnöthig, daß ich von diesem Plane spreche. Nachdem er mich in die auf der Rückseite des Hauses liegenden Zimmer geführt, sagte er, ein Fenster öffnend: „Diese Zimmer sind die angenehmsten; sie haben die Aussicht auf ein sehr altes, interessantes Haus und,“ fügte er lächelnd hinzu, „auf eine allerliebste kleine Blondine, welche Spitzen klöppelt und hinter dem Rücken ihrer Mutter Grimassen schneidet.“

Ich blickte hinüber: es war das Haus, welches Madame Venloo bewohnte. Diese Entdeckung war mir unangenehm. Warum? Wer erklärt die Kräfte, welche in der menschlichen Seele liegen? Wer erklärt, was es ist, wenn plötzlich, wie ein Blitz, das Gefühl einer Gefahr in uns ersteht, ohne Anhaltspunkt, ohne Grübelei, ohne Vorbedacht, aber sicher und unabweisbar und nie umsonst?

„Kannten Sie dieses Haus schon?“ frug Vialez und zeigte hinüber.

„Ja wohl! Welcher Architekt in Brüssel sollte es nicht kennen? Es ist eine Studie, eine köstliche Studie!“

„Ich habe einen jungen Menschen bei mir, der weniger als mein Freund und mehr als mein Diener ist; ihm habe ich diese Zimmer überlassen. Er ist entschlossen, die Blondine zu erobern und hat schon eine Zeichen-Correspondenz mit ihr angefangen,“ sagte Vialez lachend.

Da ich von Caspar Raick’s Ehrenhaftigkeit überzeugt war, theilte ich ihm noch denselben Tag mit, was Vialez mir gesagt. Er hörte mich ruhig an und sagte dann, mir die Hand drückend: „Ich bin ein unglücklicher Mann und könnte doch so glücklich sein. Wenn Sie wüßten, welche Sorgen Marion mir macht! Sagen Sie Madame Venloo nichts! Sie macht sich schon genug Sorgen um das Mädchen. Denise ist so schwach. Marion kann keinen Respect vor ihr haben, und für mich hat sie wenig Zuneigung; sie kennt mich ja erst seit einem Jahre. Ich frage mich oft, ob ich recht that, als ich nach Spanien ging, ein ein kleines Vermögen für sie zu sammeln. Sie hat auch keine Zuneigung für Madame Venloo, und dies ist mein größter Kummer.“




Madame Venloo hatte den Wunsch geäußert, einmal einige Stunden der Nacht im Freien mit einem guten Fernglase zuzubringen.

So fuhren wir eines Abends mit ihr und Caspar durch das Wäldchen von Boustré gegen Salaert hinaus. Die Nacht kam herab; im Westen zog sich über der schwarzen Linie des Wäldchens ein dunkel verglühender Purpurstreifen hin, den eine orangenfarbige Wolkenschicht von dem grünblauen Himmel trennte, in welchem schon einzelne Sterne flimmerten. Es hatte gegen Abend ein wenig geregnet; die Erde hauchte noch den köstlichen Duft des durchfeuchteten Staubes aus; im Grase glomm da und dort das phosphorische Licht des Johanniswürmchens. Die Vögel schliefen; die Stille war so wunderbar, daß das Geräusch unserer Wagenräder wie ein häßlicher, abscheulicher Mißton in unser Ohr drang. Wir fuhren etwa eine halbe Stunde über das Dorf Salaert hinaus und stellten die kleinen Feldstühle, welche wir mitgenommen, sowie den Fuß des Fernglases am Rande einer Wiese auf. Wir hatten einen weiten Himmel über uns, und er hatte jetzt seine strahlenden Räthsel alle aufgedeckt. Madame Venloo interessirte sich nicht für den Mond. „Ich habe ihn als Kind so sehr gefürchtet, daß mir eine Art Abneigung gegen ihn geblieben ist; zeigen Sie mir Saturn und Jupiter und die fernen Sonnen!“ sagte sie zu Henry. Ich bemerkte in ihren Zügen etwas, das ich nicht durch Worte bezeichnen kann; es war etwas, das zu sagen schien: Warum kämpfe ich gegen mein Herz? Ich will nicht mehr kämpfen; die Sterne, die Unendlichkeit rufen mir zu: liebe!

Henry war wie entzündet. Er richtete das Fernglas, führte Madame Venloo hinzu und nahm, wenn sie den Stern nicht fand, ihr Haupt in beide Hände und rückte es sanft, bis ihr Auge auf den Stern traf und sie ein mehrfaches „Oh!“ der Bewunderung ausrief. Dann erklärte er ihr, was man damals von jenen Sternen wußte, und seine Stimme zitterte vor Glück. Seine Rede ward eine Flamme – er hielt immer den feinen Kopf in seinen Händen, und Charlotte Venloo schien diese Gefangenschaft nicht hart zu finden. Ich glaube heute noch, daß sie weit öfter die Augen schloß und sich dem magnetischen Einflüsse von Henry’s Händen hingab, als die Sterne betrachtete.

Wie sie vom Fernglase wegging, beide Hände auf die Brust gedrückt, und ich sagte „Sie sind bewegt?“ da ward sie roth, als stünde sie unter Arkturus’ Flammen, und sagte stammelnd:

„Wie könnte der, welcher eine Seele hat, bei einem solchen Anblicke unbewegt bleiben! Blicken Sie durch das Fernglas und sehen Sie da, wo Sie mit freiem Auge einen Stern sahen, Hunderte, Tausende von Sternen, und zittern Sie nicht, wenn Sie’s vermögen!“

Später sagte sie zu Henry: „Wie stark sind Sie, daß Sie im Umgange mit den Sternen noch die Erbärmlichkeiten unserer Existenz, unserer Gewohnheiten ertragen! Daß Sie noch essen können, ohne sich ein Gräuel zu sein, daß Sie noch Frack und Handschuhe anziehen und bei Hofe Ihre Aufwartung machen können und – und die Soldaten exerciren sehen, ohne vor Lachen umzusinken!“

„Hat die Erde nicht auch ihre Poesie? Hat sie nicht die Musik und – die Liebe?“ fragte Henry.

Charlotte Venloo fand für gut, auf diese Frage nicht zu antworten. Sie setzte sich auf ein Feldstühlchen und ihre Augen schienen nach innen zu blicken.

Caspar Raick, welcher inzwischen auch durch das Fernglas geschaut hatte, faltete seine Hände und sagte mit trauriger Demuth:

„O Gott, wie viel größer bist Du, als ich in meiner Einfältigkeit glaubte!“

Henry hatte seine Geige mitgenommen; er holte sie aus dem Wagen, und nun ertönten ihre Klänge durch die Stille der Nacht wie eine Hymne an die Sterne und – an die Liebe. O Musik, welche Sprache könnte dir verglichen werden, du allerreinster, allersüßester, allermächtigster Ruf der eingekerkerten Seele!

Wir lauschten der Geige in stiller Ekstase; die Geige gab uns Thränen und gab uns Flügel. Henry stand vor uns wie ein höheres Wesen, und die Sterne über uns flimmerten und zuckten mit himmlischem Feuer.

Plötzlich weckten uns Schritte. Henry’s Bogen glitt mit einem schrillen Laute über die Saiten herab; ich blickte um mich: zwei Männer schritten zur Wiese her, und der Eine von ihnen sagte mit einer Stimme, die mir bekannt schien:

„Lassen Sie sich nicht stören! Bitte, erlauben Sie, daß wir zuhören!“

Charlotte Venloo, welche neben mir saß, stand auf, that zwei schwankende Schritte gegen Henry, streckte die Hände aus – und sank zur Erde.

Wir hoben sie auf. Sie war ohne Bewegung, ohne Bewußtsein.

„Mein Gott! Es war zu viel Erregung für sie,“ stammelte Henry.

[533] „Schnell in den Wagen!“ sagte Caspar Raick, der an allen Gliedern zitterte und gespenstisch weiß geworden war.

Wir trugen sie zum Wagen, an den beiden Männern vorüber.

„Die Dame ist unwohl geworden? Lassen Sie mich Ihnen helfen!“ sagte Vialez, den ich jetzt erkannte.

Caspar Raick zog mit bebender Hand der Ohnmächtigen Tuch über ihr Gesicht. Henry hielt sie im Wagen in seinen Armen und Caspar stellte sich davor, während ich Geige, Fernglas und die Stühle mit Vialez’ und seines jungen Begleiters Hülfe holte.

„Welch toller Einfall,“ sagte Vialez lachend, „gleich Arabern den Sternen etwas vorzusingen! Und auch ein Fernglas haben Sie mitgenommen? Und Stühle?! Sie wollten wohl die ganze Nacht hier bleiben? Ah, zu viel Poesie ist schädlich. Sie haben den Beweis davon gesehen – Ihre Dame wurde ohnmächtig.“

„Die Dame ist nicht meine Dame,“ sagte ich verweisend; er war mir unerträglich in diesem Augenblicke. Endlich hatte ich Alles in den Wagen gebracht und stieg hinein. Wir fuhren davon; Henry hielt die noch bewußtlose Charlotte im Arme und feuchtete ihre Stirn und Schläfen mit einem Tuche, welches ich in’s thauige Gras gedrückt hatte.

So plötzlich, so unerklärlich plötzlich war die Störung gekommen. Ich sann und fragte mich: „Was war das?“




„Marion, wie befindet sich heute Madame Venloo?“ fragte ich am folgenden Morgen das Mädchen und faßte sie scharf in’s Auge. Es war mir in der Nacht plötzlich eingefallen, daß, als wir am Rande der Wiese hielten und ausstiegen, eine Kutsche hinter uns und an uns vorbeifuhr; ich dachte nun, Vialez’ Erscheinen bei der Wiese sei vielleicht kein Zufall gewesen.

Marion war stark; sie hielt meinen Blick ohne Erröthen aus. „Madame Venloo scheint wohl zu sein; sie ist schon ausgegangen.“

„Schon ausgegangen? Ah! – Seien Sie nicht so entsetzlich fleißig schon am frühen Morgen,“ sagte ich, nahm ihr das Klöppelkissen von den Knieen und setzte es auf die meinigen.

Sie lachte: „Wollen Sie mir zeigen, wie ungeschickt Sie sind? Es ist nicht nöthig – ich glaube es ohnedies.“

„Marion, Marion! – Ihre Spitze ist seit acht Tagen nur um ein kleines, kleines Stückchen länger geworden, und doch sitzen Sie immer und klöppeln – oder thun Sie vielleicht nur so?“ Ich nahm ihre kleinen blutreichen Hände in die meinen und küßte sie.

Mit einem raschen Blicke sah sie hinüber zu Vialez’ Hause; da sie wahrscheinlich Niemanden am Fenster sah, ließ sie mir ihre Hände, und ich drückte noch einen Judaskuß darauf.

„Sagen Sie, Marion, warum ist Ihre Spitze in acht Tagen nur um ein so kleines Stückchen länger geworden? Sind Sie verliebt?“

Sie erröthete leicht. „Arbeitet man denn weniger, wenn man – wenn man verliebt ist?“

„Viel weniger, Marion, viel weniger! Man arbeitet fast gar nicht mehr.“

„Wirklich? Was thut man dann?“

„Man denkt immer an die liebe Person; man träumt von ihr den ganzen Tag, und wenn man kann, so schaut man oft zu ihr hinüber und – dies ist ganz gewiß – man meint, Andere bemerken es nicht.“

Marion's Hände wurden kalt und feucht – ich ließ sie nicht los.

„Dies sind Dinge, die ich nicht kenne und nicht verstehe,“ sagte die kleine Heuchlerin mit einem Blicke über die Hofmauer; „ich bin noch zu jung, viel zu jung dazu.“

„Wie alt sind Sie denn, Marion?“

„Siebenzehn Jahre.“

„Siebenzehn! Schon siebenzehn! O, mit siebenzehn Jahren darf ein Mädchen sich verlieben, Marion; ich darf Ihnen das sagen, ich bin ein alter Mann mit grauem Haare.“

Sie sah mich von unten herauf an. „Man könnte meinen, Sie hätten sich die Haare grau gefärbt, um jungen Mädchen so etwas sagen zu dürfen.“

„Nein, nein, Marion, ich bin alt, fast noch einmal so alt, wie Sie. Wie alt ist denn Madame Venloo?“

„O, Madame Venloo ist nicht mehr jung; sie ist schon fünfundzwanzig Jahre alt.“

„Schon fünfundzwanzig Jahre? Das ist freilich sehr alt. Sie sieht noch jung aus –“

„Finden Sie Madame Venloo schön?“ Bei diesen Worten wurde wie mit einem Zauberschlage ihr siebenzehnjähriges Gesicht recht häßlich alt.

„Schön? Nein, Madame Venloo ist nicht schön, aber sie ist sympathisch und interessant.“

Marion biß sich in die Unterlippe: „Ja – ja, die Herren finden die Damen interessant, die in Ohnmacht fallen; das könnte ich auch zuwege bringen, wenn es sein müßte.“

„Wenn es sein müßte? Glauben Sie denn, Madame Venloo sei gestern nicht wirklich in Ohnmacht gefallen?“

„Ich weiß es nicht. Ist sie schon andere Male in Ohnmacht gefallen, wenn Herr Flomberg auf der Geige spielte?“

„Nein; sie ist auch nicht durch das Geigenspiel ohnmächtig geworden.“

„Wodurch denn?“

Der ironische Ton ihrer Frage befriedigte mich; er bestätigte meine Vermuthung. „Vielleicht durch die Nachtluft oder durch zu langes durch das Fernrohr schauen, vielleicht auch durch das plötzliche Dazwischentreten zweier Herren; es ist möglich, daß dies sie erschreckt hat. Sie lächeln, Marion? Sie glauben es nicht?“

„O doch, ich halte dies für möglich, für wahrscheinlich,“ sagte sie mit gewissem Nachdrucke.

„Sie sind ein außerordentlich verständiges Mädchen, Marion; man kann mit Ihnen über Alles sprechen.“ Ich drückte meinen dritten Judaskuß auf ihre rothen Händchen. „Es ist wirklich schade, daß Sie gestern nicht mit uns fuhren; die Nacht war wunderschön, und gar der Himmel! Vielleicht hätten Sie uns auch sagen können, woher so still und so plötzlich die beiden Herren kamen –“

Ihre Hände zuckten in den meinen, aber ihre Wimper zuckte nicht, als sie mit künstlichem Lächeln sagte: „Wie hätte ich dies wissen können?“

„O, Sie haben gute Augen, gute – und schöne Augen, Marion. Sie sind sehr klug, und wer weiß? Sie könnten vielleicht Manches sagen, wenn Sie nur wollten, zum Beispiel wer die Herren sind –“

„Sie irren,“ sagte sie ausweichend, „ich kenne die Herren nicht.“

„Das ist auch unnöthig, Marion – ich kenne sie.“

Das traf. Sie blickte zur Seite, krampfhaft athmend, und versuchte, mir ihre Hände zu entziehen; ich hielt sie fest. „Denken Sie nur, Marion, es waren Ihre Nachbarn von da drüben, Herr Vialez und sein – Bedienter, ein junger hübscher Mensch, braun wie ein Zigeuner, Sie haben ihn gewiß schon oft am Fenster gesehen, nicht? Herr Vialez wollte auch die Sterne sehen; welcher Zufall, gerade in derselben Nacht, da wir sie sehen wollten und – und sogar an derselben Stelle, über zwei Stunden weit von Brüssel – ist es nicht ein merkwürdiger Zufall, Marion?“

„Lassen Sie mich! Mir wird unwohl,“ sagte sie.

Ich wußte genug. Madame Denise rufend, verließ ich Marion, für welche, eher als sie gedacht, die Stunde gekommen war, in welcher sie eine Ohnmacht zuwege bringen sollte.

Caspar mußte unbedingt von meiner Entdeckung unterrichtet werden, da er aber mit Madame Venloo ausgegangen war, so suchte ich vorläufig Henry auf.

„Eben wollte ich zu Dir gehen,“ rief er mir entgegen und reichte mir einen offenen Brief. Ich sah meinen Freund mit Erstaunen an; sein Auge leuchtete von Muth und Glück, und auf seinen Lippen ruhte eine selige Zuversicht.

„Was hast Du?“ fragte ich.

„Lies, so lies doch!“

Der Brief war von Mistreß Stephenson:

„Werther Master Flomberg! Ihre gute Mutter hat mir ein Buch geschickt, welches Sie vor zwei Jahren verfaßt haben. Sie wollte mir eine große Freude dadurch bereiten, aber ich bin gezwungen Ihnen zu sagen, daß mir das Buch nicht gefällt. Ich bin im guten alten Christenglauben erzogen worden, und die vielen heidnischen Dinge in Ihrem Buche entsetzen mich. Ich kann nicht die Frau eines Mannes werden, der nicht Alles glaubt, was ich und alle guten Christen glauben, auch würde mein Bruder, welcher, wie Sie wissen, Geistlicher ist, Sie niemals als seinen Schwager anerkennen. Seien Sie überzeugt, daß ich etc.“

[534] „Danke Deiner Mutter!“ sagte ich zu Henry, „sie schickte Mistreß Stephenson Dein Buch, weil sie seine Wirkung voraussah.“

Seine Augen füllten sich mit Thränen; er setzte sich an seinen Tisch und schrieb an seine Mutter. Eine Stunde später ging er zu Charlotte Venloo; ich blieb in der untern Stube, Caspar Raick erwartend, der, nachdem er Madame Venloo nach Hause begleitet hatte, nochmals ausgegangen war. Mit dem Auge die Höhe der Hofmauer messend, erkannte ich, daß ein gewandter Mensch sie leicht erklimmen konnte, da sie nicht nur weniger als acht Fuß hoch war, sondern auch durch die Ungleichheit und Rauhheit der Steine dem Fuße genügenden Anhalt gab. Ich mochte eine halbe Stunde gewartet haben, als Henry hereintrat; ich erschrak – er sah zerstört aus; sein Gesicht, starr und weiß, war wie verkalkt. Er nahm meinen Arm und zog mich aus der Stube, aus dem Hause und über die Straße. In meinem Zimmer angekommen, zog ich ihn auf den Divan, setzte mich zu ihm, und faßte seine Hände, die eiskalt waren. Er sprach lange kein Wort, dann stieß er finster heraus: „Sie will mich nicht.“

„Sprich, was ist geschehen?“

„Sie will mich nicht,“ wiederholte er und sah vor sich nieder.

„Henry, ich bitte Dich, sage mir, was ist geschehen? Komm zu Dir!“

Er schüttelte traurig mit dem Kopfe. Nach einer grausam langen Viertelstunde begann er wieder:

„Sie saß in der Ecke, an meinem Lieblingsplatze; ich setzte mich ihr zur Seite auf den kleinen Stuhl, den sie gestickt hat. Lange blieb ich stumm, nachdem sie auf meine Frage, ob sie sich ganz erholt habe, mit bebender Stimme ‚O ja‘ geantwortet. Das Herz klopfte mir so stark, daß ich fast keine Stimme hatte, als ich sagte:

‚Haben Sie gestern einen Stern gefunden, auf welchem Sie Ihre nächste Existenz, Ihre nächste Phase durchleben möchten?‘

‚Ja, den Arkturus,‘ antwortete sie sehr leise.

‚Arkturus ist auch mein Lieblingsstern,‘ sagte ich mit Anstrengung; sie sah zur Erde:

‚Arkturus ist wohl sehr weit von uns?‘ frug sie matt.

‚Ja, sehr weit; sein Licht braucht zweiundzwanzig Jahre, bis es zu uns gelangt.‘

‚Arkturus’ System,‘ sagte sie, ‚ist vielleicht so hoher Art, daß ich trotz allen Strebens der Incarnation noch nicht würdig sein werde, nach diesem Dasein auf einem seiner Planeten oder gar auf ihm selbst zu leben.‘

‚O, streben Sie nicht nach zu großer Vollkommenheit!‘ bat ich, ‚ich bin so unvollkommen. Und der Gedanke, für ein anderes Leben von Ihnen getrennt zu werden, ist – er könnte mich um den Verstand bringen.‘

Es ging ein Schauer über ihre ganze Gestalt; mir hämmerten die Schläfe und das Herz, ich rang nach Worten und fand sie nicht. Endlich stammelte ich:

‚Denn – denn es genügt mir nicht einmal, mit Ihnen denselben Planeten zu bewohnen – ich möchte – wie die Luft dem Feuer sich verwebt, so möchte ich mich Ihnen, schönste, edelste Frau, verweben.‘

Und ich sank vor ihr auf’s Knie. Sie bedeckte ihr Angesicht mit beiden Händen und streckte dann, sich zurückbeugend, beide Hände abwehrend gegen mich aus. Ich ergriff sie im Taumel, diese zitternden Hände und bedeckte mein Angesicht damit. Meine Seele war im Fieber, im himmlischen Fieber; ich fand keine Worte, keinen Athem – ich trank, ich trank ihre Seele aus ihren Händen. O! o, ich war doppelt, hundertfach, tausendfach! Da, da tönte, schwach wie die Klage eines sterbenden Opfers, ihre Stimme:

‚Lassen Sie mich – lassen Sie mich! Ich werde die Ihre nicht.‘

Wie der Tod die Kraft der Muskeln bricht, so brach mich ihr letztes Wort. Meine Hände ließen die ihren und sanken auf ihren Schooß. Ich hatte nicht den Muth, sie anzusehen.

‚Können Sie das letzte Wort noch einmal sagen?‘ lallte ich.

‚Nicht‘, stieß sie hervor, und ihr Ton war gebrochen.

Jetzt sah ich sie an – ihr liebes Angesicht war weiß und starr, ihre Augen geschlossen.

‚Leben Sie wohl, Charlotte!‘ sagte ich und drückte meine kalten Lippen auf ihre kalte Stirn.

Sie zuckte und sagte mit derselben gebrochenen Stimme:

‚Gehen Sie!‘ Und da – da ging ich.“

Er schwieg jetzt. Ich hatte nicht den Muth, ihm irgend Trost zu geben; ein wahrer Schmerz läßt sich nicht trösten. Allein ich hoffte für Henry, weil ich die Vermuthung in mir trug, ein Gespräch mit Caspar Raick werde mir Aufklärung über den gestrigen Vorfall und über Madame Venloo’s Vergangenheit geben. Ich war überzeugt, daß Charlotte Henry liebte; Caspar konnte mir gewiß sagen, warum sie meinen Freund ausschlug. Hatte sie vielleicht ein Gelübde gethan, sich nicht wieder zu verheirathen? Hatte sie Vialez früher gekannt und ihn ausgeschlagen, und fürchtete sie seine Rache?

„Ich bin ruhelos, um hier zu bleiben; ich muß gehen, laufen, rennen,“ sagte Henry und riß die Thür auf.

„Laß mich mit Dir gehen!“

„Nein, ich will allein sein. Erwarte mich nicht vor Abend!“ rief er und verließ mein Zimmer.

Zweimal ging ich hinüber, um Caspar zu sprechen; beide Male traf ich ihn nicht. Caspar, wo bist Du? Ich kann Deine Tochter nicht einsperren, aber Du kannst, und Du mußt es. Mit einer unbezwinglichen Angst lief ich von einer Straße in die andere; zum dritten Male ging ich zu Madame Denise, nach Caspar zu fragen; er war noch nicht zurück.

„Haben Sie denn keine Ahnung, wo er sein könnte?“ fragte ich seine Schwester.

„Nein,“ sagte sie. „Er ging, nachdem er Madame Venloo zurückgebracht, und ohne nur einen Bissen zu essen; er muß wichtige Geschäfte haben.“

Als ich wieder in meine Stube trat, fand ich Henry schlafend auf dem Bette liegen. Mit aller Vorsicht setzte ich mich in’s Fenster und beobachtete den Erker; ich glaubte einen Vorhang sich bewegen zu sehen; Madame Venloo war wohl in ihrem Schlafzimmer. Nach und nach dunkelte es, und ich versank in Träume. Ich sah Charlotte mit offenen Augen auf dem weißen Pfühle liegen, die Hände auf’s Herz gedrückt; die rothe Ampel schimmerte durch die blaßgrünen Gardinen des Bettes und warf Lichtstreifen auf den Pfühl und auf Charlotte’s blasses Gesicht. Ich hörte Henry’s Geige und sah die Wiese bei Salaert und die dunkle, geschlossene Form der Obstbäume, welche sie begrenzen; ich sah den Himmel voll funkelnder Sterne, die blaue Wega und den feurigen Arktur und meinen schwarzen Stern auf dem Feldstühlchen; ich hörte das Brausen des Meeres und fühlte Charlotte’s weiche Gestalt in meinem Arm und schwamm mit ihr durch die Wogen und ertrank mit ihr, und unsere Seelen lösten sich vom Wasser und stiegen empor, empor, einer silbernen Sonne entgegen, die immer größer wurde, aber nicht heißer, sondern kälter, und wir stießen auf die Eissonne und Charlotte that einen Schrei.

Ich fuhr aus meinen Träumen auf und rieb mir die Stirn; da gellte dumpf der gleiche Schrei durch die Finsterniß von der Straße her, von drüben her – Henry fuhr vom Bette auf: „Es hat Jemand geschrieen,“ sagte er und riß ein Fenster auf. Noch ein Schrei. – „Das ist Charlotte!“ Wir stürzten Beide aus dem Zimmer. In weniger als einer Secunde läuteten wir an Madame Venloo’s Hause; Denise öffnete und schlug ein Kreuz: „Ich wollte Sie eben holen. Jesus und Maria! Madame Venloo wird ermordet; sie schreit, und ihr Zimmer ist von innen geschlossen.“

Ich sprang in die Küche und nahm eine Axt; Henry war schon oben und versuchte mit der Ferse die Thür zu Charlotte’s Zimmer einzustoßen; nach drei Axthieben sprang sie auf.

(Fortsetzung folgt.)



[556] Die Arme um eine Säule des Kamins geschlungen, stand Charlotte, weiß wie ihr Gewand, auf das vom rechten Arme kleine Blutstropfen niederfielen; in der Mitte des Zimmers stand, hochaufgerichtet und uns mit kühnem Blicke messend, Vialez.

„Was thun Sie hier?“ fragte Henry und wollte zu Charlotte eilen. Vialez vertrat ihm den Weg: „Mein Lieber,“ sagte er mit kalter Höflichkeit, „nicht zu viel Eifer – ich bitte. Was wollen Sie hier, im Zimmer meiner Frau?“

Henry taumelte und blickte mich starr an.

„Sie haben Madame Venloo verwundet,“ rief ich entrüstet.

„Nicht doch!“ sagte er kalt. „ich bin kein Bösewicht, kein Bandit, kein Mörder. Meine Frau wollte mir nicht glauben, daß ich lebendig bin; sie hielt mich für ein Gespenst. Um ihr zu beweisen, daß ich lebe, schloß ich sie in meine Arme, und da sie sich immer noch fürchtete, wollte sie sich von mir losreißen und ritzte sich – ich weiß nicht an was.“

Wir standen sprachlos. Charlotte heftete wie eine Wahnsinnige ihre entsetzten Augen auf Henry.

„Sie werden nun die Güte haben, meine Herren, sich zu entfernen,“ fuhr Vialez fort. „Ich habe meine Frau seit zwei Jahren nicht gesehen; ich liebe sie und habe ihr Vieles zu sagen –“ Bei diesen letzten Worten blickte er nach Charlotte zurück.

Ich fragte mich, ob Vialez verrückt sei oder Henry und ich.

„Madame,“ sagte jetzt Henry mit bebender Stimme, „ist Herr Vialez Ihr Gemahl?“

„Sie zweifeln?“ rief Vialez lächelnd.

Charlotte antwortete nicht; sie blickte immer noch in Henry's Auge. Henry fragte sie noch einmal: „Ist Vialez Ihr Gemahl?“

„Ich weiß es nicht,“ sagte sie.

„Sie wissen es nicht? Wie ist das möglich?“

„Mein Mann liegt in Barcelona begraben; ich habe an seinem Grabe gebetet.“

„Sie hält mich immer noch für ein Gespenst,“ sagte Vialez.

„Aber dieser Mann ist kein Gespenst, Madame, ich kenne ihn – er ist ein Mensch, ein Mensch von Fleisch und Blut.“ Ich dachte durch diese Worte sie zu beruhigen, sie aber schauderte vom Scheitel bis zum Knie.

„Ich bitte Sie zum zweiten und letzten Male sich zu entfernen,“ sagte Vialez mit schneidender Kälte.

„Bleiben Sie!“ rief Charlotte gebietend.

Vialez’ Gesicht flammte auf. „Charlotte, Sie haben sich sehr verändert. Sie sind nicht mehr das sanfte Kind, welches ich an den Altar führte.“

„Sie haben die Stimme meines Mannes, aber nicht sein Gesicht,“ sagte Charlotte, die aus ihrem Entsetzen erwacht war.

„Ja, Sie haben einen schönern Mann den Ihren genannt, und jetzt steht ein häßlicher vor Ihnen. Die Blattern haben mein Gesicht häßlich tätowirt, und ich begreife, daß ich Ihnen nicht mehr gefalle, schöne Frau. Aber gestehen Sie, daß ich wenigstens meine Augen behalten habe, die Ihnen so gut gefielen! – Nicht wahr, Donna?“

Wie klang seine Stimme traurig!

Sie ertrug seinen flehenden Blick und sagte: „Legitimiren Sie sich beim Gesandten!“

„Aber,“ warf ich ein, „Vialez ist ja ein naher Bekannter, ein Freund des Gesandten.“

„Vialez – das ist möglich. Allein mein Mann hieß nicht Vialez, sondern Huesbar,“ rief Charlotte.

„Ha! Ein Funke, ein Licht!“ sagte Henry. „Sind Sie der ehemalige Präsident der spanischen Zollämter?“

Auf Vialez’ Lippen trat ein Lächeln, aber auf seiner Stirn schwoll eine dunkle Ader. „Haben Sie vielleicht den Präsidenten Huesbar gekannt?“ fragte er.

„Nein,“ antwortete Henry ruhig. „aber ich war in Barcelona, als er dort an den Blattern starb, zu seinem Glücke, denn er wäre wegen Betruges zur Galeere verurtheilt worden.“

Vialez lachte. „Und Sie glauben, daß ich aus dem Grabe gestiegen bin, um mich zur Galeere verurtheilen zu lassen? Wahrlich, diesen Ehrgeiz hat Vialez nicht. Ich habe einen süßeren, weit süßeren Ehrgeiz, den, meine Frau zu besitzen. Die Liebe ist das Einzige, was wirklich ist; alles Andere ist nichts. Was ist es, hochgesteckt, gelehrt und berühmt zu sein? Die Frauen waren stets mein Durst und mein Ehrgeiz, und – ich habe sie beherrscht, alle, blonde und schwarze, sanfte und stolze, hohe in rauschenden Seidengewändern und niedere in erbärmlichen Kattunröckchen. Ich knickte den Fächer der Dame und schloß den lachenden Mund der Bäuerin; ich machte die Castagnetten der Tänzerin verstummen und entwand den Rosenkranz den frommen Händen der Beterin. Ich siegte auch hier“ – er zeigte auf Charlotte, die den Blick zu Boden schlug und sich fester an die Säule drückte. „Aber die Besiegte besiegte mich, die sanfte Taube sog mir das Mark aus der Seele und machte aus mir einen demüthigen, einen treuen Mann. – War es nicht so, Charlotte?“ fügte er weich hinzu.

Nach einem tiefen Athemzug sagte sie: „Wenn Sie nicht der Präsident Huesbar sind, so sind Sie auch nicht mein Gemahl.“

„Charlotte!“ stöhnte Vialez.

„Wenn Sie Ihre Rechte an mich geltend machen, so haben Sie vorerst den Muth, zu gestehen, daß Sie der zur Galeere Verurteilte sind!“

„Und wenn ich es gestünde, was gewännest Du dabei, Charlotte? Ich nähme Dich mit mir in’s Gefängniß und in den Tod.“

„Nicht in’s Gefängniß und nicht in den Palast, nicht in die Hölle und nicht in den Himmel! Wir sind geschieden, wie das Wasser vom Feuer geschieden ist,“ rief Charlotte, ihn mit einem vernichtenden Blicke messend.

[557] „Bei Gott, Du bist ein kühnes Weib, Charlotte, und meines Hasses, wie meiner Liebe werth. Denn ich kann hassen – glaubst Du es nicht, Charlotte?“

„Ja, ich glaube es, aber ich fürchte mich nicht vor Ihrem Hasse.“

„Nicht? O – o! – ich will Dir die Furcht lehren, Charlotte, wie ich Dir die Liebe lehrte. Aus Deinen schönen Augen, die ich sonst mit meinen Küssen schloß, will ich die Wasser des Leidens quellen lassen. Deine stolze Seele will ich martern, wie die Knaben den Schmetterling an eine Nadel stecken und ihn jeden Tag ein wenig tiefer rücken, recht langsam – o! – ich will Dich züchtigen mit meinem Haß, mit dem Haß der Liebe.“

„Ihre Worte sind unedel, empörend. Enden Sie diese Scene, entfernen Sie sich!“ rief Henry.

„Und mit welchem Rechte gebieten Sie hier?“ fragte Vialez ruhig.

„Mit dem Rechte der Freundschaft,“ erwiderte Henry fest und würdevoll.

„Ah! Sie sind ein Freund meiner Frau, Sie auch wahrscheinlich?“ – hier sah er mich an.

„Ich habe die Ehre, ein Freund der Madame Venloo zu sein,“ sagte ich mit einer Verbeugung.

„Vortrefflich! Und wo, wenn ich fragen darf“ – er setzte sich in einen Fauteuil und nahm die freie, sichere Haltung eines Mannes an, der sich zu Hause fühlt – „wo hat sich diese Freundschaft geschlossen?“

„Wünschen Sie, daß ich spreche?“ sagte Henry sich zu Charlotte wendend. Sie nickte.

„Wir wurden Freunde durch einen Schiffbruch auf der Ueberfahrt von Dover nach Ostende. Von achtzehn Menschen blieben sechs am Leben, und unter diesen befanden sich Madame Venloo und wir Beide.“

„Und wahrscheinlich haben Sie zur Rettung dieses schönen Wesens beigetragen? Ich müßte Ihnen für diese Ritterdienste die Hände drücken, wollte ich nicht lieber meine Frau auf dem Grunde des Meeres wissen, als sie so, so zu finden.“

„Juan!“ rief Charlotte mit Entrüstung und mit einem Blick voll verzehrenden Feuers.

„Juan!“ wiederholte er leise, und seine tiefe Stimme bebte. „Juan! So hast Du meinen Namen nicht vergessen, Charlotte? – Ich danke Dir.“

Er stützte seinen Kopf in beide Hände. Henry sah mich bedeutungsvoll an und dann die arme Charlotte, die ihre Stirn an die Säule drückte.

„Weißt Du noch, Charlotte,“ sagte Vialez weich, seinen Blick – o welch einen Blick! – auf ihre zarte Gestalt heftend, „weißt Du noch, was mir geschah, als Du mich zum ersten Male ‚Juan‘ nanntest?“

Charlotte blieb stumm und unbeweglich.

„Weißt Du es nicht mehr, Charlotte?“

„Erbarmen!“ wimmerte sie.

Ein Lächeln voller Seligkeit schwellte Vialez’ Lippen und goß einen Schimmer von Schönheit über sein häßliches Gesicht; sein Auge glänzte feucht, und seine schönen Hände zitterten. Mit einer Stimme, weich, verführerisch, wie ich niemals eine gehört, sagte er langsam:

„Es war spät am Abend – ich geleitete Deinen Vater nach Hause. Deine Laute klang von den dunkeln Gebüschen des Gartens herüber. ‚Gehen Sie dorthin!‘ flüsterte Dein Vater lächelnd, ‚und sagen Sie Charlotten gute Nacht!‘ Wir waren schon Verlobte, und ich war sehr glücklich, aber ich hatte doch einen großen Kummer; Du nanntest mich immer Don Huesbar, obschon ich Dir so oft gesagt: ich heiße Juan. Ich fand Dich unter einem Granatbaume sitzend, ganz vom Mondlicht übergossen; um Dich herum lagen abgefallene Blüthen, und der Geruch der Orangenbäume wob um Dich einen heiß duftenden Schleier. Mit verliebter Ehrfurcht küßte ich Deine Hände. – ‚Setze Dich, Don Huesbar!‘ sagtest Du. ‚Juan,‘ bat ich, ‚Juan!‘ ‚Nein, ich kann es nicht,‘ flüstertest Du. Ich schwieg. Die Nacht zog stille Zauberkreise um mich, und ich küßte das Spitzentuch, welches Deine Schultern verhüllte. Da schobst Du mich sanft zurück und sagtest: ‚Dieses muß ich Dir verweisen, Don Huesbar.‘ ‚Juan,‘ bat ich, ‚Juan!‘ ‚Es ist gar nicht schicklich, daß man einem Mädchen so das Spitzentuch zerreiße, Don Huesbar.‘ ‚Juan,‘ bat ich, ‚Juan!‘ ‚Nein, ich kann es wahrlich nicht,‘ seufztest Du. Ich saß stille und verschüchtert und wagte kaum noch Deine Hand zu küssen, und wir sprachen lange nichts. Die Nacht war so stille. Ein leises, schnelles Pochen wurde hörbar. Du blicktest mich an und fragtest: ‚Was klopft nur so?‘ ‚Das – das thut mein Herz,‘ sagte ich. Da nahmst Du meinen Kopf in Deine Hände, hier, an den Schläfen, und hauchtest: ‚Juan!‘ Und da, da vergingen mir die Sinne. – Mit einem nassen Tüchlein wecktest Du mich wieder und führtest mich bis zur Gartenthür und sagtest: ‚Gute Nacht, Juan!‘ Um drei Uhr Morgens, als die Sterne bleich wurden, stand ich noch vor der Gartenthür, und als dann die Bauern zur Stadt herfuhren, ging ich mit diesem Gedanken: Ich habe meinen guten Engel gefunden.“

Vialez schluchzte. – Charlotte sank gebrochen auf den Divan, der beim Kamine stand. Und Henry? Er drückte eine Hand auf die Stirn, die andere auf das Genick, wie Einer, dem der Kopf zerspringen will.

„Henry, laß uns gehen!“ sage ich.

Vialez erhob eine Hand: „Nein, bleiben Sie! Meine Frau liebt Einen von Ihnen – welchen?“

In diesem entsetzlichen Augenblicke trat Caspar Raick herein:

„Don Huesbar – hier, hier finde ich Sie?“ Es lag ein solcher Schmerz in des alten Mannes Stimme, daß ich bis in’s Mark davon erschüttert wurde. „Meine Tochter, mein einziges Kind ist verführt, entflohen mit Ihrem Burschen, Sie haben mein Kind verführen lassen, um Ihren Zweck zu erreichen. Fluch –“

„Halt!“ rief Vialez und richtete sich hoch auf. „Armer, alter Mann, ich habe keine Schuld an Ihrem Gram. Ihre Tochter war im Einverständniß mit meinem Eusebio, noch ehe ich eine Ahnung davon hatte. Ich wußte nicht, daß Marion Ihre Tochter ist; ich wußte nicht, daß Sie hier sind; ich wußte nicht, daß Madame Venloo – meine Frau ist. Ihre Tochter erzählte Eusebio, ihre Herrin sei eine Spanierin, es sei etwas Geheimnißvolles in ihrem Leben, und mehrere andere Umstände, welche – denn Eusebio verschwieg mir nichts – meine Aufmerksamkeit, meinen Verdacht erweckten. Ich gab Eusebio den Auftrag, Marion dazu zu bestimmen, mir die Gelegenheit zu verschaffen, die geheimnißvolle Dame sehen zu können. Sie verrieth ihm die gestrige Ausfahrt; das Weitere errathen Sie. Oder nicht? Gut, so werde ich ausführlicher sein. Durch Eusebio ließ ich Marion bestimmen, mich im Geheimen in Madame Venloo’s Zimmer einzuführen; sie that es heute, als die Dunkelheit anbrach. Fürchtend, ihre Handlung möchte eine schwere Strafe nach sich ziehen, bat sie mich um meinen Schutz. Ich gab ihr einige Zeilen an die Aebtissin der Ursulinerinnen, Rue d’Isabelle; dort werden Sie sie finden. Eusebio ist in meinem Hause, in seinem Zimmer. Sie können sich davon überzeugen.“

„Verzeihung, Verzeihung, theures Kind meines Herrn, meines Wohlthäters!“ rief Caspar und sank vor Charlotte auf die zitternden Kniee. „O, daß mein, mein Blut Sie verrathen hat!“

„Sei ruhig, Caspar!“ sagte sie und hob den alten Mann auf. „Du hast ja keine Schuld. Marion ist auch nicht so schuldig, wie Du glaubst. Das hat so kommen müssen.“

Caspar fuhr mit der Hand über die nassen Augen und fragte, dicht vor Vialez tretend: „Was denken Sie nun zu thun, Don Huesbar, Präsident?“

Gereizt antwortete Vialez: „Ich gedenke meine Frau mit mir zu nehmen.“

„Haben Sie den Muth, Ihre Frau der Schande auszusetzen?“

„Alter Mann, hättest Du nicht weiße Haare, so würde ich Dir lehren, wie man zu Don Huesbar spricht,“ erwiderte Vialez düster.

Caspar war ein derber Niederländer, auf den die spanische Ritterlichkeit keinen Eindruck machte. „Don Huesbar,“ sagte er rauh, „ich habe dem sterbenden Vater dieser Frau versprochen, ihr ein Vater zu sein, wenn sie einen braucht. Als solcher spreche ich jetzt zu Ihnen und nicht als der Diener, der ich war. Als Vater dieser Frau werde ich handeln, und sollten Sie dadurch zu Grunde gehen.“ Und nun wandte er sich zu Henry und mir: „Meine Herren, was ich jetzt mit Don Huesbar zu reden habe, verträgt keine Zeugen.“

[558] „Im Gegentheile,“ rief Vialez und bot uns mit seiner gewohnten Courtoisie Sitze an. „Im Gegentheile, ich wünsche, ich bitte, daß die Herren hier bleiben und Zeugen unserer Unterredung seien.“

„Nun, auf Ihren ausdrücklichen Wunsch,“ versetzte ich. Henry war keiner Worte fähig.

„Sie werden mich zu Dank verpflichten. Charlotte, erlauben Sie, daß die Herren hier bleiben?“

„Ja,“ sagte sie und blickte dann nach Henry, der sich den Schweiß auf der Stirn trocknete.

„Ich danke Ihnen, Charlotte. Und nun, mein Schwiegervater der Zweite, reden Sie!“ Mit diesen Worten setzte er sich mit der Ruhe eines Staatsmannes.

Nach einer Pause, in welcher die goldene Pendeluhr auf der Commode zehn heisere Schläge that, fing Caspar Raick an:

„Don Huesbar, als Ihre Frau in Madrid die Nachricht erhielt, Sie seien an den Blattern in Barcelona erkrankt, warf man ihr, am gleichen Tage, mit Steinen die Fenster ein.“

„Arme Charlotte!“ rief Vialez.

„Sie kannte die Ursache dieser Beschimpfung nicht. Perez, Ihr wüthendster Feind, schrieb ihr am Abend:

‚Donna, Ihr Gemahl ist wegen Betruges angeklagt. Es ist bewiesen, daß er, der Präsident aller Zollämter des Königreichs, seit Jahren im Geheimen den Schleichhandel an der Küste und im Gebirge beschützte und so der Krone ungeheure Summen entzog, während er selbst großen Gewinn davon hatte. Sollten Sie öffentliche Beschimpfungen erleiden, so stellen Sie sich unter meinen Schutz!‘“

„Sind Sie zu meinem Feinde gegangen, Charlotte?“ fragte Vialez.

„Nein, ich ging zu Ihnen.“

„Charlotte!“ rief Vialez und wollte sich erheben. Sie sagte schnell:

„Nicht aus Liebe, denn ich liebte Sie nicht mehr; ich ging zu Ihnen, um Ihnen Geld zur Flucht zu bringen.“

„Geld!“ sagte Vialez mit dumpfem Tone.

„Als ich mit Caspar nach Barcelona kam und in’s Hospital, wo Sie krank gelegen, sagte man uns, Sie seien todt und begraben. Ich ging auf den Friedhof, betete auf Ihrem Grabe und ließ Ihnen einen Denkstein setzen. Wer ruht in jenem Grabe? Wem habe ich den Denkstein setzen lassen?“

„Einem Manne aus Cuba, dem Sennor Berduz.“

„Und wie ging dies zu, Don Huesbar?“ fragte Caspar.

[573] „Man konnte mir keine Stube für mich allein im Hospital geben,“ erzählte Don Huesbar, „und legte mich zu einem andern Blatternkranken, der ein Gutsbesitzer von Cuba war und Berduz hieß. Eines Tages kam ein Vertrauter zu mir und sagte mir, ich sei in Madrid des Betruges angeklagt und schon am nächsten Tage könne ein Verhaftsbefehl in Barcelona eintreffen. Wir wurden sehr schlecht im Hospitale verpflegt. Stundenlang ließ man uns allein; Berduz lag im Sterben. Ueber unseren Betten, welche einander gegenüber standen, hing eine Schiefertafel, die den Namen des Kranken trug. Ich verließ mein Bett und trat zu Berduz.

‚Wie befindet Ihr Euch, Sennor?‘ fragte ich.

Er antwortete mir nicht; sein Odem war kaum zu fühlen und seine Augen waren gebrochen. Da ergriff ich ihn mit beiden Armen, trug ihn in mein Bett und legte mich in das seine. Wir waren Beide so von Blattern bedeckt, daß man unsere Gesichtszüge nicht unterscheiden konnte. Als nach einer Stunde der Krankenwärter herein kam und an mein Bett trat, in dem Berduz jetzt lag, sagte er:

‚O, der ist schon todt – ich dachte, der Andere ginge zuerst.‘

Dann trat er zu mir und fragte:

‚Wie geht es Euch?‘

‚Schlecht,‘ antwortete ich. [574] Er fühlte nach meinem Puls und sagte:

,Euer Puls geht kräftiger als Vormittags.’

Gleich darauf wurde Berduz’ Leiche hinausgetragen. Einige Wochen später verließ ich Barcelona so entstellt, daß Niemand mich kannte. Ich ging nach Madrid, um meine Frau zu suchen, und erfuhr, daß sie Spanien verlassen habe. Ich suchte sie in England und in Frankreich, in Italien, Deutschland und hier.“

„Und warum suchten Sie sie? Dachten Sie, Charlotte werde die Frau eines ehrlosen Mannes bleiben?“ sagte Caspar langsam und mit grausamer Betonung.

„Mein werther Schwiegervater,“ erwiderte kaltblütig Huesbar, „verzeihen Sie, wenn ich mich wundere, daß ein Mann von Ihrem Alter so voreilig urtheilen kann!“

„Voreilig?“ rief Caspar, „Sie nennen das voreilig urtheilen, nachdem die Justiz, wie der König Sie verurtheilten?“

„Was ist die Justiz? Was ist der König? Menschen, die [575] nach hergebrachten Formen verhandeln, nach oberflächlicher Untersuchung ein Urtheil sprechen. Hätte meine Frau an mich geglaubt –“

„Was sollte sie glauben?“ fragte Caspar.

„Hätte sie nicht so schnell aufgehört, mich zu lieben –“

„Sprechen Sie!“ drängte Caspar.

„Zu wem soll ich noch sprechen? Meine Frau hat keine Liebe, folglich auch kein Verständniß für mich; Sie, mein Schwiegervater, halten mich offenbar für ein Scheusal and würden mir mit Genuß das Zeichen des Galeerensträflings auf die Schulter brennen. Und Sie, meine Herren –“

„Warum sind Sie geflohen,“ fragte ich, „anstatt sich zu rechtfertigen, wenn Sie es konnten?“

„Dem Könige gegenüber hätte ich nie eine Rechtfertigung erlangt, auch nicht der Justiz gegenüber, aber“ – jetzt wurde seine Stimme groß und gebietend, und sein Auge flammte – [576] „aber das Volk, das Volk hätte mich nicht nur vertheidigt, sondern es hätte mich auch gerächt. Hätte ich gesprochen, so wäre eine Revolution entstanden, die Menschen, die ich ernährt habe, wären nach Madrid gezogen und, wie man meine Fenster mit Steinen einwarf, so hätten sie des Königs und der Richter Fenster eingeworfen und das Blut wäre in Strömen geflossen.“ Er streckte seine feinen Hände gegen uns: „An diesen Händen klebt kein Tropfen Blut, kein Fluch der Armen und kein Geld. Wenn Du vor mir schauderst, Charlotte, so weißt Du nicht, was Du thust. Nicht einen einzigen Diamant habe ich Dir gegeben; nicht ein einziges Goldgewebe von Tunis habe ich um Deine Hüften geschlungen; keine perlengestickten Schuhe habe ich an Deine kleinen Füße gesteckt, und ich konnte doch alles umsonst haben, wenn ich wollte! Ich habe Deine Füße mit ehrfurchtsvollen Küssen bedeckt, und waren sie am Abend müde, so schliefen sie in meinen brüderlichen Händen ein.“ Seine Stimme erstarb. Es entstand eine tiefe Stille, und ich dachte: ein Engel geht durch's Zimmer; ist’s ein guter oder ein böser? –

Charlotte saß mit zurückgebeugtem Haupte und geöffneten Lippen; sie rang nach Athem. Henry’s Haupt hing auf die Brust gesenkt, und seine Brauen zogen sich zusammen. Caspar allein hatte seine Fassung bewahrt; sein graues Auge war kühl geblieben, und er sagte mit fester Stimme:

„Ich verstehe nicht, was Sie sagten, Don Huesbar.“

„Das weiß ich wohl, mein strenger Schwiegervater. Und Charlotte, versteht auch sie mich nicht?“

„Noch nicht – reden Sie!“ erwiderte sie zögernd.

„Weißt Du, Charlotte, wie viel die Zölle der spanischen Krone jährlich eintrugen? – Millionen. Und wer bezahlte diese Millionen? Das Volk. Und was that die Krone mit diesen Millionen? Sie verschwelgte sie. Kaum daß ein kleiner Theil davon den Bischöfen und Klöstern zu gute kam, die vielleicht die Armen damit unterstützten. Auf meinen Untersuchungsreisen fand ich Legionen von Armen, die das Salz zu ihren Zwiebeln nicht mehr erschwingen konnten, weil es so theuer geworden war; die Gewerbe schmachteten, denn da das Land nicht Alles, was sie zur Verarbeitung brauchen, selbst liefern kann und die Zölle unerhört waren, so fehlten dem Handwerker die Stoffe. Im Handel war es nicht besser; die Hoflieferanten machten gute Geschäfte, aber der Kleinhandel lag im Sterben. Als ich dies erkannte, wandte ich Alles auf, um die Zölle herab zu drücken; umsonst, ich drang nicht durch. – Trotz der tyrannischen Ueberwachung der Schmuggler gab es Männer von kühnem, unverdrossenem Muthe. Sie gingen über’s Meer und durch die Canäle, über’s Gebirge und durch finstere Schluchten; allen Gefahren trotzend und keuchend unter der Last ihrer Säcke, wurden sie geheime Wohlhäter ihrer Brüder – Schmuggler, die sich selber nicht bereicherten, Schmuggler, die dem Räuber heilig waren; er zeigte ihnen Verstecke im Gebirge, und reichte ihnen seinen Becher zum erquickenden Trunke. Und glaube nicht, Charlotte, daß nur Stürme und Blitz, schwindelnde Höhen und gähnende Abgründe, Steingerölle und wilde Bäche, Sonnenbrand und Reif und Schnee, Schlangen und Wölfe ihr Leben bedrohten, nein – täglich, stündlich, jeden Augenblick lauerte die Muskete des königlichen Soldaten hinter und vor ihnen und zu beiden Seiten. Weißt Du, was es heißt, meine Charlotte, mit einem fünfzig Pfund schweren Sacke auf dem Rücken und einer Flinte auf der Schulter Tage und Nächte lang über spitzige Steine leise, sozusagen auf den Zehen gehen und nicht keuchen dürfen und seine Augen überall zugleich haben und jeden Augenblick des Todes gewärtig sein? O Charlotte, was ist das Geldstück, welches Du mit ruhigen Fingern aus Deiner seidenen Börse nimmst und dem Armen reichst, was ist es gegen das Salzkorn, das der Schmuggler über das Gebirge trägt? – Der König hat für jeden getödteten Schmuggler einen Ducaten gezahlt, einen Ducaten! Und die Soldaten haben manchen, manchen Ducaten verdient.

„Und sieh, Charlotte,“ hier seufzte Huesbar und sprach dann weiter mit einer Stimme voll edelsten, sanftesten Wohllauts, mit einer Stimme, die, wäre ich eine Frau, mich im Angesichte der Galeere selbst an ihn gefesselt hätte – „sieh, Charlotte, dieser Männer Beschützer bin ich gewesen. Ich habe die Soldaten auf falsche Fährten geleitet; ich habe im Gebirge und in den Schluchten von zehn zu zehn Meilen kleine Gewölbe in die Erde bauen lassen zum Verbergen der Waaren, der Lebensmittel, der Strickleitern; ich habe Stationen errichtet, anscheinend Hütten für das Vieh, welche aber Fallthüren und feste Gelasse enthielten, wo die todtmüden Männer ruhen und sich stärken konnten. Wie eine Legende ging im Volke die geheime Kunde von einem Beschützer, und es betete für ihn.

Wenn ich von Dir zuweilen Abschied nahm und sagte, ich müsse eine Untersuchungsreise machen, dann, meine Charlotte, ging ich in’s Gebirge und überzeugte mich, ob alles in Ordnung, ob für meine tapferen Brüder gesorgt war. Dann trug auch ich die Muskete, klomm an der Strickleiter die Abhänge hinab und durchwatete Bäche und schlief unter der Erde; dann war auch mein Kopf einen Ducaten werth. Sieh, Charlotte, hier an der Schulter hatte ich eine kaum geschlossene Wunde, als ich das letztemal vom Gebirge heimkam, und als Du, unwissend, Deine Hand auf meine Schulter drücktest, glaubte ich vor Schmerz zu sterben, aber ich zuckte nicht, und Du warst fünf Jahre mein Weib, mein angebetetes Weib, ohne zu ahnen, welche Gefahren ich für das Wohl meiner Brüder bestand.“

„Huesbar, ich absolvire Sie!“ rief ich, „lassen Sie mich Ihre Hand drücken!“

Er reichte mir seine Hand, die fieberheiß war.

„Don Huesbar,“ sagte Caspar, „wenn auch der Mensch Sie absolviren darf, der Staatsbürger darf es nicht. Sie haben den König, der Sie besoldete, betrogen.“

„Der mich besoldete!“ rief Huesbar höhnend. „Ich habe des Königs Besoldung nicht nöthig gehabt, um meine Frau zu ernähren. Wissen Sie, zu was ich meinen Gehalt verwendete? Ich habe damit die Schmuggler unterstützt, und wäre ich ein Sophist, so würde ich sagen, ich habe dadurch für des Königs Heil gearbeitet, denn er that mit seinem Gelde, ohne es zu wissen, Gutes. Der König hat wohl in den letzten Jahren über die verminderten Zolleinkünfte geklagt, allein hat er deshalb Noth gelitten? Hat man bei Hofe weniger Feste gegeben, weniger Lakaien gehalten? Hat man die Tänzerinnen schlechter bezahlt? Hat man Diamanten und Wagen und Pferde verkauft? Hat man den Hofstaat je in abgetragenen Röcken gesehen? Hat es an der Tafel je an Fasanen und Cyperwein gefehlt? Wahrlich, läge ich auf der Galeere angeschmiedet, jeder Trunk Weines, den ich den braven Schmugglern gab, würde mir die brennende Zunge laben, als tränke ich ihn selbst. Und während ich in den Gerichtsbüchern als Betrüger gebrandmarkt bin, lebe ich im Munde des Volkes als ein Wohlthäter, als ein Held. Das Herz, welches stets der wahrste Richter ist, mag unter Euch entscheiden!“

Er sagte „Euch“, aber er blickte nur auf Charlotte, die mit erloschenen Augen und wie zerschmettert dasaß. Henry stand auf, trat langsam zu ihm und reichte ihm stumm die Hand; dann ging er rückwärts zu seinem Stuhle zurück, den Blick auf Charlotte geheftet und dieser Blick sagte: „Lebe wohl!“

Huesbar kämpfte ein Beben nieder, das durch seinen ganzen Körper zu gehen schien, als der vorsichtige Caspar fragte: „Und welchen Namen denken Sie künftig zu tragen?“

„Den, welchen meine Frau mir geben wird.“

Wir blickten Alle auf Charlotte, die stumm blieb und die Hände rang. Da stand Huesbar auf, kniete vor ihr nieder und küßte den Saum ihres Kleides: „Madonna, wie soll ich heißen?“

Sie sah ihn an, als ob sie ihn nicht verstünde. Auf ihren Lippen irrte eine zuckende Bewegung.

„Bei meinem Leiden, bei Deiner Herzensgüte, beim Andenken der Tage des Glückes beschwöre ich Dich, Madonna: ein Wort! Ein Wörtchen!“

Da blickte sie über sein Haupt zu Henry hinüber, der gebrochen an der Wand lehnte und an dem nichts mehr zu leben schien als die Augen. Huesbar’s Blick folgte dem Charlottens und traf auf Henry – er ächzte. – Und als er sich langsam erhoben hatte, sprach er: „Als ich noch jung war und alle Frauen liebte mit jener Liebe, welche keine ist, sagte ein braunes Mädchen, das ich verließ, zu mir: ‚Möge Dich die Liebe fassen wie der Sturm die stolze Eiche und Dir ganz die Seele spalten! Mögest Du in ihrem Feuer, wie im Licht der Abendfalter, Dich versengen und verzehren!‘“ Und dann sagte er mit Thränen in der Stimme: „Charlotte, ich gehe. Gieb dem jungen Manne dort, dem Du Dein Herz gegeben hast, auch Deine Hand! Huesbar ist todt und liegt in Barcelona begraben. Werde glücklich!“

[577] „Tödte mich, Juan, tödte mich!“ rief Charlotte, sich erhebend und ihre Arme öffnend.

„Dich tödten, Charlotte! Ich – Dich – tödten!!“

„Juan, Juan, Erbarmen! Gieb mir den Tod, gieb ihn mir als eine Gnade!“ rief sie und warf sich zu seinen Füßen.

Huesbar zitterte, wie ein Thurm zittert, wenn die Erde unter ihm bebt.

„O, umfasse meine Kniee nicht!“ rief er, „entferne Deine Hände von mir, Charlotte! Zerbrich mich nicht vor diesen Männern hier, laß mir ein wenig Kraft – ein wenig!“

Caspar hob sie auf und führte sie zum Divan; sie war wie todt.

„Jetzt lebet wohl – ich gehe zurück in die Felsen der Sierra.“ Mit diesen Worten schritt Huesbar zur Thür. Da trat Caspar auf ihn zu und legte ihm die Hand auf den Arm:

„Don Huesbar,“ sagte er, „konnten Sie glauben, ich habe heute nicht gehandelt, nachdem ich Sie gestern erkannte? Ich habe dem Gesandten entdeckt, wer Sie sind, und ihn um seinen Schutz gebeten. Er hat in aller Stille Ihre Ausweisung aus Belgien erlangt. Sie finden in Ihrer Wohnung zwei Bewaffnete, welche Sie an die Grenze geleiten werden.“

Huesbar's Auge sprühte. Seine Stirn verfinsterte sich, und ihre Adern schwollen. Er schlug die Arme über einander und sagte mit schneidendem Hohne: „Wie, mein zärtlicher Schwiegervater der Zweite, so viele Mühe haben Sie sich gemacht? So gute Reisegesellschaft haben Sie mir verschafft?“ Und er lachte, wie die traurigen Engel der Verdammniß lachen mögen. Mir wurde das Blut zu Eis – Charlotte erhob das Haupt und starrte ihn an. Und nun richtete er sich hoch auf, und über seine Gestalt und seine gemarterten Züge ergoß sich ein wunderbarer Adel; er maß den erschreckten Caspar vom Scheitel bis zur Sohle: „Glaubst Du, fanatische Amphibie, ein spanischer Edelmann lasse sich von Gensd’armen über die Grenze geleiten? Glaubst Du, Bedienter meines Schwiegervaters, ich nähme mein Schicksal aus Deinen Händen an? Bei Gott und meiner unsterblichen Seele! Die Hunde sollen mich nicht fassen!“ Und schneller, als ich es niederschreiben kann, lief er zum Kamine, bückte sich, und holte etwas aus dem dunklen Herde hervor und erhob sich wieder: „Charlotte!“ rief er wie von fern her; ein Knall erschütterte die Wände des Zimmers – Huesbar stürzte entseelt zur Erde. – Mit einem Schrei, den ich im Jenseits, auf dem seligsten der Sterne nicht vergessen werde, warf sich Charlotte über ihn. Henry wankte hinzu; er hob knieend ihr Haupt empor und glaubte sie todt. Und da – da strich er sanft mit der Hand die bleichen Wangen und – und lachte leise und gutmüthig!

„Henry,“ sagte ich mit Anstrengung, „steh’ auf! Wir wollen sie in ein anderes Zimmer tragen.“

Er sah mich an mit Augen, in denen nichts war als ein Fieberglanz und – o Schauder! er lachte wieder leise und gutmüthig. Mir war, als wände sich eine Schnur um mein Herz, immer fester, immer fester. Langsam löste ich Charlottens Haupt aus seinen Händen; er ließ es geschehen und sah mich gutmüthig an und lachte – lachte – lachte! – Er war wahnsinnig.




Seine Mutter kam und schloß sich mit ihm im Irrenhause ein. Als die Herbststürme wehten, sagte man ihr, daß Henry unheilbar sei; da brachten wir, sie und ich, ihn heim in die Ardennen. Charlotte, die unglückliche Frau, nahm den Schleier im Kloster der Franziskanerinnen in Brüssel.

Henry war sanft und harmlos wie ein Kind. Zuweilen spielte er auf der Geige wirre Melodieen voll schnarrender, peinlicher Töne; dann und wann zog sein Bogen, wie früher, edle, schluchzende Töne, so wie Nachtigallen schluchzen. Er hatte keine Erinnerung mehr dessen, was geschehen war, keine Erinnerung mehr von Charlotte. Gegen Ende des Frühlings zerfiel er zusehends, und als die Haidebüsche an den Abhängen der Berge purpurn wurden, da entschlief er.

Seine Mutter ging nach Brüssel und brachte Charlotte die Nachricht von seiner Erlösung.

„Ist jetzt Friede in Ihrem Gemüth?“ fragte sie.

„Friede?“ sagte Charlotte. „Nein. In meinem Gemüth sind Gram und Reue. Ich hätte sterben sollen, als Huesbar starb; ich wollte es so gern, aber ich war feig; ich hatte Furcht vor dem Jenseits – und Huesbar gab mir doch ein Beispiel hohen Muthes. Jetzt, jetzt ist es zu spät, und ich trage die Folgen meiner Schwäche. Was ich hoffte, ist nicht geschehen. Der Schmerz hat mich nicht getödtet. Er zerbricht mich nicht, und er löscht mich nicht aus. Zwei, die mich liebten, sind jetzt in der Ewigkeit; vielleicht ziehen sie mich bald zu sich hinauf – dann werden wir Schwester und Brüder sein.“

Ich ward der Sohn von Henry’s Mutter. Belgien ward meine Heimath, denn unsere Heimath ist nicht dort, wo wir geboren wurden, sondern da, wo wir lieben. Mutter Flomberg starb in ihrem sechszigsten Jahre, acht Jahre nach Henry’s Tode; mein Stern, ganz in Trauerflor gehüllt, erlosch, ach – nur langsam. – Ich gehe in mein achtzigstes Jahr, und Mutter Flomberg’s Häuschen in dem ich wohne, ist baufällig geworden, wie ich. Wer wird von uns beiden zuerst zusammenbrechen?

  1. Verf. von „Eine Leidenschaft“ und „Ein Meteor“.