Beschreibung des Oberamts Tübingen/Kapitel B 22

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Pfrondorf,

Gemeinde III. Klasse mit 751 Einwohnern, worunter 1 Kath. – Ev. Pfarrei; die Kath. sind nach Tübingen eingepfarrt. 11/2 St. nordöstlich von Tübingen gelegen.

Der freundliche, fast ganz von Obstbaumwiesen umgebene Ort liegt frei und schön auf der nördlich vom Neckarthal sich erhebenden, zum Schönbuch gehörigen Hochfläche und zwar auf einem Flachrücken, der gegen Ost und West durch eine Schlucht von der übrigen Hochebene getrennt ist, und bietet, von Ferne gesehen, einen stattlichen Anblick. Ziemlich gedrängt, und nur von Gärtchen unterbrochen,| lagern sich seine wohnlichen Häuser an den reinlichen gekandelten Straßen. Ringsum und zum Theil im Dorfe selbst eröffnen sich schöne Aussichten auf die Alb, besonders von den Punkten: in der Halde, auf der Höhe, im Maienfeld, namentlich ist der Blick gegen den Hohenzollern hin außerordentlich schön; sodann bietet der Fußweg nach dem Einsiedel beim Übergang über die jähe Waldschlucht des Tiefenbaches, der über mächtige Steinblöcke hinabrauscht, eine wahrhaft malerische Stelle. Die geräumige Kirche liegt frei und etwas erhöht am nordwestlichen Saume des Dorfes und ward im Jahre 1833 mit rechteckiger Grundform in einfachem modernem Stile, doch in etwas zu breiten Verhältnissen erbaut. Das flachgedeckte Innere hat eine vorzügliche Orgel und auf dem Altar ein hölzernes Krucifix, das 1843 von dem Rathsherrn Sieveking in Hamburg gestiftet wurde. Die Baulast ruht auf der Gemeinde.

Im Jahre 1831 wurde der Begräbnißplatz nördlich vom Ort angelegt. Das hübsche, in schönem großem Garten gelegene Pfarrhaus, dessen Unterhaltung der Staat übernommen hat, ward 1842 von der Gemeinde erbaut.

Das 1801 angelegte Schulhaus enthält zugleich die Rathstube, ferner zwei Lehrzimmer, und die Wohnung des Schulmeisters und des Lehrgehilfen.

Ein Armenhaus, ein Gemeindebackhaus und zwei Waschhäuser bestehen.

Dann befindet sich im Dorf ein altes, dreistockiges, schloßartiges Gebäude mit hoher Hofmauer und einem Thorbogen; es wird der Schnecken genannt, seine Umgebung heißt des Doktors Hof; das Gebäude soll von einem Doktor erbaut worden sein.

Gutes, zum Theil vorzügliches Trinkwasser liefern hinreichend drei in hölzernen Deucheln hergeleitete laufende und 13 Pumpbrunnen; die Quelle des stärksten laufenden Brunnens entspringt bei der Kirche; ferner befindet sich eine Wette im Ort und an seinem südöstlichen Saume der große sog. Lous- (Luhs) Brunnen, der ausgemauert und überwölbt ist und von drei Quellen gespeist wird. Auch die Markung hat viele Quellen; die bedeutendsten sind der Brandbrunnen, der 10 Minuten nördlich vom Ort den Tiefenbach bildet und der Seebrunnen in den Seewiesen, woraus 20 Minuten westlich vom Ort der Haldebach entspringt. Vor mehr als 100 Jahren war der Seebrunnen zu einem 10 Morgen großen See geschwellt, dessen Eindämmung noch sichtbar ist; an seiner Stelle dehnt sich jetzt ein zum Theil nasser Wiesengrund aus. Über die Markung fließen| oben genannte Bäche und überdieß strömt der Neckar nur etwa 200 Schritte von der Markungsgrenze entfernt vorüber.

Vicinalstraßen gehen von hier nach Lustnau, Kirchentellinsfurth, Dettenhausen und Einsiedel. Die Entfernung der nächsten Eisenbahnstation Kirchentellinsfurth beträgt 3/4 Stunden. Über den Haldebach führen zwei einfache steinerne Brücken für Fuhrwerke und ein kleines hölzernes Brückchen; über den Tiefenbach geht eine steinerne Brücke, ein steinernes Brückchen und ein hölzerner Steg; beide letztere hat der Staat zu unterhalten.

Die Einwohner, von mittlerer Größe, gesund und rüstig, sind lebhaft, aufgeweckt, keck und betriebsam, mitunter etwas verschmitzt, und haben viel Fleiß und Ordnungsliebe.

Neben den Haupterwerbsquellen, Feldbau und Viehzucht, geben die sehr bedeutenden, an der südwestlichen Markungsgrenze, nahe der Lustnauer Steige liegenden Steinbrüche, viele Gelegenheit zu Arbeit und Verdienst. Dann suchen viele Einwohner ihr Auskommen durch Taglohnarbeiten im Ort und in der Umgegend, und sämtliche Erzeugnisse der Landwirthschaft finden guten und häufigen Absatz in Tübingen.

Von den Gewerbetreibenden arbeiten Weber, Küfer, Schreiner und Schuster auch nach außen; die Linnenspinnerei ist bedeutend und arbeitet sowohl für den eigenen Bedarf als auch auf Bestellung und zum Verkauf; ferner werden jährlich tausende von Kinderhäubchen hier gestrickt und nach Reutlingen abgesetzt; zwei Schildwirthschaften und drei Kramläden bestehen.

Die Vermögensverhältnisse gehören zu den mittleren; der begütertste Bürger besitzt 33 Morgen Feld und 1/2 Morgen Wald, der Mittelmann 6 Morgen Feld, die ärmere Klasse höchstens 1/4 Morgen. Hiesige Bürger haben auf fremder (Lustnauer) Markung etwa 20 Morgen Wiesen, dagegen die Lustnauer auf hiesiger Markung etwa 15 Morgen.

Die ziemlich große Markung, von der übrigens mehr als die Hälfte für den Waldbau benützt wird, hat einen mittelfruchtbaren, ziemlich leichten, naßkalten Boden, der theils aus Lehm, theils aus sandigem oder auch reinem Thon besteht (Zersetzungen des oberen Keupermergels und theilweise des Liaskalks und Bonebedsandsteins); er ist größtentheils von mittlerer Mächtigkeit, an einzelnen Stellen seicht, indem man bald auf Letten oder Gestein stößt. In trockenen Jahren ist der Boden im allgemeinen ergiebiger als in nassen.

Das Klima kann eher rauh als mild genannt werden; wegen der hohen Lage ist die Gegend den Winden sehr ausgesetzt, dagegen| weniger von Frühlingsfrösten und kalten Nebeln heimgesucht, auch kommt Hagelschlag nicht häufig vor.

Die Landwirthschaft wird sehr gut und umsichtig getrieben; es sind viele Teilnehmer des landwirthschaftlichen Bezirksvereins im Ort, die ein reges Interesse für die Landwirthschaft zeigen, überhaupt gehen manche Güterbesitzer mit gutem Beispiel voran. Der Suppinger Pflug ist der allgemeinste, überdieß sind einige Felg- und Häufelpflüge, zwei Repssämaschinen und zwei Walzen vorhanden. Zum Anbau kommen Dinkel, Gerste, Haber (wenig Weizen und Roggen), sehr viel dreiblättriger Klee, Kartoffeln, Angersen, Kohlraben, Kraut, Ackerbohnen, Erbsen; von Handelsgewächsen baut man Reps, Mohn, Flachs, Hanf und Hopfen, welche in ziemlicher Ausdehnung nach außen abgesetzt werden. Von den Getreidefrüchten kommen etwa 200 Schffl. Dinkel, 100 Schffl. Gerste und 150 Schffl. Haber nach Tübingen zum Verkauf.

Der Wiesenbau ist ausgedehnt und erzeugt reichlich gutes Futter.

Gemüse und Gartengewächse kommen theilweise zum Verkauf nach Tübingen.

In bedeutender Ausdehnung wird die Obstzucht getrieben; es ist eine neu angelegte Gemeindebaumschule vorhanden und ein besonderer Baumwart aufgestellt. An Obstsorten, die gerne gerathen, zieht man Luiken, Fleiner, Rosenäpfel, Knaus-, Most-, Ziehder-, Wadel-, echte Brat- und Palmischbirnen, auch Zwetschgen. In günstigen Jahren können 600 Säcke Obst und darüber verkauft werden.

Die Gemeinde besitzt 390 Morgen Waldungen, die mit Ausnahme von 1–15jährigen Nadelholzkulturen, meist mit Eichen und Buchen bestockt sind. Der jährliche Ertrag wird zu 57 Klaftern (künftig 70) und 3–4000 St. Wellen angegeben, hievon werden 3/5 an die Bürger vertheilt, so daß jeder durchschnittlich 1/8 Klafter und 25 St. Wellen erhält; die übrigen 2/5 werden verkauft und der Erlös, welcher mit Einschluß dessen aus der Gerberrinde 300–1000 fl. beträgt, fließt in die Gemeindekasse.

Die vorhandene eigentliche Weide wird nebst der Brach- und Stoppelweide an einen Ortsschäfer um 360 fl. verpachtet, nebenbei trägt die Pferchnutzung der Gemeinde etwa 300 fl. jährlich ein. Von den Allmanden wird jedem Bürger 1/8 Morgen gegen einen Allmandzins von 30 kr. zur Benützung überlassen, was der Gemeinde eine jährliche Rente von 171 fl. sichert. Auch die vorhandenen| 24 Morgen Gemeindegüter tragen der Gemeindekasse eine jährliche Pachtsumme von etwa 300 fl.

Die Pferdezucht ist nicht bedeutend, dagegen die Rindviehzucht von namhaftem Belang; man züchtet meist eine Kreuzung von Neckarschlag und Simmenthaler, wenig Allgäuer. Ein reiner Simmenthaler Farre und ein vom Simmenthaler- und Neckarschlag gekreuzter ist aufgestellt. Auf Märkten in der Umgegend wird viel Handel mit Vieh, namentlich mit Ochsen, getrieben. Butter kommt zum Verkauf nach Tübingen.

Im Vorsommer laufen 200, im Nachsommer 300 Bastardschafe auf der Markung; die Wolle kommt nach Kirchheim, Reutlingen und Metzingen und der Abstoß geschieht auf den Uracher und Reutlinger Märkten.

Schweinezucht besteht nicht; die Ferkel (halbenglische) werden von Tübingen bezogen und größtentheils in bedeutender Anzahl aufgemästet wieder verkauft.

Die Geflügelzucht ist ausgedehnt und der Verkauf nach Tübingen an Gänsen und Hühnern beträchtlich.

Die Bienenzucht (40–50 Stöcke) wird nicht ohne Glück betrieben und erlaubt einen Absatz von Honig und Wachs nach außen.

An Stiftungen, deren Zinse zu Armenunterstützungen und gemeinnützigen Zwecken verwendet werden, sind 395 fl. 41 kr. vorhanden.

Eine Römerstraße führte unter den Benennungen „Höhweg, Lausgasse“ von Lustnau her westlich am Ort vorüber gegen Walddorf. Nicht ferne dieser Straße wurden im Walde Dachsbühl Spuren einer römischen Niederlassung und ein Steinbild des Merkur entdeckt.

Altgermanische Grabhügel finden sich in den Staatswaldungen Dreispitz, Eichenfürst und Fichtengärtle.

P. trugen die Herren von Lustnau zu Lehen von den Pfalzgrafen von Tübingen, einen Hof auch von den Herren von Stöffeln (Mone, Zeitschr. 20, 221); sie veräußerten ihren hiesigen Besitz von 1293 (Schmid, Urk. 65) bis 1410 allmählig an das Kl. Bebenhausen, welches auch aus den Händen der Herter zu verschiedenen Malen Güter und Leibeigene, aus denen der Tübinger Grafen Gottfried, Wilhelm und Heinrich genannt Wilhelm im Jahr 1339 allhier und in Staingeboisse (s. u.) deren Leute erwarb. (Schmid, a. a. O. 138.)

Früher Filial von Lustnau bekam P. 1833 eine eigene Pfarrei. Etwa 1/4 Stunde südwestlich vom Ort stand der im dreißigjährigen| Kriege nach der Nördlinger Schlacht von 1634 abgegangene Ort „Steinbös“ (alt Steingeboisse, Steingeböze, Steingebösse, Steinböze), von dem immer noch Gebäudeschutt zu Tage kommt und dortige Güter noch die Namen Steinbösäcker und Steinbösländer führen. Im Jahr 1650 traf Joh. Valentin Andreä nur noch wenige Hütten allhier (Vita ab ipso conscripta 258). Zinse in St. kommen im Anfang des 14. Jahrhunderts von den Herren von Lustnau an das Kl. Bebenhausen, welche demselben bereits 1298 solche versetzt hatten. (Mone Zeitschr. 15, 101. 221. 447. 14, 453.)


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