Beschreibung des Oberamts Nagold/Kapitel B 4

« Kapitel B 3 Beschreibung des Oberamts Nagold Kapitel B 5 »
fertig
Fertig! Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle Korrektur gelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext.
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).
|
Beihingen,
mit Gründelhof.
Gemeinde III. Kl. mit 287 Einw., wor. 3 Kath. – Dorf, Filial von Bösingen; die Kath. sind nach Rohrdorf eingepfarrt.


Der kleine, aus minder ansehnlichen Gebäuden bestehende Ort hat theils an den untern Thalgehängen, theils in der Thalebene des Waldach-Thales eine ziemlich abgeschiedene, jedoch freundliche und geschützte Lage. Die Entfernung von der östlich gelegenen Oberamtsstadt beträgt 2 Stunden und die von dem westlich gelegenen Mutterort 3/4 Stunden.

Die in der Mitte des Dorfs gelegene Kirche ist Eigenthum der Stiftungspflege, die aber bei Bauveränderungen und Erneuerungen wegen Mittellosigkeit von der Gemeinde unterstützt werden muß. Das Schiff der Kirche ist noch ziemlich neu und stammt ohne Zweifel aus der Zeit kurz nach dem Jahr 1713, in welchem eine große Überschwemmung und eine ungewöhnliche Ergießung einer in der Kirche selbst befindlichen Quelle, das Langhaus bedeutend beschädigte und verwüstete. Dagegen ist der 4eckige, mit einem Satteldach versehene Thurm sehr alt und stammt noch aus der romanischen Bauperiode, was ein in der vorderen Giebelseite angebrachtes, romanisches Doppelfenster hinlänglich bekundet. Früher war der Ort Filial von Haiterbach und ist erst im Jahr 1826 der neu errichteten Pfarrei Bösingen als Filial zugetheilt worden.

Der mit einer Mauer umgebene Begräbnißplatz liegt außerhalb (südlich) des Orts.

Das Schulhaus wurde im Jahr 1831 mit einem Aufwand von 1362 fl. und des unentgeldlichen Bauholzes aus den Gemeindewaldungen neu erbaut; es enthält ein Lehrzimmer, die Wohngelasse des Schulmeisters und ein Zimmer für den Gemeinderath. Früher hatte der Ort kein eigenes Schulhaus, sondern nur eine gemiethete Baurenstube, | und der Schulmeister, welcher Bürger und Schuhmacher in Haiterbach war, kam jeden Tag zur Schule und zum Gottesdienst in den Ort.

Mit gutem Quellwasser ist das Dorf reichlich versehen und überdieß fließt die Waldach mitten durch den Ort; das Fischrecht haben einige Ortsbürger.

Die Einwohner sind geordnete sparsame Leute, die sich durch Feldbau, besonders aber durch Viehzucht ihr Auskommen sichern und sich in ziemlich guten Vermögensverhältnissen befinden. Der wohlhabendste Bürger besitzt 46 Morgen Felder und 10 Morgen Wald, der sog. Mittelmann 18 Mrg. Felder und 21/2 Mrg. Wald und die ärmere Klasse noch 3–4 Mrg. Felder. Die kleine, größtentheils unebene Markung hat im Allgemeinen einen minder fruchtbaren Boden, der auf den Anhöhen aus den Zersetzungen des Hauptmuschelkalks und des Wellenmergels, in den tiefer gelegenen Partien aber aus den Verwitterungen des rothen Schieferlettens und des bunten Sandsteins besteht.

In dreizelglicher Flureintheilung wird die Landwirthschaft gut betrieben; man baut Dinkel, Haber, Gerste, Roggen, Einkorn und Weizen, und etwa 125 Morgen des Brachfeldes werden mit Futterkräutern, Kartoffeln, Kraut, Hanf, Flachs, Reps, Erbsen, Wicken etc. eingebaut. Der durchschnittliche Ertrag eines Morgen beträgt an Dinkel 7–8 Scheffel, an Haber 5 Schffl., an Gerste 4 Schffl. und an Roggen 21/2 Schffl. Ein Morgen Acker kostet in den besten Lagen 400 fl., in den geringsten 5 fl., während die Wiesenpreise sich von 200–500 fl. pr. Morgen steigern. Von den Getreideerzeugnissen können jährlich über den eigenen Bedarf noch 225 Scheffel nach Außen verkauft werden.

Die durchgängig zweimähdigen Wiesen können theilweise bewässert werden und ertragen 22 Ctr. Heu und 12 Ctr. Öhmd per Morgen.

Die Obstzucht ist unbedeutend und der Ertrag derselben befriedigt weit nicht das örtliche Bedürfniß.

In gutem Zustand ist die Rindviehzucht, welche sich mit einer guten Landrace beschäftigt und durch einen aufgestellten Schweizerfarren verbessert wird. Den Zuchtstier schafft ein Bürger mit Unterstützung von Seiten der Gemeinde an und erhält für dessen Unterhaltung 5 fl. jährlich neben der Nutznießung von 3/4 Morgen Wiesen und 12/8 Morgen Acker. Der Handel mit Vieh ist nicht unbeträchtlich.

Die Schafzucht wird von den Ortsbürgern in mäßiger Ausdehnung | getrieben und die Pferchnutzung trägt der Gemeindekasse 100 fl. jährlich ein.

Die Schweinezucht ist nicht von Belang.

Die Gemeinde besitzt 2122/8 Morgen Waldungen, von deren jährlichem in 30 Klaftern bestehendem Ertrag jeder Bürger 1/2 Klafter und 25 St. Wellen als Bürgergabe erhält. Über das Vermögen der Gemeinde- und Stiftungspflege s. Tab. III.

Zu der Gemeinde gehört: der Gründelhof, welcher 1/4 Stunde nördlich vom Ort liegt.

Beihingen (alt Bigingen z. B. in Urkunde von 1292, Byingen 1363) gehörte zur Herrschaft Nagold und gelangte mit dieser 1363 an Württemberg.


« Kapitel B 3 Beschreibung des Oberamts Nagold Kapitel B 5 »
Für eine seitenweise Ansicht und den Vergleich mit den zugrundegelegten Scans, klicke bitte auf die entsprechende Seitenzahl (in eckigen Klammern).