Beschreibung des Oberamts Nürtingen/Kapitel B 31

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Grabenstetten,[1]
evangelisches Pfarrdorf, Gemeinde III. Cl. mit 1083 Einwohnern, liegt 11/2 geometrische Stunden nordöstlich von Urach an der nordwestlichen Grenze des Oberamtsbezirks und gehört in das Oberamt, Dekanatamt, Cameralamt und Forstamt Urach. Den Großzehnten nebst Gülten von den Lehengütern bezieht, einige Gültabgaben ausgenommen, der Staat, den Kleinzehnten der Pfarrer. Grabenstetten, welches seinen Namen ohne Zweifel von dem über die Markung ziehenden, sogenannten Heidengraben (oben S. 108) erhielt, hat eine freie Lage auf der Hochebene der Alp (2477 württ. Fuß über dem Mittelmeere), gesunde, reine Luft und ein etwas rauhes Klima. An gutem Trinkwasser ist Überfluß vorhanden, was gegenüber der meisten Alporte eine große Seltenheit ist. Außer mehreren Brunnen im Orte selbst, befinden sich noch 5 Quellen auf der Markung, die nie versiegen. Die Elsach entspringt in der Falkensteiner Höhle, von der unten die Rede seyn wird. Der freundliche, nicht unreinliche Ort ist ziemlich regelmäßig gebaut, die Häuser größtentheils| noch mit Stroh gedeckt, werden neuerdings mit steinernem Stock aufgeführt. Die solid gebaute Pfarrkirche, deren Erbauungszeit unbekannt ist, übrigens jedenfalls noch in die Zeit vor der Reformation fällt, bietet nichts Bemerkenswerthes dar. In der Nähe derselben stehen das Pfarrhaus, das Schulhaus und das im Jahr 1840 erbaute Rathhaus; sie bilden zusammen die schönere Partie des Ortes.
Die Einwohner sind wohlgewachsen und kräftig und bei Arbeitsamkeit und einer einfachen Lebensweise erfreuen sie sich einer guten Gesundheit. Die Vermögensumstände sind gut und scheinen sich gegenwärtig noch mehr zu bessern. Die Gemeinde ist im Besitz guter Waldungen, aus denen bürgerliche Nutzungen gereicht werden können. Feldbau und besonders Viehzucht sind die Hauptnahrungsquellen. Mit Ausnahme des tiefeingeschnittenen, schroffen Grabenstetter Thales und eines Theils des Schlattstaller Thales ist die Gesammtmarkung ziemlich eben. Der bei guter Düngung fruchtbare Boden besteht aus einem Gemenge von Lehm und verwittertem Jurakalk, der hier durchgängig die Unterlage bildet; ersterer ist stellenweise ziemlich tiefgründig, häufig aber auch so unbedeutend, daß der Pflug das darunter liegende Gestein erreicht. An einzelnen Stellen wird der Jurakalk dolomitisch und gibt dann dem Boden ein sandiges Ansehen. Dinkel, Roggen, Gerste, Haber und in neuerer Zeit auch Winterreps, in der Brache, Futterkräuter, Kartoffel und Hanf werden mit gutem Erfolg vorzugsweise gebaut. Die geringsten Ackerpreise eines Morgens sind 20 bis 30 fl., die mittleren 150–200 fl. und die höchsten 400–600 fl. Die zweimädigen, zum Theil dreimädigen Wiesen, welche mit dem im Ort zusammengelaufenen Regenwasser und durch die Elsach bewässert werden, sind sehr ergiebig und liefern vorzügliches Futter, die Preise derselben sind von 100–400–800 fl. Die Obstzucht ist unbedeutend, jedoch wird in neuerer Zeit für ihre Emporbringung, durch Anpflanzen veredelter Sorten und durch Veredlung auf wilde Stämme, Manches gethan. Es werden die späten Obstsorten bevorzugt weil der Frühling hier nicht so bald eintritt wie in den mildern Gegenden. Zwetschgen und die sogenannten Zipaten aber gerathen in manchen Jahren so gut wie in den Thalorten. Die theils der Gemeinde theils Privaten zugehörigen, nicht unbedeutenden Waldungen (meist Buchen) sind in gutem Stand und werden durch künstliche Aussaat und Pflanzung noch mehr gebessert. Von einigen Waldeigenthümern können jährlich 12–16 Klafter Scheiterholz nach Außen verkauft werden. Weiden werden nur für Schafe benützt, sie sind sehr gut und daher auch von auswärtigen Schäfern gesucht; das jährliche Pachtgeld beträgt gegenwärtig | 755 fl. Die Pferdezucht ist mittelmäßig, dagegen die Rindviehzucht gut und von einiger Bedeutung. Vorherrschend ist die gelbrothe Landraçe, zu deren Veredlung vor 3 Jahren ein Simmenthaler Farren angeschafft wurde. Die Schafzucht wird in keiner großen Ausdehnung getrieben. Der Verkauf nach Außen mit Früchten, Holz etc. besonders mit Rindvieh geschieht auf den nächsten Märkten; die Schafwolle wird auf dem Kirchheimer Wollenmarkt abgesetzt. Von den Gewerbetreibenden sind nur die Leineweber zu nennen, deren es 30 gibt. Es ist eine Schildwirthschaft und eine Bierbrauerei vorhanden. Neben der gewöhnlichen Volksschule besteht noch eine Strick- und Näh-Schule. Der Ort hat auch eine Ziegelhütte, in der die sogenannte rothe Waare gebrannt wird; das hiezu nöthige Material kommt auf der Markung selbst vor. Ebenso wird der allgemein anstehende Jurakalk in der Grabenstetter Ziegelhütte und von auswärtigen Zieglern zum Kalkbrennen benützt.

Außer mehreren Erdfällen, die sich auf der Markung befinden, ist noch die merkwürdige Falkensteiner Höhle zu erwähnen. Ihr imposanter Eingang öffnet sich zu ebener Erde an dem westlichen Abhange des felsigen Grabenstetter Thales. Anfangs eine große geräumige Halle bildend, verengt sich diese bald zu einem über 600 Schritte langen Gang, der sich hier und da in mehr oder minder große Kammern erweitert. Aus dem Gange kommt die Elsach hervor, welche aber in der Mitte desselben unter furchtbarem Getöse in verborgene Tiefen fällt und erst vor der Höhle wieder zu Tage geht. Im Hintergrund der Höhle befindet sich ein tiefer See und hinter diesem setzt die Höhle in unbekannten Spalten und Klüften fort, durch welche sie, nach der Sage, mit dem jenseitigen Schlattstaller Thal in Verbindung stehen soll. Die Gewässer der Höhle, welche schwarze Forellen führen, schwellen öfters dermaßen an, daß alle Gänge sich anfüllen, und als im vorigen Jahrhundert eine Gesellschaft, durch Aberglauben verblendet, in der Höhle Gold und Schätze erheben wollte, fand einer der Schatzgräber in den schnell angelaufenen Fluthen seinen Tod, während die andern sich auf die höhern Absätze der Höhle flüchten mußten, um ihr Leben zu retten.

Am südöstlichen Ende der Markung sind noch unbedeutende Überreste von dem sogenannten Hofener Schlößle sichtbar, welches dem Schwenzlin von Hofen (vergl. OA. Beschr. Kirchheim S. 276) gehörte.

Über römische und keltische Alterthümer, welche in der Nähe von Grabenstetten gefunden wurden, s. oben.

Im Jahr 1152 war Kloster Roth und in demselben Jahrhundert Kloster Blaubeuren allhier begütert.

| Den hiesigen Kirchensatz nebst großem und kleinem Zehnten verkauften 1483 Dietrich und Hans von Speth an das Stift Urach für 2200 fl. (s. OA. Beschr. Urach S. 122).

Hinsichtlich der Hoheit gehörte der Ort ohne allen Zweifel seit den ältesten Zeiten zur Herrschaft Neuffen, wie er denn auch einen Theil der Vogtei daselbst bildete. Mehrere Güter, die Württemberg 1526 hier besaß, hatte es von dem Hospital zu Kirchheim erworben; desgleichen kaufte 1446 Graf Ludwig d. ä. von Hans Renner, Küchenmeister, hiesige Güter. Einige Gülten, die 1395 Peter von Rammingen und 1398 Hans Ehrwein zu Urach besaßen, gelangten an das Stift Urach. Auch das Stift Sindelfingen war frühe schon begütert. Denn 1323 versichert Heinrich Schwenzlin von Hofen, daß ihm die Leute zu Grabenstetten oder anderswo in seiner Vogtei, die dem Stifte zinsbar seyen, jährlich nicht mehr als 2 Scheffel Haber und 2 Hühner von der Person geben sollen.

An Württemberg gelangte die Grundherrlichkeit auf folgende Weise. Heinrich Späth von Steingebronn verkaufte 1347 Juni 24. an Graf Eberhard seine hiesigen Güter, desgleichen Betha von Seeburg 1396 ihren Theil des Dorfes an dessen Enkel Graf Eberhard den Milden (Steinhofer II., 531), Conrad von Hofen genannt Schwenzlin den seinigen (1/8 Gericht) im Jahr 1436 an die Grafen Ludwig und Ulrich für 40 Pfd. (Steinhofer II., 796), zwei weitere Viertheile am Gericht ertauschte im Jahr 1454 Graf Ulrich von Dietrich Speth von Sulzburg. Im Jahr 1437 trug Hans Truchseß von Bichishausen dem Grafen Ludwig zu Lehen auf seine Güter und Gülten zu Grabenstetten, welche er von Heinrich von Hofen genannt Schwenzlin erkauft hatte; solche wurden ihm im Jahr 1470 geeignet. Sonst hatten in früher Zeit noch allhier Besitzungen die von Sperberseck; wenigstens verkaufte im Jahr 1385 Kraft von Sperberseck seine hiesigen Güter. Gefälle, welche die Universität Tübingen von da erworben hatte, gelangten 1752 an den Kirchenrath. Die Burg Hofen war schon 1535 zerfallen und stand damals eine Capelle zu St. Alexander auf der Stelle. – Nach Schmidlins Collect. brannte Grabenstetten ums Jahr 1630 bis auf die Kirche und wenige Häuser ab und waren 1639 nur noch 8 Bürger vorhanden. Damals hatte hier der Pfarrer zu Beuren, 1642 der zu Ober-Lenningen Gottesdienst zu halten, und erst 1645 wurde wieder ein eigener Pfarrer ernannt, der aber vorerst noch in Urach wohnen mußte.

Fußnote:

  1. Da der Ort bei Abfassung der Oberamtsbeschreibung von Urach noch zu dem Oberamt Nürtingen gehörte, so mußte seine Beschreibung hier angereiht werden.
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