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Textdaten
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Autor: Wilhelm Goldbaum
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Titel: Berthold Auerbach. Eine Erinnerung
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 14, S. 224-227
Herausgeber: Ernst Ziel
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1882
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung: Nachruf auf Berthold Auerbach
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[224]
Berthold Auerbach.
Eine Erinnerung.

… Gottlob! noch nicht so ganz, wie Manche glauben, ist dem deutschen Volke der Maßstab für die wahre Bedeutung seiner Dichter abhanden gekommen, und eine Fabel, zum Hausgebrauch der Reaction erfunden, ist die Geschichte von unserem Materialismus und unserer nationalen Verwilderung. Ein Volk, das seine Dichter ehrt, ist der Gefahr, seiner idealen Charakterzüge verlustig zu gehen, niemals ausgesetzt, und der Ausdruck tiefen Schmerzes, welcher bei der Kunde von Berthold Auerbach’s Tode in ganz Deutschland zu Tage kam, hat dargethan, daß in der Seele der deutschen Nation trotz „Blut und Eisen“ die hohen geistigen Regungen, [225] welche ihr von Alters her verliehen waren, wach geblieben sind bis diesen Tag.


Die Gartenlaube (1882) b 225.jpg

Berthold Auerbach.
Nach einer Photographie auf Holz gezeichnet von Adolf Neumann.


Kein König hätte frömmer und schmerzlicher betrauert werden können als Berthold Auerbach. Friedrich Vischer, der greise Meister unter den deutschen Aesthetikern, zog hin zu dem Grabe in Nordstetten, um am Rande desselben weithin ergreifende Worte des Leides zu sprechen; Friedrich Spielhagen warf weinend dem älteren Dichtergenossen eine Handvoll Erde nach; Lazarus, der Philosoph, stand in Cannes, im Angesichte der blauen See, zu Häupten des geschiedenen Freundes und pries in tiefsinniger Rede das Unsterbliche an diesem entflohenen Poetenleben. Und wo nur in deutschen Gauen emsige Hände sich regen, um geschriebenes Wort in gedrucktes [226] zu verwandeln, wo ein winzigstes Zeitungsblatt wißbegierigen Menschen von dem Thun und Lassen der weiten Welt da draußen Kunde giebt, war Berthold Auerbachs Name für eine Weile in Schmerzen lebendig, obwohl sein irdisches Dasein beschlossen lag wie verglommene Flamme.

Freilich, das Ende des Dichters hatte etwas von tragisch erschütternder Schicksalsfügung. Er starb in der Fremde, unter anders redenden Menschen, und da ihm der Athem stockte, trennten ihn nur zwanzig Tage von der Schwelle des siebenzigsten Lebensjahres, an der die Freunde seiner Muse ihn huldigend zu begrüßen gedachten. Der Tod hatte ihn kurz vordem in Cannstatt angerührt, aber noch einmal losgelassen, und hoffnungsselig war der Dichter hinabgezogen an die Gestade des Mittelmeeres, um an dem Strahle der südlichen Sonne zu genesen. Es war eine trügerische Hoffnung. Der Tod schlich ihm nach als unentrinnbarer Begleiter.

„Ueber die Haide hallet mein Schritt;
Dumpf aus der Erde wandert es mit.“

Und aus der Jubelfeier ward eine Trauerfeier, aus dem Trunk vom schäumenden Becher des Ruhms der bittere Tropfen Lethe.

Nun liegt er in seinem Schwarzwälder Heimathsdorfe Nordstetten zu ewiger Ruhe gebettet, zwischen den Bergen und Bäumen, die einst in seine Jugend hineingeschaut, und wenn die Schatten der Dämmerung langsam über sein Grab dahinziehen, so geschieht es vielleicht, daß die Gestalten, die er schuf, daß Ivo und Emmerenz, Lorle und der Collaborator, das Bärbele und der Tolpatsch sich versammeln, um ihm ihre Nachrede zu halten. Sie waren ein Theil von ihm, als er noch jung und schöpferisch war, und sie haben ihn überlebt, um sein Andenken in die Zukunft zu tragen; sie leben, obwohl er todt ist, und er ist nicht gestorben, weil er in ihnen fortdauert.

In ihnen mehr als in Allem, was er sonst noch geschaffen. Er besaß eine unverwüstliche Arbeitskraft, und Entwürfe, Gedanken, Pläne beschäftigten allezeit seinen Geist, aber was ihm auch früh oder spät gelungen, es ist nichts vergleichbar mit seinen „Schwarzwälder Dorfgeschichten“. Und deshalb darf man ihn wohl rühmen wegen seiner drei großen Romane „Auf der Höhe“, „Das Landhaus am Rhein“ und „Waldfried“, darf man ihm auch dankbar sein für die fruchtbare Thätigkeit, die er als Herausgeber und Uebersetzer der Werke Spinoza’s entwickelt, aber seine Stelle in unserem nationalen Schriftthun hat er nur seinen „Dorfgeschichten“ zu verdanken, welche eine ungeheure Wirkung hervorbrachten, als sie erschienen, und deren Anspruch auf bleibende Bedeutung nicht erst gerechtfertigt zu werden braucht.

Vierzig Jahre sind es, seitdem dieser Wurf gelang. Berthold Auerbach, der Sohn des jüdischen Lehrers aus Nordstetten, hatte zuerst Talmud und rabbinische Theologie, dann Rechtswissenschaft und Philosophie studirt. Er war auch für etliche Monate als Gefangener auf den Hohenasperg gesetzt worden; denn er hatte als Burschenschafter das Mißtrauen der Obrigkeit erweckt. Schließlich war er unter die Poeten gegangen, um an zwei dialectisch gerichteten Judengeschichten, „Dichter und Kaufmann“ und „Spinoza“, seine schöpferische Begabung zu erproben. Aber seine Erfolge standen noch aus; die Rückkehr in sein Heimathsdorf, zu den Gestalten, unter welchen er als Knabe gewandelt, sollte sie ihm bringen; dort lagen die Wurzeln seiner Kraft.

Und als nun die Bauern aus Nordstetten in das deutsche Schriftthum eintraten, da kam ihnen ein gewaltiges Interesse, eine fast überlaute Sympathie entgegen; Ferdinand Freiligrath jubelte dem neuen Bauernpoeten zu:

„Aus Deines Schwarzwald’s tannendunkeln Wiesen
Mit seinen Kindern kommst Du froh geschritten
Und setzest ein das Tuchwamms und die Flechte
In ihre alten dichterischen Rechte!

5
Das ist ein Buch. Ich kann es Dir nicht sagen,

Wie mich’s gepackt hat recht in tiefer Seele;
Wie mir das Herz bei diesem Blatt geschlagen
Und wie mir jenes zugeschnürt die Kehle;
Wie ich bei dem die Lippen hab’ gebissen

10
Und wieder dann hellauf hab’ lachen müssen.


Das Alles aber ist Dir nur gelungen,
Weil Du Dein Werk am Leben ließest reifen;
Was aus dem Leben frisch hervorgesprungen,
Wird wie das Leben selber auch ergreifen,

15
Und rechts und links mit Wonnen und mit Scherzen

Sturmschritts erobern warme Menschenherzen.“

Wodurch war diese Begeisterung zu erklären? Hatte es keine Dorfgeschichten gegeben vor denen des Schwarzwälder Poeten? War er der Erste, welcher Aufschluß gab über Leben und Denken des deutschen Bauers? O nein, Pestalozzi, Immermann, Jeremias Gotthelf hatten vor ihm ihre Muse in’s Dorf geführt, aber ihnen war es nicht darum zu thun gewesen, den Gegensatz zwischen Stadt und Land künstlerisch zu deuten, ihn mittelst der Dichtung zu überbrücken; Immermann’s westfälischer, Jeremias Gotthelf’s schweizerischer Bauer zeigten nicht das, was an ihnen verbindend mit der übrigen Welt sein mochte, sondern nur das Trennende. Und darauf liegt der Nachdruck. War diese Welt des Dorfes draußen eine Welt für sich, ohne Zusammenhang mit der übrigen Welt, so konnte man immerhin ein psychologisches oder artistisches Interesse an ihr nehmen, aber eine lebendige Sympathie blieb ausgeschlossen. Der Uli liebte sein Breneli, und weiter nicht, als Beider Auge reichte, erstreckte sich ihre Welt. Konnte es aber also bleiben? Stand eine Mauer zwischen Dorf und Stadt, zwischen Bauer und Bürger? Berthold Auerbach zeigte, daß man diese Mauer niederwerfen könne und niederwerfen müsse, damit der Cultur und Bildung freier Raum geschaffen werde, und er war dazu vor Anderen befähigt, weil er als Jude ein halber Städter, als Dorfkind ein halber Bauer war. In ihm selbst hatten Dorf und Stadt sich gleichsam vermischt, und auch an seinem äußeren Menschen trat dieses Doppelleben deutlich zu Tage, in der robusten, kurzen Gestalt, dem rauhen Organ der Bauer, in der Behendigkeit der Bewegung, dem Bilderschmuck der Rede, dem Kopfe mit der Denkerstirn der Städter.

Nun erst ward die Frage aufgeworfen, wie Dorf und Stadt sich zu einander verhielten, während sie bisher nur immer neben einander gedacht und geschildert worden waren; nun erst kam der Maler Reinhard in das Dorf, um sich mit des Wadeleswirths klugem Töchterlein, dem Lorle, zu vermählen; nun galt es, zu schauen, welche Früchte sich ergäben, wenn der Städter in das Dorf, der Bauer in die Stadt verpflanzt würde.

Und das war in doppeltem Sinne eine culturhistorische That.

Das deutsche Volk stand grollend, mißvergnügt, feindselig dem Bundestage wie den Regierungen gegenüber. Man hatte ihm viel versprochen und wenig gehalten. Doch wie, wenn es bestritten ward, daß diese Burschenschafter, diese „Jungdeutschen“ und Hegelianer ein Recht hätten, im Namen des deutschen Volkes zu reden? War denn der deutsche Bauer nicht auch ein Theil der Nation, und schwärmte er etwa ebenfalls für den Rechts- und Verfassungsstaat, für Parlament und Tribüne? Um dies zu erproben, mußte der Städter in’s Dorf hinaus, der Künstler Reinhard zum Lorle, der Kaufmann zum Diethelm von Buchenberg, ja mehr noch, das ganze städtische Gedankenleben mußte sich hinaus verpflanzen, damit sich zeige, ob der Bauer sich ihm anzupassen vermöge, ob er es ablehne oder es in sich aufzunehmen bereit sei.

So wird von nun an in den Thälern des Schwarzwaldes von Gewissensfreiheit, von Zellenhaft und Schwurgericht, von Untheilbarkeit des bäuerlichen Besitzes gesprochen, und es ist nicht etwa bloßer Klang überkommener Worte, sondern das Schicksal selber nimmt davon andere Formen an, traurig wie bei dem armen Jacob, erschütternd wie im „Furchenbauer“, erquickend wie an Ivo dem Hajrle.

Aber darin, daß Berthold Auerbach in dem Bereiche der Dichtung dem nationalen Culturleben eine neue Welt erschloß, liegt nicht ausschließlich das Geheimniß des ungeheuren Erfolges und des bleibenden Werthes der Schwarzwälder Dorfgeschichten. Einen Antheil hat daran auch die demokratische Tendenz, welche sich aristokratischer Anmaßung siegreich entgegensetzte.

Für die Gesellschaftsschicht, der sie selbst angehörten, hatten die Gräfin Ida Hahn-Hahn, der Fürst Pückler-Muskau, der Freiherr Alexander von Ungern-Sternberg die Literatur als Monopol in Anspruch genommen; mit geistreichen Schrullen, verrenkten Paradoxen und unnatürlich geschraubten Erfindungen wähnten sie die Aufgabe der Dichtung erschöpfen zu können, die Hahn-Hahn in Romanen, Fürst Pückler in Reisebeschreibungen Freiherr von Sternberg in Novellen. Diesem vornehmen Kauderwelsch des sogenannten Salonromans trat das ungeschminkte Schwarzwälder Deutsch Berthold Auerbach’s gegenüber, der aristokratischen Losung der Gräfin Faustine setzte sich die natürliche Anschauungsweise des Lorle entgegen.

Die Hoffnung freilich, daß der deutsche Bauer ohne Bedenken dem deutschen Städter in dem politischen Kampfe sich anschließen [227] würde, blieb lange getäuscht; er hielt sich vielmehr abseits, verständnißlos, apathisch in dem Augenblicke der Entscheidung, und beschämt mochte sich damals, im Jahre 1848, der Dichter gestehen, daß sein erster Apostelgang in’s Dorf, um den Bauer für die nationalen Aufgaben zu gewinnen, ein fruchtloser gewesen war. Ja, es hatte sich sogar erwiesen, daß der Strahl der Cultur, welchen der Poet in die Abgeschiedenheit seiner bäuerlichen Landsleute hinübergelenkt, deren Gemüther eher verwirrt, als aufgeklärt, eher verdorben, als veredelt hatte. Denn so schlau war kein städtischer Handelsmann, daß ihn der Bauer Diethelm nicht überlistet, so hart kein großstädtischer Philister, daß ihn der Furchenbauer nicht an Herzensverhärtung noch übertroffen hätte.

Später erst, viel später konnte Auerbach auch seine Schwarzwälder Bauern als gesittigt und geadelt durch die Cultur dem deutschen Volke vorführen, sie in ihrer siegreichen Natürlichkeit sogar am Königshofe zu Ehren bringen.

Immerhin bleibt es sein Ruhm, den die Geschichte unseres Schriftthums niemals wird verschweigen oder unterschätzen können, daß er den deutschen Bauer literaturfähig gemacht hat, und wenn in der Folge Bauern sogar activ an dem parlamentarischen Leben sich betheiligten, so war es sein Verdienst, dazu den Weg gebahnt, das Band der Gemeinsamkeit zwischen Stadt und Dorf zuerst gewoben zu haben.

Es ist oft gesagt worden, Auerbach habe seine Bauern reden lassen wie spinozistische Philosophen, und auch seine Abkehr von allem starren dogmatischen Glauben, übertragen auf seine Erzählungen und Gestalten, hat man herb getadelt. Seltsamer Einspruch! Er hätte das Bauernleben nicht erfaßt und poetisch verklärt, wenn er nicht ein Philosoph aus der pantheistischen Schule Spinoza’s gewesen wäre. Wie dies paradox klingt! Und doch ist es sicher, daß er mit vollem Bewußtsein die Bauernsprache durch künstlerische Behandlung erhob, mit dem Bewußtsein, das er aus dem tiefsten Studium der Volkssprache erlangt hatte, wie es ebenfalls sicher ist, daß er nur denen gegenüber ein Jude war, welche durchaus und mit Absicht den Juden in ihm übersehen wollten. Die Freiheit von aller positiven Religion machte Auerbach zum feinsten psychologischen Ergründer der Bauernseele, die Befreiung von der Enge des Dorfhorizontes erhob ihn über sich selbst und über seine Gestalten, sodaß er den letzteren dichterisch gerecht werden konnte.

Man mag einwenden, daß er den Bauer um etliche Linien höher, als es just nöthig war, zu sich emporrückte, daß er der Natur mehr sinnend als schauend nahestand, daß er, um sich über seinem Stoffe zu erhalten, bisweilen Naivetät zu zeigen beflissen war, wo er derselben ermangelte. Aber wie hätte er über den brutalen Dorfrealismus des Jeremias Gotthelf sich erheben können, wenn er dies nicht gethan hätte? Und dann mußte es ihm ja gerade darum zu thun sein, dem Salonroman gegenüber zu beweisen, daß auch im Dorfe draußen Menschen seien, begabt und gelehrig genug, um in die Volksgesammtheit als gleichberechtigt aufgenommen zu werden. Heute, nachdem jeder Zweifel getilgt ist, können wir leicht darüber spötteln, daß Spinoza’s Geist durch die Gassen von Nordstetten wandelt, daß künstliche Sprache von den Lippen der Auerbach’schen Bauern fließt und manierirtes Denken ihr Hirn beherrscht; nachdem er seit vierzig Jahren in der Literatur heimisch geworden, darf unser Bauer freilich ganz in seinem Originalcostüm sich zeigen, ohne befürchten zu müssen, daß ihm die Schwelle gewiesen werde. Aber damals brauchte er einen Einlaßschein; damals vertraute sich eine Gräfin Irma noch nicht dem naiv-resoluten Verstande einer Walpurga, und deshalb gab Auerbach seinen Schwarzwäldern weise Reflexionen, kunstvolle Wendungen mit; deshalb erfand er für sie kokette Reden und merkwürdig gestaltete Worte, wie die Adjectiva „bedenksam“, „marienhaft“ etc.

Die Kunst des plastischen Bildners ist ihm dabei aber nicht abhanden gekommen, und die Gabe des Erzählers noch weniger. Figuren die er geschaffen, sind auf die Bühne verpflanzt worden, wo sie eine unverwüstliche Lebenskraft bekunden, Aussprüche moralischen und ästhetischen Inhaltes, die er gethan, haben Eingang gefunden in unserem Sprüchwörter- und Citatenschatz.

Nicht auf ein erschöpfendes literarisches Charakterbild ist es mit diesen Zeilen abgesehen, und auch eine psychologische Studie über Auerbach’s dichterische Persönlichkeit ist nicht bezweckt. Ein rastloses Schaffen von fast fünfzig Jahren ist begreiflichermaßen an Mißerfolgen und Irrthümern nicht bar, auch wenn es gleichzeitig durch seltenes Gelingen verschönt und ausgezeichnet gewesen. Die edle Absicht bleibt da und dort hinter dem Können zurück, und es ist erlaubt, zu sagen, daß von diesem Schicksale die Romane „Das Landhaus am Rhein“ und „Waldfried“ betroffen worden sind, daß die heiße Mühe, das Problem der Durchdringung von Stadt und Land immer neu und aus anderen Gesichtspunkten zu stellen, am Ende nicht durchweg vom Erfolge begünstigt war. Was thut’s? Mit größerem Rechte, als die Franzosen von George Sand, darf unser Volk von Berthold Auerbach rühmen, daß er ihm seine Dorfpoesie geschaffen.

Mehr als sonst nach dem Tode eines Dichters ist nach Auerbach’s Hingange seine Freundschaft reclamirt worden. Viele wollten ihn genau gekannt, ihm nahegestanden haben, und in Erinnerungen an ihn schwelgte Mancher, dem Auerbach flüchtig die Hand gedrückt, dessen Lob er mit Genugthuung hingenommen hatte. War er wirklich so eitel, daß er der Freundschaft eines Jeden, der ihm schmeichelte, seine Seele öffnete? Man hätte es fast glauben können, wenn man ihn mit den Leuten verkehren sah. Aber es war dennoch nicht der Fall; im Gegentheil, aus den besten seiner Eigenschaften quoll seine Selbstgefälligkeit und sein Ruhmesbedürfniß: mittheilsam wie ein Kind, hatte er auch eine kindliche Freude daran, seine Worte schön zu setzen, seine Gedanken und Einfälle spruchartig zuzuspitzen; er berauschte sich an dem kunstvollen Klange der eigenen Rede. In gleichem Maße aber sollten auch Andere von dem, was er sprach oder geschrieben hatte, bewegt sein, damit er daran erkenne, ob er nicht umsonst geschaffen und gearbeitet, wo er das Rechte getroffen, wo das Falsche nicht vermieden hatte. Solches Hinhorchen auf das Lob des Andern, solches Dürsten und Hungern nach Beifall und Zustimmung ist nicht, was man gemeinhin Eitelkeit nennt; denn man vermag dabei nicht zu unterscheiden, wieviel die Individualität für sich, wieviel sie für die Gesammtheit, zu der sie gehört, an Lob und Ruhm in Anspruch nimmt. Und ein Dichter von der Bedeutung Auerbach’s hat doch wohl das Recht, zu glauben, daß von dem Ruhme, den er genießt, ein Theil auch auf seine Nation entfalle. Ganz in dem Sinne seiner philosophischen Anschauung ist es, wenn er sagt:

„Ich lieb’, was sein ist,
Wann’s auch nicht mein ist;
Wann mir’s gleich nicht werden kann,
Hab’ ich doch meine Freude dran.“

Aber dazu paßt es auch, daß er die Grenze zwischen sich und seinem Volke nicht zu finden vermag, so oft er Veranlassung hat, sich seiner Erfolge zu freuen, die nicht ihm allein gehören, ja ihm weniger als seinem Volke, das ihn überlebt und seiner Werke sich noch freut, wenn er selbst längst zu Staube geworden.

Uns Jüngeren, die wir von den ehrwürdigen Dichterhäuptern, welche wir von Kindheit an bewundert, eines nach dem andern hinabsinken sehen, bleibt der kurze Trost, Nachreden zu halten und fremde Bedeutung liebevoll zu würdigen. Wir vermögen nur, das Andenken unserer hervorragenden Geister getreulich festzuhalten, damit dasselbe nicht verloren sei, wenn auch unser Scheitel sich neigt.

Wilhelm Goldbaum.