Berliner Bilder/Von den Friedenssoldaten

Textdaten
<<< >>>
Autor: Ernst Kossak
Illustrator: {{{ILLUSTRATOR}}}
Titel: Berliner Bilder/Von den Friedenssoldaten
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 30, S. 434-436
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
Drucker: {{{DRUCKER}}}
Erscheinungsort: Leipzig
Übersetzer:
Originaltitel:
Originalsubtitel:
Originalherkunft:
Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
Wikipedia-logo-v2.svg Artikel in der Wikipedia
Eintrag in der GND: {{{GND}}}
Bild
[[Bild:|250px]]
Bearbeitungsstand
korrigiert
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Um eine Seite zu bearbeiten, brauchst du nur auf die entsprechende [Seitenzahl] zu klicken. Weitere Informationen findest du hier: Hilfe
Indexseite
[434]
Berliner Bilder.
Von E. Kossak.
5. Von den Friedenssoldaten.

Jenem großen niederländischen Maler rühmte man als eine außerordentliche Kunst nach, er habe durch einen Strich das Bild eines weinenden Kindes in das eines lachenden verwandeln können. Wer sich darüber zu ungewöhnlichen Lobsprüchen des Meisters angeregt fühlen konnte, dem mag das chamäleontische Farbenspiel des Lebens ein tiefes Geheimniß geblieben sein, denn wer nur einen scharfen Blick [435] in die Natur gethan, der mußte die Wahrheit des volksthümlichen Wortes über die Kinder erkennen und bestätigen, daß bei ihnen „Lachen und Weinen in einem Sacke“ befindlich sei. Die Malerkunst zur Darstellung dieses Processes braucht keine sonderlich große zu sein. Das Leben stellt stets seine schärfsten Contraste neben einander, und in der Poesie spielt der Humor die Rolle des Rubens, durch einen leisen Strich ein mit Zähren bethautes Angesicht in ein lachendes zu verwandeln.

Versuchen wir daher, mit schüchterner Hand in dieser bitterbösen Zeit aus den Schaaren der sich von allen Seiten ansammelnden Kämpfer einige Gestalten auszusuchen und bei ihnen den genannten umwandelnden Strich anzubringen. Fern sei es von uns, tapfern Kriegern zu nahe zu treten, mit einer heiligen vaterländischen Sache ruchlos Spott zu treiben; aber wir erblicken nichts Strafbares darin, unter den wirklichen Soldaten die sogenannten Friedenssoldaten auszusuchen und zu zergliedern.

Glücklich derjenige, welcher mit einem Talent geboren, zur Ausübung desselben auf Erden berufen ist! So etwa sagt Goethe an einer Stelle, die noch nicht durch allzuhäufiges Citiren zu einer literarischen Fuhrt ausgetreten ist. Der Friedenssoldat befindet sich nicht in der vom Dichter als glücklich gepriesenen Lage. Er ist entschieden für die Werke des Friedens geboren und soll doch auf Grund der preußischen Militairverfassung tapfere Thaten des Krieges verrichten. Durch dreijährige Dienste in der Garde für Heldenthum herangebildet, ein Meister im Parademarsch, eingeweiht in die tiefe Wissenschaft der militairischen Grüße, ein vollendeter Künstler in der Reinigung des Riemenzeuges, mit dem üppigen Genuß des Commißbrodes vertraut, ist er erst vor einem Jahre aus der Linie entlassen und jetzt wieder als Kriegsreservist einberufen, um gegen den Retter der Gesellschaft unter Waffen zu treten. Johann war nie mit ganzem Herzen bei der Fahne. Aus zarterem Stoffe schuf ihn die Natur, und schon frühe lernte er die Süßigkeit einer bürgerlichen Abhängigkeit kennen, die nichts von Uniform weiß, sich mit einer sackleinenen Schürze, einen Strauchbesen und einem kleinen Handwagen begnügt, Johann war nur für die Berliner Hausknechtschaft geboren, seine Brust war nicht hoch genug gewölbt für militairischen Ehrgeiz. Nur einen sehnsüchtigen Wunsch hatte er während seiner Dienstzeit genährt, aber vom Schicksal war ihm die Gewährung versagt worden. Befreiung von dem Zündnadelgewehr und die Belehnung mit dem Posten eines Officierburschen, dahin zielte sein Streben, allein Johann näherte sich hinsichtlich der Größe und leider auch des Verstandes dem Format des berühmten Murphy, mithin konnte das Bataillon seiner persönlichen Repräsentation nicht entbehren und fesselte ihn für drei Jahre an die Fahne. Als sein Triennium auf der „hohen Schule der Preußen“, wie der berühmte Reactionair, Herr von Kleist-Netzow, die Armee in einem Augenblicke patriotischer Congestionen nach dem Kopfe nannte, vollendet war, trat Johann aus den exclusiven Kreisen der Gardegrenadiere in das bürgerliche Leben zurück. Ruhmsucht störte nicht seine Träume; so gelassen, wie jener alte Römer vom Schlachtfelde hinter den Pflug zurücktrat und Rüben baute, schied Johann aus der Caserne und ward wieder Hausknecht.

Die Mobilmachungsordre hat ihn als den verlobten Bräutigam einer Vestalin in den reifsten Jahren, einer perfecten Köchin in einem vornehmen Hause, betroffen. Die culinarische Kunst seiner Geliebten macht ihm außerordentliche Freude, noch mehr ihr während einer langen und rechtschaffen zurückgelegten Laufbahn zusammengebrachtes Capital in städtischen Obligationen von anderthalbtausend Thalern. Das edle Paar war bereits einig geworden, einen Bierkeller nebst freiem Verkauf von Victualien anzulegen, also ein Geschäft, das seinen Mann so sicher nährt, als eine Plantage in Louisiana, und meistens mit dem Besitze eines dreistöckigen Hauses endet. Das Vorrücken der französischen Armee an die Minciolinie hat diese rosigen Hoffnungen zerstört, Johann muß wieder dem Kalbfelle folgen und Albertine sich entschließen, weiter zu kochen, zu backen und Früchte einzumachen. Johann sitzt am letzten Abende in der Küche und labt sich an einem Hühnchen, das eigentlich für Albertinens Gebieter gemeuchelt worden ist.

„Ich vermache Dir alle meine Civilkleider, wenn ich todtgeschossen werde,“ seufzt der wackere Friedenssoldat, „aber ich denke, es wird nicht so weit kommen. Mein Entschluß ist gefaßt; so wie es losgeht, lasse ich mir gleich gefangen nehmen, das ist das Beste!“

„Thue das, Johann,“ sagt die perfecte Köchin, „es ist das Vernünftigste. Deine Sache ist es nicht, Dich für das Vaterland todtschießen zu lassen, ein guter Preuße sucht sein Vaterland zu loben; alles Andere hat gar keinen Sinn, Dich geht der Mincio und der Rhein gar nichts an, denn Du bist ein Kind der Spree.“

Johann hört diese Entwicklung einer echt weiblichen Philosophie schweigend an, und nur das Knirschen seiner Zähne, mit denen er die Gebeine des gebratenen Vögleins zermalmt, scheint den in seiner Seele schlummernden Zorn über die Trennung von der beleibten Geliebten zu verrathen.

Wenige Zimmer weiter, im Innern des Hauses, finden wir einen anderen Friedenssoldaten von feinerer Extraction. Am Theetisch den Eltern gegenüber liegt in einem sammetnen Lehnstuhle der jüngste Sohn vom Hause, ein Dandy im strengsten Style dieser berühmten Schule. Er hat bisher allen scharfsinnigen Heirathsplänen der beiden Alten erfolgreich widerstanden und die stolze Freiheit eines Junggesellen bewahrt. Während die älteren Herren Brüder an lauter reiche Frauen verheirathet sind und im Verein mit dem eigenen Vermögen die glänzendsten Geschäfte machen, auf welche selbst das letzte Jahr der europäischen Pleite keinen sonderlich nachtheiligen Einfluß ausgeübt hat, kostet er dem Papa jährlich die Zinsen eines hohen Capitales. Im ersten Range der Oper hat er einen festen Sitz, sein Rappe kostet beinahe zweihundert Louisd’or, er gibt im Winter ein halbes Dutzend Diners und Soupers, wird von jüngeren Schauspielerinnen der Zugänglichkeit seiner Börse wegen sehr hochgeschätzt und läßt seine Leibwäsche in Paris anfertigen. Isidor ist eine imposante Erscheinung durch ein gewisses jugendliches Embonpoint und seinen quer über den Schädel, bis tief in den Nacken gescheitelten schwarzbraunen Krauskopf. Die Berliner Kaufmannschaft könnte auf ihn stolz sein, wenn sie nicht unglücklich genug wäre, sich in den nächsten Tagen von ihm trennen zu müssen. Der Beklagenswerthe flattert gleich dem Ritter Posa an einem langen, doch unzerreißbaren Seil. Schon vor Jahren, in jenem tiefen Manteuffel’schen Frieden der Demüthigung Preußens, der bis auf einige kleine Unbequemlichkeiten einem falschen goldenen Zeitalter glich, wurde Isidor in einer schwachen Stunde von militairischem Ehrgeize ergriffen. Die schlanken Taillen, die glänzenden Uniformen, die kunstvolle Sprache oder „Spräche“ der Gardecavallerie hatte er längst bewundert und, da der Civilstand seinem übersättigten civilen Ehrgeize keine Reizmittel mehr bot, im Stillen überlegt, ob er nicht eine ähnliche Stellung in der Landwehrcavallerie bekleiden könne, die ihm jährlich vierzehn Tage lang gestattete, sich in der saubersten Uniform den liebenden Damen und bewundernden Stutzern der Residenz zu zeigen. Da er gedient hatte und nicht allein Geld im Ueberfluß besaß, sondern, was im Militair eigentlich die Hauptsache zu sein pflegt, auch bereitwillig und mit dem natürlichen Anstande eines reichen Jünglings auszugeben verstand, wurden seiner Promotion als Secondelieutenant in der Landwehrcavallerie keine Schwierigkeiten entgegengesetzt. Mit einigen Gardeofficieren, die mit seiner Prüfung amtlich beauftragt worden waren, fand bei genügendem Hochheimer 1846, aus des Herrn Papa’s Kellereien, ein Disputatorium über die Theorie größerer Reitergefechte und die Führung des Pferdes statt, und der Candidat ging schließlich mit blanken Epauletten aus der gelehrten Unterhaltung hervor. Ein Lieutenantsschmauß, mit dem verglichen der gewöhnliche Doctorschmauß der armen studirten Leute eine Mahlzeit à la Ugolino im Hungerthurme ist, feierte den Tag der Einkleidung, und die geheimen Memoiren in Isidors Einnahme- und Ausgabebuch sprechen von manchem Darlehn, das wir, da es nicht immer wiedergegeben wurde, mit dem passenderen, wenn gleich gemeineren Namen „Pump“ bezeichnen möchten.

In den seligen Friedenszeiten gereichte die Lieutenantscharge dem tapferen Isidor unbedingt zum physischen und moralischen Vortheile. Die Landwehrübungen stellten in seinem Leben, wenn er jährlich gewaltsam aus dem bequemen Civil und von der väterlichen fetten Tafel gerissen wurde, die wirksamste Badereise gegen Unterleibsleiden vor. Das bei Manövern nicht immer zu vermeidende Commißbrod reinigte seinen müßig gewordenen Magen, er ritt seinen elegant gerundeten Wanst um zehn Pfund leichter, wurde wieder für Ballet, Champagner und Damenunterhaltung empfänglicher und fühlte sich durch das Bewußtsein von zweierlei Tuch sittlich gehoben. Allein seine Begeisterung für das Reiterleben ging keineswegs so weit, um daraus eine Lebensbestimmung zu machen. An der Melodie und dem Texte des berühmten Gesanges: „Was blasen die [436] Trompeten? Husaren heraus!“ hat er nie künstlerisches Wohlgefallen gespürt. Nachdem ihm die Ordre zugegangen, sich bei seinem Truppentheile an einem bestimmten, nicht mehr entfernten Tage zu stellen, fühlt er eine zärtliche Neigung zu dem stummen ledernen Rosse, das ihn bei seinem schriftlichen Kampfe mit Coursen und Wechseln getragen hat. Rozinante wurde von dem Ritter aus der Mancha, Babieça vom Cid nicht mehr verehrt, als der arme Sitzbock mit blanken messingenen Nägeln nach dem Befehle zur Mobilmachung. Der Anblick seines stolzen Rappen verursacht Isidor Herzweh, er muß ihn von einem gleichgültigen alten Stallmeister der diätetischen Regel gemäß spazierenreiten lassen, der Ton der Wieprecht’schen Trompeten im Thiergarten macht ihn nervenschwach, er ahnt den Ausbruch der Kriegsscheu. Diese Geisteskrankheit überfällt nur den bemittelten Friedenssoldaten. Er vermag die Farben der Uniform nicht mehr zu ertragen, phantasirt über die Freiheiten von Nordamerika und muß sogleich mit Sitzbädern oder kalten Abreibungen behandelt werden, wenn er nicht ganz unfähig zu ordentlichen Geschäften werden soll.

Eine höchst eigenthümliche Classe der Friedenssoldaten bilden viele Verheirathete. Zum ersten oder zweiten Aufgebot der Landwehr gehörig, und vielleicht schon seit einigen Jahren unter das Ehejoch gebeugt, scheinen sie an Wehrlosigkeit und Mangel an Muth mit den Invaliden in der bekannten Posse „Die sieben Mädchen in Uniform“ auf einer Stufe zu stehen. Sie stöhnen Tag und Nacht unter der Tyrannei des Pantoffels, weder Domitian und Nero, noch Onkel und Neffe Napoleon flößten ihren gequälten Unterthanen solchen Schrecken ein, als unseren Männern ihre geliebten Weiber. Der unschuldige Besuch des bairischen Bierquells in ihrer Gegend, die Theilnahme an einer abendlichen Partie Boston, Whist oder Billard ist ihnen strenge untersagt; das Weib ihrer Wahl und Qual gestattet nur die Entfernung von Hause, wenn es, an den Arm des Dulders gehängt, mitgehen darf; sie genießen nicht den freien Gebrauch ihrer Gelder, und müssen sich eine fortwährende Controle der Ausgabebücher gefallen lassen. Bei den alljährlichen Controleversammlungen der Landwehr sehen die Officiere sie als die unnützesten Soldaten an; man fürchtet sogar, daß sie mit ihrer niedergeschlagenen Gemüthsstimmung das ganze Bataillon demoralisiren könnten. Wie gering ist die Menschenkenntniß unter den Officieren der activen Armee!

Kaum haben diese geknechteten Charaktere die Ordre der Einstellung zur Mobilmachung in der Tasche, so findet ein furchtbarer Umschlag im Innern statt. Die bevorstehende Subordination unter die strengen Kriegsgesetze erscheint ihnen wie eine himmlische Erquickung, eine Befreiung von der häuslichen Sclaverei. Niemand kann zween Herren dienen, also schütteln sie das Weiberjoch im Hause vom Halse, um einem ungleich milderen Gebieter, ihrem künftigen Kriegsbefehlshaber, zu gehorchen. Nach Jahren scharfer Internirung entfernt sich gleich am ersten Tage der ergrimmte Friedenssoldat Abends um die siebente Stunde, ohne officielle Anzeige bei der Frau Gemahlin zu machen, und kehrt erst gegen Mitternacht heim. Natürlich erwartet sie ihn bei hellbrennender Lampe in dem feierlichen Raume der Putzstube. Auf jeden Exceß dieser Art muß bekanntlich gleich ein nächtliches Standrecht gehalten werden. Wer vermöchte aber ihr Erstaunen zu schildern, als endlich der Gatte, der Theure, Arm in Arm mit einem halben Dutzend anderer Einberufener, in militärischem Marsche nach Melodie und Rhythmus des Preußenliedes nach Hause kommt, ihm ein Vivat von seinen Begleitern gebracht wird, während er, nicht ohne einige Mühe in Betreff der Auffindung des Schlüsselloches, die Hausthür öffnet, und als Abschiedsgruß noch ein nachträglicher Trommelwirbel mit den Fäusten auf dieser durch einen begeisterten Cameraden erschallt. Sie öffnet ihm selber die Thür des Quartiers und empfängt ihn mit den Worten: „Was fällt Dir ein, Theodosius? Du gehst aus, ohne es mir angezeigt, mich um Erlaubniß gefragt zu haben! Du bleibst bis Mitternacht fort! Du kommst mit singenden Taugenichtsen selbst singend nach Hause! Du leidest, daß auf der Hausthür gewaltsam getrommelt wird! Was ist aus Dir geworden?“

Bei dieser Rede überkommt den sich moralisch bessernden und aufraffenden Friedenssoldaten eine namenlose Wuth, er stützt die Hände auf den runden Klapptisch und ruft mit hohem Pathos:

„Was mir einfällt? Frauenzimmer, das will ich Dir sagen! Vor Freuden außer mir bin ich, daß ich endlich fortkomme und mit dem Schießprügel abziehe. Wir wohnen in einer stillen, trockenen Gegend, aber Du hast in den letzten Jahren ein wahres Cayenne für mich daraus gemacht. Lieber will ich doch selbst unter dem Sicherheitsgesetz stehen, als unter Deiner Willkürherrschaft. Ein Unterofficier im achten Landwehrregiment soll Dich noch fragen, ob er ausgehen darf! Gerechter Himmel, was hat man sich von der eigenmächtigen Person im Laufe der Zeiten Alles gefallen lassen? aber es soll anders werden, ganz anders. Lieber will ich täglich mit afrikanischen Tirailleuren kämpfen, als mit Dir. Da kann Einem doch nichts Unangenehmeres begegnen, als daß man todtgeschossen wird, und das passirt jedem Menschen nur einmal, aber mit Dir zusammen, muß man täglich hundert Kartätschenladungen von Redensarten und Klagen über nervöse Kopfschmerzen aushalten, und kann sich nicht einmal zur Wehr setzen, Du weiblicher Turco!“

Die Wirkung dieser Rede ist furchtbar. Die Gattin stürzt in das dunkle Nebenzimmer und den Abgrund eines Lehnstuhls, sie bricht in Weinen und Wimmern aus, sie articulirt die bekannten Molltöne des gebrochenen Herzens, endlich endigt sie mit einem unheimlichen Röcheln, aber Theodosius kehrt sich an keinen dieser häuslichen Symphoniensätze. Er kennt sie aus genügender Erfahrung, der reichlich genossene St. Julien, die Kriegsordre in der Tasche, die Hoffnung auf Befreiung, auf einen herrlichen Soldatentod machen ihn fest. Mit dröhnendem Tritt begibt er sich in sein Arbeitszimmer, schließt und riegelt sich ein und schläft, als Vorschule der künftigen Bivouacs, auf dem Sopha bis an den lichten Morgen den Schlaf des gerechten und freigewordenen Landwehrmannes, nicht den des geknechteten Friedenssoldaten.

Einen sehr wehmüthigen Gegensatz zu diesem tugendhaften Bürger bildet der alte Obrist, der noch wenige Monate vor der Mobilmachung in seiner Galauniform mit dem Stolze eines Prätorianers spazieren ritt. Wenn man ihn auf dem hohen Braunen vorübergaloppiren sah, so mußte man für die Truppenabtheilung zittern, gegen welche er seine Bataillone führen würde. Schenkel und Waden des Heroen waren von einer prallen Rundung, das dunkle Haupthaar und der Schnurrbart glänzten von Narden und Weihrauch, mächtig hielt die Faust die Zügel des Rosses, furchterweckend klirrte der herabhängende Säbel. Nichtsdestoweniger gehört dieser aufragende Mann unter die Friedenssoldaten. Seine sanfte Seele steckt nur in einem steifen Uniform- und Commandofutterale, in Wattirung, Steifleinen und lackirtem Leder; die Haare sind mühselig gefärbt, die Haltung wird durch eine Schnürbrust unterstützt. Der Held schlägt ein wenig das Clavier, arbeitet an einer Eiersammlung, hört gern in Gesangvereinen zu und leidet unmenschlich an der Gicht. Diese Friedensmomente in seiner psychischen Zusammensetzung würden ihn bei seiner unbestrittenen Ehrenhaftigkeit nicht abhalten, sich den Strapatzen eines Feldzugs zu unterziehen, wenn die Frau Obristin nicht ein entschiedenes Wort darein spräche. Sie beweist ihm, daß er auf dem Paradeplatz für das Vaterland genug gethan, daß die Menge ausländischer Orden auf seiner Brust darthue, wie seine Verdienste nicht nur von dem Landesherrn, sondern auch von fremden Monarchen anerkannt würden, daß es in den gehörigen Jahren die Pflicht älterer Herren sei, jüngeren Cameraden die Gelegenheit zum Avancement zu bieten, und bewegt ihn, sein Abschiedsgesuch einzureichen. Er wird ohne Weiteres pensionirt, und es bleibt von ihm nichts übrig, als der Schatten eines Friedenssoldaten. Die kriegerische Würde knickt in der Civiltracht zusammen, aber auch der geistige Theil des alten Menschen schleppt sich nach Entfernung des Dienstspaliers nur noch am Boden hin. Die Ausstopfung der Gliedmaßen, die Colorirung des Haares und Schnurrbartes wird aufgegeben, das Sammeln von Eiern, der Besuch von Chorübungen hört auf, der alte Herr trägt keine Orden mehr und sinkt so tief, daß er sich bis zum Besuch von Kaffeehäusern und Conditoreien herabläßt, allerlei Zeitungen liest, mehrere geographische Problemkarten vom Kriegstheater für wenige Groschen kauft und die heftigsten Streitigkeiten zu Gunsten Napoleons auskämpft. Das Schrecklichste, was einem denkenden Menschen begegnen kann, ist dem Alten geschehen. Da alle Möglichkeit zu Schuhriegelei seiner Nebenmenschen in der Caserne aufgehört hat, ist er, um sich zu entschädigen, ein Schwärmer für den Retter der Gesellschaft geworden.