Berliner Bilder/Die Reactionäre

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Autor: Ernst Kossak
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Titel: Berliner Bilder/Die Reactionäre
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 43, S. 624-626
Herausgeber: Ferdinand Stolle
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1859
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
Kurzbeschreibung:
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[624]
Berliner Bilder.
Von E. Kossak.
7. Die Reactionäre.

Vorläufig ist allerdings die Zeit dahin, in welcher sich die zeichnende Kunst mit der Darstellung der politischen Parteien beschäftigte, allein nach dem Gesetze vom Umschwunge aller Dinge kann sie dereinst wiederkehren, und die Zeichner der Zukunft werden sich den Memoirenschreibern der Vergangenheit vielleicht dankbar verpflichtet fühlen für gewisse Aufzeichnungen und Winke, welche zum Besten der Culturgeschichte und Costümkunde benutzt werden können.

Wer heute die vor zehn Jahren angefertigten Schrift- und Zeichenwerke durchstudirt, bemerkt sicherlich, daß die meisten Abbildungen nur der demokratischen Partei gelten, und daß ihre Gegner höchstens durch die allgemeine Symbolik der Pickelhaube, die Physiognomie gewisser parlamentarischer Persönlichkeiten und das Attribut des Ministerstuhles dargestellt worden sind. Bekanntlich fällt dem Andenken des verewigten Buchhändlers Bassermann, eines Herrn [625] von gesänftigtem Constitutionalismus, der Ruhm zu, die sogenannte „Schreckensgestalt“ entdeckt zu haben, und es folgte seitdem eine lange Reihe von naturwissenschaftlich-politisch-artistischen Expeditionen nach den Thoren und Vorstädten von Berlin, um diese ethnographische Merkwürdigkeit zu studiren und dem Gedächtniß der Menschheit durch den Griffel aufzubewahren. So erhielt die freisinnige Partei durch ungerechtfertigte Verwechslung mit einigen Taugenichtsen mehrere häßliche Attribute, die erst jetzt ein wenig in den Hintergrund treten. Wäre jener geniale Entdecker nur etwas erfahrener in den Geheimnissen von Berlin gewesen, er hätte gewußt, daß alljährlich am 24. August auf dem sogenannten Stralauer Fischzuge ein socialer Congreß aller höheren Schreckensgestalten von Berlin stattzufinden pflegt, ohne daß damit die geringste politische Agitation verbunden ist, und die Polizei die dortige Bewegung nicht „niederzuhalten“, sondern vielmehr „aufrechtzuerhalten“ sucht, da die vorhandenen Vorräthe von Kartoffelbranntwein einen eigenthümlich lähmenden Zauber auf besagten Congreß ausüben. Durch die Niederlage der Demokratie entging damals die Reaction glücklich genug dem Schicksale, einen bestimmten Typus zu erhalten; die Männer des wohlgeölten, biegsamen Constitutionalismus waren zu arg eingeschüchtert, als daß einer von ihnen „die reactionäre Schreckensgestalt“ hätte entdecken sollen. Nichtsdestoweniger ist sie noch heute vorhanden und bietet sich dem Griffel des Zeichners in ungleich größerer Mannichfaltigkeit dar, als jemals die sogenannten Typen der Demokratie, nur daß Niemand es noch der Mühe für Werth hält, das Auge auf sie zu werfen, sie zu lithographiren und abzudrucken.

Zum ersten Male lernten wir sie bei Gelegenheit der Grundsteinlegung der Gedenksäule vor dem Invalidenhause kennen. Mit einer Eintrittskarte zur Feierlichkeit versehen, zu welcher sich nur ein kleines, höchst exclusives Publicum versammelt hatte, wurden wir auf Grund eines schlichten, dunkelfarbigen Paletots, hirschlederner Handschuhe, einer schwarzen Halsbinde und eines handfesten Rohrstockes – es war kalt und der Boden mit Glatteis bedeckt – von dem wachhabenden Polizeibeamten nicht gleich auf die reservirte Tribüne gelassen, sondern unter einen Haufen schwarzer Gestalten gewiesen, die, von Weitem betrachtet, Gentlemen glichen, in der Nähe aber unverkennbar dem Mob näher als billig zu stehen schienen. Beinahe eine volle Stunde lang mußten wir in dieser Weise zubringen, hatten also vollauf Zeit und Gelegenheit, Beobachtungen anzustellen und uns fest einzuprägen. Wie bemerkt worden, waren alle diese Herren „schwärzlich“, wir sagen absichtlich nicht „schwarz“ gekleidet, da die Zähne der Zeit und Bürste, nebst dem ätzenden Strahle der Sonne, die Farbe und Haare des Tuches nicht zum vortheilhaften Ansehen desselben arg verändert hatten. Unter demselben Nachtheile litten ihre Hüte. Einige derselben schienen ihrem ehrwürdigen Ansehen nach Zeitgenossen jenes Hutes gewesen zu sein, den der schmachvolle Geßler zum Gruße auf einer Stange aufgehängt hatte, aber auch die jüngsten Exemplare waren offenbar in der Geschichte der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts wohl bewandert. Nebenbei verriethen viele Beschädigungen, welche nur durch Gewaltthätigkeiten verursacht sein konnten, daß nicht nur ihre geschichtlichen Bestrebungen, sondern auch ihr häusliches Leben ein unglückliches genannt zu werden verdiente. Fast aller Herren Hüte waren mit der Nationakokarde geschmückt, zeigten aber dennoch Spuren, daß sie ein oder mehrere Male durch kräftige Faustschläge über die Ohren derselben herabgeschlagen worden waren; ein Angriff auf die Würde des deutschen Mannes, der ihm lebenslänglich den Stempel der Komik aufdrückt. Zu den charakteristischen Kennzeichen der Versammlung gehörte ferner eine auffallende Niedergeschlagenheit. Sie erinnerte uns an einen bekannten englischen Kupferstich, auf welchem im Vordergrunde ein am Boden liegender Kantschu, im Hintergrunde eine Gruppe moralisch zerrüttet, verwirrt und struppig aussehender Hunde abgebildet ist, so daß unter denkenden Köpfen über den eben beendeten Vorgang kein Zweifel entstehen kann. Die Leibwäsche verdiente nicht, musterhaft genannt zu werden, indessen verlieh die Präcision, mit welcher alle Herren am Kinn glattrasirt waren, der ganzen Schaar einen gemeinsamen Anstrich. Der Berichterstatter fiel daher durch seinen dichten Bart, den er, nebenbei gesagt, nicht als politische Signatur, sondern als treffliches Schutzmittel gegen rheumatisches Zahnweh seit mehr als zwanzig Jahren trägt, der Schaar sehr unangenehm auf.

Sie mied ihn, so viel sie konnte, und drängte sich gleich einer Schafheerde vor ihm, dem bärtigen Wolfe, ängstlich nach der andern Seite hin. Wir wußten damals nicht, was wir aus diesem Haufen von etwa achtzig bis hundert Männern machen sollten. Vieles in ihrer Gebehrdung sprach dafür, daß sie eine Corporation vorstellten, allein wir vermochten sie bei ihrem schäbigen Aeußeren nirgends in das sich versammelnde Publicum einzurangiren, welches überwiegend aus glänzend decorirten Generälen und hohen Staatsbeamten zu bestehen schien. Vorwaltend war der düstere Ton einer antiken Schusterhaftigkeit unter den niedergeschlagenen Herren. Sie glichen den unentwickelten Vorfahren jener niedlichen Fabrikanten, welche für uns so zierliche lackirte Stiefeln, Morgenschuhe und Gamaschen verfertigen, und mochten überwiegend zu den ehrwürdigen Ueberresten der „Altflicker“ gehören. Der Versuchung, hinter das Geheimniß zu dringen, war nicht länger zu widerstehen. Ein alter Herr schien am meisten geeignet, angeredet zu werden, denn ihm ragte eine unersättliche Tabaksnase aus dem Antlitz in das irdische Jammerthal. Wir präsentirten ihm die gefüllte Dose, und ein versöhnliches Lächeln zog über seine Gesichtszüge, als er seinen Appetit befriedigt hatte.

„Darf ich Sie vielleicht fragen, bester Herr, zu welcher Behörde, oder zu welchem Vereine alle diese Herren gehören, unter welche ich zufälliger Weise durch die Anweisung des Polizeibeamten gerathen bin?“

Die Frage erschien dem alten Herrn so wunderlich, daß er anfangs gar keine Antwort darauf fand, dann griff er in die Tasche, zog eine platte, aber nicht kleine, kreisartig gerundete Flasche hervor, that einen tiefen Zug, wischte mit dem Aermel des schwärzlichen Frackes den Mund und sagte beruhigt:

„Sie sind wohl nicht von hier, sonst würden Sie uns kennen; wir sind der Treubund!

Leider schnitt der Anfang der Festlichkeit die weitere Unterhaltung ab, ein Herr in guten Mannesjahren, mit der Decoration eines mittleren Ordens, näherte sich dem Haufen und gab ihm das Zeichen, die hinteren Plätze der Tribüne zu besteigen. Die schwärzlichen Trauergestalten suchten unverzüglich eine Art zwei Mann hoher Front herzustellen, machten die ausgespannten Regenschirme zu und setzten sich in Reihen in Marsch nach der Treppe. Wir aber schlossen uns der trübseligen Compagnie an und bedauerten nur, keinen geschickten Zeichner in der Nähe zu haben, um einige dieser verkümmerten Gestalten der Merkwürdigkeit wegen zu copiren.

Politische Kenner werden sofort bemerkt haben, daß besagte Reactionäre sich noch keiner vollständigen Siegesgewißheit erfreuten und noch schwer unter dem Drucke lästiger Erinnerungen litten; sonst hätten sie sich nicht durch einen Bart im Gesichte eines ganz unpolitischen, harmlosen Mannes einschüchtern lassen. Mehrere Jahre später sollten wir wieder ein Rudel Reactionäre, aber unter ganz veränderten Umständen antreffen. Von Demokratie war nicht mehr viel die Rede, selbst die der Zeitungen ihrer Parteifarbe war so verschossen, wie ein rothgefärbtes Hutband nach einer Gebirgsreise. Alle furchtsamen Personen hatten sich die Bärte abgeschnitten, oder doch militärisch zugestutzt und gekürzt; die Reaction war dick und fett geworden und schlug sich selbstbewußt auf den Bauch. Ihr Novembermann, der Minister, stand in voller Blüthe. Er war nahe daran, in seinen untergebenen Kreisen eine Art Volksthümlichkeit zu erlangen, hätte nicht sein etwas napoleonisch markirter Gesichtsausdruck ein schweres Gegengewicht in die Wagschale gelegt. Dennoch gab es Orte, wo man ihn wie den großen Buddha verehrte. Namentlich war da eine Bierkneipe, in welcher er fast den einzigen Gegenstand der Unterhaltung bildete. An einem Abende hatte sich der Minister nämlich in dem Incognito Harun Alraschids, Josephs des Zweiten oder des kleinen Corporals eingefunden und sich an dem Tische der versammelten Bürger ein Glas Weißbier einschenken lassen. Anfangs war er bei seinem mehr als schlichten Aeußern den reactionären Philistern nicht aufgefallen, und auch aus seiner Unterhaltung hatte Niemand auf einen ungewöhnlichen Mann, am allerwenigsten aber auf einen Staatsmann schließen können, denn der Unbekannte hatte gesprochen, wie im Parlamente, wenn er von den Revolutionären in Schlafrock und Pantoffeln, oder von der lahmen Ziege, von der entnervenden Lectüre des Montesquieu oder dem Vogel Phönix „Preußen“ redete, schlicht und recht, ohne rednerischen Schmuck, ein Mann, dessen Tagearbeit nicht in Maulwerk und Sprechenismus besteht. Als er aber schied, hatte er sich dem Wirthe zu erkennen gegeben. Dieser goß die Bierneige des Ministers nicht in den Topf, woraus die Biersuppen für die Gäste gekocht werden, sondern vertheilte den Balsam tropfenweise an die Reactionäre, [626] machte aus dem Glase eine politisch-patriotische Reliquie und stellte sie als heiliges Symbol hoch an einem Orte auf, wo ihr Anbetung gezollt werden konnte. In der Kneipe aber bildete sich ein besonderer Cultus, ein Orden der rothen Reaction, des Weißbiers, der Eisbeine und bairischen Würste. Wie bei den Mohamedanern heißt es hier allabendlich: Allah il Allah, aber nicht Mohamed war sein Prophet, sondern der kleine schwarzköpfige Minister. Auch die Physiognomie dieser frommen Reactionäre zeichnete sich sehr aus. In ihr lag schon die selbstbewußte Ruhe des politischen Sieges.

Die versammelten Männer durften sich der errungenen Trophäen freuen, ihre Würste mit Sauerkraut in vollkommener Sicherheit essen, daß nicht zwischen dem fetten Bissen und dem offenen Maule Generalmarsch geschlagen, bei einem Minister Volksbesuch abgestattet und eine ungesetzliche Rede unter freiem Himmel gehalten würde. Als politisch unverdächtige Wesen, wie sie Cäsar bei Shakespeare um sich haben wollte, waren sie Alle wohlbeleibt und von bürgerlich wohlhabendem Anstrich. Bon jenem verkümmerten Schuhflickerthum war nicht die geringste Spur zu bemerken. Hatten die oben beschriebenen armen Kümmerlinge sich einem reactionären Vereine angeschlossen, um Hoffnung auf Erwerb zu erhalten, sich hochgestellten Gönnern zu empfehlen, vortheilhafte Verbindungen mit gutgesinnten Kutschern, Portiers, Jägern und Lakayen anzuknüpfen, so sah man diesen behäbigen Herren an, daß ihr geregelter Erwerb und nahrhaftes bürgerliches Geschäft durch die Beruhigung der beweglicheren Elemente des Staates wiederhergestellt und neu befestigt worden war. Sie sprachen in der Tonart biederer Grobheit von ihren Erwerbszweigen und Speculationen, und bekümmerten sich merkwürdiger Weise nicht im Mindesten um Politik, Hätte man ihnen genügende Garantie gewährt, daß sie auch in einer rothen Republik ihr Leder verkaufen, ihre Strumpfwaaren anfertigen, ihren gebrannten Kaffee absetzen könnten, sie wären sofort daran gegangen, die gläserne Reliquie zu zerschlagen. Sie waren Reactionäre, weil sie am besten mit der Reaction fuhren. Den fremden Beobachter, der sich kühnlich neben die alten Stammgäste setzte und jene Merkwürdigkeit betrachtete, sahen sie deshalb auch nicht scheel an oder rückten vor ihm bei Seite; es that ihnen anscheinend wohl, ausnahmsweise von einem Gaste beehrt zu werden. Im Ganzen trat in ihnen sogar etwas von dem moralischen Eunuchenthum hervor, welches dem Constitutionalismus von seinen Gegnern vorgeworfen wird, und wahrscheinlich gab es damals schon manchen Unschlüssigen unter ihnen, der seitdem von dem Novembermanne abgefallen ist und den Finanz- oder Kriegsminister als Deputirten gewählt hat. Das Aeußere dieser Herren trug einige philiströse Würde zur Schau. Je weniger Entschlossenheit der Ansichten sie besaßen, und je mehr sie darauf angewiesen waren, sich an eine starke Partei zu lehnen und von ihr gängeln zu lassen, desto männlich selbstständiger gebehrdeten sie sich. Da die Staatsmänner und Minister von heute nicht mehr den historisch großartigen Anstrich der Diplomaten des vorigen Jahrhunderts besitzen, so zeigten sie, wie sie an einer langen ungedeckten Tafel saßen, einige Aehnlichkeit mit den derzeitigen lebenden Inhabern der Stühle am Ministertisch in der Kammer.

Weit interessanter, als diese beiden Gattungen von politischem Krummholz sind die höheren Reactionäre, welche der Forscher noch heute an einigen exclusiven Orten der Residenz findet. Wir meinen die alten Junker und solche gutsituirte Bürgerliche, welche es zu sein wünschten, und sich deshalb zu jenen halten. Allen Männern und Jünglingen, welche Morgens oder Abends Verlangen nach einer kräftigen Herzstärkung aus den Kellereien des Bacchus oder Gambrinus tragen und dazu ein vortreffliches Gericht essen wollen, können wir die „reactionäre Kneipe“ aus eigener Erfahrung angelegentlich empfehlen. Niemand braucht darum seine politische Meinung zu verleugnen, aber wir wollten ihm doch rathen, wenn das Local besetzt ist, sie wenigstens zu verschweigen, falls sie der Fahne des Ortes nicht entspricht. Er könnte sonst auf eine ungemein heftige manuelle Weise aus der Versammlung entfernt werden. Zunächst muß Jedem die Stellung des Wirthes zu den Gästen auffallen. Sie ist durchaus patriaichalisch correct und die eines Mannes, der Alles daran setzt, um selbst mit zeitweiligen eigenen Opfern die Gesellschaft zufrieden zu stellen und an sein Haus zu fesseln.

So macht an einem runden Tische, in dem Kreise alter Herren, ein Graukopf ein etwas bedenkliches Gesicht über den Rothwein. Alsbald wird der Wirth citirt und der unzufriedene Graukopf ihm mit Pathos vorgestellt. Man unterwirft die Weinsorte einer strengen Kritik und beruhigt sich erst, als eine genaue Untersuchung der Flasche und des Pfropfens ergiebt, daß letzterer durch ein Mißgeschick, wie es selbst im besten Keller vorkommen kann, etwas schadhaft gewesen sei und dem Rebensaft einen Beigeschmack verliehen habe. Der Wirth nimmt daran keinen Anstoß, weil er weiß, daß nirgends in der Welt treuere und ausgiebigere Kunden gefunden werden, vorausgesetzt, daß man ihnen stets das Beste liefert. Dafür genießt er aber auch ein großes Vertrauen unter den alten Herren, und es kommt vor, daß sie sich zusammenthun und ihm eine ansehnliche Summe Geldes zur Erweiterung des Geschäftes mit geringen Zinsen vorschießen. Andere Gesellschaft, als eine aristokratisch und reactionär zusammengesetzte, sehen sie dagegen in dem Locale nicht gern. Der Ton der eigenen Unterhaltung ist stets etwas gereizt und verbittert, hat aber diese unangenehme Klangfarbe erst seit dem Jahre 1848 angenommen. Vorher lebte der Gutsbesitzer und Wollzüchter, der active und pensionirte Officier, der Arzt und Geistliche adliger Kreise in einem Zustande idyllischer Unschuld; die Kreuzzeitung war damals noch nicht begründet. Erst durch dieses Blatt wurde ihnen Allen der Staar gestochen und klar gemacht, was hienieden in Preußen gut und böse sei. Jetzt haben sie Alle eine politische Meinung gewonnen und den Frieden der Seele verloren; jener Zeitungsengel hat sie aus dem Paradiese mit dem Flammenschwerte des Zuschauers vertrieben. In ihren Augen ist die Erde nur von Seraphim, den Reactionären, und Dämonen, den Revolutionären, bevölkert. Gegen Letztere muß durch Polizeimaßregeln, Verbote, Beschränkungen des Vereinsrechtes, Landräthe, Wahlumtriebe und kleine Kreisblätter, diese wilden Aepfel des Baumes der literarisch-politischen Erkenntniß, unausgesetzt ein Vertilgungskrieg geführt werden. Die alten Herren sind daher immer auf Seiten der äußersten Gewalt in allen Ländern und ganz gegen Volksbildung, da sie sich durch lange Erfahrung und persönlich überzeugt haben, daß der Staatsangehörige mit einem äußerst geringen Maße derselben verhältnismäßig glücklich leben kann. Menschen, die ihre Namensunterschrift durch drei Kreuze ersetzen müssen, gelten ihnen natürlich mehr, als jene großen Männer, die ihren Namen durch die Feder unsterblich gemacht haben; ja, sie sehen in diesen die noch heute fortwirkende Ursache sämmtlicher Revolutionen.

Alles, was in den fünf Welttheilen und auf den sie umgebenden Gewässern geschieht, erfahren sie nur aus dem genannten einflußreichen Journal, welches von ihnen deshalb auch schlechtweg „die Zeitung“ genannt wird. Wenn vornehme Personen, selbst von fürstlichem Geblüt, den Grundsätzen der Reaction abtrünnig werden, rechnen sie dieselben unbedenklich unter die Revolutionäre und verleihen ihnen allerlei Spitznamen, die immer mit einem seltsamen höhnischen Schmunzeln leise ausgesprochen werden. Für feinere Parteiunterschiede haben diese alten Herren keinen Sinn und verabscheuen Jeden, der ihr Programm nicht bis auf das letzte Komma unterschreibt. Kommt eine etwas liberalere Richtung an das Ruder, so verfallen sie in den sogenannten „Staatsschmerz“, ein Leiden, bei welchem ihnen bei jedem freisinnigen Lüftchen Alles im Leibe wehe thut und sie den Untergang des Vaterlandes fürchten läßt. Der Wirth fühlt sich dabei ungemein wohl. Sie verzehren während dieser Krankheit mehr gebratene Speisen und hitzige Getränke, denn je, und versammeln sich häufiger als sonst, um einander ihr tiefes Leid zu klagen. Die militärisch zugestutzten Schnurr- und Backenbärte herrschen in diesen Reunionen vor, und in die Wehklagen über den Verfall des Staates mischen sich nicht selten unwillige Aeußerungen über Zurücksetzung im Avancement. Die Erwähnung des Programmen von Eisenach vermag bei einigen Rigoristen sofortige Gesichtszuckungen hervorzurufen, und gegen die deutsche Einheit nähren sie in sich denselben Abscheu, welchen nach der Naturgeschichte die Hunde gegen den Gedanken einer Union mit dem Katzengeschlechte hegen sollen.