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Textdaten
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Autor: Prof. Dr. Buchheim
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Titel: Beitrag zu Schillers Charakteristik
Untertitel:
aus: Die Gartenlaube, Heft 8, S. 127-128
Herausgeber: Ernst Keil
Auflage:
Entstehungsdatum:
Erscheinungsdatum: 1865
Verlag: Verlag von Ernst Keil
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Erscheinungsort: Leipzig
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Quelle: Scans bei Commons
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[128] Beitrag zu Schillers Charakteristik. In der dreiundvierzigsten Nummer des verflossenen Jahrgangs der Gartenlaube befindet sich eine Notiz mit obiger Ueberschrift, die eine irrige Ansicht von dem Charakter unseres edelsten Dichters enthält. Ich schmeichle mir daher mit der Hoffnung, daß mir eine, wenn auch etwas späte, Berichtigung gestattet werde. Wo es sich um die Ehrenrettung auch eines ganz gewöhnlichen Menschen handelt, darf eine Berichtigung nie als zu spät oder veraltet betrachtet werden. Um wie viel mehr ist dies aber der Fall, wenn ein Schatten auf die Lichtgestalt eines der edelsten geistigen Vertreter einer großen Nation geworfen wird.

In der betreffenden Notitz heißt es, daß Schiller in den „Räubern“ aus persönlichem Groll gegen zwei Schweizer Junker den Canton Graubünden als „das Athen der Räuber und Diebe“ bezeichnet und daß er sogar den Namen des einen der beiden unliebsamen Junker, die seine Mitschüler Waren – des Herrn von Pestalozzi nämlich – aus gleichem Grunde in eine Mordscene in „Wallenstein’s Tod“ verflochten habe.

Der Schreiber jener Notiz meint in Bezug auf Graubünden, „gerade jene Gegenden hätten sich von jeher der tiefsten Sicherheit und Ruhe erfreut“. Nun, so ganz richtig ist diese Behauptung eben nicht. Man denke nur an die grausamen und räuberischen Vorfälle, die der religiöse Fanatismus zur Zeit des dreißigjährigen Krieges in der unmittelbaren Nachbarschaft von Graubünden hervorgerufen.

Die zweite Beschuldigung sind wir im Stande noch bestimmter zu widerlegen. Der Schreiber der erwähnten Notiz führt nämlich an, Schiller habe, um sich an Herrn von Pestalozzi zu rächen, dem schottischen Mörder Buttler in dem zweiten Auftritt des fünften Actes von „Wallenstein’s Tod“ folgende Worte in den Mund gelegt:

„Nun denn, so geht und schickt mir Pestalutzen,
Wenn ihr’s verschmäht, es finden sich genug.“

und abermals weiter unten, wo von Terzky’s und Illo’s Ermordung die Rede ist:

– – – – – – „Dort wird man sie
Bei Tafel überfallen, niederstoßen;
Der Pestalutz, der Lesly sind dabei.“

Der Verfasser sagt: „Pestalutz, wie der Name von Schiller’s Quälgeist in der schweizerischen Depravation lautet, ist auch hier gewiß nicht ohne Absicht gesetzt“ u. s. w. Hierin hat man wohl Recht, aber die Absicht ist eine wohlbegründete, historische, wie überhaupt viel mehr historisches Detail in Schillers Wallenstein enthalten ist, als die Welt noch zu ahnen scheint. Pestalutz ist nämlich kein aus Neckerei boshaft eingeschalteter Name, sondern ein wirklicher, dessen Träger in der blutigen Katastrophe von Eger ebenfalls eine Rolle spielte. Es gab im Terzky’schen Regiment einen Hauptmann Pestalutz, der sammt andern Officieren von Buttler in die Verschwörung gegen Wallenstein gezogen wurde. Als Beleg für unsere Angabe verweisen wir – anstatt auf die ursprünglichen nicht leicht zugänglichen Quellen – auf eine Stelle in einem neuern Werke, in Försters „Wallenstein’s Proceß“,[1] wo Seite 158 der Hauptmann Pestalutz unter den Mitverschworenen angeführt ist.

Der Dichter hatte die anderen höheren Officiere, die in die Verschwörung verflochten waren, in seinem dramatischen Meisterwerke entweder persönlich vorgeführt, oder doch erwähnt, mit Ausnahme der englischen Officiere Birch und Brown, deren Namen zu unpoetisch geklungen haben würden. Pestalutz aber klingt nicht so prosaisch und paßte wohl in’s Metrum; es war daher natürlich, daß der Dichter diesen Namen von Buttler gebrauchen ließ, um den unentschlossenen Mördern mit seiner Concurrenz zu drohen.

Schließlich sei mir noch die Bemerkung gestattet, daß, wenn ich diesen Gegenstand ausführlicher besprochen habe, als Manchem gerate nöthig scheinen dürfte, dies vorzüglich geschah, um die Berichtigung so nachdrücklich wie möglich zu machen. Wenn ich bedenke, wie enorm groß die Anzahl der Leser ist, durch deren Hände die „Gartenlaube“ geht, so scheint mir die Befürchtung nicht ungegründet, daß wir in irgend einer nächstens erscheinenden deutschen Literaturgeschichte die angeführten Punkte als Beweise für Schiller’s Unversöhnlichkeit und rachsüchtiges Temperament finden dürften. Die Herren Doctoren Janssen und Klopp, die leider bereits so viel dazu beigetragen haben, den Namen unseres Schiller auch im Auslande zu verunglimpfen, wären wohl nicht die Letzten, von einer solchen Anklage Gebrauch zu machen. Der Schreiber der Notiz scheint freilich den gehässigen Charakterzug beschönigen zu wollen, Andere, wir möchten fast sagen deutschfeindliche Deutsche, würden aber der Sache eine ganz andere Färbung geben.

London, Januar 1865.
Prof. Dr. Buchheim.

  1. Leipzig, 1844.