BLKÖ:Werner, Gregor Joseph

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
korrigiert
Band: 55 (1887), ab Seite: 52. (Quelle)
[[| bei Wikisource]]
Gregor Joseph Werner in der Wikipedia
Gregor Joseph Werner in Wikidata
GND-Eintrag: 11863142X, SeeAlso
Dieser Text wurde anhand der angegebenen Quelle einmal Korrektur gelesen. Die Schreibweise sollte dem Originaltext folgen. Es ist noch ein weiterer Korrekturdurchgang nötig.
Linkvorlage für Wikipedia 
* {{BLKÖ|Werner, Gregor Joseph|55|52|}}

Werner, Gregor Joseph (Compositeur, geb. im Jahre 1691, gest. zu Eisenstadt am 3. März 1766). Ueber diesen ebenso originellen und nicht gewöhnlichen Tonkünstler sind nur unzureichende Nachrichten vorhanden. So ist es nicht bekannt, wo er seine musicalischen Studien gemacht und zum Componisten sich herangebildet hat. Doch muß es früh geschehen sein, da er schon in den Dreißiger-Jahren seines Alters bei der Hauscapelle des regierenden Fürsten Nicolaus Eszterházy zu Eisenstadt als Capellmeister angestellt war. Der Fürst besaß nämlich zwei Capellen: eine zu Eszterház für die Oper, das Schauspiel und für Kammerconcerte, welche Joseph Haydn dirigirte, die zweite in Eisenstadt für Kirchenmusik, deren Leitung unserem Componisten, der als tüchtiger Contrapunctist galt, übertragen war. In dieser Stellung hatte Werner reiche Gelegenheit, sein Compositionstalent walten zu lassen, und so brachte er Oratorien, Cantaten, Messen und andere Kirchenmusikstücke und ungeachtet für Opern Eszterház bestimmt war, auch solche zur Aufführung. Doch sei hier noch bemerkt, daß, als Haydn als Capellmeister in Fürst Eszterházy’sche Dienste trat (1760), Werner bereits in hohen Jahren stand, woraus sich denn auch der Gegensatz beider Meister in Ansichten und musicalischer Richtung ergibt. So erklärte Werner den nachmals so berühmt gewordenen Joseph Haydn, dessen Schöpfungen heute noch fortleben, während er selbst – wenngleich mit Unrecht – vergessen ist, für eine „Modepuppe“; und als Haydn eines Tages von Eszterház nach Eisenstadt kam, um die sogenannte 6/4 Messe in G-dur dort aufzuführen, und Werner um das Urtheil darüber gefragt wurde, antwortete dieser: „Ein Gsanglmacher“. Dieses Urtheil kam Haydn zu Ohren, welcher sich aber dadurch nicht beirren ließ, sondern eine Messe im strengen Style componirte, die er selbst Werner vorlegte, und nun stand dieser auch nicht an, dem Werke volle Anerkennung zu zollen. Von dieser Zeit datirt seine Achtung für Joseph Haydn. Wohl über 40 Jahre stand er in fürstlichen Diensten und componirte neben vielem Anderen alljährlich die geistlichen Oratorien, welche in der Charwoche in der Chorfrauenkirche am heiligen Grabe aufgeführt wurden. Auf diese Weise entstanden die auf Seite 54 namentlich angeführten Oratorien, und merkwürdig genug fallen mehrere derselben gerade in die Periode, als der große Händel in dieser Musikgattung in England so großes Aufsehen erregte, ohne daß dem in völliger Zurückgezogenheit in Eisenstadt lebenden anspruchslosen Werner von dieser Thatsache auch nur die geringste Kenntniß zu Ohren gekommen wäre, ja noch mehr: wiederholt begegneten sich beide Tonkünstler in der Wahl des Gegenstandes, den sie musicalisch bearbeiteten. Leider waren die letzten Jahre unseres Componisten durch andauernde Kränklichkeit getrübt. Als Werner, 75 Jahre alt, starb, wurde Joseph Haydn dessen Nachfolger. Obgleich Werner viel componirt hat, sind doch nur vier seiner Compositionen im Stich erschienen, seine zahlreichen anderen Werke werden im fürstlichen Archiv zu Eisenstadt in Handschrift aufbewahrt. Was nun den Geist und die künstlerische Bedeutung seiner Schöpfungen anbelangt, so gehört unser Tondichter zwar noch jener Zeit an, in der [53] sich die Musik nur in den Fesseln des Contrapunktes bewegen konnte, nimmt aber, von dem Standpunkte betrachtet, einen Ehrenplatz ein neben den tüchtigsten Contrapunktisten seines Zeitalters. Seine mitunter ganz merkwürdigen Werke bezeugen es, wie er aller Spitzfindigkeiten des Contrapunktes Herr war. Joh. Nep. Fuchs, Haydn’s Nachfolger in der Fürst Eszterházy’schen Capelle, behauptete: „Man kann leichter im Styl eines Händel, Bach und Anderer schreiben, aber in dem Styl eines Werner zu schreiben, wird Niemand gelingen, so frappant sind oft seine Gänge, seine Ausweichungen, so sonderbar sein Eintreten einer Stimme; es gehört oft eine Resignation dazu, einen Ton zu halten, von dem man glaubt, er könne durchaus nicht der rechte sein, bis es die Auflösung bezeugt, daß es der rechte war.“ Man kann kühn behaupten, der Sänger sei erst dann ein vollkommener „Treffer“, wenn er Werner’sche Compositionen richtig singe; gewiß wird sich der erfahrenste Sänger nicht ungezwungen bewegen. So ist es auch für den Organisten eine große Aufgabe, Werke Werner’s zu spielen; man erzählt sich, daß sich derselbe sehr ärgerte, daß er nichts schreiben konnte, was der damalige Organist Novotni – zugleich Buchhaltereibeamter und naher Anverwandter des bekannten Kirchencompositeurs Novotni – nicht gleich vom Blatte spielte. Werner, der in Eisenstadt starb, liegt auch daselbst begraben. Seine Ruhestätte befindet sich auf dem sogenannten „alten Friedhof“ am Berg, und wir theilen die von ihm verfaßte gemüthliche Grabschrift unten mit. Fast erscheint es uns auffallend, daß der geistvolle W. H. Riehl in seinen mit so viel Sachkenntniß und meisterhafter Kritik gezeichneten „Musicalischen Charakterköpfen“ sich unseren Werner entgehen ließ, dessen Compositionen den Stempel der Gediegenheit an sich tragen, den gewandten Contrapunktisten zeigen, dabei aber einen mit origineller Künstelei verbundenen Humor und eine für seine Zeit ganz beachtenswerthe Erfindungsgabe bekunden, so daß er in seiner Eigenart für eine ganz aparte musicalische Künstlernatur anzusehen ist, der kaum eine gleiche zur Seite gestellt werden kann und also einen eminenten musicalischen Charakterkopf abgeben würde.

Verzeichniß der Werner’schen Compositionen: a) Gedruckte: „Der Wienerische Tandelmarkt“. Für 4 Singst., 2 Viol. und Baß. – „Die Bauernrichterwahl“. Für 3 Singst., 2 Viol. und Baß; dieses und das vorige Tonstück gestochen zu Augsburg unter dem Titel: „Zwei neue und extralustige musicalische Tafelstücke“. – „Sex Symphoniae, senaeque sonatae: priores pro Camera, posteriores pro Capellis usurpandae: à 2 „Viol. et Clavicemb.“, gestochen zu Augsburg. – „Neuer und sehr curios musicalischer Instrumentalkalender“. Partienweise (mit 2 Viol. und Baß) in 12 Jahresmonate eingetheilt und nach eines Jedweden Art und Eigenschaft mit Bizarrerien und seltsamen Erfindungen. Augsburg 1748 in Nummern gedruckt. Dieses ebenso eigenthümliche als merkwürdig construirte Musikstück ist von einer wunderlich komischen Charakteristik, so ist die Jahreszahl 1748 durch ein Fugenthema auf die fortschreitenden Intervalle des Einklanges 1. der Septime 7, der Quarte 4 und der Octave 8 ausgedrückt: die Hauptmotive eines jeden abgesonderten Satzes bezeichnen der Monate specifische Eigenthümlichkeiten. als Frost, Kälte, Schnee, Hitze, Frühlingslust, Schlittenfahrten, Mummereien, Erntesegen, Winzerfreude, Jagdlust u. d. m. Die Menuette geben durch die verschiedene Tactzahl in beiden Theilen den Wechsel der Tages- und Nachtlänge auf Minuten berechnet an, und wie geschickt diese Spielerei ausgeführt, ist man kaum im Stande, die künstlerisch maskirte Ungleichheit des Rhythmus beim Anhören der natürlich fließenden Cantilenen abzumerken. Nur diese vier Compositionen [54] Werner’s sind im Druck erschienen. Ungleich größer aber ist die Zahl seiner im Manuscript vorhandenen, welche im Fürst Eszterházischen Musikarchiv zu Eisenstadt aufbewahrt werden, b) Im Manuscript vorhandene: Acht Oratorien: „Adam“ – „Job“ – „Daniel“ – „Esther“ – „Judith“ – „Machabäus“ – „Judas“ – „Der jüngste Tag“. – Acht geistliche Oratorien: „Fasciculus Myrrhae dilectus oder das geliebte Myrrhen-Buschlein“. Componirt 20. Mai 1729. – „Schmerzhafter Wiederhall des David’schen Thränenliedes“. Comp. 8. Mai 1731. – „Die betrübte Tochter Zion“. Comp. 13. Mai 1732. – „Mater dolorum. Die schmerzhafte Mutter“. – „Der keusche Joseph“. Comp. 4. April 1744. – „Der Tod des h. Johann von Nepomuk“. Comp. 4. April 1752. – „Tobias“. Comp. 1739. – „Deborah und Jahel oder Sesera’s Untergang“. Comp. 4. April 1760. – „Eine Vesper“ und „Vier Offertorien“ (für das Frohnleichnamsfest), für 4 Singst., 2 Viol. und Orgel. Die Originalpartitur derselben besaß (noch 1843) Alois Fuchs in seiner Autographensammlung. – „Vesperae brevissimae, Hymnus et Antiphona“. In Thalberg’s „Autographensammlung berühmter Musikwerke“. – „Messe in C-dur für 4 Singst. und Instrumente“. Comp. 1758. – „Missa in F sub titulo: Quasi vero a quatro voci, 2 Viol. Org.“. Comp. 1759. Die Originalpartitur besitzt das Archiv des Wiener Musikvereines. – „Sechs Fugen für 2 Viol., Alt und Baß“. – Außerdem noch siebenunddreißig Messen, drei Requiem, drei Te Deum, vier Offertorien[WS 1], ein Veni sancte; sechs Vespern, fünf einzelne Vesperpsalmen, fünfzehn Hymnen, zwanzig Litaneien, einhundertdreiunddreißig Antiphonen, fünfundsiebenzig Nummern an Responsorien, Rorate coeli, Miserere, Lamentationen, Adventlieder, Pastorale, Kirchensonaten und ein Orgelconcert.
Gregor Joseph Werner’s Inschrift auf dem Grabstein im sogenannten „alten Friedhof“ am Berg zu Eisenstadt. Wir bemerkten, daß Werner diese launig gemüthliche Inschrift sich selbst verfaßte. Sie lautet: „Allhier ruhet der Wohl-Edle und Kunstreiche Herr Gregorius Josephus Werner, weyland gewester hochfürstl. Esterházischer Capellmeister, seines erlebten mühsamen und kränklichen Alters 75 Jahr, dem Gott nun wolle, zur ewigen Ruhe aufnehmen, ist gestorben Anno 1766 den 3. Marti. | Epitaphium. | Hier liegt ein Chor-Regent, der ein groß Fürstenhaus | Sehr viele Jahr bedient; nun ist die Musik aus. | Er hatte große Plag mit Kreuz | und B-moll | Wußt’ endlich nicht wie, wo Ers resolviren soll. | Bis er die Kunst erlernt, pur in Geduld zu sein. | Alsdann gab er sich willig und bereit darein. | – Dich aber großer Gott | Bitt er in höchster Noth: Du wollst die Dissonanten | Von ihm gesetzt zu frei. | Verkehren in Consonanten | Durch seine Buß und Reu. | – Weil er die letzt’ Cadenz sodann ins Grab gemacht, | Ist folglich all’ sein Müh, zum guten Schluß gebracht. | Herr Heilandt nehm ihm auf zu Deinem Himmelschor, | Den nie ein Aug geseh’n, noch gehört ein menschlich Ohr. | Wann dann die groß’ Posaunen | Wird rufen zum Gericht, | Mit aller Welt Erstaunen, | Alsdann verdamm ihn nicht. | Dich aber frommer Wandersmann | Ruf’ ich um ein Gebetlein an“.
Quellen zur Biographie. Allgemeine musicalische Zeitung (Leipzig, 4°.) 1827, Nr. 49, Sp. 820 im Aufsatze: „Wiens musicalische Kunstschätze“. – Gerber (Ernst Ludwig). Historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler u. s. w. (Leipzig 1790, Breitkopf, gr. 8°.) Bd. II, Sp. 798. – Derselbe. Neues historisch-biographisches Lexikon u. s. w. (Leipzig 1812, Kühnel, gr. 8°.) Bd. IV, Sp. 551. – Gaßner (F. S. Dr.). Universal-Lexikon der Tonkunst. Neue Handausgabe in einem Bande (Stuttgart 1849, Franz Köhler, Lex. 8°.) S. 892. – Riemann (Hugo Dr.). Musik-Lexikon (Leipzig 1882, bibliogr. Institut, br. 8°.) S. 1009 [gedenkt. wenn auch in Kürze, Werner’s, während das dreibändige Musiklexikon von Bernsdorf-Schladebach keinen Platz für denselben hat].

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: Offertotorien.