BLKÖ:Weißenberger, Joseph

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 54 (1886), ab Seite: 173. (Quelle)
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Ein Joseph Weißenberger ein Wiener von Geburt und Tapezier seines Zeichens, spielt in den Octobertagen des ereignißreichen Jahres 1848 eine Rolle. Er stand damals, [174] ein noch junger Mann, als Oberlieutenant im Bürger-Regiment. Es war am 12. October, als sich Nachmittags gegen 3 Uhr die Bezirkschefs der Nationalgarde Wiens in einem Zimmer neben der Permanenz des Reichstages versammelten, um über die Wahl des von demselben zu ihrem provisorischen Obercommandanten vorgeschlagenen Messenhauser zu berathen. Da ergriff Weißenberger der Erste das Wort und sprach: „Nachdem Niemand von Ihnen Messenhauser näher kennt, so halte ich es für meine Pflicht, Ihnen zu sagen, daß ich selben schon zehn Jahre kenne. Ich kenne ihn noch als Officier des Infanterie-Regiments Deutschmeister, als einen sehr exaltirten und überspannten Kopf, als Novellenschreiber und endlich als Mitglied des demokratischen Clubs, ich mache die Herren darauf aufmerksam und bitte sie, bei der Wahl sehr behutsam zu sein“. Es wurde nun beschlossen, Messenhauser, der bereits im Bureau des ersten Stockwerkes als Obercommandant fungirte, holen zu lassen, um sein politisches Glaubensbekenntniß zu hören. Derselbe erschien und sprach auf das ihm mitgetheilte Verlangen: „Ich erkenne außer dem Reichstage keine höhere Gewalt, Niemanden, von dem ich Befehle annehmen werde. Alles, was der Reichstag für gut halt, werde ich als solches erkennen und danach handeln.“ Da ergriff Weißenberger wieder das Wort und sagte: „Nach dem eben Gehörten erscheint es mir, als hätten wir keinen Kaiser und kein Ministerium mehr; ich erkenne die Stimme Seiner Majestät als die erste und heiligste...“ Der Verlauf der weiteren Verhandlungen bot nichts Bemerkenswerthes. Weißenberger fand dann in den nächsten Tagen wiederholt Verwendung als Parlamentär, und zwar wurde er am 18. October von Fenneberg als solcher in des Grafen Auersperg Hauptquartier zu Inzersdorf abgeschickt; dann am 24. desselben Monats von Messenhauser in des Fürsten Windischgrätz Hauptquartier zu Hetzendorf, bei welcher Gelegenheit er jedoch nicht unmittelbar dem Fürsten, sondern dessen Sohne die Depeschen übergab. Endlich am 27. October überbrachte er wieder eine Depesche an Windischgrätz. Dieses Mal eine des türkischen Botschafters. Da der Fürst sich eben zu Tische begab, lud er Weißenberger zu Gaste. Das bei dieser Gelegenheit zwischen Beiden stattgefundene nicht uninteressante Gespräch theilt Dunder im unten bezeichneten Werke ausführlich mit. Im Laufe der Unterhaltung bot sich Weißenberger die Gelegenheit dar, dem Fürsten offen darzulegen, welches Mißtrauen die Wiener Bevölkerung gegen denselben erfülle. „Euer Durchlaucht“, bemerkte Weißenberger, „sind ausgeschrien als der größte Aristokrat und Reactionär.“ Darauf erwiderte der Fürst: „Aristokrat bin ich und werde es bis zu meinem letzten Athemzuge bleiben! Ich bin stolz darauf, es zu sein. Aber Reaction kenne ich nicht, es gibt keine Reaction, als jene, welche Ihr Euch selbst schafft.“ Nicht unwillig über den Freimuth des Parlamentärs, entließ der Fürst denselben huldvoll. Am 28. October trat Weißenberger, der eine dringende Depesche an Messenhauser zu überbringen hatte, in das Hotel „zur Stadt Frankfurt“, wo er den Obercommandanten, der dort sein sollte, nicht fand. Er traf aber daselbst eine Gesellschaft lärmender Magyaren, die, während die Noth der Bevölkerung von Minute zu Minute stieg, tranken und lärmten. Mit Entrüstung rief er einem der anwesenden Gäste laut zu: „Dies sind die Lumpe, die uns die Suppe eingebrockt haben; könnten nur Alle, welche sich von ihnen bethören und bestechen ließen, sie jetzt sehen!“ Weißenberger, der diese Worte vernehmlich gesprochen, erwartete, von den Bacchanten zur Rede gestellt zu werden. Aber sie thaten, als verständen sie seine Worte nicht und – tranken und tobten weiter fort, und er verließ unangefochten das Hotel. Am 29. October Nachmittag wurde er vom Gemeinderathe als Parlamentär zu General Matauschek, der im Invalidengebäude auf der Landstraße sich befand, mit einer Depesche entsendet, welche die Anfrage enthielt, was mit der in der Frühe an den Fürsten Windischgrätz abgesendeten Deputation des Gemeinderathes vorgefallen sei, da dieselbe, die längst schon zurückgekehrt sein mußte, sich gar nicht sehen lasse. Der General las die Depesche und entgegnete lachend: „Da kann man sehen, wie es bei Euch in der Stadt zugehen muß, die Herren wollen gar nicht mehr hinein!“ Uebrigens fand Weißenberger die Deputaten bei einer wohlbesetzten Tafel; als er ihnen aber die Nothwendigkeit ihrer Anwesenheit im Gemeinderathe klar machte, traten sie mit ihm den Rückweg in die Stadt an. Noch am nämlichen Tage ordnete Messenhauser [175] an, daß jede Gardecompagnie einen Vertrauensmann wähle und mit der so gebildeten Versammlung über das weitere Verhalten der Stadt berathen werden solle, und an diese Versammlung hielt er dann eine Anrede, in welcher er zu beweisen suchte, daß es Wahnsinn wäre, noch länger an eine Vertheidigung Wiens zu denken. Messenhauser, schreibt selbst Dunder, sprach so schön und begeisternd, daß es zu bedauern ist, daß die Rede nicht Wort für Wort nachgeschrieben werden konnte. Da ergriff nach geendeter Rede, von welcher die Versammlung tief erschüttert war, ein Italiener das Wort, erklärte Messenhauser einen Verräther und wollte den Commandanten der Mobilgarde Preßlern von Sternau an dessen Stelle gesetzt sehen. Jetzt aber war es Weißenberger, der, wenn er auch vor wenigen Tagen, wie oben erzählt wurde, warnte, bei Messenhauser’s Wahl zum Obercommandanten mit Vorsicht vorzugehen, für denselben energisch eintrat und mit voller Entrüstung gegen den Italiener ausrief: „Bevor ich zugebe, daß in einem so hochwichtigen Momente, wie der gegenwärtige, von welchem das Wohl und Wehe nicht nur der Stadt Wien, sondern vielleicht auch der ganzen Monarchie abhängt, bevor ich zugebe, daß in einem solchen Momente ein Mensch das Wort führt, der aus allen Körperschaften der Nationalgarde förmlich ausgestoßen wurde, fordere ich Sie, Herr Obercommandant, auf, sich die Legitimation zeigen zu lassen, kraft welcher und für wen dieser Mensch spricht.“ Der Italiener zog nun eine Schrift hervor, die wohl mit Messenhauser’s Unterschrift versehen war. wobei jedoch Letzterer bemerkte, daß er den Eigenthümer derselben gar nicht kenne. Dieser aber war der berüchtigte Padovani. Als es dann zur Abstimmung kam und die Mehrzahl sich für den Frieden erklärte, wurde sofort beschlossen: die Capitulationsacte aufzusetzen und aus dem Gemeinderathe, der Nationalgarde und dem Studentencomité eine Deputation zusammenzustellen, welche die Capitulation dem Fürsten Windischgrätz überbringen sollte. In diese Deputation wurde auch Oberlieutenant Weißenberger gewählt, dessen hervorragende Thätigkeit in diesen ereignißreichen und denkwürdigen Tagen damit abschließt. Wenn in jeder Compagnie der damaligen Wiener Nationalgarde nur ein paar Menschen von dem Schlage und der Energie Weißenberger’s gewesen wären, wer weiß, ob es so weit gekommen sein würde, wie es leider der Fall war. Aber die Garde ward von einer Menge fremder Elemente, die sich einzuschleichen gewußt hatten, terrorisirt, fanatisirt und verführt, und so gingen die Dinge jenem Ausgange entgegen, der über Wien das unabsehbare Unheil brachte. [Denkschrift über die Wiener October-Revolution. Ausführliche Darstellung aller Ereignisse aus amtlichen Quellen geschöpft u. s. w. Verfaßt von W. G. Dunder (Wien 1849, gr. 8°.) S. 328, 331, 529, 655, 720, 740, 741, 751, 752, 791, 795, 796, 827.]