BLKÖ:Schreibers, Joseph Ritter von

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 31 (1876), ab Seite: 280. (Quelle)
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Schreibers, Joseph Ritter von (Landwirth und Fachschriftsteller, geb. 1793, gest. zu Wien 15. Februar 1874). Der ältere Bruder des Hofrathes Karl Franz Anton Ritter von S. [s. d. Folg. S. 283]. Anfänglich für eine ganz andere Sphäre bestimmt, als es jene war, in welcher er später so Vorzügliches geleistet, wendete er sich nach beendeten juridischen Studien der praktischen Richtung der Rechtswissenschaft zu und begann seine öffentliche Laufbahn als Landesadvocat zu Schrattenthal im Marchthale in Niederösterreich. [281] Längere Zeit war er auch Besitzer der Herrschaft Nieder-Hollabrunn und später kaufte er sich in Kritzendorf an. Obgleich Jurist, hatte er sich schon von Jugend an der Landwirthschaft mit Enthusiasmus zugewendet und ebenso eifrig ihre Theorie studirt, als auch, und zwar immer auf dem Wege des Fortschritts, sie von früh auf praktisch betrieben, so daß er mit seinen Ansichten und Lehren immer auf realem Boden stand. So war er denn auch bereits seit 29. December 1817 wirkliches Mitglied der niederösterreichischen Landwirthschafts-Gesellschaft, betheiligte sich mit seltener Ausdauer an ihren Bestrebungen und Leistungen. Schon als in der allgemeinen Versammlung vom 6. Juni 1818 die deutsche Uebersetzung des großen wissenschaftlichen Gesetzbuches der Landwirthschaft, nämlich des „Code of Agriculture““ von Sinclair, beschlossen wurde, übernahm S. die Ausführung dieser Aufgabe und das Werk erschien unter dem Titel: „Grundgesetze des Ackerbaues, nebst Bemerkungen über Gartenbau, Obstbaumzucht, Forstcultur und Holzpflanzung, aus dem Englischen übersetzt von J. v. Schreibers“. Mit 9 K. K. (Wien 1820, Heubner gr. 8°.), wovon vier Jahre später eine wohlfeile Ausgabe veranstaltet wurde. In den Jahren 1830–1832 war S. Mitglied des Central-Ausschusses, in den Jahren 1835–1837 Delegat des Bezirkes Korneuburg und neuerdings vom Jahre 1838 bis 1852 ohne Unterbrechung und in schweren Zeiten eines der thätigsten Mitglieder des Central-Ausschusses. Was er als Vertreter der Gesellschaft bei verschiedenen Gelegenheiten, insbesondere aber bei den Versammlungen der deutschen Land- und Forstwirthe zu Gratz, München, Breslau und Kiel, geleistet, das ist in den Berichten über jene Versammlungen verzeichnet. Im Jahre 1848, als ein Landescultur-Ministerium neu in’s Leben trat, wurde S. sofort als Sectionsrath in dasselbe berufen und stand bis zu dessen Auflösung in Diensten desselben. In diesem ereignißreichen Jahre, in welchem alle Verhältnisse von oberst zu unterst gekehrt wurden, war auch die niederösterreichische Landwirthschafts-Gesellschaft ihrer Auflösung nahe, zahllose, mit jedem Tage sich mehrende Austrittserklärungen von Mitgliedern stellten den ferneren Bestand derselben in Frage, und da war es S., der mit einigen wenigen Gesinnungsgenossen ausharrte und mit bestem Erfolge dahin strebte, die Gesellschaft durch eine zeitgemäße Reorganisation – denn vor 1848 war ja alles Vereins- und Corporationsleben im Kaiserstaate durch Sedlnitzky’s vexatorische Eingriffe und Ueberwachungsmaßregeln lahmgelegt – zu erhalten und ihr eine gedeihlichere, tiefer in’s Leben greifende Thätigkeit zu sichern. Der landwirthschaftliche Unterricht galt ihm als die eigentliche Grundlage aller Erfolge, und wenn die rohen Praktiker über die „gelehrten Oekonomen“ auch spöttisch die Achseln zuckten, S. ließ sich dadurch nicht beirren, und so hat er an der Gründung der höheren landwirthschaftlichen Lehranstalt in Ungarisch-Altenburg und an jener der zu gleicher Zeit in’s Leben gerufenen Ackerbauschulen in Niederösterreich den wesentlichsten Antheil, und wirkte sowohl im Kreise der Gesellschaft, wie in seiner amtlichen Stellung im Ackerbauministerium, dessen fachlich agricole Stütze eben er allein war, mit dem besten Erfolge für den landwirthschaftlichen Unterricht. Auch schriftstellerisch war S. nicht müßig; als eifriger Mitarbeiter landwirthschaftlicher Fachjournale war er viele Jahre thätig [282] gewesen, und in früherer Zeit brachten vornehmlich die von André herausgegebenen „Oekonomischen Neuigkeiten“ zahlreiche und mitunter werthvolle Arbeiten aus seiner Feder. Als eine in ihrer Art geradezu classische Schrift aber wird sein Werk: „Die Milchwirthschaft im Innern grosser Städte und deren nächster Umgebung, oder Anleitung, das Rind mit steter Rücksicht auf einen nahen grossen Consumtionsplatz zu wählen, zu nähren, zu pflegen u. s. w., dann dessen Producte zu behandeln und zu verwerthen. Mit einem belehrenden Anhange, die bei diesem Geschäfte vorkommenden Verträge mit Rechtssicherheit zu schliessen“ (Prag 1847, Calve, mit 2 lith. Taf. [in gr. 4°.], gr. 8°.), von Fachmännern allgemein anerkannt. Noch einmal griff S. zur Feder, und dieses Mal zur Verherrlichung der Gesellschaft, deren ältestes Mitglied er war und deren Geschichte er mit einer Selbstlosigkeit ohne Gleichen schrieb. Sie erschien zur fünfzigjährigen Jubiläumsfeier der Gesellschaft, auf ihre Veranlassung 1857 herausgegeben unter dem Titel: „Vorstellung der Gründung und Entwickelung der k. k. Landwirthschafts-Gesellschaft in Wien, als Festalbum bei Gelegenheit der fünfzigjährigen Jubiläumsfeier der Gesellschaft...“ (Wien 1847, Hof- u. Staatsdruckerei, mit 6 Tab. u. 1 Karte, 4°.). Wir finden darin in sehr ähnlichen, mit den Facsimilen der Unterschriften versehenen Lithographien die Bildnisse der um die Gesellschaft hochverdienten Männer: Jordan, Rudolph Graf Wrbna, Joseph Fürst Dietrichstein, Bartenstein, Franz Ritter von Heintl, Jacquin, Burger, Peter Graf v. Goëß, Colloredo-Mannsfeld, Hoyos und Kleyle, das Bildniß des weitaus verdientesten, sein eigenes, fehlt, wie denn sein Name kaum wo, als im Mitglieder-Verzeichniß genannt erscheint. S. erhielt für diese verdienstvolle, gediegene Arbeit von Sr. Majestät die goldene Medaille für Kunst und Wissenschaft, aber auch die Gesellschaft fühlte sich gedrungen, dem Autor der Schrift ihre höchste Auszeichnung zuzuerkennen, indem sie ihm in ihrer General-Versammlung am 26. Jänner 1858 die große goldene Gesellschaftsmedaille votirte. Aber nicht nur in ihrem unmittelbaren Dienste war S. für die Interessen der Gesellschaft thätig, auch mittelbar wirkte er für sie mit seinen besten Kräften, so nahm er denn lange Jahre als Directionsmitglied, Kanzleidirector und zuletzt bis zu seinem Tode als Cassadirector der k. k. wechselseitigen Brandschaden-Versicherungsanstalt an deren ersprießlicher Leitung wesentlichen und einflußreichen Antheil. In politischer Hinsicht genügt die Thatsache, daß S. im Jahre 1848 ein Mitglied der liberalen Partei des Landtages war, dabei aber immer die rechte Grenze einhielt und jede Ausschreitung verdammte. Klares Denken, Freiheit von jedem Vorurtheile, strenge Rechtlichkeit, wozu sich bis in seine hohen Jahre eine ununterbrochene Arbeitsliebe gesellte, erwarben ihm die Liebe und das Vertrauen seiner Untergebenen, wie die hohe Achtung Aller, die mit ihm überhaupt in Berührung kamen. Sein Nekrologist – ein anerkannter Fachmann – widmet ihm in seinem Nachrufe folgende Worte: „Schlicht und bescheiden, wie er war, der theure Mann, hat er Alles, was er gethan, nicht sich selber zum Ruhme und Vortheile, sondern nur zum Besten seines Landes und Volkes gethan. Wenn er gewollt, wenn er sich vorgedrängt hätte, welche Ehren würden sich auf sein würdiges Haupt gehäuft haben! Allein, ihm genügte das Selbstbewußtsein eines in nützlichem Schaffen wirkungsvollen Lebens und die Anerkennung der Wenigen, die mit ihm nach [283] gleichen Zielen gingen“. S. hatte das wenigen Sterblichen beschiedene Alter von 81 Jahren erreicht. Am 17. Februar 1874 wurde er auf seinem Besitzthume zu Kritzendorf bestattet und die Landwirthschafts-Gesellschaft ließ ihm, als ihrem ältesten Mitgliede, er war es 57 Jahre gewesen, einen Kranz auf seinen Sarg legen.

Verhandlungen und Mittheilungen der k. k. Landwirthschafts-Gesellschaft in Wien (Wien, gr. 4°.) Jahrg. 1874, Nr. 2 vom 17. Februar: Nekrolog.