BLKÖ:Scheließnigg, Jacob

Biographisches Lexikon des Kaiserthums Oesterreich
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Band: 29 (1875), ab Seite: 179. (Quelle)
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Scheließnigg, Jacob (Abgeordneter des Frankfurter Parlaments im Jahre 1848, national-ökonomischer Schriftsteller, geb. zu Unterloibach bei Bleiburg in Kärnthen am 25. Juli 1790, gest. zu Klagenfurt am 14. December 1867). Seine Eltern waren schlichte Bauersleute, die den schwächlichen und darum für die harte Arbeit des Bauernstandes nicht recht tauglichen Knaben zum Studenten bestimmten. S. kam zuerst in eine Privatschule nach Eberndorf, wo er drei Jahre blieb, bezog alsdann das Gymnasium in Klagenfurt, wo er bald zu dessen besten Schülern gehörte. In Klagenfurt wohnte S. bei einem Freunde seines Vaters, der ihm Zutritt in gebildete Familienkreise[WS 1] verschaffte, was wesentlich auf die Entwickelung seiner Geistesgaben [180] einwirkte. Um seinem Vater die Last seiner Ausbildung nach Kräften abzunehmen, begann S. Unterricht zu ertheilen, während er sich selbst in der französischen Sprache, im Zeichnen und in der Musik, vornehmlich im Gesange ausbildete. Nach beendetem Gymnasium und philosophischem Studium widmete sich S. jenem der Rechte und begab sich, 19 Jahre alt, nach Gratz. Die französische Invasion unterbrach ihn darin. Er studirte in Folge dessen einige Fächer privat, ging dann nach Wien, wo er die Rechte unter mancherlei Entbehrungen und Anstrengungen beendigte und dann bei dem Magistrate die Criminalpraxis nahm. Anfangs August 1811 kehrte er mit dem Absolutorium über vollendete Rechtsstudien in seine Heimat zurück. Die erste Absicht, in den Staatsdienst zu treten, mußte seinem Bestreben, möglichst bald eine Versorgung zu finden, weichen. Und dieses letztere Streben entsprang aus seinem Herzen, da er das Mädchen seiner Wahl, das er noch als Student kennen und lieben gelernt, möglichst bald heimführen wollte, was ihm im Staatsdienste doch nicht möglich erschien. So trat denn S. bei der Herrschaft Bleiburg sofort als Praktikant ein, wurde 1813 schon Controlor und im folgenden Jahre, also im Alter von 24 Jahren, Pfleger und Bezirkscommissär in Bleiburg. Am Ziele seiner Wünsche entriß ihm der Tod seine Braut. In seinem Berufe widmete sich S. mit allem Eifer und Fleiß der Arbeit und die damaligen bewegten Zeiten, feindliche Invasion, Rekrutenaushebung, Miß- und Hungerjahre, Unruhen unter dem Landvolke, damit verbundene schwierige und heikliche Amtscommissionen nahmen seine ganze Thätigkeit in anstrengendster Weise in Anspruch, auch fand er bei einem so bewegten und mit manchen Unannehmlichkeiten verknüpften Dienste keine Befriedigung und benützte daher die erste Gelegenheit, ihn gegen einen andern entsprechenderen zu vertauschen. So geschah es denn, daß er die Stelle eines Pflegers auf der Graf Egger’schen Herrschaft Haimburg annahm. Aber auch auf diesem Posten war durch die Fahr- und Nachlässigkeit seiner Vorgänger in der Stelle S.’s Dienst ein höchst aufreibender. S. lag ihm mit dem ihm zur zweiten Natur gewordenen Eifer ob und gewann dadurch das Vertrauen seiner Gutsherrschaft in solchem Grade, daß er, als im Jahre 1827 der Inspector und Leiter der gräflichen Besitzungen und Gewerke gestorben war, an dessen Stelle nach Klagenfurt berufen wurde. Auf diesem Posten entfaltete nun S. seine volle Energie und während 40jähriger Wirksamkeit als Inspector wurde nicht nur durch die auf allen Herrschaften durchgeführte Grundentlastung ein ganz neuer Verwaltungsorganismus geschaffen, sondern auch die technischen Etablissements sämmtlich vom Grunde aus umstaltet und nach den neuesten Principien in Betrieb gebracht; aus diesen Umänderungen seien nur beiläufig erwähnt: Die Auflassung der wegen der englischen Concurrenz unrentabel gewordenen Weißblecherzeugung zu Lippizbach, hingegen die Einführung des Walzwerkes und der Gasfeuerung; die Aufstellung des Walzwerkes mit Dampfhammer zu Freudenberg mit der zum Betriebe verwendeten Ausnützung des dort befindlichen Torfmoores; die Aufstellung der nach den neuesten Principien gegründeten Drahtfabrik in Feistritz, welche die größte und schönste in Oesterreich ist. Aber auch nach anderer Seite entfaltete S. eine ersprießliche und in jeder Richtung [181] beachtenswerthe Thätigkeit. Seit dem Jahre 1830 Mitglied der kärnthnerischen Gesellschaft für Landwirthschaft und Industrie, lieferte S. alljährlich einen eingehenden Bericht über Handel und Verkehr mit Producten der kärnthnerischen Eisenindustrie, welche in der „Carinthia“ abgedruckt erschienen. Sein im Jahre 1833 in der Versammlung gehaltener Vortrag über eine temporäre Zehentreluition erhielt nicht die Druckerlaubniß. Als sich im Jahre 1836 die Nachricht verbreitete, daß der damalige Hofkammerpräsident Baron Eichhof mit der Absicht umgehe, die Prohibitivzölle aufzuheben und niedere Finanzzölle einzuführen, that S. mit Darlegung statistischer Nachweise über die kärnthnerische Montanindustrie Alles, um diesen Schritt zu hintertreiben, wodurch er seinem Vaterlande einen nicht geringen Dienst erwies. Im Jahre 1832 wurde S. zum Mitgliede der k. k. Handelscommission erwählt, als welches er über Aufforderung des Handelsministeriums Ausarbeitungen über die Industrie Kärnthens und Krains lieferte. Bei dem im Jahre 1838 gegründeten innerösterreichischen Industrie- und Gewerbeverein zum Ausschuß gewählt, verfaßte S. mehrere Arbeiten über Eisenindustrie und den Generalbericht über die 1838 in Klagenfurt abgehaltene Industrie-Ausstellung. Als dann die Abtheilung des Vereins für Kärnthen zu einem selbstständigen sich constituirt hatte, war S. viele Jahre hindurch dessen eifrigstes Mitglied und Directions-Stellvertreter. Im Jahre 1848 wurde S. zum Mitglied der nach Frankfurt abgesandten Specialcommission für Ordnung der Zölle des deutschen Reiches ernannt, gleichzeitig aber bei den Wahlen zur deutschen Nationalversammlung in Frankfurt in St. Veit zum Stellvertreter gewählt. Als sein Vorgänger von Frankfurt zurückgekehrt war, begab sich S. am 1. Mai an dessen Stelle und behielt seinen Platz bis zum Frühling 1849. Am 1. März nahm er in dem von Schmerber in Frankfurt herausgegebenen „Parlamentsalbum“ Abschied von seinen Collegen in der Paulskirche, worin er seine Ueberzeugung aussprach, daß es sich vorerst um die Handelseinigung Deutschlands und Oesterreichs handle, und versprach fortan für ein politisch und materiell einiges Neu-Oesterreich und Deutschland zu wirken. Als Abgeordneter des deutschen Parlaments übergab S. demselben eine Darstellung des Zustandes der Montanindustrie Kärnthens, entfaltete bei der Gründung des Deutschen Vereins zum Schutze der deutschen Arbeit große Rührigkeit, wurde Mitglied desselben, und seine in der letzten Sitzung des Vereins am 5. Mai 1852 gehaltene Rede, worin er Oesterreichs industrielle Interessen in Deutschland mit Würde vertrat, ist in der „Austria“ abgedruckt. Nach seiner Rückkehr in die Heimat widmete sich S. wieder den vaterländischen Interessen. Zunächst veröffentlichte er in der „Carinthia“ Bemerkungen über das Eigenthümliche der Unterthansverhältnisse Kärnthens, welche dem Ministerium bei Verfassung der Normen der Grundentlastung als Grundlage dienen sollten. Die Landwirthschafts-Gesellschaft wählte ihn zum Delegirten bei dem im Jahre 1849 in Wien einberufenen landwirthschaftlichen Congresse, und im Jahre 1850 wurde er Beisitzer bei dem Bergsenate des Landesgerichtes. In den Jahren 1851 und 1856 wirkte er als vom Minister erwählter Berichterstatter bei der allgemeinen Industrieausstellung in London, [182] dann in Paris, und wurde für seine Mitwirkung mit Medaillen ausgezeichnet. Im Jahre 1858 wohnte er der vom Ministerium berufenen Versammlung österreichischer Berg- und Hüttenmänner, im Frühjahre 1859 jener der Eisenindustriellen bei und wurde in dem von letzteren gegründeten Vereine zum Vertreter der Alpengruppe gewählt. Seit Gründung der kärnthnerischen Handels- und Gewerbekammer war er ihr Mitglied und abwechselnd auch Vicepräsident derselben, in welchen beiden Eigenschaften er zahlreiche Berichte, Gutachten, Petitionen u. s. w. verfaßte. In den Bestrebungen Kärnthens um eine Eisenbahn bethätigte er hervorragenden Antheil und schrieb auch die „Geschichte der kärnthnerischen Eisenbahn“, welche im Jahre 1862 im Drucke erschien. Auch war er für die Errichtung einer Escomptebank in Klagenfurt thätig und im Anbeginn Director derselben. Andere wichtigere Tagesfragen, bei deren Behandlung er das reiche Material seiner statistischen Arbeiten verwerthete, veröffentlichte er ziemlich häufig in der Zeitschrift „Austria“. Noch in seinen letzten Lebensjahren entwickelte er in der Handelskammer und im kärnthnerischen Landtage eine rastlose und zweckentsprechende Thätigkeit; in ersterer in Sachen des Handelsvertrages mit dem Zollverein und bei den Verhandlungen und Arbeiten wegen der Rudolphsbahn; in letzterem, in welchen er im Jahre 1865 mit überwiegender Majorität – mit 15 Stimmen unter 18 Stimmenden – gewählt wurde, durch Antragstellung eines Handelsvertrages mit Italien, der Rudolphsbahn und einer Concursordnung. Noch in seinem Todesjahre übergab er der Handelskammer eine umfangreiche Denkschrift, in welcher er die Nachtheile des englischen Handelsvertrages und die Mängel bei Vornahme der vorausgegangenen Enquete umständlich darlegte und den Antrag stellte, auf diese Denkschrift gestützt, den Kaiser zu bitten, diese Angelegenheit bis zur Wiederherstellung der sistirten Verfassung zu vertagen und dem Reichsrathe vorzulegen, welcher Antrag auch angenommen wurde. Es ist ein reiches und praktisch nützliches Leben, das sich uns in S. darstellt, und die Nachricht von seinem Hingange wurde im ganzen Lande, dem er mit Leib und Seele angehörte, mit schmerzvoller Theilnahme empfunden. Nach kurzer Krankheit raffte ihn der Tod im Alter von 77 Jahren dahin. Aus seiner wenig glücklichen ersten Ehe mit der Tochter seiner Stiefmutter gingen mehrere Kinder hervor, von denen der Knabe in früher Jugend starb. Nach dem im Jahre 1835 erfolgten Tode seiner Frau vermälte sich S. zum zweiten Male mit dem Fräulein A. Ottowitz. Sein Nekrologist bemerkt ausdrücklich, daß S. für seine in einem langen Leben dem allgemeinen Interesse gewidmeten Leistungen wenig öffentliche Anerkennung geerntet, daß ihm, so sehr er es verdiente, auch nicht die Auszeichnung eines Ordens zu Theil geworden sei.

Carinthia (Klagenfurter Unterhaltungsblatt, 8°.) 1867, Nr. 1, S. 41 [von dem darin enthaltenen Nekrologe sind auch Separatabdrücke in kl. 8°. Erschienen].– Neue freie Presse (Wiener polit. Blatt) 1866, Nr. 294: „Correspondenz aus Klagenfurt“. – Wiener Zeitung 1866, Nr. 306, in der Rubrik: „Sterbefälle“ [nach dieser gestorben am 15. December 1867].

Anmerkungen (Wikisource)

  1. Vorlage: in gebildet, Familienkreise.